Form und Funktion: Der Begriff “Andachtsbild”.

Zu einem Hauptseminar bei Prof. Dr. Hubert Locher im Sommersemester 2009

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Abseits aller kunsthistorischen Kategorisierungsversuche taucht der Begriff „Andachtsbild“ erstmals im frühen 19. Jahrhundert auf, wie Horst Appuhn mit Bezug auf Grimms Wörterbuch feststellt[1].  Johann Wolfgang von Goethe verwendet ihn im ersten Teil seiner Faust-Tragödie, als er Gretchen im „Zwinger“ auftreten lässt: „In der Mauerhöhle ein Andachtsbild der Mater dolorosa, Blumenkruge davor. Gretchen steckt frische Blumen in die Kruge.“[2] Goethe muss das Wort als funktionalen Begriff verstanden haben, im Sinne eines Bildes bzw. Bildwerks, „das zur Andacht einlädt, das heißt zum inbrünstigen Gebet und verweilender Meditation ebenso wie zu einem hastig gesprochenen Bittruf.“[3] Die moderne Kunstgeschichtsschreibung hat es sich derweil nicht leicht gemacht, den Begriff in ein entsprechendes und passendes Korsett zu schnüren. Die Eigenschaft des religiösen Bildes, seinem Betrachter zu einem bestimmten Zweck gegenüberzustehen – der sich auch von Situation zu Situation ändern konnte – erschwerte den kennerschaftlich geprägten, frühen Kunsthistorikern den Zugang zum „Phänomen“ Andachtsbild. In diesem Aufsatz soll die Geschichte des Andachtsbildbegriffs nachgezeichnet werden. Anhand der grundsätzlichen Texte Erwin Panofskys zur „imago pietatis“, Robert Suckales zu den „arma christi“ und Hans Beltings zur „Form und Funktion früher Bildtafeln der Passion“ wird erläutert, wie die zu bezeichnende Bildgattung einerseits formal, andererseits funktional begriffen werden kann und welche Probleme die jeweiligen Definitionsversuche mit sich bringen. Dabei soll für einen funktionalen Andachtsbildbegriff plädiert werden, der das Diktum Rudolf Berliners einlöst: „Eine Darstellung erhält den Charakter eines Andachtsbildes durch ihre Verbindung mit der Andacht.“[4]

Die Andachtsbildthematik ist im Zusammenhang mit einem Seminar zur „Rezeptionsästhetik“ besonders interessant, weil implizit immer wieder die Fragen gestellt werden müssen, wie Bilder mit ihrem Betrachter – und vor allem auch umgekehrt! – kommunizieren, welche Leerstellen gefüllt und welche Ansprüche bedient werden können. Letztlich liegt es in der Beantwortung dieser Fragen, wie und ob Andachtsbilder heute wissenschaftlich sinnvoll be- und verhandelt werden können.

Vor Panofsky

Das geradezu massive Auftreten des Begriffs „Andachtsbild“ ab den 1920er Jahren hat den Blick der wissenschaftlichen Welt vielfach dafür verbaut, dass er bereits in der „erwachenden“ Kunstgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde. In Franz Kuglers „Handbuch der Geschichte der Malerei“ von 1837 finden sich Anmerkungen zu „Bildern für die Privatandacht“, die bereits im Byzanz vor dem Bilderstreit umfangreich produziert worden sein sollen, vornehmlich aus Elfenbein. Kugler setzt dabei Privatandacht und Privatgottesdienst gleich. Über die Zeit der Gotik heißt es bei ihm: „Sehr bezeichnend für die germanische Periode ist das Aufkommen der selbstständigen Tafelmalerei […] für die Privatandacht wurden sogar gemalte Tafeln jetzt fast durchgängige Regel.“[5] Auch bemerkt er bereits die „Verbindung von mittelalterlicher Mystik und privater Zuwendung zu Gott“, die er mit der Entfaltung des künstlerischen Gemüts – d.i. die „Erwachung subjectiver Züge“[6] – parallel setzt. Die Entwicklung außerkirchlicher Andachtspraktiken wird also bereits hier als von bildlichen Entfaltungen begleitet angesehen.

Karl Schnaase spinnt diesen Faden weiter, wenn er in seiner „Geschichte der bildenden Künste“ (1834-64), den Begriff „Andachtsbild“ erstmals für die Kunstgeschichte nutzbar macht. Dabei stützt er seine Analyse auf zwei Faktoren: „Eine spezielle Ikonographie sowie die Verbindung zu Mystik und individueller Frömmigkeit.“[7] Unter Bezug auf den Ausspruch des Mystikers Heinrich Seuse, dass „jeder Gottesfreund ‚allezeit etwas guter Bilder haben möge, um sich daran zu erquicken‘“[8] formuliert Schnaase die Vermutung, dass „die sinnliche Anschauung heiliger Gestalten [für das mittelalterliche Publikum] wenigstens vorübergehende Gefühle der Andacht oder [die] Erfüllung frommer Pflichten“[9] begünstigte. Strukturell nimmt er bei der Einordnung des Schemas „Andachtsbild“ nahezu Erwin Panofskys Modell vorweg, wenn er religiöse Bilder in „kirchliche Wand- und Altargemälde von größerer Dimension, bei denen es hauptsächlich auf Ernst und Würde ankommt“, „Gemälde mit historischen Hergängen“ und „eine dritte Klasse von Bildern, welche man die idyllischen nennen kann“ ordnet[10]. Wie wir später sehen werden, könnte diese Einteilung durchaus der Panofsky’schen, dreigeteilten Klassifikation in „statisches Repräsentationsbild, Historie, Andachtsbild“[11] entsprechen. Allerdings bezeichnet Schnaase in seinem Inhaltsverzeichnis eben jene erste Kategorie – „Wand- und Altargemälde von größerer Dimension“ – als „Andachtsbilder“. Seine dritte Kategorie wird nicht terminologisch, sondern funktional mit der Andacht in Verbindung gebracht: „Alle diese Bilder sind übrigens in kleiner Dimension, offenbar nicht für den kirchlichen Gebrauch, sondern zur Privatandacht […] zum andächtigen Genusse bestimmt.“[12]

Hier lässt sich sagen, dass Schnaase „Andachtsbild“ nicht definitorisch bedient, sondern eher eine allusive Begrifflichkeit einführt, die – ähnlich wie bei Kugler, dessen Text er vermutlich gekannt hat – eine gewisse Menge an Bildwerken mit einer Funktion verknüpft. Diese Funktion selbst erscheint allerdings vielgestaltig und der Erscheinung und dem Ausdruck des Bildes entsprechend: „Ernst und würdig in Kirchen, idyllisch im privaten Bereich.“[13] Die geringe Ausdifferenzierung der Funktion mag auch der Affinität des Hegel-Schülers Schnaase zur Romantik geschuldet sein, „hatten doch gerade die Romantiker Kunst und Andacht als zusammengehörig betrachtet“[14].

Für eine funktionale Begriffssetzung des Wortes „Andachtsbild“ setzte sich Jacob Burckhardt in seinem Alterswerk ein, als er in seinen postum erschienen „Beiträgen zur Kunstgeschichte von Italien“[15] die religiösen Bilder in die Kategorien Gnadenbild, Fresko, Hausandachtsbild und Altarbild unterteilte. Das Aufkommen des von ihm so genannten „Bildes für die Hausandacht“ setzte er kausal mit dem Aufkommen des Kunstsammelns in der italienischen Renaissance in Verbindung und bemerkt dessen Funktion als „heiliges Gebilde, […] zu dem die Gläubigen ihr Gebet richten konnten“[16]. Entsprechend verwendete er den Begriff auch nicht für Historienbilder, die zwar im Privatbesitz waren, ihm aber nicht als passendes Gegenüber eines Gebets erschienen. So verlockend Burckhardts funktionaler Andachtsbildbegriff gerade für die frühe Kunstgeschichtsschreibung erscheint, so problematisch ist er doch. Dies liegt primär am von ihm gewählten Wort „Hausandachtsbild“. Ohne zu untersuchen, was ein Andachtsbild überhaupt ist, stellte er bereits eine Teilmenge religiöser Darstellungen sicher, die ihm durch die Verwendung im privaten Rahmen und eine gewisse dimensionale Limitierung wohl leichter greifbar erschien. Das hat auch mit einem mangelnden Verständnis der Andacht zu tun: Für die frühen Historiker wird Andacht lediglich als „persönliche innere Zuwendung zu Gott […] betrachtet, deren Ausdruck das Gebet ist.“[17] Solange die tatsächliche Funktionsweise nur derart unzureichend geklärt ist, kann eine funktionale Begriffssetzung nicht sinnvoll operieren. Burckhardt wäre es dennoch zuzutrauen gewesen, diesen Punkt differenzierter auszugestalten, bedenkt man seine (Alters-)Forderung einer „Kunstgeschichte nach Aufgaben“, die später von Rudolf Berliner und Robert Suckale wiederholt worden ist. Die Kunstgeschichte hat derlei Fragestellungen allerdings zunächst ausgeklammert und sich eher der Erforschung der Stilentwicklung gewidmet (so Heinrich Wölfflin und Alois Riegl).

Form

Die 1920er Jahre können mit Recht als die eigentliche Geburtsstunde eines definitorisch gebrauchten Andachtsbildbegriffs bezeichnet werden. Georg Dehio[18] verwandte den Begriff kategorisierend für bestimmte Plastiken, namentlich die Pietà, die Christus-Johannes-Gruppe, den Schmerzensmann, die Schutzmantelmadonna und das Heilige Grab[19]. Diese unhieratischen Bildwerke empfand Dehio als „zu den liturgischen Voraussetzungen des Altardienstes“ unpassend und folgerte, dass sie „einem neuen und besonderen Andachtsbedürfnis entsprungen sein“ müssen[20]. Dehio orientierte sich bei der Einordnung von Bildern in die Kategorie „Andachtsbild“ an deren Vermögen, ein bestimmtes Gefühl, eine religiöse Empfindung zu motivieren. Als national gesinnter Kunsthistoriker stellte er den Ausdruck – nebst „Wahrheit, Kraft und Leben“[21] – als „Privilegium der deutschen Kunst“ der „bloßen Form“ der italienischen Plastik gegenüber.

Wilhelm Pinder übernahm Dehios Andachtsbildbegriff und betonte in seiner Forschung vor allem die Verbindung dieser (plastischen) Bildtypen mit der Nonnen-Mystik des Mittelalters: „Das Wesentliche dieser Visionen und damit auch der mit ihnen im Wechselverhältnis stehenden Andachtsbilder sah Pinder in der der ‚Herauslösung des Gefühlsgehaltes aus der innerlich erlebten Folge der Passion‘ zur ‚Vergegenwärtigung des Subjektiven‘“[22]. Er schränkte allerdings ein – und wendet sich dabei implizit auch gegen die Vorstellung Karl Schnaases, dass Heinrich Seuse den Bildgebrauch eindeutig propagiert hätte –, dass die Mystiker von einem innerlichen Bild, quasi einem andächtigen Seelenzustand, ausgingen und den Gebrauch von äußerlichen Bildwerken ablehnten. Diese neuen Gefühlsrichtungen nahmen vielmehr einen „Umweg“ über die geistliche Dichtung um sich später in neuen Bildformen zu äußern. Dennoch kulminierte in Pinders Andachtsbildbegriff das Verhältnis seiner Vorstellungen von Kunst und Mystik. Er betonte in gehobenem Maße die starke emotionale Zugänglichkeit der Bilder für den Betrachter und „die zu Mitleid aufrufende Darstellung von Zärtlichkeit, Trauer und Schmerz. Der Appell zum Miterleben der Passion, der in geistlicher Dichtung und in den Andachtsbildern gleichermaßen Ausdruck fand, war für ihn das entscheidende Kriterium“[23]

Bisher war lediglich an Beispielen aufgezeigt worden, was ein Andachtsbild sein konnte: Bei Burckhardt ein kleinformatiges Tafelbild im privaten Raum, bei Dehio und Pinder mystisch geprägte, deutsche Skulpturen des 14. Jahrhunderts. Eine tatsächliche, begriffliche Prägung sollte erst Erwin Panofsky vornehmen, dessen Verdienst es ist, strukturelle Eigenschaften des „Andachtsbilds“ systematisch herauszuarbeiten und daraus ein Muster zu entwickeln, dass sich gegen andere Schemata abgrenzen ließ und „dann universell verwendet werden“ konnte[24]. Panofsky beginnt seinen geachteten Aufsatz zur „imago pietatis“ mit der Beobachtung, dass auf einem „unscheinbaren Dugentogemälde“[25] in der Casa Horne in Florenz dem bekannten Schmerzensmannmuster[26] – dieses stellt er sinnfällig mit einem Stich von Israhel van Meckenem vor – eine Maria beigegeben ist, „die sich, mit dem linken Arm den Heiland umhalsend, mit Mund und Wange an sein Antlitz herandrängt und ihre Rechte zart an seinen Oberarm legt“[27]. Innige Christus-Maria-Szenen sind laut Panofsky noch keine Seltenheit im Italien des 13. Jahrhunderts; was ihn irritiert, ist die Verbindung mit dem „gregorianischen“ Schmerzensmanntypus, die er als „ kühnen Versuch“ ansieht, „diesen Darstellungstypus im Sinn eines neuzeitlichen Andachtsbildes abzuwandeln.“[28] Hier – und damit grundlegend und zu Beginn seines Aufsatzes – nähert sich Panofsky auf definitorische Weise eben jenem Begriff:

„Der Begriff des ‚Andachtsbildes‘ in dem spezifischen Sinn, wie wir das Wort vor allem angesichts bestimmter Neuschöpfungen des 14. Jahrhunderts zu brauchen gewöhnt sind, lässt sich – natürlich nicht so, dass Übergangsfälle ausgeschlossen wären, aber doch so, dass die charakteristischen Beispiele getroffen sind – nach zwei Seiten hin abgrenzen: zum einen gegen den Begriff des szenischen ‚Historienbildes‘, zum andern gegen den des hieratischen oder kultischen ‚Repräsentationsbildes‘.“[29]

Nach einer deutlichen Anlehnung an die Begriffsprägung bei Dehio und Pinder[30] beginnt Panofsky sein Definitionsvorhaben mit einer Abgrenzung zu bereits begrifflich bekannten und gefestigten Bildformen. Leicht problematisch sind seine fließenden Bezeichnungen: Geht es ihm nun um einen spezifischen Sinn oder doch nur um charakteristische Beispiele? Das Ziel einer globalen Definition wird durch die kurze, eingeschobene Bemerkung[31] ein wenig aufgeweicht. Auch die beiden eingrenzenden Bildtypen versteht er nur „im weitesten Sinn“, wenn er versucht, die Unterschiede zwischen den Gattungen vorzustellen:

„Von beiden (hier im weitesten Sinn verstandenen) Formen unterscheidet sich das ‚Andachtsbild‘ in einem ähnlichen Sinn, wie etwa die Lyrik sich auf der einen Seite von der Epik und Dramatik, auf der andern von der liturgischen Dichtung unterscheidet: durch ihre Tendenz, dem betrachtenden Einzelbewusstsein die Möglichkeit zu einer kontemplativen Versenkung in den betrachteten Inhalt zu geben, d.h. das Subjekt mit dem Objekt seelisch gleichsam verschmelzen zu lassen.“[32]

Diese Möglichkeit der Einfühlung in den Bildgehalt können Historie und Repräsentationsbild laut Panofsky nicht leisten: Ersteres ist durch seine narrative Disposition, die zeitliche Verortung und den starken Bezug der Bildgegenstände zueinander in einen unüberbrückbaren Abstand zum Betrachter gerückt, Letzteres drängt ihn in die Rolle „eines bloß Verehrenden“[33] und distanziert ihn durch einen Niveauunterschied von seinem Bildinhalt. Im Rekurs auf Alberti schlägt Panofsky zwei Möglichkeiten vor, um die Distanz zwischen Bild und Betrachter zu überwinden. „Die Einführung von Gestalten, die sich gewissermaßen zum Vermittler zwischen dem Beschauer und dem Darstellungsgegenstand machen“[34] (hier müssen intradiegetische Figuren gemeint sein) oder Vermittlerfiguren, die den Betrachter – losgelöst aus dem Zusammenhang der Szene – sowohl zum Hinsehen als auch zum Lachen oder Weinen animieren, also quasi das Bewusstsein des Betrachters in die Darstellung einführen, können eine Distanzminimierung zwischen Bild und Betrachter erreichen,

„und es ist klar, dass das, was durch solche Motive bewirkt wird, ebensowohl eine ‚Verzuständlichung‘ des an und für sich auf einen bestimmten Zeitmoment zugespitzten Historienbildes, als eine ‚Verbeweglichung‘ des an und für sich zeitlosen Repräsentationsbildes sein kann.“[35]

Die „Verzuständlichung“ wird dabei durch die Herauslösung eine Figurengruppe aus einer „szenischen Darstellung“ (also Historie) erreicht, wie beispielsweise die Christus-Johannes-Gruppe aus dem Abendmahl, während das Hinzufügen neuer Figuren zu Repräsentationsbildern deren „Verbeweglichung“ ermöglicht, die „das zeitlos-undurchdringliche Dasein der Gottheit durch menschlich ergreifende, weil menschlich ergreifbare, Regungen gleichsam“ auflockert[36]. Panofskys Argumentation für den Andachtsbildbegriff leitet sich dabei vor allem aus der Fähigkeit des Bildes, zum kontemplativen Mitleiden einzuladen, ab. Es geht ihm um eine gewisse emotionale Zuwendung zwischen den Bildfiguren, in die sich „der Betrachter durch Identifiktation gleichsam einklinken“ kann[37]. Die Mittlerfiguren öffnen das sonst verschlossene Bild für eine Bild-Betrachter-Kommunikation. Leider bleibt unklar, warum Panofsky gerade das Mitleiden und Einfühlen als wichtigste und quasi alleingültige Andachtsleistung und -übung ansieht. Gewiss ist die compassio ein wichtiger Teil der christlichen Passions-Kontemplation und vor allem im Hinblick auf Pinders frühe Mystik-Studien kann eine bestimmte Nähe der von Panofsky angeführten Bildinhalte zu den Visionsleistungen der mittelalterlichen Nonnen (ich denke hierbei vor allem an zisterzienische und benediktinische Vorbilder) nicht von der Hand gewiesen werden. Seine für die nachfolgenden Generationen aber nahezu verpflichtend gewordene Definition des „Andachtsbilds“ als Darstellung einer zum Mitleiden bzw. zur Einfühlung einladenden Figurengruppe spart aber alle Bilder aus, die zwar funktional der Andacht dienten, formal aber nicht diesem ikonographischen Muster entsprechen. Hier muss man sich gegenwärtig halten, was der Untersuchungsgegenstand seines Aufsatzes ist, namentlich italienische, französische und nördlich der Alpen entstandene Bilder vor allem des 14. Jahrhunderts, was andere Andachtsmodelle, die außerhalb dieses (Zeit-)Raums liegen, definitorisch bereits ausspart. Ebenso ist „die Möglichkeit einer kontemplativen Versenkung in den betrachtenden Inhalt“, die für Panofsky ein religiöses Bild erst zu einem Andachtsbild macht, kaum messbar; uns bleiben lediglich Ansatzpunkte, bei denen wir eine solche Funktion erahnen können. Das von ihm formulierte Muster ist nicht mehr als ein Idealtyp, dessen Grenzen durch weitere, kaum genau aufzeigbare Bildtypen gezogen werden. Der Kernsatz von Panofskys Definitionsversuch, der Vergleich mit den literarischen Gattungen, lässt so auch eher an eine ungefähre Charakterisierung als an eine definitorische Schnürung denken[38]. Für den wissenschaftlichen Fortschritt kann Panofskys Ansatz dennoch positiv bewertet werden, stellte er die Diskussion doch zum ersten Mal auf eine gemeinsam nutzbare Basis, die strukturell gleichartige Bilder erst kategorisch analysierbar, vergleichbar und damit greifbar machte. Letztlich war es Panofsky selbst, der am Ende seines Aufsatzes auf „die Gefahr eines gewissen Schematismus“ hinwies und davor warnte „jede künstlerische Erscheinung durch eine Gleichung x = a + b erklären zu wollen“[39]. Die Funktion, die das Bild bei der Andacht einnehmen sollte, war jedoch durch eine formale Betrachtungsweise verdrängt worden.

Funktion

Diese Tendenz wies Rudolf Berliner in seiner 1955 erschienen Studie zu den „arma christi“ entschieden zurück, da seiner Meinung nach „während der letzten zwei Jahrzehnte das allgemeine Verständnis der westlichen religiösen Kunst bestimmt nicht reifer, wohl aber abhängiger von nicht auf eindringlichen Analysen der Kunstwerke basierenden Theorien geworden ist“[40]. In an Zahl und Ausführung umfangreichen Beispielen zeigt Berliner auf, wie seit dem frühen Mittelalter die einzelnen Stationen der Passion meditiert, d.h. bildlich vorgestellt und vergegenwärtigt wurden. Dass diesen Meditationsgedanken ein Bedürfnis nach objektivierenden Zeichen- und Bildsystemen folgen musste, macht er an den zahlreichen Arma Christi-Darstellungen fest, die er durch Gebetsbücher, Tafelmalerei und Plastik verfolgt. Sein Hauptanliegen war es dabei, „die Entstehung bestimmter Bildformen aus ihrem Zusammenhang mit besonderen Andachtsfunktionen zu erklären“[41]. So waren die Arma-Christi-Darstellungen nach Berliners Analyse eben eindeutig der Andacht dienende Bildtypen, die aber vom ikonographisch-typengeschichtlichen Andachtsbildbegriff Panofskys nicht abgedeckt werden konnten. In seinem ein Jahr später erschienen Aufsatz zum „Schmerzensmann“[42] wird seine Kritik gegenüber Panofskys Einschätzung noch deutlicher:

„Den angeblichen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Andachtsbildern und erzählenden Darstellungen, der unter irgendwelchen Beziehungen zuerst von hauptsächlich für spätmittelalterliche Plastik interessierten deutschen Gelehrten statuiert wurde, und der nun beinahe zu einem Glaubenssatze geworden ist,  gab es nicht. Es ist einfach nicht richtig, dass die wesentliche Eigenschaft jedes Andachtsbildes in […] seiner ‚kontemplativen‘ Einfühlbarkeit [liegt] […]. Jede Darstellung aus der Heilsgeschichte kann gar nichts anderes sein als die Darstellung einer Heilstatsache. Formal, d.h. objektiv ist die Grenze zwischen einem Andachtsbild und einem rein erzählenden oder rein darstellenden Bilde durchaus flüssig. Eine Darstellung erhält den Charakter eines Andachtsbildes durch seine Verbindung mit einer Andacht, d.h. als Anreger oder Niederschlag einer devotionalen Gefühlsbeziehung oder Gebetsübung[…].“[43]

Diese Einschätzung teilt auch der finnische Kunsthistoriker Sixten Ringbom, der in seinem Buch über erzählende, halbfigurige Bilder des 15. Jahrhunderts feststellt, dass eben auch historische Szenen der Andacht gedient haben können: „Not only could a narrative be used as an Andachtsbild in the functional sense, but an Andachtsbild in the iconographical sense could also be used for other purposes than ‘contemplative absorbation’.”[44] Dennoch will Ringbom den ikonographischen Andachtsbildbegriff Panofskys als Ordnungskategorie beibehalten – er sieht ebenso das Moment des Heraushebens und Isolierens bestimmter figuraler Aspekte einer Szene als charakteristisch für das Andachtsbild an[45] – und schlägt deshalb eine zweite Kategorie vor, die den Verwendungszweck, also die funktionale Gebundenheit des Bildes betreffen soll. Diese bezeichnet er als „Devotional Image“[46]. Abgesehen von der sprachlichen Problematik, dass „Devotional Image“ im Deutschen die gleiche Wortentsprechung hat wie „Andachtsbild“ hat auch Ringbom keine endgültig geklärte Andachtsauffassung; wie Panofsky versteht er darunter die emotionale Angesprochenheit des Betrachters durch das Bild.

In der Tradition Rudolf Berliners schrieb Robert Suckale 1977 einen Aufsatz, der „ein Versuch [ist], an dem Thema der Arma Christi zu zeigen, wie die Aufgabe, Bilder für die Andacht zu sein, die Gestalt und Art dieser Bilder selbst prägt“[47]. Mit gelehrten historischen und theologischen Argumenten und einer Vielzahl an Verweisen auf die Kirchenlehrer wollte er darauf hinaus, dass mittelalterliche Bilder „in ihren allgemeinen Zwecken […] auf eine viel ‚praktischere‘ Verwendung bezogen [waren], als es der moderne Begriff durchscheinen lässt“[48] und bemängelt die schlechte Forschungslage zur mittelalterlichen Andachtspraxis, die zudem keinen Eingang in die Kunstgeschichtsschreibung gefunden habe; dem gegenüber habe vor allem die deutsche Kunstwissenschaft den Begriff „Andachtsbild“ auf einen formalistischen Charakter eingeengt[49]. Mit einem Verweis auf Thomas von Aquins Feststellung der Funktionen von Bildern – „Beförderung der Andacht, Erinnerung an die Beispiele der Heiligen, Belehrung der Unwissenden“[50] – nimmt Suckale in seinem Aufsatz an, dass mittelalterliche Bilder „mehrere Intentionen und damit Funktionen in sich vereinigen und somit auch von Anbeginn verschiedene Rezeptionsweisen einplanen“[51]. Deshalb gibt es auch keine „für das Andachtsbild ausschließlich geltende oder nicht geltende Darstellungsart“, schon gar nicht dürfe man „bestimmte Gestalttypen wie das statuarische oder erzählende Bild von vornherein aus der Reihe der Andachtsbilder“ ausschließen[52]. Als Gegenbeispiel zu Panofsky betitelt Suckale forsch den Kruzifix und die Madonnenstatue als „bedeutendste Andachtsbildthemen des Mittelalters überhaupt“ und die „Anbetung der Könige“ als Variante eines zur Andacht genutzten Historienbildes[53]. Für Suckale besteht die Hauptaufgabe eines Andachtsbilds nicht in der von Pinder propagierten „Isolierung eines Gefühlsgehaltes“, sondern in der Darstellung von Glaubensgeheimnissen und Heilstatsachen (das sind Schlüsselbegriffe wie Inkarnation, Erlösung durch die Passion etc.)[54]. Die Arma-Christi-Bilder sieht er dabei als Lesebilder für die Passionsandacht an, bei der die einzelnen Waffen-Darstellungen zeichenhaften Charakter haben, um nahansichtig der Erinnerung an die Inhalte der Passion zu dienen[55]. Gerade die Streuung der einzelnen Elemente im Bild – die „den tief sitzenden Normen neuzeitlicher Ästhetik zuwider“[56] läuft – ist dabei der Meditation förderlich, indem sie die Findung neuer Zusammenhänge begünstigt und dem Blick des Meditierenden immer neue Bahnen offenlegt[57]. Andacht wird hier nicht mehr nur als einfühlendes Mitleid (compassio) verstanden, sondern als aktive, intellektuelle Memorationsleistung (meditatio): „Wie ‚meditatio‘ nach mittelalterlichem Verständnis zunächst Erinnerung, Wiederhervorrufung des Gelesenen sein will, so ist dieser Memoriercharakter auch Andachtsbilder eigen, nicht nur in der Theorie, sondern vor allem gemäß ihrer praktischen Anwendung“[58]. Nach Suckale können wir von einer „Art des theologischen Nachdenkens“[59] zur Andacht sprechen, das allerdings mit dem Miterleiden der Passion verknüpft ist: „Das Gedankliche und Gefühlsmäßige sind voneinander untrennbar“[60]. Dass die Arma-Christi-Darstellungen einer solchen Andachtspraxis geradezu ideal entsprechen, liegt an ihrer Zeichenhaftigkeit, die nicht durch „volle sinnliche Vergegenwärtigung und ausführliche Erzählung des Geschehenen“ ablenken und dennoch die gesamte Passion in einem Bild zur Anschauung kommen lassen können[61]. Auch merkte Suckale an – und wandte sich damit implizit von den Kunsthistorikern der 1920er ab –, dass „Bilder überhaupt nur Verweischarakter hatten, der Vergegenwärtigung nur nachhelfen sollten; ‚künstlerische‘ Gesichtspunkte spielten im Prinzip keine Rolle.“[62] Infolgedessen rückte er die Arma-Christi-Bilder auch näher an die Kategorie der „visuellen Kommunikation“, gab zu Bedenken, dass die gesamte mittelalterliche Bildwelt von den „medialen“ Eigenschaften der Andachtsbilder „tiefgreifend geprägt“ sei und man deshalb „jüngere Begriffe der Kunst, des Bildes etc.“ nicht unbefragt in das Mittelalter projizieren dürfe[63]. Entschieden plädiert Suckales Aufsatz für einen funktionalen Andachtsbildbegriff, denn es gibt „keine Möglichkeit, von der Gestaltungsweise her zu definieren, was ein Andachtsbild sei“[64]. Suckales Verdienst für die Andachtsbildforschung besteht in diesem Aufsatz darin, eine grundlegende Kritik am formalen Andachtsbildbegriff Pinders und Panofskys geführt und derweil dargelegt zu haben, wie interdisziplinäre Forschungsansätze, die auch die Erfahrungen der Historiker und Theologen in den Blickpunkt der Kunstgeschichte ziehen, helfen können, von der Gestaltungsweise mittelalterlicher Bilder auf ihre tatsächliche Funktion zu schließen und dadurch neue Kategorien einzurichten. Dieser Vorstoß ist wohl ein frühes Beispiel für die „Grabenkämpfe“ zwischen klassischer Kunstgeschichte und interdisziplinärer, gegenständlich-ausgeweiteter Bildwissenschaft. So wird Suckale dann auch von Karl Schade kritisiert, wenn dieser schreibt: „Mir erscheint es allerdings fraglich, ob Kunstgeschichte ein sinnvoller Ansatz in bezug auf mittelalterliche Werke ist, in denen eine künstlerische Formgebung keine bedeutende Rolle spielt.“[65]

Funktionsform

Das zunächst letzte Wort in der Diskussion um den Andachtsbildbegriff sollte Hans Belting haben, der mit einem gewissen Respekt von Panofsky argumentierte, dass es im Spätmittelalter ein Bedürfnis nach individuellem, meditativem Bildgebrauch gab, das zur Veränderung und Erfindung bestimmter Bildformen führte[66], in dessen Bezugssystem zwischen Repräsentationsbild, Historie und Andachtsbild aber auch eine Lücke konstatiert, in die Belting die Ikone einfügte und das System dadurch hinterfragte und revidierte. Die Ikone sei im westlichen Bildverständnis eben nicht umgeformt, sondern umgedeutet worden. Nach Panofskys Konzeption wäre „eine ganze Phase aus der Rezeption der Ikone und zugleich aus der Frühgeschichte des Andachtsbilds ausgeklammert, jene Phase nämlich, in der das Bild noch die Form einer Ikone und schon die Funktion eines Andachtsbilds hatte“[67]. Die von Panofsky als Grundform angenommene „imago pietatis“ „hatte als Andachtsbild keine ‚geborene’ Form, sondern usurpierte eine Fremdform“. In diesem Sinne problematisiert also auch Belting die Dreiteilung in Historien-, Repräsentations- und Andachtsbild, die zwar nach Gregor dem Großen und dessen „Dreierschema: Repräsentieren – Lehren – Einstimmen, das ein locus classicus der theologischen Bilderlehre des Mittelalters war“[68], sinnfällig erscheint, aber nicht ausreicht, um „Andachtsbilder“ zu definieren. „Andacht“ bezeichne nicht allein die affektive Ergriffenheit des Betrachters, sondern auch kognitive Kontemplation[69], Meditation und „innere Bildschau“[70]. Dementsprechend versteht Belting die Andacht als „einen religiösen Dialog […], den ein Individuum oder eine Gemeinde mit einem imaginierten Partner führen. Wenn sie durch ein Bild unterstützt wurde, kann man von Bild-Andacht sprechen“[71]. Und obwohl diese unterschiedlichen Arten der Andacht dazu einladen, „entsprechend viele Bildgattungen zu konzipieren“, bildet das Andachtsbild „keine selbstständige Bildklasse, die mühelos von ihrer Umgebung unterschieden werden kann“[72]. „Andachtsbild“ ist bei Belting „eine Kategorie, die, neben Kultbild (beziehungsweise imago), historia und Gnadenbild, Existenzformen mittelalterlicher Bilder beschreibt“[73], die Funktionen jedoch können fließend ineinander übergehen oder sich wundermächtig verändern (man denke an die Vera Ikon!).

Wenn auch Szenen und Ikonen nachweislich als zur Bildandacht genutzt worden seien, ist nach Belting also weder an der Form, noch an der Funktion festzumachen, was ein „Andachtsbild“ definiert. Bezogen auf Sixten Ringboms Vorschlag, sowohl einen formalen, als auch einen funktionalen Andachtsbildbegriff parallel zu benutzen, schreibt er:

„Es empfiehlt sich also nicht, zwischen ‚Devotional Image‘ und ‚Andachtsbild‘ zu unterscheiden. Wie wir sagen ist die Beziehung zwischen Form und Funktion komplex und überdies auch instabil. Funktion kann eine vorhandene Bildform verwandeln, und diese kann ihrerseits wieder neue Funktionen übernehmen, usw. Es ist überhaupt nur sinnvoll, nach Funktionen zu fragen, wenn das Erkenntnisse für die visuelle Struktur der Bilder einbringt. Wenn sie weder die Existenz noch die Form eines Bildes erklärt, muss Funktion auch nicht als eigener Begriff eingeführt werden, sondern genügt als zusätzliche Information. Es ist also besser, eine begriffliche Unschärfe des Andachtsbildes in Kauf zu nehmen, als zwischen Form und Funktion, deren Interaktion so entscheidend ist, zu trennen.“[74]

Belting kritisiert ebenfalls die Beschränkung des Andachtsbegriffs auf eine private, nicht instituionalisierte Frömmigkeit und betont die Einwirkung der privaten Andachtsformen auch auf Bilder im öffentlichen Funktionsraum. Nach Belting muss die Andacht im Spätmittelalter als „ein kollektiver Stil affektiver Religiosität“ gesehen werden, „der vor Bildern einen analogen Stil der Betrachtung ins Leben rief“[75]. Und weiter: „Wie die Andacht eine Konvention war, so schuf sie sich in den Andachtsbildern entsprechende Bildkonventionen“, die nicht auf den „originalen Funktionsraum“ beschränkt waren, sondern auch „z.B. öffentliche Kultbilder veränderten“, die ihrerseits wieder Rückwirkungen auf die Gestalt der privaten Andachtsbilder hatten[76]. Deshalb würde „jede starre Klassifikation […] die Komplexität dieser Zusammenhänge verfehlen“[77].

Fazit

Wir haben gesehen, wie „Andachtsbild“ von einer Bezeichnung einer bestimmten Bildform immer mehr zu einem Begriff für die Funktion eines Bildes geworden ist, bis zu der Forderung Hans Beltings, beides nicht getrennt zu betrachten, sondern die Einteilung in diese Bildkategorie von der jeweiligen Entwicklung des Bildtypus, die die verschiedensten Tendenzen in sich vereinigen konnte, abhängig zu machen. „Funktion“ versteht Belting dabei als einerseits „Umgang mit Bildern oder Bedarf nach solchen […], also aus der Sicht der Rezeptionshaltung des Publikums als eine sozialpsychologische Funktion“[78]. Problematisch sieht er es an, dass wir die „Rezeptionshaltung vor dem Bild […] mangels anderer Informationen oft nur aus den Bildern selber […] erfragen [können], weil sie qua Definition subjektive Züge trägt und sich nicht auf umgrenzte Situationen einschränken lässt.“[79] Im Gegensatz zur „subjektiven Funktion“ gäbe es aber noch die „applizierte Funktion“ von Bildern, die sich aus dem zugeordneten Kontext ableiten ließe; anhand einiger Beispiele zeigt er auf, wie gerade die „imago pietatis“ aus ihrem situativen Kontext heraus als Privatbild, Kultbild, Altarbild, Kanzelbild und auch als Gnadenbild klassifiziert werden kann[80]. Als dritte Funktionsdimension sieht Belting einen semantischen Zusammenhang zwischen Bildinhalt und -form, also die Artikulierung eines Bildgedankens ohne eine äußerliche Zweckbindung. Ein Beispiel hierfür sind die bereits von Rudolf Berliner und Robert Suckale behandelten „Arma Christi“, die erst durch soziale Konventionen eine Lesart erhielten, was dem heutigen Betrachter das Verständnis für diese Bilder erschwert oder gar verbaut[81].

„Andachtsbild“ kann in diesem Sinne nur eine rezeptionsästhetische Kategorie sein, „weil es die Bilderwartung eines historischen Publikums ganz allgemein artikuliert“[82]. In einem späteren Aufsatz hat auch Robert Suckale noch einmal die „verstärkte Einbeziehung des Betrachters“[83] in den Inhalt des Andachtsbilds betont. Anteilnahme und Identifikation des Betrachters nimmt Suckale an seinen Untersuchungsobjekten – das sind Tafelbilder im nordalpinen Raum des frühen 15. Jahrhunderts – als angestrebte Wirkung wahr. Zwar wirkten die Vermittlung durch Identifikationsfiguren und Isolierung emotional ansprechender Bildgegenstände als Anreiz zur Anteilnahme im Sinne Panofskys, aber auch Anklänge an die „Alltagswelt des Betrachters“[84], die Darstellung der Beklemmung in der Passion durch eine furchteinflößende Menge von Umstehenden und das erzählerische Ansprechen des „Wirklichkeitssinns“[85] des Betrachters dienten im Spätmittelalter der Teilnahme des Betrachters. Suckale bringt damit die narrative Leistung eines Bildinhalts mit dem Andachtsbild in Einklang, indem er nachweist, wie die Historie sich auf den Memorierungsprozess der Andacht einlässt: „Zum Funktionstypus des Andachtsbildes gehörte die Vergegenwärtigung, zu dieser das Erzählen“[86]. Die Andacht wird bei Suckale einmal mehr als zeitspezifische Praxis betrachtet, die durch verschiedene Darstellungstechniken unterstützt werden kann. Deshalb stehen ihr Erzählen und Repräsentieren auch nicht per se gegenüber, sondern können ihr ebenfalls dienen.

Vom Kunsthistoriker erwartet ein solcher Andachtsbildbegriff sowohl eine Auseinandersetzung mit den Frömmigkeitskonzepten und der Andachtspraxis im historischen und sozialen Umfeld des zu untersuchenden Gegenstandes als auch die Beachtung konkreter Aspekte wie Aufstellungsort, Intentionen des Auftraggebers und der Besitzverhältnisse des jeweiligen Bildwerks. Bei der Analyse solch unterschiedlicher Gegenstände wie Pietà, Schmerzensmann, Muttergottes mit Kind oder auch Wundenbildern, Keltertretern und Schreinmadonnen, die in den unterschiedlichsten Medien – Triptychon, Diptychon, Stich, Plastik, Gebetsbuchillustration etc. – auftreten, können uns die gewonnenen Erkenntnisse sowohl der Kunst- als auch der Geschichts-, Religions-, Kultur- und Sozialwissenschaft weiterhelfen. Nur ein interdisziplinärer Ansatz kann eine sinnvolle Forschung im Spannungsfeld zwischen Bild- und Andachtspraxis gewährleisten.

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[1] Horst Appuhn: Das private Andachtsbild. Ein Vorschlag zur kunstgeschichtlichen und volkskundlichen Terminologie. In: Martha Bringmeier, Paul Pieper, Bruno Schier, Günther Wiegelmann (Hg.): Museum und Kulturgeschichte. Festschrift für Wilhelm Hansen. Münster 1978. S. 289-292. Vgl. auch  Frank Matthias Kammel: Imago pro domo. Private religiöse Bilder und ihre Benutzung im Spätmittelalter. In: ders. (Hg.): AK Spiegel der Seligkeit. Privates Bild und Frömmigkeit im Spätmittelalter. Nürnberg 2000, S. 15.

[2] Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Zitiert nach digbib.org, Die freie digitale Bibliothek: http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/Faust_I [zuletzt eingesehen am 05.10.2009]

[3] Kammel 2000, S. 15.

[4] Rudolf Berliner: Bemerkungen zu einigen Darstellungen des Erlösers als Schmerzensmann. In: Das Münster 9, 1956, S. 116, Anm. 13. Zitiert nach Robert Suckale: Arma Christi. Überlegungen zur Zeichenhaftigkeit mittelalterlicher Andachtsbilder. (1977) In: Ders.: Stil und Funktion. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters. Herausgg. v. Peter Schmidt und Gregor Wedekind. München, Berlin 2003. S.44.

[5] Franz Kugler: Handbuch der Geschichte der Malerei seit Constantin dem Großen. Band 1. Berlin 1947, S. 207. Zitiert nach Karl Schade: Andachtsbild. Die Geschichte eines kunsthistorischen Begriffs. Weimar 1996, S. 35f.

[6] Kugler 1847, S. 218.

[7] Schade 1996, S. 36.

[8] Ebd.

[9] Karl Schnaase: Geschichte der bildenden Künste im Mittelalter. Band 6. Düsseldorf 1874, S. 343. Zitiert nach Schade 1996, S. 36.

[10] Schade 1996, S. 38.

[11] Ebd.

[12] Schnaase 1874, S. 399ff., zitiert nach Schade 1996, S. 38.

[13] Schade 1996, S. 39.

[14] Ebd., S. 38.

[15] Jacob Burckhardt: Beiträge zur Kunstgeschichte von Italien. Herausgegeben von Heinrich Wölfflin. Stuttgart/Berlin/Leipzig 1930 (=Jacob-Burckhardt-Gesamtausgabe, Band 12).

[16] Schade 1996., S. 42.

[17] Ebd., S. 43.

[18] Georg Dehio: Geschichte der deutschen Kunst. Berlin/Leipzig 1921.

[19] Schade 1996, S. 46.

[20] Ebd.

[21] Ebd., S. 47.

[22] Ebd., S. 49.

[23] Ebd., S. 50.

[24] Ebd., S. 51.

[25] Erwin Panofsky: „Imago Pietatis“. Ein Beitrag zur Typengeschichte des „Schmerzensmanns“ und der „Maria Mediatrix“. In: Festschrift für Max J. Friedländer. Leipzig 1927, S. 261.

[26] Der als „Darstellungstypus, der, allen Bedingungen historischer Tatsächlichkeiten enthoben, ja den Gegensatz zwischen Leben und Tod, Stehen und Liegen negierend, gewissermaßen die Passion schlechthin, den Inbegriff alles dessen, was Christus für die Welt erlitten hat, zu einem einzigen erhabenen Symbol zusammenfasste“ beschrieben wird. Siehe Ebd.

[27] Ebd., S. 262.

[28] Ebd. und f., Hervorhebung im Original.

[29] Ebd., S. 264.

[30] Die aber nicht explizit zitiert werden.

[31] Dazu gehört auch die Einschränkung „vor allem“.

[32] Ebd., Hervorhebung im Original.

[33] Ebd.

[34] Ebd., S. 265.

[35] Ebd.

[36] Ebd., S. 266.

[37] Schade 1996, S. 54.

[38] Vgl. auch Schade 1996, S. 54f.

[39] Panofsky 1927, S. 295.

[40] Rudolf Berliner: Arma Christi. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 3. Folge, Band 6 (1955), S. 116. Zitiert nach Schade 1996, S. 63.

[41] Schade 1996, S. 64.

[42] Wie Anm. 4.

[43] Berliner 1956, S. 116f., Anm. 13.

[44] Sixten Ringbom: Icon to Narrative: The Rise of Dramatic Close-up in Fifteenth-Century Devotional Painting (1965). 2. Rev. und erw. Auflage. Doornspijk 1984, S. 56.

[45] Ebd., S. 55.

[46] Ebd., S. 57.

[47] Suckale 2003, S. 15.

[48] Ebd.

[49] Ebd., S. 16.

[50] Ebd., S. 17.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Ebd.

[54] Ebd., S. 18.

[55] Ebd., S. 23.

[56] Ebd., S. 20.

[57] Ebd., S. 29.

[58] Ebd., S. 36.

[59] Ebd., S. 37.

[60] Ebd., S. 38.

[61] Ebd., S. 36.

[62] Ebd., S. 39.

[63] Ebd., S. 43.

[64] Ebd., S. 44.

[65] Schade 1996, S. 84. Hervorhebung im Original.

[66] Hans Belting: Das Bild und sein Publikum im Mittelalter. Form und Funktion früher Bildtafeln der Passion. Berlin 1981, S. 69ff.

[67] Ebd., S. 74.

[68] Ebd., S. 91.

[69] Ebd., S. 92.

[70] Ebd., S. 81

[71] Ebd., S. 13.

[72] Ebd., S. 92.

[73] Schade 1996, S. 90. Hervorhebungen im Original.

[74] Belting 1981, S. 83.

[75] Ebd., S. 98.

[76] Ebd.

[77] Ebd.

[78] Ebd. und f.

[79] Ebd., S. 99.

[80] Ebd.

[81] Ebd., S. 100ff.

[82] Ebd., S. 103.

[83] Robert Suckale: Süddeutsche szenische Tafelbilder um 1420-1450. Erzählung im Spannungsfeld zwischen Kult- und Andachtsbild (1988). In: Ders.: Stil und Funktion. Ausgewählte Schriften zur Kunst des Mittelalters. Herausgg. v. Peter Schmidt und Gregor Wedekind. München, Berlin 2003, S. 66.

[84] Ebd., S. 72.

[85] Ebd., S. 67.

[86] Ebd., S.80.

Wallfahrt und Vision: Birnau am Bodensee.

Zu einem Hauptseminar bei PD Dr. Eva-Bettina Krems im Sommersemester 2009:

Wikipedia:  Wallfahrtskirche Birnau

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Seit der (Wieder-)Entdeckung der Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee durch die Kunstgeschichte der 1920er Jahre haftet den Forschungsschriften über sie ein besonderer Tonfall an. Es scheint, als hätte die blumig-metaphorische Sprache der Kunsthistoriker in ihr das Objekt gefunden, das sich wunderbar in diesen Rocaille-Duktus einpasst. So spricht David Ganz kulinarisch vom „‚Verzehr‘ einer Staunen erregend opulenten Innenausstattung, zu deren ‚Gaumenfreuden‘ die geleckten Stuckoberflächen, die cremefarben hingehauchten Fresken, die schaumig gerührten Rocaille-Kartuschen und die locker verteilten Goldspritzer gehören. Wie die Auslagen übermütiger Konditoren scheinen die Dekorationen im Inneren der Kirche darauf zu warten, heruntergeschnitten, auf einen Teller gehoben und in einem unersättlichen Rausch des Zuviel vertilgt zu werden.“[1] Joseph Klein, der chronologisch am anderen Ende der Birnau-Forschung steht, nimmt sich der Kirche mit musikalischen Metaphern an: „Mutet uns Birnaus Heiligtum nicht an wie eine Haydn’sche Jubelmesse! […] Hier in Birnau findet sich die größte Harmonie und Einheitlichkeit der vielen das Kirchenbild beeinflussenden Faktoren, der geistigen und der materiellen, ein herzerhebender Zusammenklang von Raumverhältnis, Ausschmückung und Ausstattung, gleich dem Zusammenspiel der Instrumente bei einem Orchester“[2]. Auch Albert Knoepfli spricht von einem „melodiös-gleichgewichtigen Zusammenklang“ und von einem „Ereignis von Sternstunden und eine[m] der musikalischsten des Jahrhunderts weit herum“[3]. Natürlich finden die Gelehrten letztlich in ihren Aufsätzen zu einer fachlich-korrekt beschreibenden Sprache zurück, dennoch sind solche Metaphernspiele in den Texten ein deutlicher Hinweis auf die Probleme, vor die die Ausgestaltung der Barock- und Rokokokirchen Süddeutschlands ihre Exegeten stellen. Die farbenfrohe und verschnörkelte Pracht, die nicht zuletzt die Wallfahrtskirche Birnau ausstellt, macht es schwer, einen Startpunkt und eine übergeordnete Systematik für die Beschreibung ihres mannigfaltigen Verweissystems aus Architektur, Stuck, Skulptur und Malerei zu finden. Bisherige Lesarten fragten vorrangig nach einer Ausdeutung des Bildprogramms in seinen theologischen[4] oder legitimierenden[5] Funktionen. Dieser Aufsatz wird die Kirche, i.e. deren architektonisches und bildliches Programm, speziell auf ihre Besonderheiten als zisterziensische Wallfahrtskirche, die den Zielpunkt einer Bildwallfahrt darstellt, untersuchen. Dabei sollen die Erwartungen sowohl der Mönche als auch der Wallfahrer abgeglichen und mögliche (rezeptionsästhetische) Anschlussmöglichkeiten dargelegt werden. Besonderes „Augenmerk“ liegt dabei auf der zisterziensischen „Tradition der Erscheinung“, also auf die ordensspezifische Affinität zur Vision und deren Einfluss auf das Programm der Birnau.

Geschichte

Dies sind die historischen Fakten: Birnau wird 1222 erstmals als Flurname eines Besitzes des Walter von Vaz, aus dem die Abtei Salem einen Zehnten bezog, urkundlich erwähnt. 1227 ist eine Beginengemeinschaft zisterziensischer Nonnen bezeugt und „spätestens sei 1241 besaß die Abtei Salem in Birnau Grund und Boden und eine kleine Kirche. Zwei Urkunden aus Avignon erwähnen bereits 1317/18 Ablässe für Pilger, die die Marienkapelle in Birnouve besuchten.“[6] Die Wallfahrtsstelle, auf der das Zisterzienserkloster Salem ab 1384 auch als Pflegherr fungierte, befand sich damals noch auf der Gemarkung der Freien Reichsstadt Überlingen, was regelmäßig zu Streitereien zwischen dem Kloster und der Stadt führte. In einer Bulle vom 27. März 1384 verfügte Papst Urban VI. die kirchliche Inkorporierung des Wallfahrtheiligtums in das Salemer Stift, was der Wallfahrt einen erneuten, „gewaltigen Auftrieb“[7] gab – um diese Zeit wurde vermutlich auch das noch heute verehrte Gnadenbild geschaffen. Um die Pilgerscharen zu bewältigen, baute Salem über die vorhandene Gnadenkapelle „eine Kirche, die im 15. und 16. Jahrhundert mehrmals vergrößert werden musste“, gegen Ende des dreißigjährigen Krieges allerdings niedergebrannt wurde. Das Gnadenbild erfuhr dabei eine wundersame Rettung, als es von einem Salemer Knecht unter Lebensgefahr ins Kloster getragen wurde. Nach dem Wiederaufbau kam es – vermutlich aufgrund der unklaren Besitzverhältnisse – erneut zu Auseinandersetzungen mit den Überlingern, die direkt gegenüber der Kirche ein Wirtshaus bauten, um sich an „der Stärkung des kulinarischen Schlusspunkts der Wallfahrt“[8] zu beteiligen. Dieses Wirtshaus gab allerdings zu „nit geringer ärgernuß und täglichen inconvenienzen“[9] der Zisterzienser durch lautstarke Störungen der Gottesdienste Anlass. Abt Stephan Enroth fasste – auch in Anbetracht des schlechten baulichen Zustands der Kirche – den Entschluss, „dass die Wallfahrt an eine andere Stelle auf Salemer Territorium verlegt werden sollte“[10]. Klug wurde diese Translozierung sowohl von kirchlicher – durch den Fürstbischof von Konstanz und durch Papst Benedikt XIV. – als auch von weltlicher Seite – vom Haus Fürstenberg, das selbst militärische Unterstützung versprach – abgesichert. Ob man mit David Ganz von einer „Nacht- und Nebel-Aktion“[11] bei der Überführung des Gnadenbildes ins Salemer Kloster am 4. März 1746 sprechen kann, darf bezweifelt werden: Die Mönche führten eine feierliche Prozession durch, „der sich etwa 2000 Personen anschlossen, unter Bedeckung durch eine Kompanie Heiligenberger Dragoner“[12]. Für die Überlinger kam die Aktion wohl dennoch überraschend und führte zu heftigen Protesten in der Bevölkerung und der Stadtführung, die sich das lukrative Wallfahrtsgeschäft nicht einfach nehmen lassen wollten. Der frühe Tod des Abtes – nur zwei Monate später – ließ Gerüchte über eine Strafe Gottes aufkommen, ebenso wurde die Echtheit des sich nun in den Klostermauern befindlichen Gnadenbilds angezweifelt. Die ja gerade in Süddeutschland nicht nur theologisch, sondern auch politisch äußerst gewandten Zisterzienser reagierten mit einer fachmännischen und notariell beglaubigten Untersuchung des Bildes durch mehrere Zeugen, „die die Identität des Bildes bestätigten“[13]. Noch vor seinem Tod hatte Abt Stephan den Bauplatz für die neue Wallfahrtskirche bestimmt: Sie sollte nun oberhalb des Wirtschaftshofes „Schloss“ Maurach errichtet werden – natürlich auf Salemer Grundbesitz. Der junge Abt Anselm Schwab beauftragte den – ursprünglich aus Vorarlberg stammenden – Konstanzer Baumeister Peter Thumb, den Stuckateur Joseph Anton Feuchtmayer und den kaiserlichen Hofmaler Gottfried Bernhard Göz mit dem Bau und der bildlichen Ausgestaltung der Wallfahrtskirche Neu-Birnau. Am 20. September 1750 und den folgenden vier Tagen wurde die 150.000 Gulden – „mehr als das Doppelte der jährlichen Einkünfte des Klosters“[14] – teure Kirche mit großen Feierlichkeiten eingeweiht, unter anderem mit der Aufführung des Melodramas „Arca in Sion“[15].

Durch die Translozierung des Gnadenbildes war die Birnauer Wallfahrt „vor erhebliche Akzeptanzprobleme gestellt“[16]. Die bis in die Neuzeit hereinreichende Vorstellung, dass die Wallfahrt an einen heiligen Ort gebunden ist[17], scheint bei einer Bildwallfahrt zwar nicht entscheidend, doch bereits hier sorgten die Salemer Priester doppelt vor, indem sie neben den üblichen Reliquien auch achtzehn Erdbrocken biblischer Stätten im Grundstein der neuen Kirche versenkten[18] und den neuen Standort somit in eine Tradition heiliger Orte überführten. Die Frage nach der Legitimation des neuen Bild-Standorts ist wesentlich differenzierter zu beantworten. Während David Ganz genauer auf die bereits erwähnte, „eidesstattlich besiegelte Autopsie“[19] eingeht, sei hier an die Jubelpredigt Abt Anselms am ersten Kirchweihtag erinnert, in der er weit ausholt, um die Wundertätigkeiten des Bildes – von der Ernterettung bis zur Heilung verunstalteter Kinder – inklusive ihres genauen Datums zu beschreiben. Wenn, wie in mehreren Aufsätzen angenommen, das Alter des Gnadenbildes die wichtigste Beweisinstanz für seine Echtheit – und seine Wundertätigkeit! – ist, müssen die Erzählungen über Wunderheilungen des frühen 17. Jahrhunderts in Abt Anselms Predigt in die Beweisführung eines Legitimationsprozesses eingefügt werden[20].

Bei der folgenden Beschreibung und Analyse der Kirche soll versucht werden, systematisch den Stand- und Blickpunkt eines Wallfahrers einzunehmen. Diese Methode dient dazu, mögliche Anschlusspunkte und Rezeptionsanweisungen, die der Bau und sein Bildprogramm liefern, exakt und quasi dynamisch zu erfassen.

Gebäude

Bereits die Art und Richtung der Anreise hat aber ein spezifisches optisches Programm, denn architektonisch empfängt die Birnau ihre Besucher höchst unterschiedlich, ob sie vom südlichen See oder aus den nördlichen Weinbergen kommen. Weithin über den See sichtbar – viele Pilger kamen mit dem Boot, denn unterhalb der Kirche, am Wirtschaftshof Maurach, gab es eine Anlegestelle – ist die Fassade der Wallfahrtskirche. Sie wird von einem breitgelagerten, dreigeschossigen Prioratsgebäude bestimmt, „dessen Mitte von den beiden leicht vorstoßenden Seitentrakten eingefasst wird“[21]. Auf die vollständige Unterkellerung der Kirche und des Priesterhauses weist eine schmale, durchfensterte Sockelzone hin: Eine subtile, aber wirkungsvolle Nobilitierung der Anlage[22]. Wie die Seitentrakte tritt auch der schlanke, 51 Meter hohe Turm aus der Wandflucht hervor. In drei Schüben sich verjüngend, dominiert er wie ein Fingerzeig den Blick vom See; David Ganz spricht sinnfällig von einem „steinernen Logo“[23]. Diese Dominanz ist auch einem Trick des Baumeisters geschuldet, der sowohl die Firstlinie als auch die Traufe des Satteldaches zum Turm hin leicht abfallen lässt, was den Effekt hat, „dass sein ‚Gewicht‘ die unmittelbar angrenzenden Gebäudeteile nach unten zu ziehen scheint“[24] und ihn dementsprechend eindrucksvoller wirken lässt, als dies seine tatsächlichen Dimensionen gebieten[25]. Aufgelegte Kolossalpilaster, deren Kapitelle im unteren Geschoss ionisierend, in den Turmgeschossen aber komposit ausgeformt sind, strukturieren die Front des Priesterhauses und geben ihm damit die Spannung einer architektonischen Steigerung, wie sie dem antiken Theaterwandsystem zueigen ist[26]. Einen zusätzlichen verspielten Akzent bekommt die Fassade durch die Schlusssteine der – im unteren Geschoss geraden, im oberen stichbogigen – Fensterstürze: Josef Anton Feuchtmayer gestaltete insgesamt 66 solcher Steine, die Königsköpfe, Putten, Rocaillen und – dem Namen des Ortes geschuldet – natürlich Birnenzweige zeigen. Auch wenn man im ersten Moment einen nüchtern-flächige Fassade im Pendantsystem annehmen mag, zeigt sich die Front der Birnau beim Anstieg vom See aus als subtil-verspielter Stirnkörper, der sich in abwechslungsreichen Mehransichtigkeiten und feiner Rhythmik präsentiert: „So ist die ganze Architektur Ausdruck barocken Weltglücks unter geistlichem Zeichen“[27].

Diese architektonische Lösung für das Priesterhaus lag nicht von Beginn der Planungen an auf der Hand: Peter Thumbs heute verschollene Entwürfe waren in ihrem Charakter wesentlich verschieden zum Endergebnis: zunächst hatte er ein 26-achsiges Priestergebäude geplant, aus dem die Kirche „in Form eines Mittelrisalites mit einer eigenen Fassade“ herausgetreten wäre[28]. Abgesehen davon, dass ein Priestergebäude mit derart schlossähnlichen Ausmaßen für die vier im Baubeschluss angenommenen Zisterzienserbrüder, die dort zur Betreuung der Wallfahrer leben sollten, im wesentlichen zu groß gewesen wäre, deckt sich ein prachtvoller Repräsentationsbau auch nur bedingt mit dem Armutsgelübde des Ordens. Zwar ist anzumerken, dass sich das Schlichtheitsgebot der Zisterzienser vor allem auf den Mönch selbst (Benediktus-Regel 4,21: „nihil amori Christi praeponere“) und auf das Innere der Klostermauern, nicht aber auf die Repräsentation nach außen hin bezieht. Mit dem Unterhalt eines Wallfahrtsheiligtums stellten sich die Salemer Mönche dennoch auf ein wackeliges theologisches Gerüst: „Wallfahrtswesen und zisterziensisches Ordensleben scheinen sich von vornherein auszuschließen“[29], schließlich wählten die Gründermönche in Citeaux „mit Absicht einen abgelegenen und einsamen Ort, um vom Treiben der Welt möglichst fern zu sein. Ihre Kirchen bauten diese Mönche nüchtern und schmucklos, ohne hochragende Türme mit mächtigen Geläuten.“[30] Die Geschichte des Ordens weist zahlreiche Details auf, die ein Wallfahrtsheiligtum eigentlichen untersagen würden: Unter Berufung auf den Lehrmeister St. Benedikt lehnten die Zisterzienser den Besitz von auswärtigen Kirchen und Altären ab und erlaubten kaum Seelsorge für Außenstehende. Zudem hatte Bernhard von Clairveaux, der andere große Lehrmeister der „weißen Mönche“, starke Vorbehalte gegen Wallfahrten[31]. Dennoch übernahmen Zisterzienserabteien, vor allem im Frankreich und Deutschland des Spätmittelalters, immer häufiger benachbarte Wallfahrtsheiligtümer. Spätestens in der Barock- und Aufklärungszeit trat bei den Zisterziensern „eine Abkehr vom alten Ideal der Abgeschiedenheit ein“[32]. Vor allem die Salemer Mönche etablierten sich nun auch auf der politischen Ebene und bauten ihren geistlichen Einfluss weiter aus: „Die weißen Mönche wetteiferten mit den alten und nachtridentischen Orden darum, den Bedürfnissen der Volksfrömmigkeit entgegenzukommen.“[33] Die äußere Gestaltung der Birnau mag so als Mittelweg angesehen werden, wenn die Mönche den ersten Entwurf als „gar zu weitläufig und respective prächtig“[34] einschätzten. Dem ausführlichen Vorgabenkatalog, der dem Architekten nach seinem ersten Entwurf von der Salemer Baukommission an die Hand gegeben wurde, fiel wohl auch die breite Freitreppe vom Seeufer zur Kirche, mit einem mittig eingesetzten Josefsbrunnen, zum Opfer. Schlicht präsentiert sich nun der Weg, der sich von den Wirtschaftsgebäuden zum Kirchenvorplatz zieht.

Nähert man sich dem Heiligtum von der Landseite, bekommt man einen gänzlich anderen Anblick geboten. Gemäß dem Diktum, dass der Kirchenbau des süddeutschen Barock „primär eine Kunst des Innenraums“ ist[35], erscheint das äußere des Kirchengebäudes, das sich im rechten Winkel an das Priorat anschließt, relativ schlicht. Die Sockelzone ist, aufgrund des vom See ansteigenden Geländes, kaum noch auszumachen. Ionisierende Pilaster in kolossaler Gliederung strukturieren die Fensterbahnen, während der Mauerumlauf recht genau das Raumerlebnis im Inneren vorausahnen lässt[36]. Beherrscht wird der Kirchenbau von einem mächtigen Ziegeldach, „das am Altarhaus und den beiden Langhauskapellen als Mansarddach ausgestaltet ist“[37].

Über dem kleinen Eingangsportal befindet sich in einer „ädikulaartigen Nische“[38] eine in kontrapostischer Manier dargestellte Marienstatue aus rotem Sandstein, die aus der Hand Feuchtmayers stammt. Die an ihren Attributen als Immaculata zu deutende Madonna nimmt in geschickter Weise ihre Position über dem Kircheingang ein: In leichter Manieriertheit heißt sie einerseits den Besucher des Heiligtums grüßend willkommen, weist ihm aber auch dynamisch den Weg ins Innere der Kirche – ein erster Hinweis darauf, wie das Bildprogramm des Innenraums mit dem Pilgern in Kontakt treten wird. Auch die natürlichen Gegebenheiten ihres Standortes zeigen sich in der Gestaltung der Statue, wenn ihr Gewand, vom oftmals kräftigen Seewind gebläht, in entzückendem Faltenwurf ihren Körper umspielt.

Bildraum

Lässt der Pilger die ihn umgebenden irdischen Schönheiten – den Blick über den Bodensee bis zu den schneebedeckten Alpengipfeln, das prächtige Grün der Weinberge, die sich vom Ufer die Hügel hinaufziehen – des Vorplatzes hinter sich und tritt, der Einladung der Immaculata folgend, durch das Portal, wird er zunächst von einem dunklen und engen Durchgang empfangen, hinter dem sich erst die „überirdisch heiteren Formen und Farben“[39] der Saalkirche entfalten. Gewiss ist dies ein „einfacher“ inszenatorischer Trick, doch umso wirkungsvoller mag der Eindruck auf den Pilger ausfallen, wenn sich vor ihm der helle Kirchenraum mit seiner Vielfalt von zartrosa Marmor, weißem Stuck, prächtiger Malerei und glänzen Goldapplikationen eröffnet. Der Übergang zwischen Priestergebäude und Kirchensaal muss in seiner optisch-emotionalen Wirkung als deutliche Schwellensituation gewertet werden, wie sie beispielsweise am Beginn von Dantes Göttlicher Komödie – einem literarischen Prototyp der Wallfahrt schlechthin – durchgespielt wird. Mit dem Übertreten der Schwelle wird der Pilger selbst zu einem Teil des Bedeutungsnetzwerkes der Wallfahrtskirche, das als „begehbares Bild“ bezeichnet werden kann. Urusla Brossette hat in ihrer Marburg Dissertation bereits ausführlich darauf hingewiesen, dass der Betrachter im Kirchenraum des Barock und des Rokoko selbst agieren musste, „um sich jede neue Szene durch sein Weiterschreiten oder -blicken selbst zu eröffnen“[40]. Sie beschreibt die barocke Kirche als Dispositiv, in dem sich der Pilger stetig neu zu verorten habe – und durch die spezifische Perspektivierung der Bildwerke auch dazu „gezwungen“ werde – während die Bilderzählungen der Deckenfresken durch Gewölbegurte wie durch Proszeniumsrahmen strukturiert werden[41]. Diese Annahme ist für die Wallfahrtskirche Birnau gewiss nicht von der Hand zu weisen, doch mehr noch sollte dafür plädiert werden, den Kirchenraum selbst als Gesamtbild zu betrachten, in das der Besucher eintreten und von dem er ein Teil werden kann. Zahlreiche „Realitätsverschiebungen“ in der künstlerischen Ausstattung ermöglichen einen fließenden Übergang zwischen Wirklichkeit und Bildwelt, was die Position des Besuchers – gerade in seiner Rezeption des Raumes – ambivalent werden lässt. Auch dies sei im Folgenden bedacht.

Der erste Eindruck optischer Überladenheit täuscht über das einfache architektonische Raumkonzept hinweg: „Der etwa 47 Meter lange Saal besteht im Wesentlichen aus einem fünfachsigen Langhaus, dessen viertes, stark verbreitertes Joch in Segmentbögen konvex nach außen ausschwingt. An das Langhaus schließt sich ein fast quadratischer, zweiachsiger, um zwei Treppenstufen erhöhter Chorraum an, dem im Norden eine nochmals um drei Stufen höherliegende, dreiviertelkreisförmige Apsis vorgelagert ist.“[42] Die Unterteilung der drei Räume ist weniger hieratisch denn dynamisch aufzufassen; Ein Eindruck, der durch die Abschrägung der Wandecken an den Übergängen geschaffen wird. Zusätzlich wird der komplette Raum durch eine umlaufende Galerie geklammert, die im Westen die Orgel aufnimmt und sich im Osten[43] sinnreich an den Aufbau des Hochaltars anschließt. Lediglich an den hochaufstrebenden Altären in den Seitenkapellen wird das sich überkreuzende Bandwerk der Galerie durchbrochen – was allerdings mangels Einsicht in die Kapellen keine Auswirkung auf den ersten Raumeindruck hat[44]. Die in weiß gehaltene Wandfläche wird zwar von zweigeschossigen Pilasterbündeln akzentuiert, tritt aber „gegenüber der farbigen Architekturgliederung stark zurück, so dass die tatsächlichen Raumgrenzen in eine undefinierbare Weite gerückt werden“[45]. In der Literatur bisher nicht erwähnt wurde der Einfluss der Altäre von Joseph Anton Feuchtmayer auf die Raumwirkung. So sind der Bernhards- und der Benediktaltar vor der abgeschrägten Wandecke am Übergang zwischen Langhaus und Chorraum angebracht und überspannen mit einem unsichtbaren Band den Blick des Besuchers, indem sie nach dem Prinzip der „optischen Ergänzung“ in sich selbst eine Asymmetrie erzeugen, die erst in der Gesamtschau aufgelöst werden kann[46]. Sie zwingen den Blick damit in eine Zentralperspektive zum Hochaltar und folglich zum Gnadenbild hin. Die dynamische Tiefenstaffelung des Kirchenraums kommt so noch stärker zu Geltung.

Dorthin wird der Pilger auch zuerst seinen Blick lenken: Das Gnadenbild der Birnau steht für das Heilsversprechen der Wallfahrt ein. Leider wird diese „Erwartung der Ansichtigkeit“ schnell gedämpft, denn der Weg zum Gnadenbild ist weit. Zudem war dem Wallfahrer nur der Zutritt zum Langhaus gestattet – die Mönche durften freilich im Chor den Gottesdienst verrichten – und das Marienbild war mit einem prachtvollen Umhang angetan, der nur den Blick auf ihr Gesicht zuließ. Abhilfe sollte der Blick nach oben, ins Fresko der Langhausdecke schaffen. Dort leuchtet dem Pilger ein heller Stern entgegen, der als marianisches (und christliches) Symbol den Mittelpunkt des größeren der zwei Langhausfresken markiert[47]. Leicht östlich des Sterns – und damit im Gegenüber des Pilgers – schwebt die gekrönte Muttergottes, umgeben von Engeln und Putten, auf einer Mondsichel ein. Deutlich ist sie als Variante des Birnauer Gnadenbildes auszumachen, die dem Wallfahrer bereits durch zahlreiche Reproduktionen bekannt gewesen sein dürfte[48] – statt eines Apfels trägt sie ein Zepter in ihrer Rechten, wohl um ihre (himmels)königliche Legitimation auszuweisen, die die Gnade ihres Verweilens in der Birnau noch größer macht. David Ganz bemerkt, dass „diese Begrüßung durch die Birnovia an die Erwartungen der Wallfahrer appelliert haben [muss]: Die himmlische Erscheinung Mariens in Gestalt eines lokalen Gnadenbildes war fester Bestandteil gemalter Ex-Voto-Tafeln, die Gläubige in den Wallfahrtskirchen anbringen ließen, um Dank für die Erfüllung eines Gelübdes abzustatten. Auch in den Erzählungen der Mirakelbücher gehörte die Erscheinung Mariens zum festen Repertoire“[49]. Zur von ihm konstatierten Konfiguration der Madonnendarstellung als „gemalte Vision“, namentlich durch „die Schwebeposition auf der Wolke und die extrem vornüber gekippte Körperachse“[50], möchte ich noch zwei Punkte anmerken: Einerseits stellt der fast als flüchtig zu bezeichnende Malduktus von Gottfried Bernhard Göz in seiner zart schimmernden Farbwahl aus weichen Gelb-, Braun- und Grüntönen mit den wenigen blauen Akzenten und der fast verschwimmenden Scheinarchitektur eine gewisse Entgrenzung in der Betrachtung aus, die eine Visionsleistung für den Wallfahrer umso „glaubhafter“ erscheinen lässt, andererseits darf nicht vergessen werden zu erwähnen, dass hier auch eine (inoffizielle) Ordenstradition der Zisterzienser aufgenommen wird. Ausgehend davon, dass Alt-Birnau ursprünglich zisterziensischen Nonnen, die später die Abtei Baidt bei Weingarten bezogen, eine Heimat war[51] und dass gerade die Visionsleistungen der Mystikerinnen des Zisterzienserordens im Spätmittelalter und darüber hinaus hochpopulär wurden – man denke nur an Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackeborn und Gertrude von Helfta – kann man von einer gewissen „Traditionslinie der Erscheinung“ ausgehen[52].

Auf dieses Erbe geht ganz direkt auch das Fresko über dem rechterhand gelegenen Erasmusaltar ein, das einen Herztausch zwischen Christus und der heiligen Luitgard von Tongern zeigt. Die Zisterziensernonne verbrachte die letzten elf Jahre ihres Lebens in Blindheit, erschaute aber in zahlreichen Visionen das Herz Jesu und auch den dargestellten Herztausch. „Ein Blutstrahl, der aus der Seitenwunde Christi die Augen der Heiligen trifft, ist sinnfälliges Zeichen dafür, dass die blinde Nonne durch die Liebe Christi zu Seherin wird.“[53] Angelagert an das Hauptfresko kann das Bild seine Argumentation zu einem gewissen Grad auf dieses übertragen: So wie die heilige Luitgard durch die Gnade Gottes das Herz Christi sehen durfte, so wird den Birnau-Pilgern die Gnade einer virtuell-gemalten Mariensichtung zuteil, vermittelt von den „visionserfahrenen“ Zisterziensern. Die Pilger mussten mit dem Besuch eines Wallfahrtheiligtums des Zisterzienserordens eine besondere Möglichkeit zur Schau der Heiligen, ob nun visionär oder repräsentativ, angenommen haben, die ihnen die Mönche – ganz auf ihre eigene Tradition bedacht – mit dem Anblick des Langhausdeckenfreskos zumindest virtuell gewährten: „Mit der an die Decke gemalten Marien-Vision wurde den Wallfahrern eine Erfüllung ihrer Erwartungen gegenüber der Maria von Birnau in Aussicht gestellt.“[54]

Die Erfüllung einer gewissen „Sichtbarkeit“ muss ein prinzipielles Problem der Bildwallfahrt gewesen sein. Das Konzil von Trient hatte den Vorwürfen der Reformatoren, dass Bildverehrung Idolatrie („Abgötterei“) sei, zwar die beruhigenden Entschlüsse des zweiten Konzils von Nicäa entgegengehalten, wonach es Bildnissen Christi, Mariens und anderer Heiliger gebühre, ihnen Ehre zu erweisen, da diese auf die Abgebildeten verwiesen[55], doch praktisch konnte das „nach den ästhetischen Kriterien des 18. Jahrhunderts steife und unscheinbare Bildlein“[56], das zudem noch textil verhüllt war, kaum den Erwartungen der Pilger standhalten. Auch dem entgegen stellt sich die Kunst im Deckenfresko, die laut David Ganz „den Blicken der Wallfahrer einen sinnlichen Augenschmaus vorsetzte […][,] vom kokett auf der Mondsichel platzierten Fuß über die zierlich gespreizten Hände bis zur plastisch sich abzeichnenden Brustspitze“[57].

Nach dem „Genuss“ der Marienerscheinung wird der Besucher das Fresko weiter betrachten, auch um sich selbst passend verorten zu können[58]. Rings um die einschwebende Madonna schweben Engel mit drei Spruchbändern, über die ein Zitat aus dem Buch Judith verteilt ist: „(Tu) Gloria Jerusalem / (Tu) Laetitia Israel / (Tu) Honorificentia Populi Nostri“. Es ist David Ganz zuzustimmen, wenn er anmerkt, dass „auch die Zeichen der Schrift fester Bestandteil der visuellen Syntax [sind]. Die Anordnung der drei Zitate aus Judith im Langhausfresko etwa ist in der unterschiedlichen Positionierung, Beleuchtung, Linienführung der Schriftbänder selbst Teil der bildlichen Argumentation, welches das parataktische Nebeneinander des biblischen Textes entscheidend zugunsten der letzten, auf die Salemer Mönche gemünzten Passage (Tu Honorificentia Populi Nostri) modifiziert.“[59] Der Gedanke der parataktischen und paratextuellen Zuordnung dieser Schriftbänder sollte aber weiter gedacht werden als nur bis zu den Salemer Mönchen, die in Gestalt der Bauherrn Abt Anselm, seines Vorgängers Stephan Enroth und Konstantin Miller, dem Vordenker der Wallfahrtsverlegung auf Salemer Gebiet, eine Riss-Zeichnung der neuen Wallfahrtskirche vorweisen. Den Mönchen gegenüber zeigen sich verschiedene historische Persönlichkeiten: Guntram von Adelsreute, der Stifter des Salemer Klosters, und seine Tochter  Mathilde werden von Bernhard von Clairveaux, der deutlich durch die Arma Christi attributiert ist, der einschwebenden Madonna empfohlen[60]. Der Stifter scheint dabei der Anführer einer Prozession weißgekleideter Mönche zu sein, die einem hell erleuchteten Durchgang entsteigen, in dessen Hintergrund der salomonische Tempel erstrahlt. Das darüber flatternde Spruchband („Gloria Jerusalem“) kann hier losgelöst vom Gesamttext als Ortsbezeichnung der Identifikation dienen. Über die heilsgeschichtlichen Legitimationseffekte, die eine Gegenüberstellung der „Gründerväter“ und des heiligen Tempels mit den zeitgenössischen Zisterziensern und der Wallfahrtskirche Birnau hat, wurde in der Forschung bereits umfangreich gesprochen[61]. Interessant sind die sich hier auslösenden Stapeleffekte, wenn die hell-strahlende Vision des Jerusalemer Tempels dem mathematisch-kühlen Riss der Wallfahrtskirche gegenübergestellt wird: Wie beim Brückenschlag zwischen gemalter Marienvision und hölzernem Gnadenbild stellen die Hausherren hier einen Bilddiskurs aus, der zwischen Vision und Artefakt, zwischen Erscheinung und Ansicht oszilliert. Nach David Ganz verweisen die Zisterzienser hier „auf ihre Fähigkeit, mittels künstlerischer Artefakte Bilder himmlischen Ursprungs ‚einzufangen‘ oder ‚anzulocken‘.“[62] Prinzipiell lässt sich festhalten, dass die Salemer Mönche in ihrer Bildfindung stets zwischen allgemeinverständlichen – und notfalls paratextuell ausgewiesenen – und intellektuell-theologisch anspruchsvollen Inhalten vermitteln.

Das dritte Spruchband („Laetitia Israel“) flattert über einer Gruppe von Bittstellern, in denen der Pilger sich selbst wiederfinden kann. Hier gibt es Lahme und Gebrechliche, einen Blinden, eine Mutter mit totem Kind[63] und den Freskanten Göz selbst, der sich während den Arbeiten an der Kirche ein Bein gebrochen hatte. Die Lesart, nach der sich die einschwebende Madonna von den Bittstellern „regelrecht abwandte“[64], mag zwar kompositorisch richtig gemeint sein, verschließt sich aber der Tatsache, dass sie gerade durch diese Anordnung zwar den abgebildeten Pilgern nicht nahe, ihnen der Körperachse nach aber immer noch gegenüber steht und – dies ist wesentlich wichtiger! – den neu ankommenden, realen Wallfahrern enorm zugeneigt ist. Hier zeigt sich zumal, dass die Kirchenbesucher nicht nur Zuschauer einer „Theaterszene“ sind, sondern bildlich direkt angesprochen werden. Die gemalten Pilger können derweil mit dem Engel vorlieb nehmen, der in gewagtem Fall auf sie zustürzt, das flatternde Spruchband in der Hand. Üblicherweise kann die Abbildung von Identifikationsfiguren gerade in Wallfahrtskirchen als Handlungsanweisung gelesen werden; In diesem Fall ergeht bereits an die Gruppe der gemalten Pilger eine Aufforderung zum Gebet, das der Engel mit seinem Spruchband anstimmt und das durch die Rezeption der unten stehenden, echten Wallfahrer schließlich im Kirchenraum landet, wenn diese die von den Bildfiguren geforderte Handlung in die Tat umsetzen. Die Zeilen der Spruchbänder geben das Tota-pulchra-es-Gebet vor, das seit dem vierten Jahrhundert zur Verehrung der Maria Immaculata angestimmt wird. Peter Kalchthaler weist zudem noch auf die Rolle der beiden, die Pilgergruppe flankierenden, Putten hin, die mit Uhrenglas und Pfeilen in der Hand dazu auffordern, Bitten vorzubringen, solange noch Zeit ist[65].

Die nächste Station des Wallfahrers sind gewiss die Zwillingsaltäre an der Grenze zum Presbyterium, die den heiligen Benedikt und Bernhard – quasi die wichtigsten Ordenslehrer der Zisterzienser[66] – geweiht sind. Den vorzüglichen Beschreibungen der Altäre[67] seien nur wenige Anmerkungen beigegeben:

Gerade das Tafelbild im Bernhardsaltar nimmt erneut das scheinbar den gesamten Langhaussaal umspannende Thema der zisterziensischen Visionsleistung auf. Dargestellt ist die berühmte Milchspende Mariens an den Ordensheiligen, die sogenannte „Lactatio Bernardi“. Bernhard soll in einer Kirche trotz Hunger und Durst vor einem Marienbild durchgängig gebetet haben, bis ihn die Mutter Gottes durch einen Milchstrahl erquickte. Im Hintergrund ist eine weitere Szene der Bernhardslegende zu sehen, die sich auf ein Ereignis während seiner Propagandareise für den zweiten Kreuzzug 1146 bezieht: Hier betete er vor dem berühmten Gnadenbild im Dom zu Speyer mit dem üblichen „Salve Regina“-Gruß, den das Bild mit einem „Salve Bernarde“ erwiderte. Bildlich dargestellt deutet eine Linie mit den beiden Aussprüchen zwischen den Köpfen Bernhards und Mariens diese Episode an. Interessant für die Ausdeutung des gesamten Langhaus-Bildprogramms ist hier, dass im Altarbild eine Visionsleistung (Bernhard wird von einer Marienerscheinung mit Milch belohnt) mit einer Gnadenbildbegegnung und -verehrung parallelisiert wird: Bernhard trifft, wie der Pilger in der Birnau, auf ein wundermächtiges Madonnenbild, besonders in den Vordergrund gerückt wird aber die visionäre Ansichtigkeit der Maria, die ähnlich ihres Pendants im Deckenfresko in einer Engelswolke herabsteigt. Oder, wie David Ganz es formuliert: „Die Möglichkeit der bildlichen Erscheinung wird hier noch einmal als zentrales Argument für die Wunderkraft von Kultbildern explizit gemacht[68]. Die Visionsleistung wird dabei in einen spezifisch körperlichen Diskurs eingebettet, wenn der heilige Bernhard durch den Milchstrahl erfrischt wird. Der gemeine Pilger wird diese gustatorische Belohnung aber wohl erst beim Abschlussgelage seiner Wallfahrt erleben dürfen.

Ein weiteres interessantes Detail ist die langsame Aufhebung der Kunst- und damit auch der Realitätsgrenzen, die sich hier direkt – quasi in greifbarer Nähe – vor den Besuchern vollzieht. Ist es bereits in den Randzonen der Deckenfresken nur mit einem zweiten Blick festzustellen, wie Architektur, Scheinarchitektur und Stuck voneinander zu trennen sind – was beispielsweise an den gemalten Gurtbogen des Langhausfreskos zu erkennen ist, an deren Ansatz „jeweils rechts und links Rocaillen mit stilisierten Palmwedeln zu sehen [sind], die in den realen Raum hineinzuragen scheinen“, indem nur die Spitzen stuckiert, ihre Ansätze aber illusionistisch gemalt sind[69] –, so fließen an den Altären auch die narrativen Elemente der Malerei und die dekorativen Elemente der Plastik ineinander. Unauffällig, bzw. in bekannter Manier kopiert der berühmte Honigschlecker am Rand des Altars seine Putten-Freunde im Inneren des Tafelbildes. Der Übergang zwischen Malerei und Plastik ist aber wesentlich fließender, als man auf den ersten Blick behaupten würde; der Rahmen ist gesprengt – auf das Prinzip der „optischen Ergänzung“ wurde bereits hingewiesen – und drei goldene Bienchen sind dem Honigkorb des skulptierten Putto entwischt und „haben sich als kleinplastisch winzige, vergoldete Gebilde auf dem farbigen Stuckmarmorrahmen niedergelassen“[70]. Gewiss ist dies keine vollkommen herausragende Grenzsprengung, wie sie vielleicht die Gebrüder Asam zelebriert hätten (man könnte bei ihnen schon an gemalte Bienen auf dem Rahmen und plastische im Bild denken). Die kleine künstlerische Geste kann aber als Andeutung auf eine konzeptionelle Auflösung von Grenzen gelesen werden, die sich in der Ausgestaltung des Chorraumes in stärkerem Maße zeigen wird.

Bewegt sich der Pilger bis an die Grenze zum Presbyterium, wird er erneut von einem Zwillingsaltarpaar empfangen, das diesmal Johannes den Evangelisten und Johannes den Täufer zeigt. Hier verzichteten die Erbauer auf „klassische“ Retabel im Sinne von Tafelbildern, sondern entschieden sich für vollplastische, nahezu lebensgroße Figuren. Beide Altäre widersetzen sich einem herkömmlich-architektonischen Aufbau und scheinen sich direkt aus einer überreichen Rocaille, die diverse eingearbeitete Architekturfragmente geradezu aufzulösen scheint, zu entwickeln. Dieses Konstrukt hat eine kräftige Konsolplatte zu tragen, auf der der jeweilige Heilige seinen Platz eingenommen hat. „Die Altarplastiken schließlich kontrastieren mit ihren polierten weißen Stuckoberflächen sowohl zur Raumarchitektur wie zu den farbintensiven Stuckmarmoraltären. Gerade die figürliche Plastik führt in ihrem differenzierten Einsatz dem Betrachter die unterschiedlichen Realitätsebenen, deren Übergänge durchaus fließend werden, vor Augen.“[71] Dies lässt sich vor allem an den Fassungen der Altarelemente festmachen: Die Heiligen sind mit Landschaftsfragmenten, ihren Attributen und Putten ausgestattet, die sich halb oder ganz vergoldet vom weißen Stuck der Hauptfigur absetzen. Blickt man den Altar jedoch zuerst auf Augenhöhe an, d.h. betrachtet man den Sockel genauer, fällt auf, dass die in den Sockel eingearbeiteten Puttenköpfe und Pflanzenteile naturalistisch-farbig gefasst sind und damit in ihrer Plastizität einen Platz in unserer Sphäre einnehmen. Nach oben hin nimmt diese Realitätsverankerung stetig ab, wenn nur noch wenige Goldspritzer an den Heiligenattributen für eine Rückkopplung an den sonst ja polychromen Kirchenraum einstehen. Eine gewisse Verankerung der beiden Johannesaltäre bleibt aber bestehen: Obwohl sich der Altaraufbau jeglicher architektonischer Einordnung verweigert, stellen die Heiligenfiguren in ihrem Reinweiß eine Übergangszone zum plastischen Programm des Hochaltars sicher.

Der Wallfahrer wird sich darüber keine umfangreichen Gedanken machen. Er will und wird von den Heiligen erfahren, was er weiter im Kirchenraum tun soll. Johannes der Täufer ist ganz von seiner Vision eingenommen, gebannt starrt er in die Chorkuppel, und wir können davon ausgehen, dass der Besucher seinem Blick folgen wird. Von dort schwebt unter einer scheinarchitektonischen Kuppel, in deren Mitte eine Sonnenscheibe lächelt, erneut die Mutter Gottes in Gestalt des apokalyptischen Weibes ein. Ihr ungeborenes Kind erscheint in einem Strahlennimbus vor ihrem Bauch, mit ihrem rechten nackten Fuß tritt sie auf die Mondsichel und zugleich der attributiven Schlange auf den Kopf. An dieser Schnittstelle zwischen Fuß, Mondsichel und Schlange hat Göz noch einen Birnenzweig eingearbeitet, wohl um den Ortsbezug erneut einzuschließen. Eine Gruppe aus Engeln, weißen und braunen Wolken und einer weiblichen Gestalt mit Kind, die ein flammendes Herz in die Höhe hält, stützt die Madonna in ihrem Flug; ob sie sich gerade in den Himmel hebt oder zur Erde herabsenkt, hat der Maler an dieser Stelle offen gelassen. Im Westen, Norden und Süden der Kuppel sind weitere Frauengestalten zu sehen, die mit grafisch in die Scheinarchitektur eingemeißelten Schriftzügen als die Tugenden Timor, Agnitio und Spes (Furcht, Erkenntnis und Hoffnung) ausgezeichnet sind. Das von zwei Putten unterhalb der Madonna gehaltene Spruchband „(Ego) Mater Pulchrae Dilections“ wird mit diesen sinnvoll zum Bibelzitat „Et Timoris, Et Agnitionis, Et Sanctae Spei“ ergänzt. Besondere Beachtung[72] verdient der echte Spiegel, der von einem Putto vor der Personifikation der Liebe unterhalb des apokalyptischen Weibes gehalten wird: Ein Lichtstrahl vom Nimbus des Christuskindes bricht sich im flammenden Herz der Caritas und wird so auf das Spiegelglas umgelenkt, um sich über dem Besucherraum auszuschütten. Umfangreich wurde dieses aus der Malerei in unsere Realitätssphäre herüber geglittene Mariensymbol aus der lauretanischen Litanei diskutiert. Er ist nicht nur „Sinnbild der Weisheit, der unbefleckten Empfängnis und der Maria Gravida“[73], sondern ist vor allem als Vermittlungsinstanz zwischen Kirchenraum und Pilger zu sehen. Die Hoffnungen, die sich mit einer Wallfahrt verbinden, werden in der Strahlen- (und damit Heils-)Ausschüttung des Spiegels manifest. In seiner Bildbetrachtung kann sich der Besucher dabei versichern, dass die göttliche Gnade nicht nur von Maria, sondern gerade vom im tatsächlichen Gnadenbild unsichtbar bleibenden Christuskind ausgeht, das sich hier in voller Pracht präsentiert. Die Angst mancher Exegeten, dass diese Heilsspende ins Leere laufen könnte[74], kann mit einer Begehung der Kirche beruhigt werden: Tatsächlich ist es dem Besucher möglich, sich so zu positionieren, dass er sich selbst im Spiegelglas der Caritas erkennen kann[75]. Hier findet eine der stärksten Realitätsverschleifungen der Birnau statt: „In diesem Spiegel, der einerseits Bestandteil des fiktiven Bildes ist, durch seine Materialität jedoch zugleich der konkreten Realität des Betrachters angehört, kann sich der Kirchenbesucher[…] an einer bestimmten Stelle einen Augenblick lang selbst sehen. In dem Moment, in dem er sich in dem Spiegel erkennt, wird er zu einem Mitagierenden in der himmlischen Sphäre, denn er selbst wird ja nun vom Gnadenstrahl getroffen. Die Existenz des Betrachters ist damit in die ästhetische Wirklichkeit des Bildes aufgenommen.“[76]

Folgt der Betrachter dem virtuellen Strahlenbündel des Spiegels nun zurück in den Chorraum, wird sein Blick auf den Altar des Täufers fallen, der für eine weitere Hoffnung des Pilgers einsteht. Nachdem ihm bereits im Langhaus die Gnade einer gewissen visionären Ansichtigkeit der Gottesmutter zuteil wurde, durfte er zusammen mit Johannes dem Evangelisten das apokalyptische Weib schauen; zur Versicherung, dass er neben diesen optischen Reizen auch eine realpräsente Heilsleistung „mit nach Hause nehmen“ konnte, verweist Johannes der Täufer ihn nun per Fingerzeit auf das Tabernakel des Hauptaltars und damit auf das liturgische Ziel einer katholischen Wallfahrt – die Eucharistie. Die beiden Johannes‘ stehen dabei schon gestisch für beide Heilserwartungen ein. Während der Evangelist hochverzückt in die Kuppel blickt und den Besucher damit zur temporären, aber verheißungsvollen Visionsleistung anstiftet, macht der Täufer einen besinnlich-nachdenklichen Eindruck und macht den Pilger damit darauf aufmerksam, dass die Transsubstantiation stets an die aktive Andacht gekoppelt sein muss.

Fazit

Fassen wir an dieser Stelle noch einmal zusammen, was vom Bildprogramm einer Wallfahrtskirche erwartet wurde: Von Seiten der Zisterziensermönche herrschte vermutlich das Verlangen nach einem Legitimationsgedanken vor, der er erlauben sollte, das translozierte Kultbild in voller Berechtigung am neuen Standort zu verehren. Dies erreichten sie durch eine Heiligung des Ortes – auch in den Altären herrschte kein Mangel an Reliquien – und ein umfangreiches typologisches Programm, das die neue Wallfahrtskirche in einen soliden heilsgeschichtlichen Kontext stellt. Dass diese typologischen Argumente nur einem gelehrten Publikum zugänglich waren, deutet den anderen Erwartungspunkt der Mönche an: Als Bauwerk eines äußerst intellektuell geprägter Ordens musste eine zisterziensische Wallfahrtskirche mit einigen theologisch-gelehrigen Gedankenspielen in der Ausstattung des Kirchenraums aufwarten können. Auch diese Aufgabe haben Göz und Feuchtmeyer in ihrem elaborierten Bildprogramm bravourös bewältigt[77].

Die Ansprüche der Pilger müssen sich hauptsächlich auf die erwartete Heilsspende bezogen haben. Zwar ist es bezeugt, dass nicht jede Wallfahrt nur aus geistlichen Gründen geschah[78] – auch Abenteuerlust und der Wunsch nach Unterhaltung[79] haben beispielsweise eine Rolle gespielt – doch war primär der Segen der örtlichen Heiligengräber oder Gnadenbilder erwartet worden. Ein solches Segensgeschenk konnte sich in mancherlei Hinsicht manifestieren: als Vision, d.h. als Gottesschau (optische Heilsspende), in Form der Eucharistie (leibliche Heilsspende) oder als Möglichkeit, eine Interzessionsbitte vorzubringen (geistige Heilsspende). Die erste Möglichkeit wurde bereits umfangreich angesprochen. Auf die Eucharistie verweist Johannes der Täufer mit einem Fingerzeig, der mit dem Umbau des Hauptaltars 1790 von Johann Georg Wieland noch mehr betont wurde. Wieland ersetzte das ursprüngliche Tabernakel durch ein neues, das mit einer Agnus Dei-Darstellung wesentlich direkter auf den Zeigegestus des Täufers reagiert. Es ist allerdings anzumerken, dass Johannes zuvor auf das Gnadenbild verwies, das nach dem Umbau seinen Platz auf dem Tabernakel – wo es auch einen Platz in der heiligen Sippe eingenommen hatte – verließ und auf einem Unterbau innerhalb des Triumphbogens zum Stehen kam[80].

Oberhalb des Hauptaltars werden in dem opulenten, zweigeteilten Deckenfresko die Ansprüche sowohl der Zisterzienser als auch ihrer wallfahrenden Schäfchen noch einmal durchgespielt – und hier wird auch der Wunsch nach einer Interzession beantwortet. Im unteren Teil sehen wir, unter einem gemalten Baldachin, der die üppige Rocaillisierung seiner (Kirchen-)Umgebung in wilder Verspieltheit aufnimmt, wie Esther vor ihrem Perserkönig Ahasver kniet, um ihn um Gnade für das jüdische Volk zu bitten. „Dieser neigt sich vom Thron herab seiner Frau zu, berührt sie mit seinem Szepter und hebt damit die Todesstrafe auf.“[81] Typologisch und kompositorisch dieser Szene entsprechend, gliedert sich darüber eine weitere Darstellung an: „In der Mitte über Ahasver thront Christus mit dem Kreuz. In der Rechten hält er ein Bündel Pfeile, das er auf eine nach rechts entfliehende Frauengestalt schleudern will. […] Links über Esther kniet Maria. Sie streckt die Rechte zu Christus empor, mit der Linken weist sie auf eine Gruppe von Zisterziensermönchen mit bittend gefalteten Händen.“[82] Zwei einfache, darüber angemalte Worte bringen das Bitten Mariens auf den Punkt: „Parce“ und „Propter“ – verschone die Menschen, der Zisterzienser wegen! Das auch diese letzte Erwartung des frommen Pilgers, dank des guten Glaubens und Lebens der weißen Mönche und dank der Fürsprache der hier verehrten Mutter Gottes, dem Zorn des Heilands zu entgehen, auf einer Vision fußt, mag hier nur ein Detail sein. Seinerzeit war dem betenden Wilhelm von Clairveaux ein zürnender Christus erschienen, den Maria bat: „Parce, dilecte fili mi! Et si non propter illos saltem propter amicos meo – personas Ordinis Cisterciensis.”[83]

Die Wallfahrtskirche Birnau verknüpft in einer Vielzahl bildlicher Operatoren die Ansprüche der Zisterziensermönche und ihrer Kundschaft. Der wichtigste, in der sonst herausragenden Literaturlage bisher nicht beachtete Punkt zur weiteren Erforschung des reichen Bildraums, den uns das Heiligtum bietet, ist die Tradition der Zisterzienser in der Erscheinung und Ansichtigkeit Mariens: Die Visionsleistung der weißen Mönche und ihrer Besucher ist ein zentraler Punkt im Programm der Birnau und zieht sich vom Langhausfresko über die Altäre bis zur Interzessionsdarstellung über dem Hauptaltar. Die opulenten Schaumechanismen sind dabei wesentlich mehr als ein „theatrum sacrum“; durch einen ständigen Effekt der Auflösung und der Realitätsverschiebung – dies ist vor allem auch den Stuckelementen zuzuschreiben, die traditionell wenig Platz in der wissenschaftlichen Beschreibung finden – fließen Bildraum und Betrachterraum in eins und lassen somit ein visionäres Erlebnis zu. Auch die Architektur trägt hierzu bei, indem sie den Raum nur unauffällig und wenig strukturiert und ihm lediglich eine dynamische Flucht zum Hochaltar einräumt. So ergibt die Wallfahrtskirche Birnau ein wahres Wunder des Rokoko.

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[1] David Ganz: Gottesmutter und Honigschlecker. Klösterlicher Besitzanspruch und kulinarische Seherfahrung in den Wallfahrtskirche Neu-Birnau. In: Ders. (Hg.): Rahmen-Diskurse. Kultbilder im konfessionellen Zeitalter (=KultBild 2). Berlin 2004, S. 174.

[2] Joseph Klein: Der Stern von Birnau. (2. Auflage) Überlingen 1926, S. 3.

[3] Albert Knoepfli: Birnau am Bodensee. Königstein i.T. 1984, S. 2 und 24. Indes ist die Literaturlage zur Birnau übersichtlich, aber fachlich gut: Neben der recht poetisch gehaltenen, in der Beobachtung aber genauen Grundbetrachtung Joseph Kleins sind in den Zwanziger Jahren noch die umfangreiche Bestandsaufnahme von Regierungsbaumeister Hans Möhrle: Die Cistercienser-Propstei Birnau bei Überlingen am Bodensee. Überlingen 1920, und – mit interessanten geschichtlichen Eckdaten und Ausführungen zur Nutzung des Priesterhauses, in der Beschreibung des Kircheninneren aber im stark wertenden Connaisseur-Duktus verankert – Hermann Ginter: Birnau am Bodensee. Augsburg 1928. Weitere Publikationen erschienen in den 1950er Jahren, sind in ihrem „Reiseführercharakter“ aber eher knapp gehalten: Hermann Ginter: Kloster Birnau. Karlsruhe 1949, P.Wilhelm Klimmer: Birnau. Das Barockjuwel am Bodensee. Birnau 1952 (mit guter Ausdeutung des theologischen Gehalts der Deckenfresken), Hugo Schnell: Birnau am Bodensee. Marienwallfahrtskirche. München 1952, Wilhelm Boeck: Birnau am Bodensee. München 1953, Karl Bertsch: Birnau. Ein Fotobuch. Lindau 1954. Immer noch maßgeblich in seinem Versuch, das Bildprogramm der Fresken mit den Kirchweihpredigten abzustimmen: Hermann Bauer: Der Inhalt der Fresken von Birnau. In: Das Münster 14 (1961), S. 324-333. Sämtliche neuere Untersuchungen zeichnen sich durch eine solide Systematik und umfangreiche Beobachtungen aus. In Aufwand und Durchführung äußerst umfangreich, in der Argumentation allerdings etwas trocken ist Ulrich Knapp: Die Wallfahrtskirche Birnau. Planungs- und Baugeschichte. Katalog der Planzeichnungen und Überblick über die Baugeschichte. Friedrichshafen 1989. Eine erneute Ausdeutung der Deckenfresken an den Kirchweihpredigten: Peter Kalchthaler: Maria in Neu-Birnau. Eine spätbarocke Wallfahrtskirche und ihre Ausstattung im Spiegel der Kirchweihpredigten. Die zeitgenössische Auslegung eines barocken Gesamtkunstwerkes. In: Dieter Breuer(Hg.): Religion und Religiosität im Zeitalter des Barock. Wiesbaden 1995, S. 285-295. Besonders interessant im Hinblick auf das mariologische Programm: Stephan Klingen: Von Birnau nach Salem. Der Übergang vom Rokoko zum Klassizismus in Architektur und Dekoration der südwestdeutschen Sakralkunst. Dissertation, Bonn 1999. Außerdem beachtlich ist der Sammelband von Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, mit Beiträgen aus Kunst- und Kulturgeschichte und Texten zum Wallfahrtstum. Ebenfalls zu bemerken sind die passenden Kapitel in Norbert Lieb: Barockkirchen zwischen Donau und Alpen. (Dritte, überarbeitete Auflage) München 1969, S. 128-135, Wilhelm Boeck: Joseph Anton Feuchtmayer. Tübingen 1948, S. 161-195, Ulrich Knapp: Joseph Anton Feuchtmayer. 1696-1770. Konstanz 1996, S. 158-169, und Eduard Isphording: Gottfried Bernhard Göz. 1708-1774. Ein Augsburger Historienmaler des Rokoko und seine Fresken. Weißenhorn 1997, S. 42-49.

[4] Bauer 1961, Kalchthaler 1995, Klingen 1999. Peter Kalchthaler: Die Ikonographie der Wallfahrtskirche Neu-Birnau. Zum theologischen Programm der Ausstattung. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 135-176.

[5] Ganz 2004.

[6] Kassian Lauterer: Birnau und die Reichsabtei Salem. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 17. M. Pachomius Pemsl O.Cist.: Wallfahrt in Birnau. Von ihren Anfängen bis heute. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 62, merkt an, dass der Besuch der kleinen Kapelle bereits mit einem vierzigtägigen Ablass belohnt wurde.

[7] Ebd.

[8] Ganz 2004, S. 176.

[9] Matthias Bisemberger: Maria in Neu-Bürnau, oder: Fortsetzung des gründlich- und wahrhaften Berichts Von Ubersetzung Der Marianischen Wallfahrt zu Bürnau In Schwaben am Bodensee, in das Salmansweilische mit alliglich-hoch-und nideren Gerichten begabte Territorium, Aus Verordnung Ihro Excellenz Des Hochwürden in Gott Herzn, Herzn Anselmi II. […] Dem Publico zur sichern Nachricht samt denen erforderlichen Beylagen im Druck verfertigt. Konstanz 1751, S. 13. Zitiert nach Ganz 2004, S. 176.

[10] Lauterer 2000, S. 19.

[11] Ganz 2004, S. 176.

[12] Lauterer 2000, S. 20.

[13] Ebd. Diese Untersuchung fand allerdings, wie David Ganz (2004) notiert, erst zehn Tage vor der Einweihung der neuen Wallfahrtskirche statt.

[14] Ganz 2004, S. 179.

[15] Der gesamte Absatz folgt hauptsächlich Lauterer 2000, ferner Ganz 2004 und Isphording 1997. Die Vor- und Baugeschichte von Neu-Birnau ist – nicht zuletzt dank des Berichts von Matthias Bisemberger und den umfangreichen und komplett überlieferten Kirchweihpredigten – bestens rekonstruierbar.

[16] Ganz 2004, S. 177.

[17] Dies ist üblicherweise und traditionell die Grabstätte eines Heiligen. Vgl. Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. (2., überarbeitete Auflage) Hamburg 2007, S. 125f.

[18] Lauterer 2000, S. 22.

[19] Ganz 2004, S. 178.

[20] Bisemberger 1751, S. 67-83: Transkription der von Abt Anselm II. vom Kloster Salem am 20. September 1750, dem ersten Tag der Kirchweih der Wallfahrtskirche Neu-Birnau, gehaltenen Jubelpredigt. Auch als Online-Ressource:

http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/LitWiss/KunstWiss/lehre/Links%20Kunstgeschichte/Predigt/predigt.html

[zuletzt eingesehen am 16. September 2009]

[21] Dorothea Ohl: Das architektonische Konzept Peter Thumbss für Neu-Birnau. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 219.

[22] Ebd.

[23] Ganz 2004, S. 184.

[24] Ohl 2000, S. 221.

[25] Eine genaue Beschreibung liefert Ulrich Knapp: Die plastische Ausgestaltung von Neu-Birnau. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 249.

[26] Ebd., S. 219.

[27] Lieb 1969, S. 130.

[28] Ohl 2000, S. 227.

[29] Lauterer 2000, S. 15.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd., S. 16.

[33] Ebd. Vgl. auch Ulrich Knapp: Auf den Spuren der Mönche. Bauliche Zeugen der Zisterzienserabtei Salem zwischen Neckar und Bodensee. Regensburg 2009, S. 21f. und Reinhard Schneider (Hrsg.): Salem. 850 Jahre Reichsabtei und Schloss. Stadler, Konstanz 1984.

[34] Zitiert nach Ohl 2000, S. 227.

[35] Bernhard Schütz: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben 1580-1780. München 2000, S. 150.

[36] Ohl 2000, S. 223.

[37] Knapp 2000, S. 249.

[38] Ebd., S. 224.

[39] Knoepfli 1984, S. 7.

[40] Ursula Brossette: Die Inszenierung des Sakralen. Das theatralische Raum- und Ausstattungsprogramm süddeutscher Barockkirchen in seinem liturgischen und zeremoniellen Kontext. Band 1 (Textband). Weimar 2002, S. 380.

[41] Ebd. und ff.

[42] Ohl 2000, S. 219.

[43] Die Kirche ist, ihrer Lage am Seeufer entsprechend, nicht geostet. Die Angaben der Himmelrichtungen werden der Einfachheit halber – und so geschieht das im Großteil der Forschungsliteratur auch – im gängigen Schema einer geosteten Kirche gehalten.

[44] Beim weiteren Gang durch die Kirche fällt hingegen auf, dass durch das „Wegbrechen“ der Balustrade und das seitlich einfallende Licht der Kapellenfenster ein gewisses „Verschwimmen“ der Raumgrenzen in den Kapellen wahrnehmbar wird. Vgl. Knapp 2000, S. 250ff.

[45] Knapp 2000, S. 250.

[46] Wilfried Koch: Baustilkunde. Das Standardwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart. (24., durgesehene Auflage) Gütersloh/München 2003, S. 471.

[47] Die Deckenfläche ist etwa im Verhältnis 3:2 durch einen Gurtbogen mit einer eingesetzten, stuckverzierten Uhr geteilt, wobei der Besucher das westliche Fresko erst erblicken wird, wenn er sich in der Kirche zum Ausgang wendet. Es zeigt ein Engelskonzert, das sich prunkvoll in Verbindung mit der heute fehlenden Orgel setzte.

[48] Ganz 2004, S. 188.

[49] Ebd.

[50] Ebd.

[51] Lauterer 2000, S. 16.

[52] Vgl. auch Johanna Lanczkowski (Hg.): Erhebe dich, meine Seele. Mystische Texte des Mittelalters. Stuttgart 1988.

[53] Peter Kalchthaler: Die Ikonographie der Wallfahrtskirche Neu-Birnau. Zum theologischen Programm der Ausstattung. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 164.

[54] Ganz 2004, S. 188.

[55] Werner Freitag: Fromme Deutungen der Heilsgeschichte. Wallfahrtsbilder in Mittelalter und Früher Neuzeit. In: Michael Matheus (Hg.): Pilger und Wallfahrtsstätten in Mittelalter und Neuzeit. Stuttgart 1999, S. 59.

[56] Ganz 2004, S. 189.

[57] Ebd.

[58] Vgl. Brossette 2002, S. 380f.

[59] Ganz 2004, S. 208.

[60] Kalchthaler 2000, S. 161.

[61] Vgl. zuletzt Ganz 2004, S. 197ff.

[62] Ganz 2004, S. 199.

[63] Einige ältere Deutungen dieser Figur als Maria müssen deutlich zurückgewiesen werden. David Ganz (2004, S. 199) deutet aber auf die „besondere Zuständigkeit der Birnovia für tote und kranke Kinder“ hin.

[64] Ebd., S. 199.

[65] Kalchthaler 2000, S. 161.

[66] Sie berufen sich auf die Ordensregeln Benedikts, die sie bei den Benediktinern, von denen sie sich abspalteten, als verwässert ansahen und hören auf die Regeln des großen Predigers Bernhard.

[67] Ganz 2004, S. 203ff., Knapp 1996, S. 162, Knoepfli 1984, S. 10ff., Kalchthaler 2000, S. 144ff.

[68] Ganz 2004, S. 204.

[69] Knapp 2000, S. 263.

[70] Lieb 1969, S. 132.

[71] Knapp 2000, S. 263.

[72] Auch hier kann nur wieder auf die bereits erschienen, äußerst umfangreichen Beschreibungen des Chorkuppelfreskos verwiesen werden: Kalchthaler 2000, S. 166ff., Knoepfli 1984, S. 14f., Isphording 1997, S. 47ff.

[73] Kalchthaler 2000, S. 170.

[74] David Ganz weicht bei seiner Lesart des Spiegels wohl deshalb in einen vollkommen anderen und etwas holprig nachzuvollziehenden Diskurs über die Immaculata als „Bildspenderin“ aus. Vgl. Ganz 2004, S. 193ff.

[75] Die dritte Bank rechts eignet sich hierfür. Vgl. Isphording 1997, S. 47.

[76] Brossette 2002, S. 386.

[77] Zur gesamten Argumentationsweise, nach der die Birnau als Prestigeobjekt des Salemer Zisterzienserklosters und im passenden Legitimations- und Ordensdiskurs gelesen werden kann, siehe Ganz 2004.

[78] Zu den verschiedensten Gründen und Motiven, die einen Pilger zur Wallfahrt bewegen konnten, siehe Norbert Ohler: Pilgerstab und Jakobsmuschel. Wallfahrten in Mittelalter und Neuzeit. Düsseldorf und Zürich 2000, S. 61-81.

[79] Den die Birnau auch vorzüglich bedient!

[80] Zur Architektur des Hochaltars und dessen Umbau siehe den sehr guten Aufsatz von Marion Harder-Merkelbach: Der Hochaltar der Wallfahrtskirche Birnau von Joseph Anton Feuchtmayer. In: Bernd Matthias Kremer (Hg.): Barockjuwel am Bodensee. 250 Jahre Wallfahrtskirche Birnau. Lindenberg 2000, S. 291-309.

[81] Kalchthaler 2000, S. 171.

[82] Ebd.

[83] Zitiert nach Kalchthaler 2000, S. 172.

Die Auslassung des Holocaust in ‘The Family of Man’. Eine kurze Revision der postmodernen Kritik.

Zum Seminar “‘Humanistische Fotografie’. Engagierte und sozialdokumentarische Fotografie im 20. Jahrhundert.” bei Prof. Dr. Hubert Locher im Wintersemester 2008/09.

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Als „the whole story of mankind“ bezeichnet ein unbekannter Journalist werbewirksam die Fotoausstellung „The Family of Man” im Philadelphia Inquirer. Das Zitat hat es auf die Rückseite des Ausstellungskataloges[1] geschafft, nicht aber in die Texte der Kritik, wo es – wie hier – eine treffende Funktion als Eröffnungszitat einnehmen könnte. Denn es ist durchaus diskussionswürdig, ob die Ausstellung und ihr Katalog tatsächlich die gesamte Menschheitsgeschichte – und sei es nur in einer übersteigerten Geste – nachzeichnet. Gewiss, die von Steichen kuratierte Bilderzählung beginnt an unserem westlich-kulturellen Nullpunkt, wenn gleich nach der Abbildung eines kosmischen Sternennebels ein geschwungener Wasserlauf die von der aufgehenden Sonne beschienene, trockene Erde teilt, betitelt mit der ersten kulturellen Handlung, der ersten Regung des logos, als „Gott sprach: Es werde Licht“[2]. Sie stellt die Liebe und deren unausweichliche Konsequenzen – das sind Heirat, Schwangerschaft und Geburt – und all die Dinge, die ein Leben bedeuten – Familie, Arbeit, Freizeit, Lernen, Beten, Spiel, Spaß, Krieg und Demokratie – und schließlich den Tod in eine sinnreiche, weil so einfache und so wahre Narration, dass man meinen könnte, man habe alles gesehen, was es über ein Menschenleben zu zeigen gibt. Roland Barthes sprachlich knappe und feinsinnige Kritik an der „großen Familie des Menschen“ setzt hier an, wenn er erklärt, dass es buchstäblich nichts lehrt, die Geburt oder den Tod (ästhetisch) zu reproduzieren und in ihrem „eternal lyricsm“ zu feiern[3]. Was Barthes fehlt, sind applizierte Fragefelder, die uns helfen könnten, die abgebildete „Natürlichkeit“ kritisieren zu können. Hiernach hat die Kritik umfangreich gefragt und es gibt wohl kaum einen Aufsatz über Steichens Ausstellung, der nicht – wie hier – mit einem Verweis auf Barthes‘ kurze Lesart beginnen würde[4].

Hier soll aber nun nicht – und es wird implizit die Legitimität eines solchen Verfahrens geprüft werden – nach dem gefragt werden, was wir in der Ausstellung und ihrem Katalog sehen können, sondern nach dem, was von der postmodernen Kritik als „verleugnete“[5] oder „verdrängte“[6] Bilder betitelt wurde. Es ist leicht zu bemerken, dass in der low-budget-Variante des Ausstellungskatalogs, die seinerzeit für einen Dollar zu erwerben war, lediglich eine Doppelseite mit zwei Fotografien – eines davon aus dem Stroop-Bericht über die Zerstörung des Warschauer Ghettos, also aus der Perspektive und der Kamera eines Nazis fotografiert, das andere eine in Israel aufgenommene „universelle Geste“ – auf die, bildimmanent nicht festzumachenden, Grauen des Holocaust hinweist[7]. Der Unsichtbarkeit und Unsagbarkeit dieses Grauens in der Ausstellung, trotz umfangreichem Fotomaterial (auch) aus amerikanischen Quellen, soll in diesem Aufsatz nachgegangen werden. Ich verfolge dabei formal einen klassischen Aufbau: Zunächst sollen die Argumente der postmodernen Kritik, das ist hier – in einer gewissen Stellvertreterposition für die anderen im Trierer Tagungsband vertretenen Stimmen – Viktoria Schmidt-Linsenhoff, nachgezeichnet werden. Dem gegenüber- bzw. nachgestellt werden einige Theorien über Bildlichkeit, Nichtbildlichkeit und Abbildung der Shoa diskutiert. In einem Fazit sollen die Positionen verglichen und auf Steichens Ausstellungskonzept angewandt werden.

Wessen Trauma und welche Verleugnung?

Viktoria Schmidt-Linsenhoff unterzieht in „Verleugnete Bilder. The Family of Man und die Shoa“ die Fotoausstellung einer umfassenden Kritik und ordnet sie – einige Gedanken aus ihrem Vorgängeraufsatz[8] aufgreifend – in einen Traumadiskurs ein, der davon ausgeht, dass gerade das Nicht-Gezeigte – namentlich der Völkermord an sechs Millionen Menschen – den Kern der Ausstellung ausmacht.

Auch sie beginnt ihre Argumentation mit einem Rückgriff auf Roland Barthes Ausführungen, die sie kurz in ihrer Kernaussage – „Edward Steichens Mystifikation von Natur […] als […] betrügerische Naturalisierung des Sozialen“[9] – aufgreift, ihr aber vorwirft, den „unbewußten Subtext“[10] der Fotografie zu verfehlen. Dieser Subtext soll sich, laut der Autorin, offenbaren, wenn man die Family of Man nicht wie Barthes als „bedeutungslos-leere Signifikantenkette“, sondern als „historische Schrift“ liest, „die von dem Weiterleben nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz handelt“[11]. Weiter geht ihre Grundannahme davon aus, dass die Ausstellung in eine „‘Ordnung des Wissens‘[12] um die Shoa“[13] angeordnet ist. Die „zentrale Deutungsmetapher der universalen ‚Menschheitsfamilie‘“ dient als Antwort auf „die Fragen, die ‚Auschwitz als Zivilisationsbruch‘ aufwirft, ohne sie explizit stellen zu müssen, widerlegt […] die Schreckensbilder aus den befreiten Konzentrationslagern, ohne sie zu zeigen“ [14]. Als eben jenen unbewussten Subtext, den Barthes „verfehlt“ haben soll, liest Schmidt-Linsenhoff die These „Es wird sich nicht wiederholen, weil es nicht wirklich stattgefunden hat.“[15] Nach diesen Annahmen muss die These der Autorin also lauten, dass die Ausstellung etwas zeigt – oder als Symptom für etwas gelesen werden kann – das materiell, bzw. bildförmig nicht anwesend ist: „Diese paradoxe Reaktion auf eine historische Erfahrung, deren Realität das erinnernde Geschichtsbewusstsein leugnet, verweist auf die psychischen Mechanismen des Traumas.“[16] Um diese Aussage universal anwendbar und nachvollziehbar zu machen, rekurriert Schmidt-Linsenhoff auf den Historiker Dan Diner und führt mit ihm aus, dass „nicht nur Opfer und Täter der nationalsozialistischen ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ traumatisiert wurden, sondern auch deren Zeugen“[17]. Als Zeugen verstehen sie dann auch die gesamte Öffentlichkeit hinter den Alliierten, die nach Kriegsende vom Ausmaß der Vernichtung erfuhr. Der Holocaust, also dass „Menschen der bloßen Vernichtung wegen vernichtet werden konnten“, wird von Dan Diner als „universelles Menschheitsproblem“ gesehen, das die „traumatisierenden Effekte“ eines „Zivilisationsbruchs“ nach sich ziehen muss[18] . Die Symptome dieses Traumas sieht Schmidt-Linsenhoff in der „visuellen Heftigkeit ihres Dementis“: „Das Konstrukt einer globalen ‚Menschheitsfamilie‘, deren Leiden sinnvoll in den ewigen Kreislauf der Natur eingebunden sind, gibt vor, ein beschädigtes humanistisches Menschenbild zu re-konstruieren“[19]. Diese kritische Lesart mag teilweise richtig sein: Steichens Parallelisierung des Menschenlebens mit dem beruhigenden Kreislauf der Natur wurde bereits von mehreren Autoren angesprochen. Die Absicht einer „Re-Konstruktion“ hingegen lässt sich schwerlich beweisen. Wenn Steichens Konzeption denn eine adamitische Naturhistorie (Barthes) als Metanarration für seine Ausstellung voraussetzt, kann man das Bedürfnis einer Wieder-Zusammensetzung einer zerstörten Lebensauffassung nur dann annehmen, wenn man gleichzeitig das psychologische Trauma einer Gesellschaft als unsichtbares, aber evidentes Faktum postuliert. Oder einfacher gesagt: Wir müssen der Autorin zunächst einfach glauben, dass es das „traumatisierte Subjekt […], das weder den unerträglichen Verlust anerkennen kann, noch die Tatsache, dass es den Verlust von etwas betrauert, was es nie besessen hat“[20], überhaupt gibt.

Schmidt-Linsenhoff lässt uns glücklicherweise nicht ganz allein damit, die Leerstellen – i.e. die angenommenen Auslassungen – in der Ausstellung zu finden. Tatsächlich gab es nach dem Krieg nicht nur einen umfangreichen „Korpus von Fotografien, die vor und nach der Öffnung der Konzentrationslager entstanden“, sondern auch einen gewissen „Kanon von ‚Ikonen der Vernichtung‘, die über die großen Bildagenturen im Frühjahr 1945 ein breites Massenpublikum erreichten“ [21]. „Ikonen der Vernichtung“ ist dabei ein Schlagwort aus dem Titel von Cornelia Brinks Dissertation zum „Öffentlichen Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern“[22]; Im Gegensatz zu Schmidt-Linsenhoff sieht  Brink im Gebrauch der Fotografien aber eher ein zwingendes Scheitern[23] denn das Hinterlassen einer „Dauerspur im sozialen Bildgedächtnis“[24]. Dass Edward Steichen die von amerikanischen Kriegsfotografen – u.a. Margaret Bourke-White und Lee Miller – geschossenen Bilder aus Buchenwald und Bergen-Belsen gekannt haben muss, wird selbst dem kritischsten Exegeten einleuchtend erscheinen, auch ohne die Ausführung der Autorin, dass diese in den selben Archiven zu finden waren wie der Großteil der schließlich für die Ausstellung genutzten Fotografien. Dass Steichen „positive Gegenbilder“[25] zu den Holocaustfotografien gewählt hat – das sind „Fotografien der Nubas in archaischer Nacktheit und paradiesischer Unschuld […], ethnografische Aufnahmen asiatischer Spiritualität in Korea […][und ein] niedliches Kleinkind“[26] – erscheint mir als Argument aber unschlüssig. Wenn wir mit der Autorin „die schockierenden Aufnahmen von Leichenbergen und Überlebenden hinter Stacheldraht, die sich kaum von den Toten unterscheiden […] als visuelle Symbole einer Zivilisations- und Menschheitskatastrophe [lesen], deren Ausmaß das Fassungsvermögen der Betrachter“ übersteigt[27], kann man kaum davon ausgehen, dass die Fotografie eines „niedlichen Kleinkinds“ auch nur annähernd als Gegenentwurf zu einem so grauenhaften Bildsystem gelesen werden kann. Die Autorin will aber wohl darauf hinaus, dass der von ihr postulierte Traumadiskurs auf vollkommen divergente Bildkaskaden ausweicht, weil die „Schreckensbilder“ nicht „in den Bildhaushalt einer verbal vermittelten Erinnerung integriert werden konnten“[28]. Auch in diesem Fall erscheint ihre Argumentation unschlüssig bzw. widersprüchlich. Traumaopfer neigen üblicherweise dazu, das traumatisierende Erlebnis in einer „Deckerinnerung“, d.h. auf einer anderen Ebene, zu wiederholen, statt es vollkommen auszublenden bzw. durch vollkommen gegensätzliche Bilder/Erinnerungen/Aktionen zu ersetzen[29].

Ebenso widersprüchlich erscheint der folgende Absatz, in dem die Autorin die nicht ausgelassenen, sondern eben in Ausstellung und Katalog existenten Bilder der Shoa analysiert und in ihre Argumentation einordnet. Sie geht dabei von den schon in der Einleitung erwähnten Fotografien aus dem Stroop-Bericht und dem von Anna Riwkin-Brick aufgenommenen Bild einer „dunkel gekleideten Frau mit schwarzem Haar, den Arm in einer Gebärde der Anklage und Klage erhoben“[30], das mit der Bildunterschrift in „Israel“ lokalisiert wird. Schmidt-Linsenhoff geht zwar auf das zwischen den Fotografien verankerte Zitat von George Sand ein, „das ist Fähigkeit zum identifikatorischen Mitleiden und zur Empörung als eine der ‚leidenschaftlichsten Formen der Liebe‘ rühmt“, verpasst es aber, die für ihre Argumentationsweise geradezu einladende, typographische Inszenierung des Textes im Katalog zu erwähnen. Die Trennung der Doppelseite schneidet den Ausspruch in zwei Hälften, von denen die vordere lautet: „We must not dissimulate nor try to forget this“ – nahezu ein clavis interpretandi im Sinne einer Lesart der „verleugneten Bilder“.

Schmidt-Linsenhoff übt sich hier an einer Interpretation einer „verbindenen“ Geste auf den Fotografien, den erhobenen Händen. Mit ihren Worten verbindet diese Geste die Bilder zu einer „rhetorischen Figur, die die Shoa als ‚Martyrium und Heldentum‘ zukunftsoptimistisch umdeutet […][und] auf den Heroismus des jüdischen Widerstands“ hinweist[31]. Weiter schreibt die Autorin, dass sich die Geste der israelischen Frau als triumphierende Überwindung des Leidens im Warschauer Ghetto deuten lässt und demselben „den Sinn und die Würde eines nationales Gründungsopfers verleiht“, dass die Frauen und Kinder durch ihre erhobenen Hände „als ehrenvoll besiegte Soldaten […] deren Menschenwürde auch in der Niederlage intakt geblieben ist“ gezeigt werden[32]. Schmidt-Linsenhoff bleibt uns aber eine Erklärung oder eine genauere Analyse der Gestik schuldig und verbleibt lediglich mit einem vagen Hinweis „auf die Funktion des Topos ‚Martyrium und Heldentum‘ in der jüdischen und israelitischen Erinnerungskultur“ um auf „die Funktion hinzuweisen, den diese rhetorische Figur als bedeutungsproduzierender Referent im tautologischen Diskurs der Menschlichkeit in der Ausstellung The Family of Man hat.“[33] Schmidt-Linsenhoffs Behauptung, Edward Steichen hätte mit dieser Bildanordnung eine Positivierung des „Zivilisationsbruchs Auschwitz“ erschaffen[34], erscheint auf geradezu tragische Weise wesentlich zynischer, als es der Autorin zuzutrauen ist, wenn man den ambivalenten Status der Bilder aus dem Stroop-Bericht beachtet, den diese in ihrer Eigenschaft als Täterfotografien erhalten.

Bevor Schmidt-Linsenhoff nun auf ihr Hauptanliegen, „die kulturelle Produktivität eines Traumas, das aus der Latenz von verleugneten Bildern eine fotografische Meistererzählung hervortreibt, deren Motivik, Erzählstruktur und Perspektivität von dem Bezug auf das Unausgesprochene und Nicht-Repräsentierte geprägt ist“, zu sprechen kommt, erwähnt sie kurz die möglichen politischen Implikationen der „verharmlosenden und marginalisierenden Repräsentation der nationalsozialistischen ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘“[35]. Für sie steht es „außer Frage, dass […] [dafür ein] Propaganda-Kalkül ausschlaggebend“ war, dass „eines der vorrangigen Propaganda-Interessen des United State Information Service, der die weltweiten Tourneen der Ausstellung finanzierte, die in Berlin begann, […] die moralische Rehabilitierung der Deutschen, die rhetorisch von den größten Verbrechern der Menschheitsgeschichte in ehrenwerte Bündnispartner der USA im Kalten Krieg verwandelt werden mussten“ war[36]. Ich sehe diesen sehr kurzen Exkurs, der – seine Wahr- oder Unwahrheit mal außen vor gelassen – nicht mit Quellen belegt wird, als rhetorischen „Trick“ an, der die Zuhörer[37] in scheinbarer historischer Verlässlichkeit wiegt, bevor die Autorin im selben Atemzug ein wesentlich weniger sicheres Gebiet, namentlich die Psychologie und psychologische Literatur- und Bildtheorie, betritt. Ob sie den „in den letzten Jahren intensiv diskutierten Begriff des ‚Traumas‘“[38] differenziert einführt, darf hier bezweifelt werden. Die vage Definition des Traumas „als ein Deutungsmuster, das uns Zugang zu den Archiven des Unbewussten bietet“ wird auch nicht zwingender, wenn Schmidt-Linsenhoff „davon aus[geht], dass das visuelle Archiv des Unbewussten Erinnertes und Vergessenes nicht nur speichert […], sondern dass Bilder die Erinnerungsspur als etwas Leibliches inkorporieren, das in der nachträglichen Betrachtung wieder erfahrbar wird“[39]. Diese Aussage lässt sich in zwei Deutungsrichtungen aufspalten: Entweder die Autorin bezieht sich auf die physikalische „Spezifik des fotografischen Bildes als Index körperlicher Präsenz“[40], was letztlich nicht mehr anzeigt, als dass die chemische Reaktion auf der Fotoplatte tatsächlich einen physisch-kausalen Zusammenhang zwischen dem Körperlichen vor der Kamera zum Unkörperlichen des Bildes schafft – was nahezu als Binsenweisheit der Semiotik bezeichnet werden kann –, oder sie geht von einer „metaphysischen“ Erinnerungsspur aus, die sich als arbiträre bildliche Äußerung, im Sinne Lacans also entweder als Metapher oder Metonymie, in den Fotografien niederschlägt. Wie dem auch sei – die Autorin trägt nicht zur Klärung dieser Frage bei –, die Foto-Ausstellung bekommt in diesem Diskurs eine Sonderstellung als „Übergangszone zwischen der Symptombildung des Traumas und seiner Auflösung durch Wiederholung“ zugewiesen[41]. In ihrer Analyse des Ausstellungsdispositivs bemerkt Schmidt-Linsenhoff die ungerahmten, teils schwebend installierten Fotografien und auch die bildmetaphorische Sprache als „körperlich-sinnliche Erfahrung des Fließens“[42], in dem „kulturelle Unterschiede zu einem irrelevanten Oberflächenphänomen“ entwertet werden, was es erlaubt, „die Vernichtung der jüdischen Kulturen in Europa als ‚Einzelschicksal‘ eines Familienmitglieds zu deuten, das den ‚Strom des Lebens unbekümmert‘ lässt“[43]. Für Schmidt-Linsenhoff spricht nicht nur die Erzeugung eines „beruhigenden, mütterlichen, vorsprachlichen Gemurmel[s], das nicht nur die den männlichen Familienmitgliedern zugefügten Blessuren und die Frakturen der Moderne vergessen macht, sondern die Unverletzbarkeit von individueller und kollektiver Identität noch in Anonymisierung und Regression behauptet“[44] für eine traumatische Störung, sondern auch „die starke Autorenposition, die Edward Steichen als Künstler-Kurator einnimmt“[45]. Seine Umdeutung der human interest photography in eine Metanarration über humanistische Grundfragen im Zeichen einer Naturhistorie – und dies mit „biblischer Wucht“[46] – wurde bereits häufig diskutiert. Weshalb „diese systematische Inversion des Partikularen ins Universale, des Profanen ins Sakrale, des optischen Zufalls in einen göttlichen Schöpfungsplan […] deutlich auf den Schrecken [verweist], den die sinnlose Vernichtung von Leben ‚um der bloßen Vernichtung willen‘ ausgelöst hatte“[47] wird dem psychologisch nicht vorgebildeten Leser aber unklar bleiben.

Viktoria Schmidt-Linsenhoffs Versuch, die Family of Man als „traumatisch verschlüsselte Repräsentation eines Zivilisationsbruchs“ zu lesen, scheitert trotz einiger sinnreicher Argumente über Dispositiv und Auslassung „wichtiger“ Holocaustfotografien am selbst gesetzten Anspruch, die Ausstellung und vor allem auch Steichens Autorschaft in ein psychologisch kodiertes Deutungsmuster einzuordnen. Trotz der gebotenen Knappheit eines Vortragstextes bleiben ihre Ausführungen ohne eine solide Einführung des Traumabegriffs vage und wirken – gerade bei der gestischen Analyse der Stroop-Berichts-Fotografien – nahezu absurd. Zentrale Fragen, namentlich welche Bilder verleugnet und warum sie nicht gezeigt werden und wessen Trauma für die Form der Ausstellung letztlich verantwortlich, bzw. für wessen Trauma sie Symptom ist, bleiben unbeantwortet oder werden in eine Unentscheidbarkeit aufgelöst. So argumentiert Schmidt-Linsenhoff zunächst noch für ein globales Trauma, dass die gesamte alliierte Öffentlichkeit getroffen hat, um später die starke Autorschaft Steichens als Zeichen für einen individuellen(?) Traumadiskurs zu deuten.

Die Darstellbarkeit des Holocaust

Es wurde bereits angesprochen, dass es einen umfangreichen Korpus an Fotografien von und aus den Konzentrationslagern gibt und dass Steichen diese Bilder gekannt haben muss. Weshalb hat er sie nicht in seine Ausstellung eingefügt? Und sind die Bilder aus dem Stroop-Bericht ein „angemessener“ Ersatz?

Wenn wir – wie hier – diskursiv über die Grenzen der Repräsentation des Holocaust schreiben, müssen wir dabei nicht nur bedenken, dass „jede Form gestalteter Erinnerung immer schon Interpretation bedeutet“[48], sondern dass die Fotografie desselben stets und mindestens doppelt kodiert ist: Einerseits haben wir die bereits angesprochene, indexikalische Funktion, die nach Charles Sanders Peirce das Bild mit seinem referentiellen Objekt auf eine materielle, physisch-kausale Weise verbindet. In diesem Sinne können die frühen Bilder der Konzentrationslager als „Spur des Realen“ bezeichnet werden, die die unwiderlegbare Zeugenschaft einer grausamen Wahrheit einnehmen. Andererseits – und dies mag der schnellen „Verengung“ des Holocaust-Bildkanons geschuldet sein – kann einigen der Bilder ein ikonischer Status zugeordnet werden. „Icons have qualities that ‘resemble’ but do not duplicate or match the objects they represent. As opposed to the indexical, iconic signs often express an aura of timelessness and a lack of spatial specificity. They claim implicitly to tell the whole story.”[49] Entsprechend müssen Holocaustfotografien auf mehreren Ebenen gelesen werden und ein Maximum an möglichen Lesarten postuliert werden. Ein weiteres Problem sind die Bildmengen, die nicht eindeutig den Kriegsfotografen der Alliierten zuzuschreiben bzw. als Täterfotografien auszuweisen sind. Wenn wir heute Fotos betrachten, die eindeutig aus der Kamera eines Mitglieds der Wehrmacht, der SS oder der Waffen-SS gemacht wurden, macht uns das zu Komplizen eines spezifischen Blickpunktes?[50] Diese Fragen werfen die Fotografien aus dem Warschauer Ghetto, wie sie aus dem Stroop-Report in die Ausstellung Family of Man übernommen wurden, auf. Gerade weil die Fotos keinen offensichtlichen Horror, kein deutlich ausgeführtes Grauen zeigen, bekommen sie in der Diskussion einen ambivalenten Status. Brad Prager stellt in einem Aufsatz über Täterfotografien, in dem er das literarische Werk W.G. Sebalds als Aufhänger und Hauptbeispiel herbeizieht, die Vermutung auf, dass der Betrachter die Macht des Bildes fürchten könne, ihn in die Position des Täters zu rücken[51]. „[These] Photographs […] present victims who were shot by the camera not long before they were shot and killed, and though these are not the same thing, the two actions cannot be so readily disjoined”[52]. Während bei manchem Gebrauch der Täterfotografien, d.i. vor allem in historischen Werken mit einem gewissen „pädagogischen“ Ansatz, und entsprechender paratextueller Ausweisung des Ursprungs der Bilder deren Einsatz gerechtfertigt erscheint, ist dies in Steichens Ausstellung kaum gegeben. Wie bereits erwähnt, erfolgte Steichens Auswahl und Hängung der Bilder aus einer starken Autorschaftsposition heraus, die künstlerische Handschriften von vornherein verbot. Unter dieser Voraussetzung kann man die Verwendung der Fotografien aus dem Stroop-Report auf zweierlei Weise beurteilen. Einerseits scheint es – bei einer global fehlenden Bildautorschaft – egal zu sein, wer das Bild im Warschauer Ghetto geschossen hat. Das Publikum kann die Bilder betrachten und sieht ein mehr oder minder unspezifisches Unrecht, das an der Ghettobevölkerung begangen wird. Der unmittelbare Tod ist – wie Viktoria Schmidt-Linsenhoff bereits bemerkte – nicht Teil der innerbildlichen Diegesis. Andererseits – und dies scheint mir evidenter – haben sich die Fotografien aus dem Stroop-Bericht, vor allem das Bild des kleinen Jungen mit den erhobenen Händen („The poster child for the holocaust“[53]), zwar bereits in den Holocaust-Kanon eingebrannt, werden in der Ausstellung aber nicht ausreichend genug erklärt, um ihr gewalt-tätiges Potential auszuweisen. Die Fotografien, so Marianne Hirsch, wurden von den Nazis bereits als integraler Bestandteil ihrer Zerstörungsmaschinerie eingesetzt:

„As we look at the photographic images, we hope nothing less than to undo the very progress of time. But in the context of the ‘total death’ of Nazi genocide and its destruction not only of individuals but also of an entire culture, such an act of undoing seems doomed and the photograph’s finality utterly, hopelessly irrevocable. No retrospective irony can redeem or humanize the images produced in the context of Nazi genocide. These images can signify nothing less than the lethal intent that caused them and that they helped to carry out.”[54]

In diesem Bewusstsein baut sich das Spannungsfeld auf, in dem die Family of Man den Holocaust repräsentiert. Die von Schmidt-Linsenhoff kritisierte Darstellung jüdischer Schulen in Osteuropa, die in Steichens Konzept der „Kontinuitätssicherung von Geschichte durch Naturalisierung“ so präsentiert wurden, „als ob die jüdische Kultur in Osteuropa nicht vernichtet sei“[55] trifft auf die Ghettofotografien, die ein Ausbleiben der Vernichtung zwar denkbar (weil kein integraler Bildbestandteil), letztlich historisch aber unmöglich machen. Die Ausstellung setzt, subtil oder zufällig, zwei Grundannahmen zur Darstellung des Holocaust voraus:

„Zum einen handelt es sich um die Singularität des Holocaust als eines historischen Ereignisses, das in seinen schrecklichen Ausmaßen einzigartig in der Geschichte der Menschheit ist und als solches erinnert werden muss. Zum anderen wird von der Undarstellbarkeit dieses Ereignisses ausgegangen, an der jeder Versuch, den Holocaust als ‚innere Erfahrung‘ und in seiner Bedeutung als ‚kulturellen Bruch‘ vorzustellen und zu verstehen, unangemessen ist und scheitern muss.“[56]

Der Medienwissenschaftler Joachim Paech geht von einem ähnlichen Startpunkt wie Viktoria Schmidt-Linsenhoff aus, wenn er „die Bilder und Diskurse des Holocaust [...] [als] Orte ent/setzter Erinnerung“ ausweist, „Orte an denen sich das Erinnerte nur verschoben, vermittelt, medialisiert festmachen“ lässt[57]. Auch er geht von einer traumatischen Erfahrung der Shoah aus – nicht ohne den Begriff mit Verweisen auf Freud und Lacan eingeführt zu haben –, sieht aber nicht das Fehlen und „Verleugnen“ von Bildern als Symptom, sondern die Bilder selbst als „Teil einer ‚Kultur der Erinnerung‘, die von den modernen Massenmedien geprägt ist und in der die Bilder und Diskurse dennoch für das Unsagbare und das Unvorstellbare einstehen müssen“.[58] Nicht die Bilder sind, sondern eben die analytische Suche „nach Leerstellen, Lücken, dem Undarstellbaren“ ist „selbst symptomatisch für die [Erinnerungs]Kultur, in der sie operier[t]“[59]. Das Problem ist also nicht der fehlende „Zugang zur authentischen Erfahrung des traumatischen Ereignisses als Referenz“, sondern der Umgang mit den Bildern als Ersatz für die unzugängliche Erinnerungsstelle[60].

Psychologisch kann das Trauma als „Wunde ohne Gedächtnis“ bezeichnet werden, „Traumatisierungen schließen das Wissen vom Trauma aus und inszenieren zugleich den Kampf gegen die Erinnerung als ‚inneren Feind‘, dessen Bestandteil die Wiederholung der traumatisierenden Ereignisse ist, ohne dass es zu einer Aufarbeitung oder Bewältigung kommen kann“[61]. Solche Leerstellen sind in einer massenmedial geprägten Kultur nahezu unvorstellbar. Sie werden durch eine „Hypertrophie von Bildern“ verdrängt, die unmittelbar die Stelle einnehmen, „die von der traumatischen Erfahrung nicht mit Erinnerungen besetzt werden kann“[62]. Die Fotografie scheint indes besonders geeignet, die Leerstellen zu füllen. Cornelia Brink beschreibt die Aktionen der alliierten Kriegsfotografen mit einem Zitat von Margaret Bourke-White, die das Grauen der Konzentrationslager minutiös auf Film festhalten musste, um überhaupt an das „unbeschreiblich gräßliche Bild“ vor ihr glauben zu können. Der Akt des Fotografierens erlaubte es vielen Soldaten „hinzuschauen und doch auf Distanz zu dem Grauen zu gehen“[63]. Warum hat Steichen diese Bilder nicht in seiner Ausstellung genutzt? Es mag an der bereits erwähnten ontologisch-indexikalischen Affirmativität der Fotografie liegen. Eine Fotografie kann nur zeigen, was auf ihr sichtbar gemacht wurde und sich dessen nicht zugunsten eines unsichtbaren Faktums verschließen, „das gerade durch die Sichtbarkeit der fotografischen Abbildung verdeckt ist“[64]:

„Die fotografische Erinnerung an den Holocaust ist immer wieder an die Grenzen ihrer Abbildungen gestoßen, an das Bild als Ausschnitt und Affirmation, Grenzen, die sowohl hinsichtlich des Monströsen des Ereignisses als auch hinsichtlich des ‚inneren Erlebens‘ als unzugängliche Innenseite des Faktischen des Holocaust transzendiert werden müssten.“[65]

Fotografien des Holocaust müssen also als Erinnerungsappell an etwas „abwesend Reales“[66] – und vor allem Partikulär-Historisches – gelesen werden; Eine Referenzstrategie, die der Family of Man scheinbar fremd ist. Die ästhetisierte Bildflut von Steichens Ausstellung ist, „losgelöst von jeglicher Verankerung in einer […] historischen Wirklichkeit“[67] nicht geeignet, diese Erinnerungsleistung zu provozieren. Dies ist in dieser Form auch nicht nötig. Wenn Steichen „unter möglichst vielen Menschen eine Grundwelle der Ablehnung von Krieg und Gewalt erzeugen“ wollte[68], erreichte er das mit seiner adamtischen Metanarration besser als mit Bildern von Kampf und Gewalt. Durch seine Kriegsausstellungen kam er zu dem Schluss, dass die Menschen von derlei Bildern zwar kurzzeitig berührt, aber nicht motiviert wurden, sich eigene Gedanken über und gegen den Krieg zu machen[69]. Roland Barthes hat in seinem Aufsatz über sogenannte „Schockphotos“ dieselben Bemerkungen auf eine theoretische Basis gestellt. Der Betrachter ist solchen Bildern gegenüber von Vornherein seiner Urteilskraft beraubt, weil „das Grauenvolle, das die Bilder darböten, […] fast immer überkonstruiert [sei]“[70]: „Man hat für uns gezittert, hat für uns nachgedacht, hat an unserer Statt geurteilt. Der Photograph hat uns nichts weiter gelassen als das Recht der geistigen Zustimmung. […] [Die] Tatsache, dass es [das Schockphoto] in Form gebracht ist, dispensiert uns davon, das Bild in seiner Ungewöhnlichkeit aufzunehmen. [Es] desorganisiert uns nicht.“[71] Die Bilder des Holocaust haben eine ähnliche Spezifik:

„Beginning with the first wave of these photos – and as they have circulated ever since, almost always repeating the same spotty and erroneous information – viewers have regarded these images as a means of bearing witness to a horror, but to an extremely vague horror about which trying to gain accurate knowledge seems, or is made to seem, trivial if not altogether superfluous, or even obscene.”[72]

Dies hat vor allem mit der ethischen Position zu tun, in der die Shoah verhandelt wird. Die Vorstellung des Holocaust als eine untilgbaren Katastrophe, ein hermeneutischer Bruch, macht ihn diskursiv ebenso undenkbar. Die Undenkbarkeit, die hier in eine Unmöglichkeit des Wissens über den Holocaust mündet, entlädt die Bilder von ihrem indexikalischen Informationsgehalt und ersetzt diesen durch eine ikonische Zeugenschaft ungesagten Grauens[73].

Fazit

Hat Edward Steichen also richtig gehandelt, als er die Shoah mit nur wenigen, erst durch Erinnerungswerte auszudeutenden, in der Rezeption also vielleicht doch einer aktiven Rezeptionsleistung unterworfenen, Fotografien repräsentierte? Nach Abigail Solomon-Godeau besitzen alle Fotografien in der Ausstellung eine gewissen Uneindeutigkeit: „Lektion eins von The Family of Man ist […] eine weitere Demonstration der unendlichen Dehnbarkeit fotografischer Bedeutung, einer Dehnbarkeit, die Steichen meisterhaft orchestrierte, um den beruhigenden Humanismus der Ausstellung herzustellen“[74]. Bereits in meinem Referat habe ich einige Asymmetrien herausgearbeitet, die etwaige Subtexte der Ausstellung, deren amerikanisch-hegemoniale Haltung, zeigen könnten[75]. Unbestritten mag es auch sein, dass die Family of Man „explizit ideologischen Koordinaten“ folgt, die in einem „überdeterminierten Akt der Erkenntnis“ ufern („That’s obvious! That’s right! That’s true!“)[76], ohne ihre Karten allzu offensichtlich auf den Tisch zu legen. In der Ausstellung gibt es dann aber doch jene Fotografien, die für den Betrachter – sei er zeitgenössisch oder ein heutiger Besucher auf Schloß Clairveaux – keinerlei Anschlussmöglichkeiten aus dem eigenen Leben, noch Möglichkeiten zu etwaigen Interpretationen liefern, sondern ausschließlich historisch verstanden werden können: Das sind die Bilder aus dem Stroop-Report. Deshalb ist Viktoria Schmidt-Linsenhoff auch nicht zuzustimmen, wenn sie von „verleugneten Bildern“ spricht und die Ghettofotografien als „zukunftsoptimistisch umgedeutet“ analysiert. Diese Bilder haben einerseits einen ikonischen Wert, der ihre hermeneutische Zuordenbarkeit garantiert, andererseits sind sie (noch) in der Lage, indexikalische Informationen zu transportieren. Auch setzen sich die Bilder durch ihre Faktur deutlich von den sie umgebenden Fotografien ab. Die Bilder des Stroop-Report treten durch ihre Unschärfe, durch Kratzer und Brüche auf ihrem Material aus den sie umgebenden, makellosen und schönen Bildkaskaden der großen Menschheitsfamilie hervor. Dies mag auch der Grund sein, weshalb sich Steichen gegen die Bilder der großen Kriegsfotografen Bourke-White und Miller entschied. Der Bruch, den wir mit „Auschwitz“ denken, findet so seinen geradezu körperlichen Eingang in Steichens sonst hochglänzende Foto-Welt. Es ist nahezu undenkbar, dass diese Fotografien im „beruhigenden […] Gemurmel“ des „mäandernden Bildstroms“[77] untergehen und ihre Signifikanz vom Betrachter unbemerkt bleibt. Dabei liefern die Bilder keine vorgefertigten Antworten. Sie sagen nichts über die Grauen des Holocaust aus, regen in der unvermeidlichen Rezeption aber zum Nachdenken an: „To know one must imagine. We must try to imagine the hell that Auschwitz was in summer 1944.”[78]

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[1] Edward Steichen (Ed.): The Family of Man. New York 1955.

[2] Ebd.

[3] Roland Barthes: The Great Family of Man. In: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004, S. 276.

[4] Die (kritische) Literaturlage zur Ausstellung ist indes überschaubar: Nach wenigen heute noch interessanten – dies ist natürlich eine Frage des Forschungsblickpunktes – zeitgenössischen Artikeln (Francois Le Gallois: Fotografie als Aussage. Zur Fotoausstellung ‚Die große Familie der Menschen‘ im Pariser Museum der Modernen Künste. In: Die Fotografie. Monatsschrift für gestaltende und dokumentarische Fotografie. 10. Jg., Nr. 5, Halle/Saale 1956, S. 124-129; H. Starke: Das Menschenleben in 305 Photos. In: Photo-Presse. Fachzeitschrift für das gesamte Lichtbildwesen für Handel und Industrie. 10. Jg., Nr. 43, Hann.Münden 1955, S. 3-4) beginnt sich die Forschung erst in den 1980er Jahren mit der Ausstellung auseinanderzusetzen, zunächst auf politische Fragen bezogen: Wolfgang Kemp: Kulturpolitische Aspekte der Ausstellung „The Family of Man“. In: DGPh intern. Information und Kommentare für Mitglieder der DGPh, Nr. 2, Köln 1984, S. 88-91; Claudia Gabriele Philipp: Die Ausstellung „The Family of Man“ (1955). Photographie als Weltsprache. In: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, 7. Jg., Heft 23, 1987, S. 45-62. In den 1990ern – parallel zur stationären Verankerung der Ausstellung auf Schloß Clairveaux – veröffentlichen Eric Sandeen: Picturing an Exhibition. The Family of Man and 1950s America. Albuquerque 1995, und John Szarkowski: „The Family of Man“. In: John Elderfield (Ed.): The Museum of Modern Art at Mid-Century. At Home and Abroad. New York 1994, S. 12-37. Ein nicht zu unterschätzender – deutscher – Zwischenruf gelang Viktoria Schmidt-Linsenhoff: Die Banalität des Guten. Zur fotografischen Re-Konstruktion der Menschlichkeit in der Ausstellung „The Family of Man“. In: Wiener Jahrbuch für Jüdische Geschichte, Kultur und Museumswesen, hg. v. Jüdischen Museum der Stadt Wien, Bd. 3, Wien/München 1997. Die wichtigste Quelle zu kritischen Aufsätzen über The Family of Man ist heute wohl die Publikation zur Trierer Tagung der Europäischen Akademie für Bildende Künste im Oktober 2000: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004.

[5] Viktoria Schmidt-Linsenhoff: Verleugnete Bilder. The Family of Man und die Shoa. In: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004.

[6] Abigail Solomon-Godeau: The Family of Man. Den Humanismus für ein postmodernes Zeitalter aufpolieren. In: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004, S. 32.

[7] Franziska Scheuer sei für den Hinweis gedankt, dass in der Vorzugsausgabe des Katalogs zwei zusätzliche Fotografien aus dem Stroop-Bericht abgedruckt wurden.

[8] Schmidt-Linsenhoff 1997.

[9] Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 80.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ein Begriff, den Schmidt-Linsenhoff zwar in Anführungszeichen setzt, aber nicht reflektiert einführt. Eine Beschäftigung mit der enzyklopädischen Funktion von Fotoausstellungen und der Family of Man im Speziellen könnte äußerst fruchtbar sein.

[13] Ebd., Hervorhebung von mir.

[14] Ebd. Anzumerken ist hier, dass auch die Autorin „die Fragen“ nicht stellt, so dass hier eher von einer rhetorischen Figur auszugehen ist, denn von einem wirklichen diskursiven Kontext, in den die Diskussion der Ausstellung gestellt werden soll.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd. und f.

[18] Dan Diner: Vorwort der Herausgebers. In: Ders. (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt/Main 1988, S. 8. Zitiert nach Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 84.

[19] Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 84.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Cornelia Brink: Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Berlin 1998.

[23] Cornelia Brink: Bilder vom Feind. Das Scheitern der „visuellen Entnazifizierung“ 1945. In: Sven Kramer (Hg.): Die Shoah im Bild. München 2003, S. 51-69.

[24] Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 84.

[25] Ebd., S. 86, Hervorhebung von mir.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Dori Laub: Eros oder Thanatos? Der Kampf um die Erzählbarkeit des Traumas. In: Psyche, Heft 9/10, 2000, S. 860-894. Nach: Joachim Paech: Ent/setzte Erinnerung. In: Sven Kramer (Hg.): Die Shoah im Bild. München 2003, S. 16.

[30] Ebd.

[31] Ebd., S. 88.

[32] Ebd.

[33] Ebd. und f.

[34] Ebd., S. 90

[35] Ebd.

[36] Ebd.

[37] Immerhin handelt es sich vorrangig um einen Symposiumsvortrag.

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd., S. 92.

[43] Ebd.

[44] Ebd.

[45] Ebd., S. 94.

[46] Ebd.

[47] Ebd., S. 96.

[48] Manuel Köppen/Klaus R. Scherpe: Zur Einführung. Der Streit um die Darstellbarkeit des Holocaust. In: Dies. (Hg.): Bilder des Holocaust. Literatur, Film, Bildende Kunst. Köln/Weimar/Wien 1997, S. 1.

[49] Der gesamte Absatz folgt: David Bathrick: Introduction. Seeing against the grain. Re-visualizing the Holocaust. In: David Bathrick/Brad Prager/Michael D. Richardson (Ed.): Visualizing the Holocaust. Documents, Aesthetics, Memory. Rochester, New York 2008, S. 2f.

[50] Ebd., S. 5. Eine ähnliche Frage, betreffend einer gewissen westlich-maskulinen Hegemonie des Blicks, habe ich bereits im Referat zur Ausstellung aufgeworfen.

[51] Brad Pager: On the Liberation of Perpetrator Photographs in Holocaust Narratives. In: David Bathrick/Brad Prager/Michael D. Richardson (Ed.): Visualizing the Holocaust. Documents, Aesthetics, Memory. Rochester, New York 2008, S. 22.

[52] Ebd.

[53] Marianne Hirsch: Nazi Photographs in Post-Holocaust Art. Gender as an Idiom of Memoralization. In: Alex Hughes/Andrea Nobile (Ed.): Phototextualities. Intersections of Photography and Narrative. Albuquerque 2003,  S. 19. Zitiert nach Pager 2008, S. 24.

[54] Hirsch 2003, S. 26. Zitiert nach Pager 2008, S. 24.

[55] Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 92.

[56] Joachim Paech: Ent/setzte Erinnerung. In: Sven Kramer (Hg.): Die Shoah im Bild. München 2003, S. 13.

[57] Ebd., S. 14.

[58] Ebd.

[59] Ebd., S. 15.

[60] Ebd., S. 14.

[61] Ebd.

[62] Ebd.

[63] Brink 2003, S. 52.

[64] Paech 2003, S. 19.

[65] Ebd.

[66] Ebd., S. 20.

[67] Abgail Solomon-Godeau: The Family of Man. Den Humanismus für ein postmodernes Zeitalter aufpolieren. In: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004, S. 34.

[68] Rosch Krieps: The Family of Man. Ein fotografisches Weltdokument als Fanal für die Zukunft der Menschheit. In: Jean Back/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: “The Family of Man” 1955-2001. Humanismus und Postmoderne. Eine Revision von Edward Steichens Fotoausstellung. Marburg 2004, S. 258f.

[69] Ebd.

[70] Brink 2003, S. 67.

[71][71] Roland Barthes: Schockphotos. In: ders.: Mythen des Alltags. Frankfurt/Main 1964, S. 55. Zitiert nach Brink 2003, S. 67 und Paech 2003, S. 21.

[72] Sven-Erik Rose: Auschwitz as Hermeneutic Rupture, Differend, and Image malgré tout: Jameson, Lyotard, Didi-Huberman. In: David Bathrick/Brad Prager/Michael D. Richardson (Ed.): Visualizing the Holocaust. Documents, Aesthetics, Memory. Rochester, New York 2008, S. 115.

[73] Ebd. Vgl. Auch Barbie Zelizer: Remembering to Forget. Holocaust Memory through the camera’s eye. Chicago 2000.

[74] Solomon-Godeau 2004, S. 32.

[75] Etliche mehr bei Solomon-Godeau 2004, S. 38f.

[76] Ebd., S. 38.

[77] Schmidt-Linsenhoff 2004, S. 92.

[78] Rose 2008, S. 127, Übersetzung der ersten Sätze aus George Didi-Hubermans Aufsatz Images malgré tout (Paris 2003).

Mediale Textilpraxis. Moretto da Brescias “Justina mit dem Stifter”.

(Aus einem Hauptseminar bei Dr. des. Marius Rimmele, im Sommersemester 2008.)
Justina, von einem Stifter verehrt bei Wikipedia Commons. Andere Abbildungen auf Anfrage.
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Moretto da Brescia (ca. 1490-1554) wird schwerlich als der populärste Maler der norditalienischen Hochrenaissance angesehen werden: Zu schwer wiegt der Ruhm Savoldos, Giorgiones, Bellinis und natürlich Tizians. Dem Forschungsstand zu diesen Künstlern kann die Kunstgeschichte in Morettos Fall wenig entgegensetzen; nur György Gombosi schrieb ein umfassendes stilgeschichtliches Werk über ihn[1]. Abgesehen von einer momentan im Druck befindlichen Publikation von Anna Rühl[2] spielt Morettos Kunst nur eine Nebenrolle in der Erforschung der venezianisch-lombardischen Renaissancemalerei[3]. Nichtsdestotrotz hat sich sein „Hauptwerk“[4], die Heilige Justina, von einem Stifter verehrt[5] vor allem im Internet eifrig verbreitet. Die Ikonographie und besonders der dekorative Charme des Bildes trafen dabei hauptsächlich den Geschmack der Einhorn-Begeisterten und Kryptozoologen[6], ferner fand das Gemälde auch Einzug in populärwissenschaftliche Heiligen-Lexika.

Ikonographie der Uneindeutigkeit

Zunächst scheint das Bildthema klar: Da steht, in nahezu statuarischer Eleganz, die heilige Justina mit ihren Attributen – der Märtyrerpalme und dem Einhorn – in einer mildgrünen Landschaft, die deutlich an die oberitalienische Terraferma erinnert. Zu ihrer Linken hat ein Stifter Platz genommen, der mit behandschuht-betenden Händen und erhobenem Kopf den salbungsvollen Blick der Heiligen einfängt. Während der Stifter durch seine dunkle, zeitgemäße[7] Kleidung aus Wams, Hemd und Beinlingen farblich in den Hintergrund tritt, strahlt die Heilige in prächtigem Kolorit: Sie ist mit einem antikisierenden[8], bodenlangen Kleid angetan, das von einem mittel- bis florentinerroten Farbton ist und von einem blauen – die Farbe korrespondiert deutlich mit ihren Sandalen – Tuchgürtel tailliert wird. Ihre rechte Schulter wird von einem feinen weißen Schleier bedeckt, der wie eine Fortsetzung des kaum sichtbaren Heiligenscheins über ihren akkurat und züchtig geflochtenen Haaren wirkt. Über die linke Schulter legt sich ein schwerer, mit aufwändigen pflanzlichen Mustern verzierter Goldbrokatstoff. Justina trägt diesen Stoff ähnlich einer Palla, dem Gewand römischer Frauen, über der Schulter am Rücken entlang, um es mit der linken Hand vor ihrem Schoß und ihren Beinen aufzuspannen. Der aufgespannte Seidenstoff nimmt hier ein großes Stück des Bildraumes ein, zeigt in seinen floralen Verzierungen deutlich graphisches Potenzial und entwickelt in seinem Zentrum eine starke Leucht- bzw. Reflexionskraft: Es muss sich um ein wertvolles Gewebe handeln.

Dennoch bleiben Fragen offen. Die erste lautet: Wenn dies ein sakrales Bild ist, warum erweckt es dann den Eindruck einer pastoralen Liebesszene, dem sich auch andere Gutachter nicht erwehren können? Gombosi macht derartige Anmerkungen – „Es sind freilich nur einzelne äußere Zeichen, die den Betrachter, wenn er solche Hinweise unbedingt nötig hat, darauf aufmerksam machen sollen, dass das Bild als eine Andachtsszene und nicht als ein Liebesidyll zu deuten ist“[9] – und verweist auf frühere stilgeschichtliche Analysen, die diesen Punkt noch vehementer unterstreichen[10]. Indizien hierfür lassen sich im Bildaufbau finden oder zumindest vermuten. Da ist die Farbgebung und Lieblichkeit der Landschaft, der Mastixstrauch, der die Protagonisten so sacht behütet, der innige Blicktausch zwischen Stifter und Verehrter und nicht zuletzt die ungewöhnliche Position der Heiligen zwischen den weit geöffneten Beinen des Betenden.

Versuchen wir zunächst einmal die Personen auf dem Gemälde zu identifizieren. Die Palme weist die Frau in der Bildmitte als Märtyrerin aus, das Einhorn scheint ein eher arbiträres Attribut zu sein[11].  Weitere ikonographische Merkmale zur Identifikation der Heiligen – die als solche zumindest durch ihren kaum sichtbaren Nimbus ausgezeichnet ist – sucht man vergeblich. Schon die Entscheidung, welche Heilige man auf dem Bild verortet, fällt schwer: Laut dem Lexikon der christlichen Ikonographie sind die üblichen Attribute der Justina von Padua, die als jungfräuliche Märtyrerin während der diokletianischen Verfolgung zum Tode verurteilt und an Ort und Stelle von einem Soldaten mit dem Schwert erschlagen wurde[12], Buch, Krone und Schwert[13].  Während das LCI nun trotz fehlender ikonographischer Hinweise die Heilige auf Morettos Gemälde wegen der „venezianischen Provenienz“[14] als Justina von Padua definiert, bezeichnet Reclams Heiligenlexikon sie als Justina von Antiochien bzw. von Nikomedia[15]. Deren Geschichte erscheint für Morettos Bildthema fast ergiebiger: Justina war eine schöne Jungfrau aus Antiochia, die alle Anträge ihres Verehrers Cyprian mit der Begründung, bereits mit Christus verlobt zu sein, ablehnte. Cyprian war nun ein Zauberer, der mit allerlei teuflischer Magie versuchte, Justina doch noch zu erobern. Diese bewahrte sich vor derlei Anschlägen, indem sie das Kreuzzeichen schlug. Cyprian erkannte schließlich seine Ohnmacht, bekehrte sich, wurde getauft und letztlich sogar zum Bischof von Antiochia. Beide zusammen sollten allerdings – einmal mehr unter Kaiser Diokletians Christenverfolgung – in Nikomedia den Märtyrertod durch Enthaupten sterben[16]. Artikuliert man eine vage Vermutung, kann man sagen, dass in Morettos leicht pastoraler Szene doch ein Anklang an Cyprians Werben um die schöne Jungfrau zu spüren ist.

Es bleibt wohl unentscheidbar, welche Justina auf dem nach ihr betitelten Gemälde zu sehen ist; bereits der LCI-Artikel weist darauf hin, dass die Verehrung der Justina von Padua mehr als nur inspiriert von der Legende der Jungfrau von Nikomedia war[17] und neuere Nachschlagewerke vermischen sogar die beiden Heiligenviten[18]. Ein interessantes Detail liefert das LCI in Bezug auf Morettos Bildpersonal: hier wird der Stifter als Alfonso I. d’Este, Herzog von Ferrara, identifiziert und auf eine Spekulation verwiesen, die besagt, dass der Stifter hier gleichzeitig seine Frau Laura als Justina darstellen ließ[19]. Während sich die erste Vermutung mit einem Blick auf ein Portrait des Herzogs von Sebastiano Filippi (nach Tizian)[20] durch Beurteilung der physiognomischen Beschaffenheit des Herzogs bestätigen lässt, kann man Tizians Portrait der Laura Dianti[21] nicht leichtfertig mit Morettos Justina vergleichen.

Angesichts dieser Einordnungsproblematik wollen wir weiter den Ikonographiepfad beschreiten. Moretto begnügt sich mit einem knappen Bildprogramm: neben den beiden Personen und der Landschaft im Hintergrund fallen nur noch das Blätterdach, eine einzelne, aber signifikant in die Bildmitte gesetzte Blume und natürlich das zu Justinas Rechten kauernde Einhorn auf. Der Baum, der von mir nur vage – aufgrund der Blattform, der paarigen Fiederung und der örtlichen Fauna – als Mastix bestimmt werden kann, hat vermutlich keinen weiteren Bedeutungsinhalt, außer dass er die Lieblichkeit der gezeigten Szene unterstützt[22]. Die Blüte, die genau zwischen den beiden Personen – und vom Tuch der Heiligen beschützt – aus dem Boden sprießt, deute ich als Nelke. Die malerische Beschaffenheit der Blume ist botanisch zwar nahezu unmöglich[23], der charakteristische Blütenkopf spricht indes eine deutliche Sprache. Die Symbolkraft der Blüte hingegen ist weniger eindeutig: Ist die Nelke nach Konrad von Würzburgs „Goldener Schmiede“ ein Attribut für die Jungfräulichkeit Mariens[24] und auch anderer Heiliger[25] und symbolisiert die göttliche Liebe, steht dieser Bedeutung der Brauch entgegen, die Braut am Hochzeitstag mit einer Nelke auszustaffieren, die der Bräutigam schließlich an ihr finden sollte[26]. Hernach ist die Nelke auch ein Symbol weltlicher Liebe und führt uns in der angesprochenen Problematik „Heiligenbildnis versus Pastoralszene“ nicht weiter. Gehen wir überdies davon aus, dass es sich doch auch um ein Hochzeitsbild[27] handeln könnte, sind wir geneigt, die Position der Pflanze, die genau zwischen Justina und dem Stifter wächst, als „Spross ihrer Liebe“ zu deuten. Gewicht erhält diese Vermutung durch die Beschaffenheit des Bodens: zu Justinas Rechten gedeiht ein feiner Rasen, während ihr linkes Bein auf kargem Grund – der Boden ist vor Trockenheit schon aufgebrochen – steht, den sie sich mit dem Stifter teilt. Nur die einzelne Nelke treibt aus diesem Land hervor, gerade an der Stelle, an der sich Heilige und Stifter überschneiden.

Ein ebenso wenig eindeutiges Symbol ist das Einhorn. Wie bereits erwähnt, gehört es nicht zu den typischen Justina-Attributen. Als gängiger Topos des Mittelalters ist es als Attribut der Jungfrau Maria im hortus conclusus, wo es der Erzengel Gabriel in den Schoß der Jungfrau getrieben hat. Diese allegorische Einhornjagd war im Volksmund als Metapher für die Verkündigung sehr geläufig und ist uns in auffällig vielen sakralen Bild- und Liedwerken erhalten geblieben[28]. Auch seine Zuneigung und Sanftheit gegenüber anderen Jungfrauen ist gängiges mittelalterliches Bildinventar, am bekanntesten vielleicht durch den Wandteppichzyklus im Pariser Musée National du Moyen Age et des Thermes de Cluny[29]. Nicht nur seine Sanftheit und Anmut sind aber Bild- und Textthematiken des Mittelalters und der Renaissance, auch seine Wildheit, sein ungestümes Wesen und seine dämonische Stärke waren den Chronisten und Künstlern bekannt[30].

Die bekannteste Quelle für Wesen uns Aussehen des Einhorns, das sich damals übrigens noch deutlich von den heutigen, edlen weißen Rössern unterschied, war das frühchristliche Naturkundewerk Physiologus, das im Mittelalter nach der Bibel die am weitesten verbreitete Schrift war. Der Naturforscher klärt uns über das Einhorn auf:

„Es ist ein kleines Tier, ähnlich einem Böcklein, ist aber sehr hitzig; ein Jäger kann sich ihm nicht nähern, weil es sehr stark ist; es hat aber ein Horn mitten auf seinem Kopf. Wie nun wird es gefangen? Eine reine, schön gekleidete Jungfrau setzen sie vor ihm nieder, und es springt ihr auf den Schoß, und die Jungfrau nährt das Tier und bringt es dem König in den Palast.“[31]

Moretto hat die Wildheit des Einhorns in seinem Bild gebändigt, es sogar transformiert: Wenig erinnert noch an das kleine Böcklein, die wallende Mähne, die kräftige Brustpartie und die Schnauze erinnern mehr an ein hübsches Pony. Geblieben sind der Ziegenbart und die gepaarten Hufe.

Der Physiologus erklärt uns auch die christologischen Implikationen des Einhorns:

„Der Psalmist sagt [Ps. 92,11]: ‚Und mein Horn wird erhöht werden wie das des Einhorns.‘ […] Das Tier nun wird als Sinnbild unseres Erlösers gedeutet [Lk. 1,69]: ‚Er erweckte nämlich ein Horn im Hause Davids, unseres Vaters‘, und es ist uns zum Horn des Heiles geworden. Engel und Mächte vermochten ihn nicht zu überwinden [1. Petr. 3,22], sondern er nahm Wohnung im Leib der wahrhaft reinen Jungfrau Maria [der Gottesgebärerin], ‚und das Wort ist Fleisch geworden, und es wohnte unter uns‘ [Joh. 1,14].“[32]

Diese Interpretation kann aber schon zur damaligen Zeit nicht als allgemeingültig anerkannt werden. Das Einhorn der Bibel[33] ist bereits ein arbiträres Symbol. Im Gegensatz zu den Ausführungen des Physiologus ruft der Gerechte in Psalm 22,22 Gott an, ihn vor dem Horn des Einhorns (das gleichgesetzt wird mit dem Rachen des Löwen) zu retten. Auch bei Hiob 39,9 wird das Einhorn als unglaublich starkes und unzähmbares Tier genannt. In der Legenda Aurea schließlich erzählt Baarlam der Einsiedler von einem Mann, der – um sein Leben zu retten – vor einem Einhorn in einen Brunnen springt, nur um sich dort von einem Drachen und giftigen Schlangen bedroht zu sehen[34]. Nach gängiger Interpretation steht das Einhorn hier für den Tod, der den Menschen sein ganzes Leben lang verfolgt[35].

Wichtig im Zusammenhang mit Morettos Justina sind die weltlichen Interpretationen der Einhornsymbolik: Durch die Vorliebe des Tieres für schöne Jungfrauen wurde es bald zu einem Symbol der erotischen Aspekte des Minnedienstes, letztlich rutschte es gar „in die Nähe der unreinen Liebe“[36]. Altmeister Gustav Hocke definiert das Einhorn als „Lieblingstier des Manierismus“[37], als „deformierten Mythos“[38], und reduziert es auf ein „phallisches Symbol, […] [eine] magisch-erotische Allegorie“[39]. Hocke findet eine – gerade bei den Renaissancemalern, beispielsweise bei Leonardo oder den Fresken der römischen Engelsburg[40], schwer von der Hand zu weisende – Parallele zur klar erotischen Leda-Ikonographie[41].

Vom Mittelalter hin zur Renaissance erfährt das Einhorn also sowohl in der Poesie als auch in der bildenden Kunst mannigfaltige Bedeutungszuschreibungen und Interpretationen. Während Stefan Lochner seine Madonna im Rosenhag[42] mit einer Einhornbrosche schmückt und Lukas Cranach der Ältere das Fabelwesen im Garten seines Paradieses[43] herumtollen lässt, fügt Hieronymus Bosch das Tier in das merkwürdige – und bestimmt nicht vollkommen unschuldige – Bestiarium seines Gartens der Lüste (Linker Flügel)[44] ein. Letztlich scheint sich auch Raffaels Junge Dame mit dem Einhorn[45] nicht vollkommen wohl zu fühlen; das mysteriöse Tier bringt eine ungeahnte Spannung in das klassische Portrait[46].

Zu Zeiten der Hochrenaissance muss die Problematik des Einhornsymbols schon gut bekannt gewesen sein; anlässlich des Trienter Konzils (1545-1563) wurde das Einhorn als Gegenstand sakraler Malerei verboten[47].

Für Morettos Bild bedeutet das wiederrum, dass auch das Einhorn ein nicht eindeutiges Symbol ist, das einmal mehr sowohl die göttliche als auch die weltliche Liebe im Bild ausdrücken kann[48]. Symptomatisch dafür kann die Kombination harmonischer (die weiße Mähne, die Ponyschnauze) und irritierender (das Horn, das recht eindeutig in den Schoß der Jungfrau zeigt, der lange Ziegenbart und der gepaarte Ziegenhuf) Elemente angesehen werden.

Die Justina mit dem Stifter bleibt somit in einer Ikonographie der Uneindeutigkeit stecken, die, wie ich meine, beabsichtigt sein muss. Die bisherigen, ikonographisch festgestellten Indizien sprechen dafür, dass Moretto hier eine Unentscheidbarkeit herbeiführen wollte, die den Betrachter in Unsicherheit lässt, ob es sich bei dem dargestellten Motiv um ein Heiligenbildnis oder ein pastorales Liebes- bzw. Hochzeitsbild handelt. Ich gehe davon aus, dass der Künstler damit auf eine um sich greifende Krise des Bildes reagiert, die im Venezien der Hochrenaissance unter anderem durch die Erfindung der Natura-Malerei ausgelöst wurde. Moretto legt uns aber mit Justinas Palla einen Interpretationsschlüssel an die Hand. Wie ich zeigen werde, lockt uns der Künstler mit der Darstellung des Textils in einen metapiktoralen Diskurs, in dem er seine Lösung der Problematik anbietet. Die Argumentation für diese These werde ich zweigleisig führen: Zunächst werde ich in einem Exkurs die medial-sakrale Bedeutung von Gewändern und Textilien ausführen. Anschließend werde ich genauer auf die angesprochene kulturell-bildliche Krise eingehen und in diesem Zusammenhang die malerische Darstellung von Stoffen untersuchen, um letztlich beide Ansätze zu einer Synthese, und damit zu einer Aussage über die Darstellung des Justina-Tuches in Morettos Gemälde, zusammenzubringen.

Heilige Gewänder und mediale Textilpraxis

Das Christentum kann in zweierlei Hinsicht als textile Religion bezeichnet werden: Einerseits mit dem Verweis auf die Bibel und die Heiligenviten als schriftliche Grundpfeiler des Glaubens, andererseits unter Berücksichtigung medial wirksamer Textilien (das sind hier Stoffe und Gewänder) in der Glaubensausübung. Textilien dieser Art finden wir nicht nur im liturgischen Gebrauch – wie beispielsweise die Gewänder des Priesters, die in Allegorie zu den Tugenden und Gotteskräften stehen[49], das Fastentuch (velum quadragesimale), das während der Fastenzeit das Kruzifix der katholischen Kirchen verhängt oder der Himmel, der während der Fronleichnamsprozession über der Monstranz getragen wird –, sondern auch in verschiedenen Arten der Religionspraxis. Textilien mediatisieren zwischen der weltlichen und der göttlichen Sphäre. Faden, Stoffe und Kleidungsstücke vermitteln heilige Wirksamkeiten[50].

Geschichten von Textilien sind bereits in der Bibel zu finden. Da gibt es Josephs Rock, der ihm von seinem Vater geschenkt wurde, um ihn über seine Brüder zu erhöhen und den die Brüder in Blut tränkten, um den Vater von seinem Tod zu überzeugen (Gen 37). Der Vater zeigt daraufhin eine Trauergeste, die eng mit seiner Kleidung verknüpft ist; er zerreißt sein Gewand und trägt zur Trauer nur ein härenes Tuch um seine Lenden (Gen 37,34). Der Keltertreter, der Richter über Edom, wird an seinem blutfarbigen, besudelten Gewand erkannt (Jes 63,2), genauso Johannes der Täufer an seinem Gewand aus Kamelhaar (Mt 3,4). Im Neuen Testament werden die Textilien dann metaphorischer und/oder wundertätiger: Die Aussätzige wird allein durch die Berührung von Christi Gewand geheilt (Mt 9,20; in Mk 6,56 werden mehrere Gläubige durch die Berührung des Gewandes geheilt). Christi Purpurgewand, das ihm die Soldaten zum Spott umlegen (Joh 19,2) und der ungenähte Rock, durch den sich die Prophezeiung aus Psalm 22,19 erfüllen sollte, gehören zu den verehrungswürdigen Werkzeugen seiner Passion und damit zur arma christi-Ikonographie[51].

Die textile Verbundenheit zwischen Christus und Maria zieht sich wie ein roter Faden durch Legende und Ikonographie: Die Jungfrau wurde von ihren Eltern in den Tempel geschickt um dort Spinnen, Weben und Stricken zu lernen. Das Los fiel, dass sie Purpur und Scharlachrot weben sollte[52] – allegorisch wird hier Christi Lebensfaden gesponnen[53]. Eine Erfurter Tafelmalerei in der Gemäldegalerie Berlin (um 1386)[54] zeigt beispielsweise Maria am Spinnrocken, wie sie den zu spinnenden Faden nahezu durch das aus ihrem Uterus hindurch scheinende Kind zieht. In einer Szene aus der Kindheit Christi – zu sehen auf dem Buxtehuder Altar (um 1410) in der Kunsthalle Hamburg[55] – strickt Maria den ungenähten Rock, ein handwerkliches Wunder. Der ungenähte Rock symbolisiert nicht nur, wie oft erwähnt, die Einigkeit der Kirche[56], sondern auch die Verbindung zwischen Maria und Christus; er verbindet die Kindheitsgeschichte Jesu mit dessen Passion und fügt als Waffe (der Rock wurde Christus über seine offenen Wunden gelegt und zur Kreuzigung ausgezogen, was die Wunden erneut aufriss) sowohl dem Sohn als auch der Mutter Schmerzen zu[57].

In dieser Aufzählung nicht vergessen werden darf der alttestamentarische Tempelvorhang, der das Allerheiligste verhüllt und durch Christi Opfertod von oben nach unten zerreißt (Lk 23,45; Mt 27,51; Mk 15,38). Diese Textilien können in ihrer medialen Wirksamkeit nicht unterschätzt werden: Bringt der ungenähte Rock durch reine Berührung die göttliche Heilskraft über den Gläubigen und verbindet symbolisch Geburt und Tod und Mutter und Sohn, öffnet sich durch Jesu Tod die metaphorisch-stoffliche Barriere zwischen Himmel- und Erdenreich.

Das Christentum hat die Gewandmetaphern der Bibel weitergetragen. „Christ zu werden, getauft zu werden, bedeutete, Christus als Gewand anzulegen.“[58] Das Wort Investitura (=Kleidung) war gleichbedeutend mit der Einweisung in einen Orden[59] und der Habit der Nonnen war nicht nur ein Zeichen, sondern ein Synonym für das Gelübde der Nonne[60]. So tritt das Gewand (habitus =Gesinnung, Verhalten) in eine geistige Verbindung mit der Trägerin und nimmt manchmal die Persönlichkeit der Nonne (und umgekehrt an): In einer Wundergeschichte entscheidet sich eine Nonne, ihren Orden zu verlassen, um einer sexuellen Beziehung nachzugehen. Vor ihrer Flucht zieht sie ihren Habit aus und legt ihn über ein Bild der Jungfrau Maria. Als sie schließlich zurückkehrt, zeigt sich, dass die Jungfrau selbst im Gewand der Nonne deren Abwesenheit gedeckt hat und sie zur Musterschwester ihres Ordens geworden ist[61]. Das Textil hat das Bild der Jungfrau lebendig gemacht und schließlich die guten Eigenschaften der Jungfrau auf die Nonne transferiert.

Die Heiligengeschichten sind voll von wundertätigen Textilien und Gewändern, weshalb ich mich hier auf ein weiteres Beispiel beschränken will[62]. Die Heilige Katharina von Siena trifft eines Tages nach dem Kirchgang einen Bettler, der sie um Kleider bittet. Der Bettler ist, so erzählt es die Legende, eigentlich Christus in der Erscheinung eines armen, halb nackten Pilgers. Katharina schenkt ihm ihren wollenen Mantel, woraufhin der Bettler sie um ein leinenes Unterkleid ersucht. Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein, wo sie die Kleider ihres Vaters und Bruder verschenkt, woraufhin der Bettler wiederrum den Wunsch nach einem Hemd äußert. Katharina schenkt ihm daraufhin ein Hemd, das ihrer Dienerin gehörte. Der Bittsteller gibt sich damit aber immer noch nicht zufrieden und verlangt nach Kleidung für seinen kranken Freund, der im Krankenhaus liegt. Weil sie nicht noch mehr fremde Garderobe her schenken kann, ohne dass ihre Dienerin verarmt und selbst nichts mehr ausziehen kann, ohne entblößt vor dem Bettler zu stehen, entschuldigt sie sich damit, dass es ihr nicht an gutem Willen, sondern lediglich an der Möglichkeit mangele. Der Bedürftige akzeptiert diese Entschuldigung, dankt ihr und geht. Nachts erscheint Katharina dann Christus und zeigt ihr ein Kleid, das er aus seiner Seitenwunde zieht und das mit Perlen und Edelsteinen bedeckt ist. Auf die Frage, ob sie das Kleidungsstück erkenne, sagt Katharina, dass es dem ihren ähnele, ihres aber nicht so prunkvoll sei. Christus schenkt ihr daraufhin das Kleid mit der Bemerkung, dass es für alle anderen Menschen unsichtbar sein würde und ihren Körper und ihre Seele vor Hitze und Kälte bewahren würde. Es sei aber nur eine Leihgabe, bis sie eines Tages das unsterbliche Gewand von ihm im Himmel in Empfang nehmen dürfte[63]. Das Kleidungsstück, das Katharina von Christus erhält verbindet sie in doppelter Weise mit dem Himmel: Einerseits kann sie täglich die Wundermacht des Kleides erleben – und damit den Dank für ihre Gnadenarbeit erhalten –, andererseits gilt es als Pfand für die Unsterblichkeit[64].

Auch die aktive Glaubensausübung beschäftigte sich mit wundermächtigen Stoffen. Ein guter Teil der wichtigsten Reliquien des Christentums sind textiler Natur: Die Vera Icon in Rom, das Volto Santo von Manoppello, der Heilige Rock zu Trier um nur einige zu nennen. Vor allem aber die (imaginären) Gewänder der Heiligen waren Teil der täglichen Glaubenspraxis. Thomas Lentes führt in einem Aufsatz aus, wie die Gläubigen durch Gebete die Heiligen im Himmel mit Kleidung schmückten; Die Strickmuster für derlei kontemplierende Gaben waren oft detailliert ausgearbeitet[65]. Durch wiederholte und genau abgezählte Ave Maria konnte beispielsweise der Mantel Mariens gefertigt werden unter den sich die Gläubigen, so hofften sie, vor dem Zorn Gottes unterstellen konnten[66]. In der Malerei wurden derlei Motive rasch aufgenommen. So zeigt etwa ein Stundenbuch der Katharina van Lochorst die Jungfrau bei der Verkündigung. Ihr Mantel ist mit den Buchstaben A und M geschmückt, die direkt aus einem Spruchband des Engels auf ihr Gewand überzugehen scheinen[67]. Der Übergang von Text und Textil, von Gebet und Gewand ist fließend. Geht bei den Reliquien die Wundermacht vom Stoff aus, erzeugt bzw. verstärkt das Gebet erst die Heilswirkung des dadurch imaginierten Textils. Erneut ist das Gewand ein direkter Vermittler zwischen den Sphären.

Eine Sonderform der medial-sakralen Kraft von Textilien stellt Henk van Os vor: Im Dom von Padua zeigt ein Bild die Madonna mit Kind[68], von der Kunstgeschichte fast vollkommen unbeachtet[69]. Wie van Os nach einer Kirchenordnung des 13. Jahrhunderts herausfindet, war das Bild Teil eines Mysterienspiels. In dieser sakralen Handlung wurde das Bild vor dem Weihnachtsfest durch ein wertvolles Tuch verhüllt und nach einer frühen Form des liturgischen Dramas zum Höhepunkt des Mysterienspiels zu den Worten „Adest hic parvulus“ (=Hier ist das Kindlein!) enthüllt[70]. Van Os stellt fest, dass es eher ungewöhnlich ist, die Enthüllung eines Bildwerks zum Mittelpunkt eines Mysterienspiels zu machen[71], beschäftigt sich aber hauptsächlich mit der Ikonographie der Madonna. Für uns soll das Tuch als Werkzeug der Mediatisierung des Bildes von Interesse sein. Das In-Szene-Setzen des Bildes erklärt sich aus einer gesteigerten Wertigkeit des Gesichtssinns in der Heilserlangung. Neue Glaubenspraktiken des 13. Jahrhunderts steigerten die Ansprüche an den Blick: Während Reliquien davor zumeist unsichtbar waren und nur ihr Behältnis (etwa in Form eines Armes) auf seinen Inhalt verwies, zeigte das neue Ostensorium klar seinen Inhalt. Auch die Eucharistie hatte ihre Heilswirkung durch die Elevation der Hostie auf den Blickkontakt verlegt[72]. Vor diesem Hintergrund scheint eine Steuerung des Blicks auf ein sakrales Bildwerk durchaus stimmig: Der wertvolle Vorhang garantierte für die dahinter gespeicherte Heilswirkung, die allein durch die textile Verdeckung zu einem außeralltäglichen Erlebnis wurde[73].

Das Ehrentuch und die Ölmalerei

Die Malerei der Hochrenaissance muss sich über die mediale Wirkung von Gewändern und Stoffen im Klaren gewesen sein. Neben den bereits oben im Text erwähnten Bildern lassen sich viele weitere finden, die Gewänder, Vorhänge und Tücher als relevante Bildinhalte einsetzen.

Althergebracht war die Tradition, Heiligenbilder malerisch mit wertvollen Textilien auszustatten[74]. Nicht nur die Kleidung der abgebildeten Heiligen war dabei flächig mit der Ornamentik italienischer und orientalischer (Venedig war ein wichtiger Handelshafen für Stoffe aus dem Osten) Seidenstoffe verziert, auch der Hintergrund war zumeist – vielleicht in Anlehnung an der Goldgrund der klassischen Ikone – als erkennbares Tuchwerk ins Bild gesetzt. Dieses Ehrentuch hatte die Wirkung, die verehrte Person sowohl präsent zu machen – denn das Tuch gehörte zur Sphäre der weltlich bekannten Dinge – als auch die Szenerie zu distanzieren[75]. Auch wenn die Heiligen vor dem Tuch Platz genommen hatten und so in die Sphäre der Gläubigen eindringen konnten, verdeckte das Tuch doch das Reich Gottes, aus dem der Heilige gekommen sein musste. Erneut steuert so ein Vorhang den Blick und garantiert durch seine Wertigkeit die Heilswirkung des Raumes dahinter. Die Beispiele für solcherlei Bilder sind zahlreich, zur Illustration sei hier nur Gentile da Fabrianos Madonna mit Kind aus dem Quaratesi-Altar in London angeführt[76].

Zur Mitte des 15. Jahrhunderts verbreitete sich in Italien – das ist Antonelle da Messina zu verdanken – die Ölmalerei und löste langsam die bis dato populäre Tempera-Technik ab[77]. Die Einsetzung von Öl als Bindemittel statt dem bisherigen Ei und die Verwendung von Leinwänden statt Holztafeln erlaubte vollkommen neue Bildschöpfungen. Brillante Lichteffekte, detaillierte Texturen von Haaren, Fell oder Textil, die naturnahe Darstellung von Metall und anderen reflektierenden Oberflächen und die realistische Umsetzung weitsichtiger Landschaften waren nun möglich. Unter dem Strich ermöglichte die Ölmalerei einen stark erhöhten Naturalismus[78]. Dies führte schließlich zu einer Krise des sakralen Bildes: Wenn Fleisch, Blattwerk und Gewänder und auch die antiken Götter nach der Natur gemalt werden konnten, war dies auch kein Problem mit Christus und den Heiligen. Nach Vorstellungen des Katholizismus des 16. Jahrhunderts gab es allerdings eine sakrale und eine profane Realitätsordnung; die (naturnahe) Darstellung einer heiligen Figur in einer Szene von profaner Realität konnte die Heiligkeit entsprechend doppeldeutig machen oder ganz zum Verschwinden bringen[79]. Zudem entflammte der Bilderstreit der Reformation und brachte das sakrale Bild ebenfalls in eine prekäre Lage. Kurz gesagt[80] entschied man sich in Italien für eine Synthese. „Hier hielt man an den Bildern in den Kirchen fest. Deshalb gibt es hier nicht ‚zweierlei Bilder‘, sondern Bilder mit ‚zweierlei Gesicht‘, je nachdem, ob man sie als Sitz des Heiligen oder als Ausdruck der Kunst verstand.“[81] Dem Künstler kam nun die Aufgabe zu, zwischen diesen beiden Positionen zu vermitteln. Er hatte ein Kunstwerk zu erschaffen, das den Connaisseur, der seit Albertis und Vasaris Schriften in der Gesellschaft immer häufiger wurde[82] ebenso erfreuen wie es den Gläubigen erleuchten sollte. In seiner Bilderfindung – denn „das religiöse Thema ließ sich vom Künstler nur noch erfinden, man konnte es ja nicht wirklich sehen wie die Gegenstände von Stillleben und Landschaft“[83] – lag die Problematik, einerseits möglichst naturgetreu in der Darstellung zu sein[84], andererseits die Sakralität der Szene nicht durch Profanisierung zu gefährden. Zu diesem Zweck setzten die Renaissancemaler visuelle Marker ein, die die Heiligkeit des Dargestellten verdeutlichten. Die Entwicklung zwischen 15. und 16. Jahrhundert lässt sich gut anhand des oben erwähnten Ehrentuchs darstellen, auf das die Künstler auch in der neuen Malerei nicht verzichten wollten.

Giovanni Bellini malt seine Madonna mit Kind mehrfach vor einer immer detaillierteren und naturnäheren Landschaft, ohne dabei auf das Tuchwerk, das die Jungfrau von der profanen Landschaft abgrenzt, verzichten zu wollen[85]. Dies gilt in Bellinis Oeuvre hauptsächlich für Themen, die an die klassische Ikone angelehnt sind, als ob der Maler ein gewisses Unbehagen gefühlt hat, die althergebrachten Schemata konsequent zu durchbrechen. Biblisch-historische Themen sind üblicherweise anders markiert[86].

Vor 1500 verzichtet Bellini kaum auf das Ehrentuch, ein einzelner Versuch zeigt seine Probleme mit dem Thema: Auf der Madonna mit den roten Engeln von 1480[87] verzichtet er auf das Textil, ersetzt es aber durch sechs rote Puttenköpfe und überdeutliche Heiligenscheine. Eine Rekontextualisierung des Schemas setzt erst nach 1500 ein, als Bellini mit der Madonna auf der Wiese[88] ein Madonna-mit-Kind-Bild in naturgetreuer Landschaft wagt. Die Jungfrau sitzt mehr oder weniger vor einer kargen Wiesenlandschaft, die augenscheinlich landwirtschaftlich genutzt wird. Auch wenn das Bildinventar im Mittelgrund durchaus seine christologischen Implikationen bereithalten mag (ein weißer Vogel kämpft mit einer Schlange, ein paar Sprößlinge treiben aus einem Baumstumpf), verfehlt das Gemälde den allgemeinen Anspruch eines Madonna-mit-Kind-Bildnisses: Das Kind verschläft die Szene und auch die Jungfrau bietet dem frommen Betrachter keinen Ansatzpunkt für eine kontemplierende Kommunikation, zu sehr ist sie in ihr eigenes Gebet versunken[89]. Letztlich hat Bellini aber nicht ganz auf das Ehrentuch verzichtet: durch die klar sichtbare Anordnung der Bildflächen erscheint der symbolgeladene Mittelgrund vor dem naturalistischen Hintergrund wie ein virtuelles Ehrentuch, das die heilige Szenerie von der wirklichen Welt abgrenzt[90].

Auch andere venezianische Künstler der Jahrhundertwende hatten mit diesem Problem zu kämpfen und es fällt dem Betrachter nicht schwer, noch mehr virtuelle Ehrentücher ausfindig zu machen. In Giorgiones Anbetung der Hirten[91] ist die Heilige Familie in den vorderen Mittelgrund getreten. Schroffer Felsen grenzt sie von der restlichen Bild-Natur ab und hinter ihnen ist nur das Dunkel eines Höhleneingangs, das die Szenerie behütet wie ein schwarzes Tuch. Auch Giorgione markiert diesen Bereich noch einmal mit Puttenköpfen, um dessen Sakralität zu wahren. Bei Tizian wiederholt sich das Motiv. Wo er die Jungfrau mit dem Kind nicht mit einem Ehrentuch ausstaffiert[92], arrangiert er sie vor einem natürlichen Ersatz, wie in Die Heilige Familie mit einem Hirten[93]. Erst um 1530 bricht er mit diesem Schema; das Ergebnis – die Madonna mit dem Kaninchen[94] – wirkt umso befremdlicher und wirft erneut die Pastoral-versus-Sakral-Problematik auf, an die wir uns von unserem Hauptbeispiel erinnern.

Ein Einwand mag lauten, dass das Ehrentuch ein strenger Bestandteil der Madonnen-ikonographie sei. Das mag hier nicht geleugnet werden. Ein Blick auf zeitgenössische Darstellungen weiterer Heiliger vermittelt aber den Eindruck, dass das hinter oder über das (sakrale) Bildpersonal gespannte Textil des Öfteren die oben ausgeführte Aufgabe übernimmt. Ein Blick auf die Judith-Bilder von Correggio[95], Cranach d.Ä.[96] und Mantegna[97] soll hier genügen. Wichtig ist vor allem, dass das Textilwerk, das im Venezien des Mittelalters noch den Großteil des Bildhintergrunds sakral-personaler Malerei ausmachte[98], deutlich reduziert wurde, bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts das Bild aber nur verließ, wenn entsprechende andere visuelle Marker gesetzt wurden, um das Gemälde als Heiligenbild auszuzeichnen.

Justina mit dem Stifter

Fassen wir es noch einmal zusammen: Im ersten Kapitel haben wir festgestellt, dass Morettos Hauptwerk, die Heilige Justina mit dem Stifter, ikonographisch schwer einzuordnen ist. Vieles erinnert an eine pastorale Liebesszene oder ein Hochzeitsbild, noch dazu mag es sich vielleicht um ein Bildnis von Alfonso I d’Este und seiner dritten Frau Laura Dianti handeln. Das restliche Bildinventar hat bisher kaum geholfen, das Rätsel um Morettos Bilderfindung zu lösen: zu komplex und fragwürdig war die Einhornsymbolik zu seiner Zeit bereits und auch die Nelke passt auf ein Heiligenbild wie auf ein Hochzeitsbild. Einzig das deutlich ins Bild gesetzte und wertvoll ausgeführte Tuch der Justina blieb uns als vager Hinweis erhalten.

Das zweite Kapitel war ein Exkurs über medial und sakral wirksame Textilien des Christentums. Wir haben erfahren, dass Textilien häufig als Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen übernatürlicher und natürlicher Sphäre, zwischen Heiligen und Menschen fungiert.

Im dritten Kapitel ging es schließlich um die Krise des Bildes im Venedig der Hochrenaissance, als neue Maltechniken eine Malerei nach der Natur erlaubten. Die Maler standen vor dem Problem, sakrale Themen mit der natürlich gemalten Umwelt ihrer Zeit und Heimat zu verbinden. Auch hier spielten Stoffe eine Rolle bei der Markierung des sakralen Raums: Während im Mittelalter noch ein großer Teil des Bildhintergrundes textil ausgestaltet war, markierten die wertvollen Seiden- und Brokatstoffe nun den Ort des Heiligen und grenzten ihn so von der profanen Umwelt ab.

Was hat das nun mit unserem Hauptbeispiel zu tun? Nehmen wir für einen Moment an, dass es sich um das Jahr 1530 folgendermaßen abgespielt hat: Der Herzog von Ferrara, Alfonso I, stellt dem hochreligiösen Maler[99] Moretto den Auftrag, seine neue Frau Laura als heilige Jungfrau und Märtyrerin darzustellen, mit ihm an ihrer Seite, der sie anbetet (oder gar anhimmelt). Moretto weiß über deren Vorgeschichte Bescheid: Dass sie bereits zwei Kinder gezeugt haben und lediglich auf päpstlichen Druck hin die Ehe eingehen, dass Laura eher das Gegenteil einer keuschen Märtyrerin ist. Er sollte dieses Bild nicht malen, aber er ist auch ein ehrgeiziger Geschäftsmann[100], ebenso ein „intellektuell orientierter Stilforscher, […] ein Humanist und Weltmann“[101] und findet schließlich eine Lösung für das Problem.

Ob sich die Geschichte so zugespielt hat, ist für meine Argumentation höchstens zweitrangig, hilft aber, diese zu illustrieren. Meine These ist Folgende: Moretto malt ein Bild, das vordergründig sowohl profane als auch sakrale Deutungsmöglichkeiten aufruft. Er verzichtet auf deutlich erkennbare visuelle Marker des Sakralen, setzt aber überdeutlich ein kostbares Tuchwerk ins Bild, das für den gelehrten Betrachter eine Thematisierung und Aussage über das Bild selbst darstellt.

Moretto kannte sich offensichtlich mit der Mittlerkraft von Stoffen aus. Mehrfach, fast ständig, hat er sie in seine religiösen Kunstwerke eingebaut. Er verwandte Vorhänge zur Inszenierung von Visionen[102] ähnlich wie Raffael in seiner Sixtinischen Madonna[103], malte diverse Schutzmantelmadonnen[104] und inszenierte die Eucharistie mithilfe diverser Schleier und Tücher[105]. Unzählige Ehrentücher, manches Mal kreativ umgewandelt wie im Schmerzensmann mit einem Engel[106], runden das textile Oeuvre ab. Eine Einzeluntersuchung dieser Werke mag fruchtbar sein, hier sollen sie nur dazu dienen, Moretto als Kenner der unterschiedlichsten Möglichkeiten, Bildideen und Glaubenswahrheiten mithilfe von Textilien umzusetzen, zu kennzeichnen.

Für seine Justina hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: Anstatt sie, der Tradition folgend, vor einem Ehrentuch zu positionieren, hat er ihr den Stoff als Kleidung angetan. Die Machart des Stoffes spricht hier Bände: Goldbrokat war ein immens teurer Stoff zu Morettos Zeiten aber bekannt als Hintergrund der Heiligenbilder des Mittelalters und der Frührenaissance[107]. Die Inszenierung des Tuches durch die Heilige – sie hält das Tuch hoch, weist es dem Betrachter vor – unterstreicht, dass sie es nicht zufällig trägt. Subtiler, aber für den Kenner durchaus bemerkbar, ist die graphische Beschaffenheit des floralen Musters. Die Rapportgebundenheit gewebter Stoffe verbot es, Muster zu schaffen, die nicht ständiger Wiederholung in der Horizontalen und Vertikalen unterworfen waren[108]. Dennoch fügen sich auf Justinas Palla die unterschiedlichsten Muster ineinander, ohne irgendwelche grundlegenden Symmetrien zu offenbaren: ein wahrhaft wunderliches Gewand von – im wörtlichen Sinne – malerischer Ausgestaltung. Somit weist Justina uns ein Bildwerk in seiner rudimentärsten Form vor.

Moretto wusste um die in der Dichtungs- und Kunsttheorie geläufige Vorstellung des Bildes „als textus, als Verwebung […] der Farben zu einer leuchtend-illusionistischen Oberfläche, einem involucrum und velum, einer täuschenden, fiktiven Verhüllung“[109]. Ähnlich wie sein Brescianer Landsmann Savoldo in seiner Maria Magdalena[110] macht Moretto ein Tuch zum Protagonisten des Bildes[111]. Das Tuch tritt hier allerdings nicht nur im Widerschein einer unsichtbaren Heiligkeit auf, sondern zitiert den textilen Hintergrund venezianischer Heiligenbilder des Mittelalters und der Frührenaissance. Der Maler hat Justina in ein Bild im Bild hineingewickelt. Einhorn und Stifter sind dabei Morettos Gehilfen in der Kommunikation mit dem Betrachter: Während das Horn des Tieres in einem deutlichen Zeigegestus auf das Tuch verweist, streift auch der Blick des Stifters – der Identifikationsfigur per se – zunächst das graphisch ausgestaltete Tuch, bevor er auf die Augen der Heiligen trifft. Die Aussage von Morettos Bild ist: Die Schau der Heiligen geht über die Schau eines Bildes. So wie das Gewebe aus Seide medial zwischen Himmel und Erde wirkt, funktioniert auch das Gewebe aus Faden als Mittler zwischen Betrachter und Heiliger. Justina muss hier nicht zusätzlich als heilige Person markiert werden, denn sie weist dem Betrachter das Tuch, das im selben Zustand wie sie auftritt: als Bildwerk. Andacht erfordert Bildbetrachtung.

Damit ist es gleich, ob Justina eigentlich Laura Dianti darstellt oder umgekehrt – letztlich bleibt sie die Bilderfindung des Künstlers, die dieser gekonnt in den traditionellen Stoff der Heiligenmalerei einschlägt. Er hat ein pastorales Gemälde subtil als Heiligenbild verkleidet und ihm damit jegliche sakrale Legitimation verschafft, die es benötigt. Ein Kunststück.

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[1] György Gombosi: Moretto da Brescia. Basel 1943

[2] Anna Rühl: Moretto da Brescia. Bildnisse. Studien zu Form, Wirkung und Funktion des Porträts in der italienischen Renaissance. (Im Druck)

[3] Z.B. Leo Steinberg setzt einen Ecce Homo (ca. 1550) von Moretto in seiner Argumentation zur Sexualität Christi in der Renaissancekunst ein: Leo Steinberg: The Sexuality of Christ in Renaissance Art and in Modern Oblivion. New York 1983, S. 96. Weitere Literatur findet sich nur sporadisch in Form von Museums- und Sammlungs-Mitteilungen – Bryson Burroughs: A Portrait by Moretto da Brescia. In: The Metropolitan Museum of Art Bulletin, Vol. 23, No. 9 (Sep., 1928), S. 216-217; Bryson Burroughs: The Pieta by Moretto da Brescia. In: The Metropolitan Museum of Art Bulletin, Vol. 7, No. 6 (Jun., 1912), S. 112-113; Felton L. Gibbons: Notes on Princeton Drawings IV: A Cartoon of a Cherub’s Head by Moretto da Brescia. In: Record of the Art Museum, Princeton University, Vol. 30, No. 1 (1971), S. 13-21 – und Ausstellungsbesprechungen: Giovanna Perini: Alessandro Bonvicino, il Moretto. Brescia. In: The Burlington Magazine, Vol. 130, No. 1026 (Sep., 1988), S. 714-716.

[4] Gombosi 1943, S. 39.

[5] Um 1530, 200×139 cm, Öl auf Leinwand, Kunsthistorisches Museum Wien. (Abb. 1)

[6] Beispielsweise in Harald Gebhardt/Mario Ludwig: Von Drachen, Yetis und Vampiren. Fabeltieren auf der Spur. München 2005,  S. 14.

[7] Vgl. Annemarie Bönsch: Formengeschichte europäischer Kleidung. Wien/Köln/Weimar 2001, S. 125ff.

[8] Prinzipiell kann das Gewand der Heiligen nicht endgültig eingeordnet werden. Ich bevorzuge eine Lesart, die das gotisch-mittelalterliche (gesteigertes Rockvolumen, Akzentuierung von Busen und Taille) Kleid mit dem antiken Stil von Textilgürtel und Schultertüchern als überzeitliches und damit bildtypisches Kleidungskonglomerat verbinden. Vgl. Bönsch 2001, S. 80 (Mittelalter) und S. 42 (römische Antike).

[9] Gombosi 1943, S. 39.

[10] Roberto Longhi spricht bei der Justina von einem „tratto confidenziale (non senza un sospetto di mala creanza) che avvicina di troppo il divito alla Patrona, come fosse uno di quegli scapoloni che, sui quarant’anni se ne stanno ancora appesi alle donne materne“. Roberto Longhi: Quesiti Caravaggeschi. In: Pinacotheca 1, 1928/29, S. 259. Zitiert nach Gombosi 1943, S. 77, Anm. 1.

[11] Zu Letzterem später mehr.

[12] Hiltgart L. Keller (Hg.): Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst (10. Aufl.). Stuttgart 2005, S. 355.

[13] LCI, S. 254.

[14] Ebd., S. 255.

[15] Keller 2005: S. 356.

[16] Ebd. Die Geschichte von Cyprian und Justina findet sich auch in der Legenda Aurea; Jacobus de Voraigne: The Golden Legend or Lives of the Saints. From the Temple Classics Edited by F.S. Ellis (1900). Vol. 5, S. 79f. http://www.fordham.edu/halsall/basis/goldenlegend/GoldenLegend-Volume5.htm [elektr. Ressource]

[17] LCI, S. 254.

[18] Vgl. Rosa Giorgi: Die Heiligen. Geschichte und Legende (= Bildlexikon der Kunst 2). Berlin 2003, S. 193.

[19] LCI, S. 255.

[20] Um 1563, 154,7×123,3 cm, Öl auf Leinwand, Galleria Palatina di Palazzo Pitti, Florenz. (Abb. 2)

[21] Um 1525, 118×93 cm, Öl auf Leinwand, Sammlung Heinz Kisters, Kreuzlingen. (Abb. 3)

[22] Geht man allerdings davon aus, dass das Gemälde Alfonso I. d’Este und Laura Dianti zeigt (welche erst auf päpstlichen Druck und zur Legitimation zweier schon zuvor gezeugter Kinder eine morganatische Ehe eingingen) könnte der Baum – insofern es sich um einen Mastix handelt – ein Fingerzeig des Malers sein, der die Dargestellte, in Anlehnung an die Susanna-Erzählung in den apokryphen Daniel-Zusätzen, einmal mehr als tugendhafte Jungfrau zeigt.

[23] Pflanzen neigen nicht dazu, ihre Blätter einerseits paarig gefiedert, andererseits einseitig wachsen zu lassen.

[24] Z.B. in Raffaels Madonna mit den Nelken, ca. 1506, 29×23 cm, Öl auf Eibenholz, National Gallery, London.  (Abb. 4)

[25] Nebenbei auch für die Passion Christi, weil die Nelkenkelche nach mittelalterlicher Ansicht einem Nagel ähnelten.

[26] Die englische Formulierung „to find the pink“ stellt die Doppeldeutigkeit dieser Aufgabe deutlich heraus. Vgl. zur Nelkensymbolik das Stichwort „Carnation“ in: Mirella Levi D’Ancona: The Garden of the Renaissance. Botanical Symbolism in Italian Painting. Florenz 1977, S. 79ff.

[27] Siehe Anmerkung 21

[28] Vgl. Jürgen Werinhard Einhorn: Spiritalis unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters. Zweite, erweiterte Auflage. München 1998, S. 288-308.

[29] 15. Jahrhundert, 310×330 cm.

[30] Einen wiederrum sehr bekannten Einblick in diese Wesenszüge geben die Wandteppiche von der Einhornjagd im Metropolitan Museum of Art (The Cloisters) in New York (1495-1505).

[31] Otto Schönberger (Hrsg.): Physiologus. Griechisch/Deutsch. Stuttgart 2001, S. 39.

[32] Ebd.

[33] Das sich durch einen Übersetzungsfehler eingeschlichen hat: Aus dem hebräischen re’em (=Wilder Ochse) wurde im Griechischen Monoceros, was in der Vulgata schließlich mit Unicornus übersetzt wurde. Vgl. John Cherry (Hrsg.): Fabeltiere. Von Drachen, Einhörnern und anderen mythischen Wesen. Stuttgart 1991, S. 73.

[34] Jacobus de Voraigne (1900), Vol. 7, S.42ff.:

http://www.fordham.edu/halsall/basis/goldenlegend/GoldenLegend-Volume7.htm [elektr. Ressource]

[35] Vgl. Einhorn 1998, S. 311.

[36] Clemes Zerling: Lexikon der Tiersymbolik. Mythologie, Religion, Psychologie. München 2003, S. 73.

[37] Gustav René Hocke: Die Welt als Labyrinth. Manierismus in der europäischen Kunst und Literatur. Reinbek bei Hamburg 1987, S. 231.

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Vgl. ebd. S. 232.

[41] Ebd. Auch Zerling 2003, S. 73, weist auf die „allerlei Vertraulichkeiten“ hin, die sich das Einhorn beizeiten herausnimmt.

[42] Um 1450, 51×40 cm, Mischtechnik auf Holz, Wallraf-Richartz-Museum, Köln.

[43] Um 1530, 81×114 cm, Öl auf Holz, Kunsthistorisches Museum, Wien.

[44] Um 1500, 220×97 cm, Öl auf Holz, Museo del Prado, Madrid.

[45] 1505-1506, 65×51 cm, Öl auf Leinwand, Galleria Borghese, Rom. (Abb. 5)

[46] Viel ließe sich noch über das Einhorn und seine Symbolkraft sagen, ich will es bei dieser kurzen Zusammenfassung belassen. Zur Lektüre seien neben Einhorn 1998, Cherry 1997 und Hocke 1987 die Ausführungen über das Einhorn mit vielen Verweisen in die Poesie und Mystik bei Janina Drostel: Einhorn, Drache, Basilisk. Fabelhafte Fabelwesen. Ostfildern 2007, S. 33-48, und die Aufsatzsammlung Hans Konrad Schmutz (Hrsg.): Phantastische Lebensräume. Phantome und Phantasmen in der neuzeitlichen Naturgeschichte. Marburg an der Lahn 1997 empfohlen.

[47] Vgl. Zerling 2003, S. 73.

[48] Einhorn 1987, S. 368, Anm. 843, sieht in dem Ansatz, das Einhorn auf Morettos Bild als Symbol weltlicher Liebe und/oder Erotik zu interpretieren eine völlige Missdeutung, ohne dies weiter auszuführen. Nach Hacke 1987, S. 230f., dürfen wir diese Sichtweise aber nicht außer Acht lassen. Es bleibt der subjektive Eindruck, dass die jeweiligen Autoren die Einhornsymbolik entsprechend ihrer Zwecke interpretieren: Jürgen W. Einhorn ist Franziskanerpater, Gustav Hocke war Kulturhistoriker. Ich vermute, dass die Wahrheit zwischen den beiden Polen liegt und die Künstler der Renaissance bereits auf hohem Reflexionsniveau mit der Darstellung des Fabelwesens experimentierten.

[49] LCI, S.152f.

[50] Vgl. Kathryn M. Rudy: Introduction. Miraculous Textiles in Exempla and Images from the Low Countries. In: dies. (Hrsg.): Weaving, veiling, and dressing. Textiles and their metaphors in the late Middle Ages. Turnhout 2007, S. 3.

[51] Grundlegend: Rudolf Berliner:  Arma Christi. In: Robert Suckale (Hrsg.):“The freedom of medieval art” und andere Studien zum christlichen Bild. Berlin 2003. Weiterführend: Robert Suckale: Arma Christi. Überlegungen zur Zeichenhaftigkeit mittelalterlicher Andachtsbilder. In: Städel-Jahrbuch, N.F. 6 (1977)

[52] Protoevangelium des Jakobus 10,2.

[53] Rudy 2007, S. 2.

[54] 27×19 cm, Tempera auf Leinwand. (Abb. 6)

[55] Rechter Flügel, 93×108 cm, Tempera auf Holz.

[56] Philine Helas: The Clothing of Poverty and Sanctity in Legends, and their Representations in Trecento and Quattrocento Italy. In: Kathryn M. Rudy (Hrsg.): Weaving, veiling, and dressing. Textiles and their metaphors in the late Middle Ages. Turnhout 2007, S. 285.

[57] Ebd., S. 3 u. S. 17

[58] Thomas Lentes: Die Gewänder der Heiligen. Ein Diskussionsbeitrag zum Verhältnis von Gebet, Bild und Imagination. In: Gottfried Kerscher (Hrsg.): Hagiographie und Kunst. Der Heiligenkult in Schrift, Bild und Architektur. Berlin 1993, S. 135.

[59] Helas 2007, S. 285.

[60] Rudy 2007, S. 12.

[61] Ebd., S. 13.

[62] Helas 2007 bespricht ausführlich den Heiligen Martin von Tours, die Heilige Margarethe von Cortona und die Heilige Katharina von Siena.

[63] Diese Zusammenfassung der Legende folgt Helas 2007, S. 271ff.

[64] Ebd., S. 273.

[65] Lentes 1993, S. 129ff.

[66] Ebd., S. 137.

[67] Meister der Katharina von Kleve: Verkündigung. Im Stundenbuch der Katharina von Lochorst. Westfälisches Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster. MS 530 LM, fol 16v. Utrecht 1440-50.

[68]Vermutlich eine Kopie des 17. Jahrhunderts nach einem Fresko des 13. Jahrhunderts. 117×82 cm.

[69] Vgl. Henk W. van Os: The Madonna and the Mystery Play. In: Simiolus: Netherlands Quarterly for the History of Art. Vol. 5, No. 1/2 (1971), S. 7.

[70] Ebd., S. 8.

[71] Ebd., S. 9.

[72] Victor M. Schmidt: Curtains, Revelatio, and Pictoral Reality in late Medieval and Renaissance Italy. In: Kathryn M. Rudy (Hrsg.): Weaving, veiling, and dressing. Textiles and their metaphors in the late Middle Ages. Turnhout 2007, S. 201f.

[73] Auch Klaus Krüger: Das Bild als Schleier des Unsichtbaren. Ästhetische Illusion in der Kunst der frühen Neuzeit in Italien. München 2001, S. 25f., erwähnt das Bild und sein Mysterienspiel, bezieht sich in seiner Argumentation aber auf eine Kopie des Bildes  im selben Dom, um das paradoxe Wirklichkeitsverhältnis der (sakralen) Kopie eines sakralen Bildes anzusprechen.

[74] Äußerst umfangreich dokumentiert bei Brigitte Klesse: Seidenstoffe in den italienischen Malerei des 14. Jahrhunderts. Bern 1967.

[75] Vgl. Cathleen S. Hoeniger: Cloth of Gold and Silver. Simone Martini’s Techniques for Representing Luxury Textiles. In: Gesta. Vol. 30, No. 2 (1991), S. 161.

[76] 1425, Tempera auf Leinwand, 139×83 cm, National Gallery, London. (Abb. 7)

[77] Arthur Steinberg/Jonathan Wylie: Counterfeiting Nature. Artistic Innovation and Cultural Crisis in Renaissance Venice. In: Comparative Studies in Society and History, Vol. 32, No. 1, (Jan., 1990), S. 65.

[78] Ebd. S. 68.

[79] Ebd.

[80] Grundlegend: Norbert Schnitzler: Ikonoklasmus – Bildersturm. Theologischer Bilderstreit und ikonoklastisches Handeln während des 15. und 16. Jahrhunderts. München 1996

[81] Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. (6. Auflage) München 2004, S. 510.

[82] Ebd., S. 524.

[83] Ebd., S. 511.

[84] Der neue Stil war nach anfänglichem Zögern schwer gefragt. Vgl. Steinberg/Wylie 1990, S. 77.

[85] Griechische Madonna, um 1450, 82×62 cm, Tempera auf Holz, Pinacoteca di Brera, Mailand. (Abb. 8)

Madonna mit Kind, 1468, 85×115 cm, Öl auf Leinwand, Pinacoteca di Brera, Mailand. (Abb. 9)

Madonna mit stehendem Kind, seine Mutter umarmend, um 1480-90, 75×59 cm, Öl auf Holz, Museu de Arte de São Paulo. (Abb. 10)

Madonna mit Kind, 1505, 50×41 cm, Öl auf Leinwand, Galleria Borghese, Rom. (Abb. 11)

[86] Siehe Sixten Ringbom: Icon to Narrative. The rise of dramatic close-up in fifteenth-century devotional painting. Doornspijk 1984.

[87] 77×60 cm, Öl auf Holz, Gallerie dell’Accademia, Venedig. (Abb. 12)

[88] 67×86 cm, Tempera auf Holz (neuere Untersuchungen bestätigen eine Mischtechnik auf Ei- und Ölbasis. Vgl. Steinberg/Wylie 1990, S. 70), National Gallery, London. (Abb. 13)

[89] Vgl. Steinberg/Wylie 1990, S. 70f.

[90] Vgl. ebd.

[91] Um 1504, 90×110 cm, Öl auf Holz, National Gallery of Art, Washington D.C. (Abb. 14)

[92] Madonna mit Kind (Zigeuner-Madonna), um 1512, 65×83 cm, Öl auf Holz, Kunsthistorisches Museum, Wien. (Abb. 15)

Kirschen-Madonna, um 1516, 81×99 cm, Öl auf Leinwand,, Kunsthistorisches Museum, Wien. (Abb. 16)

[93] Um 1510, 99×139 cm, Öl auf Leinwand, National Gallery, London. (Abb. 17)

[94] Um 1530, 71×85 cm, Öl auf Leinwand, Musée du Louvre, Paris. (Abb. 18)

[95] Judith, um 1512, Öl auf Holz, Musée des Beaux-Arts, Strasburg. (Abb. 19)

[96] Die siegreiche Judith, um 1530, Öl auf Holz, Gemäldegalerie, Berlin. (Abb. 20)

[97] Judith und Holofernes, 30×18 cm, um 1495, Öl auf Holz, The National Gallery of Art, Washington D.C. (Abb. 21)

[98] Beispiele en Masse liefern Klesse 1967 und Hoeninger 1991.

[99] Gombosi 1943, S. 10

[100] Ebd.

[101] Ebd.

[102] Die Madonna in der Glorie, undatiert, Öl auf Leinwand, 308×205 cm, Hauptaltar v. S. Giovanni Evangelista, Brescia. (Abb. 22)

[103] 1512/13, Öl auf Leinwand, 256×196 cm, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden. (Abb. 23)

Zur Argumentation s. Belting 2004, S. 533-538.

[104] Bspw. La Madonna della Misericordia, um 1535, Tempera auf Leinwand, 280×299 cm, Reale Accademia, Venedig. (Abb. 24)

[105] Der Schmerzensmann mit den Heiligen Cosmas und Damianus, um 1540, Öl auf Leinwand, 261×160 cm, Hochaltar d. Chiesa Parrochiale, Marmentino. (Abb. 25)

[106] Um 1550, Öl auf Leinwand, 216×125 cm, Pinacoteca Tosio e Martinengo, Brescia. (Abb. 26)

[107] Vgl. Hoeninger 1991.

[108] Dies sollte sich erst im beginnenden 19. Jahrhundert ändern. Vgl. Klesse 1967, S. 17.

[109] Krüger 2001, S. 39.

[110] Um 1535, Öl auf Leinwand, 89×82 cm, National Gallery, London.

[111] Vgl. Krüger 2001, S. 105.

Kostümargumentation. Beobachtungen am Medici-Zyklus.

(Aus einem Hauptseminar bei PD Dr. Eva-Bettina Krems, im Wintersemester 2008/09)
Abbildungen bei Wikipedia Commons.

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Die Parzen spinnen das Schicksal der Königin. Es ist ein textiles Lebensband, das am Beginn der Medici-Galerie gesponnen wird und symbolisch für die auf insgesamt einundzwanzig großformatigen Bildtafeln entwickelte Narration über das Leben der Maria de Medici stehen kann. Nicht erst seit der italienischen Renaissance, deren eifriger Student Peter Paul Rubens, der Schöpfer ebenjener Galerie, war, kannte man die Vorstellung des Bildes „als textus, als Verwebung […] der Farben zu einer leuchtend-illusionistischen Oberfläche“[1]. Auf die Gemälde, die einst für den Palais de Luxembourg in Paris ausgeführt wurden, trifft die Vorstellung einer Verwebung vielleicht im besonderen Maße zu. Hier scheint alles miteinander verknüpft zu sein: Nicht nur Farbe und Form, auch Politik und Mythologie, Emblematik, Symbol und Personifikation. Entsprechend umfangreich ist die vorhandene Forschungsliteratur, die sich seit der grundlegenden Stoffsammlung von Jacques Thuillier und Jacques Foucard[2] rasch vermehrt. Neben umfangreichen Überblicken[3] und großangelegten Analysen[4] gibt es zahlreiche Untersuchungen, die sich dem einen oder anderen Detail in Rubens‘ ausuferndem Zyklus zuwenden[5]. Kaum Beachtung hat dabei ein Grundstein der Gemälde, die primäre Vorstellung von Gewebe, gefunden: Auf die reiche textile Ornamentik und die fein ausgearbeiteten Kleider in den Darstellungen wurde bisher äußerst selten eingegangen. In dieser Hausarbeit sollen nun, anhand einiger ausgewählter Beispiele aus dem Medici-Zyklus, die vielfachen Funktionen und Bedeutungen herausgestellt werden, die Kleidung im Bild haben kann. Ein Abriss über die historischen Grundlagen der Galerie und einige methodische Erläuterungen zur Kleidung als Forschungsgegenstand der Kunstgeschichte wird den Bildanalysen vorangestellt.

Der Medici-Zyklus

Die Entstehungsgeschichte des Gemäldezyklus‘ ist hinlänglich bekannt und in allen Publikationen mehr oder weniger weit ausgebreitet worden[6]: Am 26. Februar 1622, erst wenige Wochen nach der Rückkehr Maria de Medicis nach Paris, wurde mit Rubens „ein Vertrag über die Dekoration zweier Galerien des Palais de Luxembourg abgeschlossen“[7], die in der Ausführung von vierundzwanzig Bildern die „Geschichte und heroischen Taten“[8] der Monarchin darstellen sollte[9]. Der Zweck war eindeutig: „Das Bildprogramm zielte darauf, die in Misskredit geratene Königin zu rehabilitieren“[10].

Hieran sei erinnert: Maria de Medici, die Tochter Francescos I. de Medici und Johannas von Österreich, wurde am fünften Oktober 1600 mit dem damaligen König von Frankreich, Heinrich IV., verheiratet. Zehn Jahre später starb Heinrich infolge eines Attentates, woraufhin Maria die Regierungsgeschäfte bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes, Ludwig XIII., über sieben Jahre fortführte[11]. Als Regentin verfolgte sie eine Friedenspolitik, indem sie eine Doppelhochzeit ihres Sohnes mit der Infantin von Spanien und ihrer Tochter mit dem späteren spanischen Thronfolger arrangierte[12]. Wie dies ihr einzig relevanter außenpolitischer Schachzug war – der letztlich durch Richelieus Politik seiner Wirkung beraubt wurde[13] –, hatte Maria de Medici innenpolitisch noch weniger Glück[14]. Durch „fast unbegrenzte Konzessionen an die Großen des Reiches“ hatte sie versucht, inneren Frieden zu kaufen[15], war daran schließlich gescheitert und von ihrem Sohn – der nebenbei ihre korrupten Berater exekutieren ließ – unter Hausarrest in Paris und Blois gestellt, während er die Regierungsgeschäfte übernahm[16]. „Drei Jahre schwelenden und offenen Bürgerkrieges folgten, in dem die Königin auf Seiten der Rebellen gegen den eigenen Sohn kämpfte“[17] und der schließlich, nach mehrmaliger Vermittlung Richelieus, durch den Vertrag von Ponts-de-Cé beendet wurde[18]. Letztlich kommt es 1621 zur vollständigen Aussöhnung zwischen Mutter und Sohn[19].

Dies ist die historische Schablone, vor der Rubens seinen Gemäldezyklus aufbaut. Der Anspruch an das Bildprogramm, das nicht nur von Rubens, sondern ebenso von der Königin, deren Beichtvater und Berater Claude Maugis, Richelieu und dem mit Rubens befreudeten Juristen und Gelehrten Peiresc geplant wurde[20], liegt damit darin, „die umstrittene Regierungszeit [Marias] bildlich zu legitimieren“[21]. Diese Legitimierung sollte vor allem durch eine Verbindung mit der Politik ihres Gatten Heinrichs IV., in Darstellung der Bewahrung und Fortführung seines politischen Erbes erreicht werden[22]. Ebenso wie Marias Regierungsjahre als Zeit der Blüte und des Friedens gezeigt werden sollten, musste natürlich jegliche Provokation ihres Sohnes vermieden und ihre Entzweiung mit ebenjenem „als das Werk dunkler, dem französischen Königreich feindlicher Mächte“[23] dargestellt werden.

Das spezifisch Neue der Medici-Galerie findet sich in der Verbindung von allegorisch-mythologischer Form und tatsächlicher Politik- und Geschichtsthematik: „Frühere Bildprogramme königlicher Paläste waren entweder Ereignisse der nationalen Geschichte oder der Verherrlichung des Monarchen […] gewidmet.“[24] Hier finden sich nun „reale Personen und zeitgeschichtliche Ereignisse mit antiken Göttern, Genien, Personifikation und Symbolen verwoben, wobei das allegorische Personal vielfach gänzlich die Handlung bestimmt.“[25]

Kleidung

Kleidung kommt in fast allen Spielarten der figurativen Malerei vor und bedeckt nicht selten einen großen Teil des Bildraums ohne gezielt wahrgenommen zu werden[26]. Da Gewänder oft nur als kurzer Identifikationshinweis der abgebildeten Personen erkannt werden, wurde das Nachdenken über Kleidung im Bild in der Kunstgeschichte weit hinten angestellt. Die „reine Beschreibung, Inventarisierung und Datierung“[27] scheint derzeit das Hauptgebiet der kunstgeschichtlichen Kostümkunde zu sein, durch einen Mangel „an theoretischen Überlegungen zur Kleidung in der Kunst“[28] und einem Fehlen von methodischen Diskussionen gerät „die vielschichtige Bedeutung der Gewandung für Kunstgeschichte, Geschichte, Soziologie und Genderforschung […] zunehmend in Vergessenheit.“[29] So gesehen ist die Bedeutung von Kleidung in den Geisteswissenschaften ein selten berührtes Thema: „The question of fashion is not a fashionable one among intellectuals“[30], formuliert Gilles Lipovetsky 1994. Ein Grund hierfür ist bestimmt die Konnotation der Kleidung mit üblicherweise als „weiblich“[31] betitelten Interessen[32]. Im Zuge der Bildwissenschaften und der neuen Kunstgeschichte nach dem iconic turn, die sich an Ideen des Marxismus, Feminismus, der Psychoanalyse sowie strukturalistischen und semiotischen Traditionen orientieren, gibt es aber ein neues Interessen an Fragen, die Probleme der sozialen Identität, Körperlichkeit, von Gender, Repräsentations- und Referenzmustern erörtern und damit auch Kleidung und Mode zurück ins Bewusstsein der akademischen Welt bringen[33].

Die in der Kunstgeschichte übliche, rein indexikalische Wahrnehmung von Kleidung als Insignie oder Attribut der auftragenden Person (denken wir an die Tiara des Papstes, die Kaiserkrone oder die Ritterrüstung, ebenso an den Hermelinpelz des Adels oder der Richter), greift indes – wobei diese Frage natürlich nicht unwichtig ist! – zu kurz. Gewandung hat stets auch eine symbolische Komponente[34], wie in der jüngeren Vergangenheit an der „‚Strickjackendiplomatie‘ zwischen Helmut Kohl und Michail Gorbatschow“[35] oder der „Turnschuhvereidigung“ von Joschka Fischer[36] deutlich zu sehen war. In der ständischen Gesellschaft des Barock muss die Kleidung, ebenso wie im Mittelalter und der frühen Neuzeit, „eine ungleich höhere Bedeutung“[37] gehabt haben, ausgelegt auf den Bedarf, hierarchische Unterschiede und Unterscheidungen stets sichtbar halten zu können[38].

Die Macht der Kleidung darf nicht unterschätzt werden. Sie bestimmt das eigene Verhalten – so ist dieses rein körperlich schon determiniert davon, ob man ein enges Korsett oder ein Bloomerkostüm[39] trägt – und das Verhalten anderer. Von den Töchtern Georges III. ist bekannt, dass sie vor ihrer ordentlichen Einführung in die höfische Gesellschaft dennoch an Hofveranstaltungen teilnehmen durften, gesetzt dem Fall, dass sie keine „Lappets“ (eine Form des Schleiers) trugen. Dieses kleine Kleidungsdetail reichte aus, sie für den Rest des Hofstaates (verordnet) unsichtbar zu machen[40]. Viele Beobachter des höfischen Lebens beschrieben Mäntel, Kleider und Stickereien wesentlich umfangreicher als Menschen oder Paläste[41], was die enorme Aufmerksamkeit des Adels gegenüber der Zeichenhaftigkeit von Kleidung demonstriert[42].

Die materielle Qualität der Kleidung – des Stoffes und des Schnittes –, ist ein elementarer Teil der Produktion von Bedeutung im Barockzeitalter. Die Verbindung, die das Gewand mit dem Körper eingeht, gibt ihm eine besondere Stellung in der sozialen Interaktion; Kleidung zeigt und verhüllt den Körper, sie unterbindet den Blick auf das ungeschützte Ich und wird so zum Werkzeug der Selbstpräsentation und -repräsentation in der Gesellschaft. Über die praktische Notwendigkeit der Kleidung hinweg wird sie stets auch von „reizvollen Empfindungen und ästhetischen Absichten“[43] beherrscht. Die so hergestellte visuelle Qualität formt das die Kleidung tragende Individuum und trägt zu den vielschichtigen Prozessen bei, die den „Körper“ in die „Person“ verwandeln.[44]

Dieser Zusammenhang zwischen der Kleidung und dem Verhalten des Trägers (das die „Person“ formt) ist auch sprachlich angelegt. Das italienische Wort „costume“ ist im Deutschen ebenso gleichbedeutend mit „Kleidung/Kostüm“ wie mit „Sitte/Brauch/Gewohnheit“, entsprechend das englische „habit“[45]. Dass die Kleidung performativ das Verhalten des Trägers bestimmt, ist in dem Wort „Investitura“ (=Kleidung, lat.) angelegt: Das Überstreifen des Kloster-Habits wird deckungsgleich mit dem Gelübde verhandelt[46].

All dies sei cum grano salis angenommen. Wie jedes arbiträre Zeichensystem kann auch die Kleidung nicht als universale Sprache verstanden werden, sondern funktioniert nur in abgegrenzten Bereichen[47], die sich zudem stetig konsensuell oder diskursiv verändern. So kann Kleidung die Umwälzung eines politischen oder gesellschaftlichen Systems befeuern, wie beispielsweise der „Mao-Anzug“[48], oder ihre ehemals politische Referentialität wird durch Aneignung in verschiedensten Systemen negiert oder sogar gelöscht, wie es derzeit mit dem sogenannten „Palästinensertuch“ geschieht[49].

Letztlich gelingt es der Kleidung nicht, in sich selbst diskussionswürdig zu erscheinen. Das erwähnte „Pali-Tuch“ selbst kann spontan als Eintagsfliege der Modewelt abgetan und als trivial erachtet werden, wogegen seine Bedeutung enorme Aufmerksamkeit und Diskussionsbereitschaft erzeugt[50]: „Serious thinkers, faced with the obvious power of dress even over very profound spirits, have been led to treat clothes as if they were metaphors and illustrations. To be objectively serious about clothing has usually come to mean explaining what they express about something else.”[51] Dies reicht aber nicht aus, die spezifische visuelle Qualität von Kleidung zu erfassen. Kostüme und Kleidungsstücke geben kein individuelles Statement ab, sondern generieren in sich selbst ein Zeichensystem, dem eine direkte Deutung als soziales oder psychologisches Phänomen nur selten gerecht werden kann, meint Anne Hollander[52]: „Thus Western clothing is not a sequence of direct social and aesthetic messages cast in a language of fabric but, rather, a form of self-perpetuating visual fiction, like figurative art itself. […] Because they share in the perpetually idealizing vision of art, clothes must be seen and studied as paintings are seen and studied – not primarily as cultural by-products or personal expressions but as connected links in a creative tradition of image-making.”[53]

Die bildenden Künstler hatten nun oft genug die Aufgabe, die spezifischen Qualitäten der Kleidung entsprechend in ihrer Malerei umzusetzen. Bereits aus der Frühneuzeit sind zahlreiche Quellen bekannt, durch die der Künstler eindeutige Anordnungen bekam, wie die Gewandordnung der Zeit darzustellen sein. Von Francesco Barberini, Kardinalnepot Papst Urbans VIII., ist bekannt, dass er 1629 „zur Förderung der Kostüm-Kompetenz der Künstler […] ein Corpus der stadtrömischen Wandmalereien und Mosaiken anfertigen“ ließ[54]. Diametral entsprechend war es in zahlreichen Gesellschaften verboten, sich in nicht standesgemäßer Kleidung abbilden zu lassen[55]. Das weist auf die Doppeldeutigkeit der Kleidung im Bild hin: Ein Gewand kann durchaus authentisch dargestellt sein – über die Authentizität im historischen oder soziologischen Zusammenhang ihres Einsatzes sagt dies noch nichts aus. Oder anders gesagt: Nur weil eine abgebildete Person ein bestimmtes Kleidungsstück trägt, heißt das nicht, dass sie dazu befugt war oder dies im wirklichen, außerbildlichen Leben tatsächlich tat[56].

Philipp Zitzlsperger spricht im Zusammenhang der Kleidungsanalyse in der Kunstgeschichte von einer „Doppelfrage, die in unterschiedlicher Ausprägung die Ikonologie des Bildes beherrscht: Warum trägt der abgebildete Protagonist eine bestimmte Kleidung/Insignie im Bild, und warum trägt er nicht eine andere?“[57] Diese Fragestellung kann für die Untersuchung des Medici-Zyklus besonders hilfreich sein: Im Vergleich der Vorskizzen aus der Alten Pinakothek in München mit den fertigen Gemälden im Louvre fallen zahlreiche textile Verschiebungen und Umentscheidungen ins Auge. An den Kostümen seiner Protagonisten hat Rubens trotz des Zeitdrucks, den ihm dieser große Auftrag bescherte, minutiös gearbeitet und zahlreiche Variationen – zu erkennen an den Pentimenti der Münchener Skizzen – ausprobiert. Rubens war klar fasziniert von Kleidung und Kostümen und gestaltete neben Kostümstudien für seine Werke auch eine große Sammlung mit Zeichnungen historischer und orientalischer Gewänder, heute bekannt als das Costume Book[58] im British Museum, London[59]. Anne Hollander erkennt den Textilien und Kostümen auf Rubens‘ Bildern, ausgehend von der Antwerpener Himmelfahrt Mariens (1626), eine annähernd gleiche Lebendigkeit wie seinen menschlichen Protagonisten an[60].

Die Motivation für eine Arbeit über den Medici-Zyklus, die sich kostümkundliche Fragestellungen als Methode aussucht, verdanke ich Karl Großmanns Dissertation über den Zyklus an der Universität Leipzig von 1906[61], der bereits überraschende – und seitdem nicht wieder aufgenommene – Anmerkungen über die Kleidung von Rubens‘ Protagonisten in seine sonst klassisch-stilgeschichtliche Arbeit einfließen lässt. Wie Willibald Sauerländer in seiner bereits 1983 erschienen Forderung nach einer kunstgeschichtlichen Revision der Kostümkunde[62] darstellt, strebten die Kunsthistoriker um die Jahrhundertwende „nach einer von der Kostümkunde emanzipierten Erfassung des Gewandstils“[63], die beispielsweise Karl Franck-Oberaspach und Heinrich Wölfflin – und ebenso Großmann – zu einer detaillierten  Ekphrasis der Kleidung im Bild veranlasste. Die entschiedene Ablehnung der Kostümkunde und eine Fixierung auf die Methodik der klassischen Kunst- und also Stilgeschichte führten in der Folge zu jener Forschungsrichtung, „die gelegentlich mit leicht pejorativem Unterton als ‚Faltenphilologie‘ apostrophiert worden ist“[64]. Es mag dieser historische Fehlgriff gewesen sein, der das Kostüm im Bild auf seine chronometrische Indexikalität reduzierte[65] und der Wissenschaft jahrelang das Nachdenken über gemalte Kleidung verleidete – hier schließt sich der Kreis. Dennoch können uns Großmanns aufmerksame Kleidungsstudien unter veränderten Vorzeichen ein wertvoller Wegweiser durch Rubens‘ komplexen Bildzyklus sein. Um die Bedeutung der Kleidung im Medici-Zyklus entsprechend zu würdigen, suchen wir nun also nach ihren spezifisch visuellen Eigenschaften, nach symbolischen und attributiven Aussagen und nach möglichen kulturell-historischen Qualitäten.

Ein letzter Hinweis sei den Bildanalysen noch vorangestellt: Die Kleidung, mit der wir es zur Zeit Maria de Medicis zu tun haben, ist historisch eher schwer einzuordnen. Die vorherrschende Zeit der Spanischen Mode mit ihrer strengen und oft schwarz gefärbten Formsprache ist hier schon gebrochen, aber noch nicht ganz der bestimmenden Kleidung des 30jährigen Krieges gewichen, die mit ihren Vanitas-Verschnörkelungen und Ornamenten den Grundstein für die berühmte Mode des absolutistischen Hoftheaters unter Ludwig XIV., die uns aus Kunst und Kinofilm[66] so vertraut erscheint, legen sollte. Die französische Mode der 1620er muss sich zunächst etablieren und in ihrer Formsprache wachsen, bevor sie europaweit bestimmend wirken kann. Dies mag ein Grund sein, warum sie – im Gegenzug zur Kleidung des Mittelalters[67] und der Renaissance[68], aber auch des Absolutismus[69], der Aufklärung und der Romantik[70] – kaum Thema wissenschaftlicher Untersuchungen geworden ist[71].

Die Erziehung Marias

Hier sehen wir die halbwüchsige Prinzessin in einer Grotte, in die durch eine Öffnung im oberen Hintergrund ein Wasserfall eindringt. In dem Wasser bricht sich das ebenfalls eindringende Licht, während die zukünftige Königin in Schreibübungen auf einem Pergament vertieft ist, das auf dem Schoß der sie anweisenden Minerva ruht. Ein lorbeerbekränzter Musikant[72] streicht eine Viola da Gamba, drei nackte Grazien reichen Maria einen kleinen Blumenkranz, im Vordergrund liegen neben einer Laute auch ein Medusenschild, eine Homerbüste, sowie Mal- und Bildhauerinstrumente: Andeutungen an ihre Ausbildung und ihre Liebe zu Kunst und Kultur[73]. Oben schwebt Merkur, der, nach allgemeiner Deutung, seinen Caduceus als Geschenk bringt[74]. Großmann und Wehlen sprechen von einer „stürzenden“ und „strudelnden“ Bewegung[75]. Es sind aber die Textilien, die in der sonst eher kühlen und distanzierten Komposition Dynamik entstehen lassen: Der rote Vorhang, von Merkur in die Bildmitte gezogen, reißt den Betrachterblick (dem der Musikant als Identifikationsfigur hilfreich ist)  in die Höhle hinein, wo er vom bauschigen weißen Mantel des Götterboten aufgefangen und umgelenkt wird. Ein Glück, denkt man sich, lenkt er doch vom provokanten Blick der linken Grazie ab, die den Betrachterblick unverhohlen zurückwirft. Meinem Wissen nach ist es in der Forschung bisher ignoriert worden, dass die nackte Schönheit den hegemonial-männlichen Blick[76] nicht duldend erleidet oder sich voyeuristisch beobachten lässt, sondern dem Blick von erhöhtem Standpunkt – rechnet man das Format und die Hängung des Bildes ein – erwidern kann. Dies ist ein deutlich positives Zeichen in Rubens‘ Bilderfindung, gibt er der künftigen Königin so nicht nur Bildung und Schönheit mit auf den Weg, sondern zusätzlich auch das Selbstbewusstsein, diese Vorzüge offensiv nutzen zu können. Eine Pointe, die noch deutlicher wird, wenn man die Münchener Skizze im Vergleich heranzieht: Hier scheint das Bild in sich selbst versunken, die Grazien sind ganz auf Maria fixiert, die linke legt ihr gar die Hand auf die Schulter; eine Geste, die als Einladung an das Mädchen wirkt, sich nach den Grazien umzusehen und sich nach ihrem Beispiel zu bilden. Allerdings sind die Grazien hier nicht nackt: ein Schleier legt sich über ihre Beine und ihren Schambereich. Auch wenn der Schleier von zarter Materialität ist und wenig verhüllt, ergibt der Akt des Bekleidens eine Verschiebung in der Indexikalität der Grazien[77]. Das Tuch rückt die Schönheiten im Sinne zeitgenössischer Wahrnehmung in einen kulturellen Kontext fabrizierter Attraktivität[78]. Nacktheit hingegen, wie Rubens sie auf dem fertigen Galeriebild darstellt, gehört in die Sphäre des (mythisch) Natürlichen – ebenso nackt erscheinen die Nereiden in der „Landung in Marseilles“ – und so muss die Schönheit nicht als kulturell erlernt, sondern als Naturgabe anerkannt werden. Nicht umsonst schenken die Grazien Maria einen Kranz aus Blumen und Kräutern, die sie gleich am vorderen Bildrand gepflückt haben könnten. Das Selbstbewusstsein Marias wird so ebenfalls als natürliche Gabe deklariert. Während die Skizze noch als mustergültiges Erziehungsbild gelesen werden kann – die Geste der linken Grazie kann auch als Einladung zum Schönheits-Unterricht gedeutet werden, wenn die Lehrerinnen sich schon entsprechend den anderen Erziehern im Bild angekleidet haben – differenziert Rubens die Situation im endgültigen Bild stärker: kulturelle Lehre und Gaben der Natur halten sich hier die Waage.

Betrachten wir einmal die Hauptperson: Fleißig in ihre Schreibaufgaben vertieft kniet die junge Prinzessin vor Minerva. Ihr Kleid – auf der Skizze noch in einem ähnlichem Blauton gehalten wie die Tunika der Lehrerin – ist von einer Farbe, die wir wohl als Florentinerrot bezeichnen würden. Die Kleidung ist ganz geprägt von italienischem Stil und Jugendlichkeit, nichts verweist hier auf die pompösen Kleider, die Maria schon bald anlegen wird um ihrem künftigen Amt entgegenzugehen.

Es sei angemerkt, dass Italien trotz aller Errungenschaften in den bildenden Künsten niemals eine „Kostümdominanz“ ausgeprägt hat oder „vorbildhafte Mode für Europa“[79] entwickelte[80]. „Dazu kommt eine typische Eigenheit der italienischen Mode, die sich bis heute verfolgen lässt: Die Italiener verabscheuen förmlich jede Art von höfisch manierierter, hocharistokratischer Mode.“[81] Die Medici, wenn auch geadelt, waren modisch immer „bürgerlich“, d.h. patrizisch, geblieben und „modisch betrachtet konnte die patrizische Bürgerlichkeit einen gewissen Zug zur Bequemlichkeit nie verleugnen“[82].

Das Kleid schmeichelt der anatomischen Beschaffenheit der Prinzessin eher als das es sie, wie die französischen Kleider, expressiv formt. Die Kleidung Marias mag gleichwohl als ideal für ein Erziehungsbild angesehen werden: Alles hat seine Ordnung, das Kleid ist trotz feiner Dekolletierung nicht zu aufreizend, sondern unterstützt sanft die jugendlichen Formen, ebenso wird – ganz entsprechend des „ordnungsbewussten Klarheitsbestrebens der Renaissance“[83] – jedes Kleidungsdetail an der Gewandoberfläche ausgestellt, vom feinen Leinenhemd bis zu den dunkel gewebten und mit Goldfasern versehenen Ärmeln. Dass das Kleid die Prinzessin dabei nicht einengt, kann nur zum Vorteil der Lehre gereichen. Die Abstammung aus einem reichen Haus lässt sich ebenfalls ablesen: goldene Applikationen an Schultern und Armen runden den Eindruck der Perlen und des Geschmeides an Frisur und Hals ab. Der umfangreichen Diskussion zur Verortung des Bildthemas lässt sich also folgende Aussage hinzufügen: Durch ihr Kleid kann Maria für den zeitgenössischen Betrachter eindeutig als Vertreterin eines renaissance-italienischen Ideals erkannt werden, deren Gewand weder ihre natürliche Anatomie noch ihre Gelehrsamkeit einschränken kann, gleichzeitig aber auch ihre patrizische Herkunft deutlich ausstellt. Die Abwesenheit jeglichen höfischen Zeremoniells lässt eine unbeschwerte Ausbildung vermuten.

Die Übertragung der Regierung

Springen wir ein wenig in der Zeit voraus: Maria hat inzwischen in procuratione in Florenz geheiratet, die Ehe mit Heinrich in Lyon vollzogen und den Thronfolger geboren[84]. Nun, im März 1610, bereitet sich der König auf einen Feldzug vor und überträgt in Vorbereitung und Voraussicht auf seinen möglichen Tod – der wenig später, allerdings in Form eines Attentats, tatsächlich eintreffen wird – die Regentschaft auf Maria[85].

Die bildliche Repräsentation dieses eher bürokratischen Vorgangs zeigt uns eine Art Theater-Dispositiv. Wie auf einer Bühne tritt von links Heinrich heran, um der wartenden Maria den mit goldenen Lilien geschmückten, blauen Reichsapfel[86] zu reichen und ihr mit der linken den prächtig herausgeputzten Dauphin zuzuschieben. Gerüstete Krieger, die das Lilienbanner hochhalten und einige Feuerwaffen am linken unteren Bildrand weisen auf die militärischen Absichten des Königs hin, während rechts eine steinerne Balustrade und zwei Begleiterinnen Marias den durch die Bewegung des Königs nach rechts gelenkten Blick aufhalten und eine gewissen Beständigkeit ins Bild bringen. Die Bogen-Architektur bezieht sich bereits auf den Thronfolger: in den Winkeln ist sie mit Delphinen verziert. Der leicht versetzte Durchblick in den Garten ist kunstvoll arrangiert. Durch die architektonische Anordnung wird der Betrachter motiviert, den Schritt Heinrichs nachzutun, um eine (theoretisch) perfekte Symmetrie im Bildblick zu erreichen[87].

Der König ist militärisch, aber auch edel angetan. Sein weißes Hemd und der goldene Brustpanzer korrelieren mit dem Nationalbanner im Hintergrund. Militärische Assoziationen wecken auch die stark ausgepolsterte, pailletierte spanische Kniehose – die sogenannte Heerpauke – und die mit Sporen versehenen Stiefel. Die Stiefel werden mit derselben Nachlässigkeit getragen wie in „Heinrich empfängt Marias Porträt“; ein Umstand, für den ich keine Erklärung habe, außer dass er die Dynamik von Heinrichs Schritt und damit die Dynamik der jeweiligen Szene subtil unterstützen mag. Den Schlitzen an Heinrichs Oberarmen kommt ebenfalls dynamisierende Wirkung zu: diese Mode stammt von der Landsknechttracht und ist ein Beispiel, wie Mode die Ständegrenzen auch von unten nach oben durchdringen kann. Es ist in zeitgenössischer Sicht unverkennbar, dass Heinrich hier als verwegener und erfahrener Krieger dargestellt wird, indem er sich der verwegenen textilen Optik[88] der Landsknechte bedient.

Die Königin wird man – außer vielleicht bei ihrer Krönung – in den folgenden Bildern nicht mehr so aufwändig und edel gekleidet sehen[89]. Ihr dunkles Kleid ist nach der neuesten Schneiderkunst geschnitten und von höchster Kunstfertigkeit, von den Perlen und Applikationen  über die gepufften Ärmel bis zu den Spitzen an den Armen und dem, was man später Medici-Kragen nennen wird – übrigens eine Kragenformel, die sich in Ablehnung der spanischen Halskrause entwickelte[90]. Die neue höfische  Mode, die streng geometrischen Schnitte der spanischen Kostüme aufzuweichen und den bisher kegelförmigen Rock in eine trommelförmige Silhouette zu überführen, hatte auch Auswirkungen auf die Malerei: Nicht umsonst ist bemerkt worden, dass die zahlreichen horizontalen und vertikalen Falten weitaus bessere Möglichkeiten für ein interessantes Lichtspiel boten[91]. Rubens erreicht mit der detailnahen Ausführung des Lichtspiels, neben all den anderen feinen Gewandverziehrungen, eine weitere Pointe in der sonst doch recht theatralisch-steifen Bilderfindung. Die naturnahe Schilderung der Kostüme suggerieren dem Betrachter ein bestimmendes „So ist es gewesen!“[92].

Die historische Sicherheit, in der der Betrachter durch die Kleidung gewiegt wird, bricht Rubens durch die Begleitpersonen der Königin aber rasch wieder auf. Weshalb steht dort eine Frau barfuß, in ein antikisierendes, blaues Gewand gekleidet und mit gelber Draperie umhüllt? In der Münchener Skizze trägt dieselbe Person noch eine Schlange um den Arm gewickelt und kann somit als Prudentia identifiziert werden. Im fertigen Galeriebild ist eine ikonographische Einordnung ohne jegliche attributelle Dreingabe unmöglich, weshalb Otto von Simson vielleicht überzeugt war, dass „die beiden weiblichen Gestalten […] der Thematik nichts wesentliches hinzu[fügen]“[93]. Ich nehme an, dass die vordere Figur, neben möglichen allegorischen Implikationen, einen malerische Funktion hat. Im Zusammenspiel mit Marias dunklem Kleid und dem Rot des Dauphin-Kostüms bildet das Gewand der Figur jenen farblichen Vierklang, der leitmotivisch im ersten Gemälde der Westwand auftaucht, „Die Parzen spinnen das Schicksal der Königin“. So wird einerseits die Westseite der Galerie kompositorisch verklammert[94], andererseits werden hier, an dem Wendepunkt von Marias (und Frankreichs!) Geschick noch einmal die Schicksalsgöttinnen aufgerufen, die das Geschehen überzeitlich legitimieren. Der Faden, den sie am Anfang der Galerie spinnen, verwebt sich hier zur Trias von Mutter, Sohn und sphärischen Kräften.

Die Einnahme von Jülich

Ein weiteres schönes Beispiel für Rubens‘ Kostümargumentation hing in der ursprünglichen Galerie direkt gegenüber, die „Einnahme von Jülich“. Hier reitet uns Maria auf einem prachtvollen weißen Zelter[95] würdevoll entgegen, dem Damensattel geschuldet eher thronend denn kriegerisch. Neben ihr Fortitudo oder Magnanimitas[96] mit einem Löwen, der Königin Perlen und Geschmeide reichend, während sie oben von Victoria mit einem Lorbeerkranz bekrönt wird und Fama ihren Ruhm ins Land posaunt. All dies geschieht im Vordergrund, derweil sich auf einer Tiefebene im Hintergrund zwei Unterhändler sich gegenüberstehender Heere die Hand reichen.

Dies ist neu: „Eine Monarchin hoch zu Roß […] hat es im Bilde zuvor noch nicht gegeben.“[97] Rubens hatte bereits zwanzig Jahre zuvor für den Herzog von Lerma ein meisterliches Reiterbild geschaffen, warum also nicht ein politisch eher schwieriges Thema in ein politisch subtil lesbares Ruhmesbild verwandeln?

Das politische Ereignis fand im Zuge des Jülich-Kleveschen-Erbfolgestreits statt. Heinrich hatte vor seinem Tod geplant, durch die Kontrolle des vakanten Herzogtums Kleve-Jülich-Berg – und die Einsetzung eines protestantischen Fürsten – den katholischen Habsburgern die Machtausbreitung am Niederrhein zu verleiden. Dies nicht zwingend aus religiöser Sympathie mit den Protestanten, sondern eher aus nationalstaatlichen Gründen. Seine Ermordung kam diesen Plänen zuvor und so lag es an Maria, die als Katholikin und Tochter einer habsburgischen Prinzessin kaum Motive für einen solchen Feldzug hatte, Heinrichs Pläne in die Tat umzusetzen. Die große Offensive gegen Habsburg blieb deshalb tatsächlich aus und Jülich wurde nach kurzer Belagerung an den protestantischen Prätendeten übergeben[98]. Von einem glorreichen Sieg konnte hier nicht die Rede sein, wenn Maria gar gegen ihre ureigensten außenpolitischen Überzeugungen verstieß.

Die Bilderfindung stellt eine Intention programmatisch aus: Die Legitimierung der Regentschaft Marias durch die Weiterführung der Pläne Heinrichs. Natürlich war sie nicht wie er in den Krieg geritten; Sie konnte das nur in der bildlichen Sphäre tun, hier aber mit großem Erfolg durch die Kunst Rubens‘. Maria führt im Bild das Erbe Heinrichs fort, indem sie seinen Stand usurpiert, in die Domäne der erfolgreichen (männlichen) Kriegsherren und Reiter eindringt und so selbst zum cäsarischen Standbild wird[99].

Es ist bislang übersehen worden, dass ihr Gewand dabei eine explizit symbolische Bedeutung hat. Der – in der Skizze noch kaum ausgestaltete – antikisch-drapierte Reitermantel ist weiß und mit einem goldenen Lilienmuster versehen. Im Gegensatz zu den sonst im Zyklus vorherrschenden Stoffen, die goldene Lilien auf blauem Grund zeigen, ist dies nicht der Stoff, aus dem die königliche Flagge gemacht ist, sondern die Nationalflagge des ancien régime, die auf das Wappen der Bourbonen, deren erster König Heinrich IV. war, zurückgeht. Die Staatsmetaphorik, die im Bild aufgerufen wird, und die eine emblematisch verbürgte „Attitüde des Souveräns, der demonstriert, dass, wie er sein Ross zu lenken verstehe, so auch den Staat zu führen wisse“[100], wird hier entscheidend erweitert. Damit ist es auch egal, wie ihre persönliche Haltung zur hier dargestellten Historie aussah, und es grenzt mitnichten an eine „monströse Selbstverleumdung“, die entsprechenden staatspolitischen Entscheidungen feiern zu lassen, wie Berthold Hinz urteilt[101]. Maria folgt hier nicht nur Heinrichs Politik nach, sondern stellt den Staatskörper selbst dar, dessen Schicksal sie inkorporiert und weise (und siegreich!) lenkt. Der weit aufbauschende Obermantel verleiht ihr dabei, bildlich gesprochen, Flügel und rückt sie letztlich und wesentlich näher an die Sphäre der geflügelten Sinnbilder als an die einer tatsächlichen historischen Heerführerin.

Fazit

Rubens detaillierte Ausarbeitung der Kleidung in seinen Bildern ist mitnichten als barocke Spielerei abzutun. Genaue Beobachtungen helfen hier ebenfalls weiter, die piktoralen Bedeutungskonstruktionen des Medici-Zyklus zu entschlüsseln. Sarah Cohen hat in einem schönen Aufsatz gezeigt, wie die Figur der Francia, also der Personifikation Frankreichs, im Zyklus verschiedene Gender-Stadien durchläuft und Rubens dies subtil nur durch Gewand und Körpersprache auszudrücken weiß[102]. So ist Francia in „Heinrich empfängt das Bildnis Marias“ noch in eine Draperie gehüllt, die keines Schneiders Hand berührt zu haben scheint und mit ihren römischen Militärstiefeln als Amazone auszuweisen, die sich in ihrer Wesensart vollkommen von der späteren, nun unter Marias Einfluss stehenden Personifikation im „Austausch der Prinzessinnen“ unterscheidet. Hier sieht man Francia zwar immer noch in ein blaues Lilienbanner gehüllt, doch ist es nun kunstvoll vernäht: Puffärmel, Halfter und Gürtel und die Andeutung eines Untergewandes machen Frankreich hier hoffähig, die Absätze an den fein gearbeiteten Stiefeln runden die Kavalierpose ab und demonstrieren eindrücklich Marias feinsinniges außenpolitisches Kalkül – nebenbei kann die Personifikation so noch für einen beim Ereignis tatsächlich dabei gewesenen Edelmann einstehen[103]. Doch es sind eben nicht nur die Allegorien und Personifikationen, die durch vestimentäre Details Bedeutung bilden. Im „Austausch der Prinzessinnen“ können wir beobachten, dass Marias Tochter Isabella nahezu dasselbe Kleid trägt wie ihre Mutter es zur „Landung in Marseilles“ trug. Wir können davon ausgehen, dass die geschilderte Situation von Mutter und Tochter ebenso ähnlich empfunden werden konnte wie sich ihr Gewand ähnelt, ganz im Sinne der barocken Vorstellung, dass die Kleidung ein Ausdruck der Gemütslage auf der Körperoberfläche des Trägers sei[104]. Etwas hat sich hier aber verändert: Es ist der Rock, den Isabella trägt. Hier sehen wir nicht mehr das tonnenförmige Model mit dem untergeschnallten „Weiberspeck“, wie Maria es bei ihrem Landgang trägt und das der französischen Mode entspricht, sondern einen kegelförmigen Rock nach spanischer Mode, ähnlich den Kleidern, in denen Velázquez die Prinzessin später abbilden sollte. Nicht zufällig, so vermute ich, fügt Rubens dem Rock weitere Details hinzu: Wir können hier einige Zierknoten ausmachen, die den scheinbar zweigeteilten Rock grazil zusammenhalten, vielleicht ein Hinweis auf die politischen Verbindungen zu Spanien, das mit der kommenden Doppelhochzeit wieder enger an Frankreich gebunden werden soll.

Genaue Beobachtungen, gepaart mit dem Feingefühl für barocken Inszenierungstechniken, die theatralische Dispositive – und hierzu gehört eindeutig die Kleidung! – sowohl ins „wahre Leben“ als auch in die anderen Künste, in diesem Fall die Malerei, vermittelten, können uns helfen, dem unbändigen und reichen Bildprogramm der Medicigalerie erneut einen Schritt näher zu kommen. Dass Rubens die Frage des Vestimentären, die Frage nach der Kleidung in seinen Bildern, ausdrücklich und ernsthaft stellt, finden wir nicht nur in seiner Korrespondenz mit Peiresc bestätigt[105], sondern mag auch als kleines Detail bei der Betrachtung des Zyklus‘ ins Auge fallen: Nahezu exakt in der Mitte der „Apotheose Heinrichs IV. und Huldigung Marias“, also auf dem Scheitelpunkt des gesamten Zyklus gemalt, sehen wir einen Gegenstand, den Victoria in den Himmel stemmt: Es ist eine Kleiderpuppe[106].

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[1] Klaus Krüger: Das Bild als Schleier des Unsichtbaren. Ästhetische Illusion in der Kunst der frühen Neuzeit in Italien. München 2001, S. 39.

[2] Jacques Thuillier/Jacques Foucard: Le Storie de Maria de’ Medici di Rubens al Lussemburgo. Mailand 1967.

[3] Otto von Simson analysiert den Zyklus bereits 1936 in seiner Dissertation Zur Genealogie der weltlichen Apotheose im Barock, besonders der Medicigalerie des P. P. Rubens. Straßburg [u.a.] 1936 und blieb dem Thema, bei dem ihn vor allem die politischen Implikationen interessierten, sein Leben lang treu: Ders.: Richelieu and Rubens. Reflections on the Art of Politics. In: The Review of Politics, Vol. 6, No. 4 (Oct., 1944), S. 422-451. Ders.: La vita di Maria de’ Medici nell’opera di Rubens. Mailand 1966. Ders.: Rubens und der „Merkur“ des Giambologna. In: Antje Kosegarten/Peter Tigler: Festschrift Ulrich Middeldorf. Berlin 1968, bespricht das Vorbild des Merkur im „Frieden von Angoulême“ und dessen politische Signifikanz als Geschenk zur Brautwerbung um Marias Mutter. Ders.: Politische Symbolik im Werk des Rubens. In: Erich Hubala (Hg.): Rubens. Kunstgeschichtliche Beiträge. Konstanz 1979 entspricht zum Größten Teil dem dann erweiterten Kapitel über den Zyklus in ders.: Peter Paul Rubens (1577-1640). Humanist, Maler und Diplomat. Mainz 1996, S. 229-285.

Rüdiger an der Heiden: Die Skizzen zum Medici-Zyklus von Peter Paul Rubens in der Alten Pinakothek. München 1984, liefert eine solide Zusammenfassung der Geschehnisse um Maria de Medici vor Entstehung des Gemäldezyklus und eine gute Bestandsaufnahme mit kurzen Interpretationsansätzen zu den Münchener Skizzen.

Martin Warnke: Laudando praecipere. Der Medicizyklus des Peter Paul Rubens. Groningen 1993, referiert in diesem Vortrag über mariologische Darstellungsmodi und die Panegyrik mit ihren Stadien „Loben und Mahnen“ als System des Medici-Zyklus.

Das jüngste Werk über den Zyklus ist Bernhard Wehlens Dissertation (2006): “Antrieb und Entschluss zu dem was geschieht”. Studien zur Medici-Galerie von Peter Paul Rubens. München 2008, mit Anmerkungen zur Architektur und einem besonderen Augenmerk auf dem, was Wehlen im Sinne Wilhelm Messerers „Anschaulichkeit“ nennt. Desweiteren führt Wehlen Gedanken zur „Ornamentalen Bewegtheit“ und Bewegtheit nach Johannes Kepler aus. Wehlens etwas kraftlose Argumentation erscheint ein wenig zusammengestückelt und symptomatisch für die neuere Forschung am Medici-Zyklus, die zwar prestigeträchtig scheinen, letztlich aber nicht argumentativ wirksam sein mag.

[4] Ronald Forsyth Millen/Robert Erich Wolf: Heroic deeds and mystic figures. A new reading of Rubens’ Life of Maria de’ Medici. Princeton 1989, stellen jedem Gemälde der Medici-Galerie einen umfangreichen Text zur Seite und decken erstmals die künstlerisch umgesetzten Embleme als durchgehende Methode in den Gemälden auf.

[5]Ewald M. Vetter: Rubens und die Genese des Programms der Medicigalerie. In: Pantheon. Internationale Zeitschrift für Kunst, 32. Jahrgang, 1974, S. 355-373, zeigt die Verhandlungen und Änderungen im Programm des Zyklus‘ auf und distanziert Rubens vom Ausdruck eigener Meinung.

Johannes Langner: ‘Die Erziehung der Maria von Medici‘. Zur Ikonographie eines Gemäldes von Rubens. In: Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst, dritte Folge, Band 30. München 1979, S. 107-130, bearbeitet die Ikonographie des titelgebenden Gemäldes und stellt heraus, wie Rubens aus einem „Fundus an Konventionen“ (S. 107) schöpft, statt spezifisch aktuelle politische Ikonographie zu erschaffen.

Elizabeth McGrath: Tact and topical Reference in Rubens’s ‘Medici Cycle’. In: Oxford Art Journal, Vol. 3, No. 2, Propaganda (Oct., 1980), S. 11-17, setzt sich mit der Problematik auseinander, wie vorsichtig Rubens mit seiner Bildrhetorik umgehen musste, um den Zensoren zu entgehen und das Leben seiner Auftraggeberin „angemessen“ darzustellen.

Bernhard Rupprecht: Orpheus als Pädagoge. Nachträge zur Ikonographie von Rubens‘ „Die Erziehung der Maria de Medici“. In: Christoph Andreas (Hg.): Festschrift für Hartmut Biermann. Weinheim 1990, S. 161-169, folgt der Einzelanalyse des Bildes nach Langner 1979 und argumentiert für die Deutung des Gamba-Spieler als Orpheus.

Kristine Weber/Justus Müller Hofstede: „Non si fa niente contra la verita“. Historischer Schauplatz und ikonographische Inszenierung im Vermählungsbild von Rubens‘ Medici-Zyklus. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte, Band LI. Köln 1990, S. 131-163 unterziehen die „Vermählung in procuratione“ einer Revision und argumentieren, wie Rubens der historischen Trauung eine sakrale Überhöhung, „die auch die konfessionell-politische Grundhaltung der Königinmutter demonstrierte“ (S. 155) herbeiführte.

Geraldine A. Johnson: Pictures fit for a Queen. Peter Paul Rubens and the Marie de’ Medici Cycle. In: Art History, Vol. 16, No. 3 (Sept., 1993), S. 447-469, behandelt die für unsere Fragestellung sehr interessante Thematik, wie Rubens die Königin in der ihm eigenen Bildsprache häufig nackter Frauenkörper darstellt.

Lyckle de Vries: Rubens‘ Medici cycle: Italian art theory and Flemish Painting. In: Michèle-Caroline Heck (Ed.): Le Rubénisme en Europe aux XVIIe et XVIIIe Siècles. Turnhout 2005, S. 147-158, stellt den Zyklus in eine Tradition der pittura mista und vertieft Warnkes (1993) Interpretation in panegyrischer und moralischer Hinsicht.

Julius A. Chrościcki: The Recovered Modello of P.P. Rubens’ Disembarkation at Marseilles. The Problem of Control and Censorship in the Cycle Life of Maria de’ Medici. In: Artibus et Historiae, Vol. 26, No. 51 (2005), S. 221-249, verdanken wir den Fund eines Modello in einer Privatsammlung und eine vertiefende Argumentation über die Kontrollen und Zensuren, die Rubens über sein Werk ergehen lassen musste.

[6] Besonders in Simson 1984, S. 229ff., Vetter 1974 und natürlich Thuillier/Foucard 1967.

[7] Büttner 2007, S. 81.

[8] Ebd.

[9] Die zweite Galerie sollten „in der Art der römischen Triumphe die Schlachten, Siege und Eroberungen Heinrichs IV. verherrlichen“, Büttner 2007, S. 81. Hierzu ist es nicht mehr gekommen.

[10] Ebd.

[11] Vgl. die „Timeline“ in Millen/Wolf 1989, S. 14ff.

[12] Simson 2004, S. 232.

[13] Ebd., S. 261.

[14] Simson 2004, S. 232, spricht gar von einem „Scherbenhaufen“.

[15] Ebd.

[16] Millen/Wolf 1989, S. 16f.

[17] Simson 2004, S. 232.

[18] René de la Croix Herzog von Castries: Die Bourbonen in Frankreich. In: Helmut Gajić (Red.): Die großen Dynastien. Erlangen 1986, S. 155. Millen/Wolf 1989, S. 17, sprechen von einer Niederlage und erzwungenen Kapitulation Marias.

[19] Millen/Wolf 1989, S. 17. Dieser Satz kann durchaus mit einem Fragezeichen versehen werden: Letztlich fiel Maria de Medici Richelieus Machtpolitik zum Opfer und wird 1630/31 (10. November: „Tag der Geprellten“) in die Verbannung geschickt. Vgl. De la Croix 1986, S. 156.

[20] Büttner 2007, S. 82.

[21] Ebd.

[22] Simson 2004, S. 233.

[23] Ebd.

[24] Ebd., S. 232, Hervorhebung von mir.

[25] Büttner 2007, S. 82. Mehrere Exegeten bemerken die tatsächliche Passivität der Königin, zuerst wohl Jacob Burckhardt: Erinnerungen aus Rubens. München 2006, S. 107 („Maria Medici dagegen durfte ja nicht sichtbar handeln, nur berathen entscheiden, Ceremonien über sich ergehen lassen, siegreich daher geritten kommen und etwa einmal nächtlich entfliehen, und nun ist Antrieb und Entschluß zu Dem was geschieht, vorzugsweise in Allegorien und allegorisch gebrauchte römische Gottheiten verlegt.“), und in dessen Tradition jüngst Wehlen 2008, S. 22ff., der darauf seine Argumentation der Personifikationen als antreibende Kräfte aufbaut.

[26] Anne Hollander: Fabric of Vision. Dress and Drapery in Painting. London 2002, S. 9.

[27] Philipp Zitzlsperger: Kostümkunde als Methode der Kunstgeschichte. In: Kritische Berichte, 1, 2006, S. 36.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Gilles Lipovetzky: The Empire of Fashion. Dressing modern democracy. Princeton 1994, S. 3. Zitiert nach: Catherine Richardson: Introduction. In: dies. (Ed.): Clothing Culture, 1350-1650. Aldershot 2004, S. 2.

[31] Im Sinne einer Gender-Bezeichnung.

[32] Richardson 2004, S. 2.

[33] Ebd., S. 7.

[34] Zitzlsperger 2006, S. 37.

[35] Ebd., S. 39.

[36] Hierzu gibt es ein Kapitel in Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder. Band 2, 1949 bis heute. Göttingen 2008.

[37] Zitzlsperger 2006, S. 39.

[38] Ebd.

[39] Gundula Wolter: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose. Marburg 1994.

[40] Philip Mansel: Dressed to rule. Royal and court costume from Louis XIV to Elizabeth II. New Haven 2005, S. xiii.

[41] Ebd., S. xv.

[42] Umgewendet schreibt Nils Büttner: „Genau wie die Ablehnung mancher Vorschläge des Malers erweist auch das lange Hin und Her um Details wie Rüstungen und Bekleidungen der Figuren, dass man mit einer äußerst genauen Betrachtung und Bewertung durch das höfische Publikum rechnete“. Nils Büttner: Rubens. München 2007, S. 82, Hervorhebung von mir.

[43] Harald Brost: Kunst und Mode. Eine Kulturgeschichte vom Altertum bis heute. Stuttgart [u.a.] 1984, S. 7.

[44] Der Absatz (mit Ausnahme Anm. 18) folgt Richardson 2004, S. 8f.

[45] Ulrike Ilg: The Cultural Significance of Costume Books in Sixteenth-Century Europe. In: Catherine Richardson (Ed.): Clothing Culture, 1350-1650. Aldershot 2004, S. 46f.

[46] Philine Helas: The Clothing of Poverty and Sanctity in Legends, and their Representations in Trecento and Quattrocento Italy. In: Kathryn M. Rudy (Hrsg.): Weaving, veiling, and dressing. Textiles and their metaphors in the late Middle Ages. Turnhout 2007, S. 285.

[47] Ilg 2004, S. 47.

[48] Eduard Kögel: Der Maoanzug. In: archplus 168. Februar 2004, S. 24-26.

[49] Ulrike Putz: „Die Damen sind ganz wild darauf“. Fashiontrend Palästinensertuch. Auf: Spiegel-Online, 28.02.2009 http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,597022,00.html [elektr. Ressource, zuletzt eingesehen am 17.03.2009]

[50] Vgl. Anne Hollander: Seeing through clothes. Berkeley 2000, S. xv.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Ebd. und f. Hervorhebung im Original.

[54] Zitzlsperger 2006, S. 42 unter Berufung auf Ingo Herklotz: Michele Lonigo als Kunstkritiker. Zu einer historischen Rezeption der Altarbilder von Sacchi und Passignano in St. Peter. In: Victoria von Flemming/Sebastian Schütze (Hg.): Ars naturam adiuvans. Festschrift für Matthias Winner. Mainz 1996, S.420f.

[55] Zitzlsperger 2006, S. 42.

[56] Ebd.

[57] Ebd., S. 43.

[58] Kristin Lohse Belkin (Hg.): The costume book. Brüssel 1980. Hier ist zu bemerken, dass Rubens‘ Kostümzeichnungen lange Zeit als „nach dem Leben“ gezeichnet rezipiert wurden. Tatsächlich kopierte Rubens die Kleidungsstücke aus Gemälden und anderen Bildformen, experimentierte in der Darstellung aber mit anderen Körperhaltungen und Ausdrücken der Kostümträger.

[59] Aileen Ribeiro: „Dress“. In: Jane Turner (Ed.): Dictionary of Art, Bd. 9. New York 1996, S. 245.

[60] Hollander 2002, S. 67.

[61] Karl Großmann: Der Gemäldezyklus der Galerie der Maria von Medici von Peter Paul Rubens. Straßburg 1906.

[62] Willibald Sauerländer: Kleider machen Leute. Vergessenes aus Viollet-le-Ducs Dictionnaire du Mobilier Français. In: Arte Medievale 1 (1983), S. 221-240.

[63] Ebd., S. 223.

[64] Ebd., S. 224f.

[65] Ebd., S. 225.

[66] Neben den vielen Mantel- und Degenfilmen ist hier wohl Sofia Coppolas Marie Antoinette (2006) zu nennen.

[67] Für die Kunst- und Bildwissenschaftliche Forschung beispielhaft genannt seien der Sammelband Kathryn M. Rudy (Hrsg.): Weaving, veiling, and dressing. Textiles and their metaphors in the late Middle Ages. Turnhout 2007, Thomas Lentes: Die Gewänder der Heiligen. Ein Diskussionsbeitrag zum Verhältnis von Gebet, Bild und Imagination. In: Gottfried Kerscher (Hrsg.): Hagiographie und Kunst. Der Heiligenkult in Schrift, Bild und Architektur. Berlin 1993,  Cathleen S. Hoeniger: Cloth of Gold and Silver. Simone Martini’s Techniques for Representing Luxury Textiles. In: Gesta. Vol. 30, No. 2 (1991). Weiter E. Jane Burns (Ed.): Medieval fabrications. Dress, textiles, clothwork, and other cultural imaginings. New York 2004, Ansgar Köb: Kleidung und Repräsentation in Antike und Mittelalter. München 2005 und Margaret Scott: Medieval dress & fashion. London 2007.

[68] Brigitte Klesse: Seidenstoffe in den italienischen Malerei des 14. Jahrhunderts. Bern 1967 und Richardson 2004.

[69] Eine der umfangreichsten Studien zur Mode im Zeitalter des Absolutismus bietet Daniel Roche: The culture of clothing. Dress and Fashion in the ‚ancien régime‘. Cambridge 1996. Weiter Mansel 2005.

[70] Einführend und anschaulich bei Brost 1984, S. 115-24 (Absolutismus) und S. 125-132 (Aufklärung). Zur Aufklärung auch John Styles: The dress of the people. Everyday fashion in eighteenth-century England. New Haven u.a. 2007.

[71] Für die Rubenszeit geltend gemacht werden kann, leider nur auf den karolinischen Hof bezogen, Emilie E.S. Gordenker: Anthony van Dyke (1599-1641) and the Representation of Dress in Seventeenth-Century Portraiture. Turnhout 2001.

[72] Über die „Identität“ des Musikers gibt es unterschiedliche Auffassungen: Großmann 1906, S. 27, plädiert für Apoll, Simson 2004, S. 242, spricht sich im Konsens mit Millen/Wolf 1989, S. 43, für eine Deutung als Harmonie oder Concordia aus, während Wehlen 2008, S. 106, im Anschluss an Rupprecht 1990 von einer Deutung als Orpheus überzeugt ist, der ich mich anschließen möchte.

[73] S. Langner 1979 für eine detaillierte Analyse der Ikonographie des Bildes.

[74] Millen/Wolf 1989, S. 45 und passim betonen diesen Punkt besonders und stellen den Merkurstab als Leitmotiv des gesamten Zyklus vor. In Anbetracht der unzähligen Leitmotive, für die Millen und Wolf mal mehr, mal weniger schlüssig argumentieren, mag das nicht überzeugen und der Caduceus hier nur als (wenn auch wichtige!) Zugabe zu den anderen Lernutensilien der zukünftigen Königin gesehen werden.

[75] Großmann 1906, S. 29, Wehlen 2008, S. 106.

[76] Viel wurde im Zuge der feministischen Kunstwissenschaft über den männlichen Blick theoretisiert, bspw. von Griselda Pollock, Linda Nochlin und Marina Warner. Eine Diskussion dieser Theorien findet sich bei Edward Snow: Theorizing the male gaze. Some problems. In: Representations, No. 25 (Winter 1989), S. 30-41.

[77] Hier nicht berücksichtigt werden die unzähligen Lesarten von Schleiern, die in den Literatur-, Kunst- und anderen Geisteswissenschaften im Zuge eines „Schleier-Booms“ in den letzten Jahren produziert wurden (Gerhard Wolf, Klaus Krüger, Patricia Oster und natürlich Aleida Assman u.a.). Einen guten Querschnitt hierzu bietet Johannes Endres (Hg.): Ikonologie des Zwischenraums. Der Schleier als Medium und Metapher. München 2005.

[78] Vgl. Hollander 2000, S. 84.

[79] Annemarie Bönsch: Formengeschichte europäischer Kleidung. Wien u.a. 2001, S. 119.

[80] Natürlich vormodern betrachtet!

[81] Ebd.

[82] Ebd.

[83] Ebd., S. 131.

[84] Zur „Geburt des Dauphin“ hat Marius Rimmele auf der Tagung „Das Kleid der Bilder. Bildspezifische Sinndimensionen von Kleidung in der Vormoderne.“ (3.-5. April 2009, Universität Konstanz) unter anderem lehrreich erörtert, wie die „Kostümargumentation“ hier einen sehr privaten Rahmen schafft (durch die derangierten Gewänder und die aufgeknöpfte Brokatweste) und die auffällige dunkelrote Draperie als Metonymie für Marias körperliche Gebährfähigkeit gelesen werden kann.

[85] Millen/Wolf 1989, S. 16.

[86] Zur Analyse des Reichsapfels im Gemäldezyklus siehe Matthias Winner: The Orb as the Symbol of the State. In: Allan Ellenius (Ed.): Iconography, propaganda, and legitimation. The origins of the modern state in Europe. Oxford u.a. 1998, S. 63-86.

[87] Großmann 1906, S. 51.

[88] Die Schlitze in den Kostümen der Landsknechte deuten auf die Gefahr der Verletzung und des Todes hin, die eitel und stolz an der Gewandoberfläche zur Schau gestellt wird.

[89] Sie legt die edlen Gewänder erst zugunsten einer antikisierenden Trauertracht ab, später wird sie dann neben dem neuen König ebenfalls in eher schlichte Mäntel gehüllt erscheinen; ein Bildfaktor, der auf den Skizzen noch nicht zu sehen ist.

[90] Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Stuttgart 1987, S. 354.

[91] Bönsch 2001, S. 169.

[92] Ein Umstand, der so längst nicht an allen Gewandungsdarstellungen der Medici-Galerie bemerkt werden kann. Rubens lässt diese hochwertigen Details vor allem dort zur Geltung kommen, wo auf ein historisches Ereignis verwiesen wird. Ebenso etwa in der „Hochzeit in procuratione“.

[93] Simson 2004, S. 253.

[94] Auf dieser Seite der Galerie folgt nur noch, im Breitformat, „Die Krönung in St. Denis“.

[95] Dies ist die Annahme von Großmann 1906, S. 67, der ich mich anschließen möchte. Berthold Hinz: „…reitet für Frankreich“. Rubens Maria de‘ Medici vor Jülich. In: Gabriele Baumbach/Cordula Bischoff (Hg.): Frau und Bildnis 1600-1750. Barocke Repräsentationskultur an europäischen Fürstenhöfen. Kassel 2003, S. 39, spricht hingegen von einem „langmähnige[n] feurige[n] Schimmel, eher ein Kampfroß denn ein Tier für den Damen-Ausritt“.

[96] Simson 2004, S. 260, spricht sich für eine Mischfigur aus.

[97] Hinz 2003, S. 39.

[98] Ebd., S.47f.

[99] Ebd., S. 44.

[100] Ebd., S. 39.

[101] Ebd., S. 49.

[102] Sarah R. Cohen: Rubens’s France. Gender and Personification in the Marie de Médicis Cycle. In: The Art Bulletin, Vol. 85, No. 3 (Sep., 2003), S. 490-522.

[103] Ebd., S. 501f., 510 und passim.

[104] Ebd., S. 494.

[105] Ebd., S. 520, Anm. 28.

[106] Dank für diesen Hinweis gebührt Marius Rimmele.

“Zarathustras Landschaften.” (Meine allererste Hausarbeit.)

Auf seiner Reise besucht Zarathustra zahlreiche Landschaften, die aber eher im Verborgenen bleiben, nicht detailliert ausgearbeitet werden und so eher leitmotivische Funktion haben. Eine gute Erklärung hierfür ist Nietzsches Augenleiden, dass ihn nah an eine vollkommene Blindheit brachte („[...] ich bin augenleidend, in einem Grade, dass ich fürchte, eines Tages und ganz plötzlich, blind zu sein [...]“, Briefe 7, 26). Dennoch sind die Landschaften, in denen sein Sohn Zarathustra (vgl. Briefe 7, 32) wandert, von hoher Bedeutung für Nietzsche und seine Philosophie. Er hat all diese Landschaften selbst besucht, wenn er sie auch in „Weltgegenden” umdeutet: „In der That, er [mein vierter Zarathustra] ist schlecht zugänglich, mit seinen entlegenen Zuständen und „Weltgegenden”: welche aber doch existiren und nicht nur arbiträr sind.” (Briefe 7, 70), schreibt Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz.

Das Gebirge

Das Gebirge ist stets Zarathustras Ausgangspunkt, der Ort seines Einsiedlertums. Hier steht er über den Menschen und blickt, quasi aus der Vogelperspektive, auf das Geschehen im Tal und auf das Meer hinab („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe”, Z, Das Honig-Opfer, 247). Somit steht Zarathustra hier auch jenseits der (philosophischen) Zeit: Er überblickt das Meer, das die Zukunft bedeutet (s.u.) und das Tal, in dem der Mensch der Gegenwart residiert.

Nietzsche hat diese Landschaft im Engadin kennen gelernt. Hier wurde er auch zu seinem Zarathustra inspiriert.

Das Meer

Das Meer zeigt in die Zukunft. Es ist der Ort, der zu neuen Ufern und Entdeckungen führt. In der Fröhlichen Wissenschaft sagt Nietzsche: „Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen!” (KSA 3, 529f.).

Das Meer kennt Nietzsche von seinen Aufenthalten in Nizza, Rapallo und Venedig. Für ihn ist das Meer eine klimatische Notwendigkeit: „Hätte ich mich zur rechten Zeit mit medizinischen, klimatologischen Problemem beschäftigt [...] ich wäre kein halb-zu-Grunde-gerichteter Mensch. – Also: ich habe das Meer nöthig” (Briefe 7, 22).

Der Wald

Hierhin muss Zarathustra hinabsteigen, um seinen Übermenschen zu finden. Im Wald trifft er auf unterschiedliche Personen, die gewillt sind, seine Worte anzuhören. Auch sie sind im Wald auf der Suche: Sei es, dass sie im Tal etwas verloren haben (der letzte Papst) oder in den Wäldern etwas suchen (die Könige). Somit haben sie das Potential, von Zarathustra unterrichtet zu werden.

Ob die Wälder im Zarathustra eher Fichten-, Föhren- und Lärchenwäldern im Engadin gleichen oder den südfranzösischen Wäldern um Nizza, ist im Text nicht festzumachen.

Die Stadt im Tal

Hier ist der tiefste Punkt in Zarathustras Landschaftsbild erreicht. Hier residiert der Mensch, dem Zarathustra den Übermensch predigen will, aber „als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: ‚Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!’ Und alles Volk lachte über Zarathustra.” (Z, Zarathustra’s Vorrede, 12). Zarathustra kann hier niemanden überzeugen, denn „ich [Zarathustra] bin nicht der Mund für diese Ohren”(ebd., 14).

Die Stadt gleicht wohl am ehesten den deutschen Städten Naumburg, Schulpforta, Leipzig und dem schweizerischen Basel (Vgl. KGA, Ecce Homo, 281), denn „soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur.” (KGA, Ecce Homo, 283).

Zarathustra durchwandert sein Reich

Zarathustras Berge

Der vierte Teil von Also sprach Zarathustra beginnt in Zarathustras Einsiedlerhöhle in den Bergen. Von hier hat er einen weiten Blick auf die Welt („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe”, Z, Das Honig-Opfer, 247). Wie schon erwähnt, steht Zarathustra hier jenseits von Raum und Zeit und findet sich so, zum Abschluss des gesamten Werkes, wieder dort, wo Nietzsche ihn zuerst ersonnen hat: „Die Grundconception des Werks [...] gehört in den August 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit’.” (KGA, Ecce Homo, 333). Zarathustra gleicht hier Nietzsche auf eine Weise, in der auch die Landschaft der Umgebung Nietzsches im Engadin gleicht. Nietzsche bezeichnet nach der Entstehung des vierten Teils Zarathustra gerne als seinen Sohn („Glücklicher Weise ist etwas von den höflichen Manieren meines Sohnes Zarathustra auch in seinem verrückten Vater vorhanden.”, Briefe 7, 32 und „[...] um mit meinem Sohne Zarathustra zu reden [...]“, Briefe 7, 40) und erwähnt gegenüber Heinrich von Köselitz auch, dass ihm Sils-Maria als Landschaft verwandt ist (Vgl. Briefe 7, 31). Auch in ihrem Denken gleichen sie sich zu Beginn: „Daß wir uns viel in Gedanken damit beschäftigen, für mich eine bessere und würdigere Existenzform zu schaffen als meine jetzige es ist, und dass ich mich eigentlich fortwährend etwas schäme, so wenig noch auch im äußeren Leben ein Vorbild abzugeben, nach der Art meines Zarathustra, der doch seine Höhle hat und seine zwei Hausthiere” (Briefe 7, 8) schreibt Nietzsche an seine Mutter. Zarathustra ist genau wie Nietzsche ein Einsiedler-Philosoph, der zwar Großes denkt, aber es nicht schafft, seine Philosophie unter die Menschen zu tragen und deshalb seinen Haustieren predigen muss. Und doch fühlen sie sich in der Einsamkeit wohl, was sich allein an der Dauer ihres Einsiedlertums zeigen lässt. Zarathustra verlässt für Jahre seine Berge nicht („Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra’s Seele und er achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss.” (Z, Das Honig-Opfer, 247)) und Nietzsche ist sich sicher „wie nöthig für mich [Nietzsche] noch eine gute Zeit lang (sagen wir 5 Jahre!) eine vollständige Einsamkeit ist” (Briefe 7, 14). Dieser Zustand ändert sich, als die Luft sich klärt. Zarathustra erhält seine Inspiration, als er dem Rat seiner Haustiere folgt („Willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.” (Z, Das Honig-Opfer, 247) und auf den Gipfel des Berges steigt.

Gleichwohl wird Nietzsche von der Luft inspiriert: Bei schlechter Luft und bewölktem Himmel wird er sofort krank und kann kaum schreiben („Ich bin beständig krank [...] Unbeschreiblich, wie ein bewölkter Himmel auf mich wirkt!”, Briefe 7, 6). Er macht keinen Hehl daraus „an was für delikate Bedingungen die Freiheit meines Kopfes und meine ganze Tüchtigkeit gebunden ist.” (Briefe 7, 43). Die klare Luft in Sils-Maria inspirierte ihn aber letztendlich zu seinem Zarathustra.

Auf dem Berggipfel angekommen, stellt Zarathustra ein bekanntes Zitat aus Nietzsches Ecce Homo dar: „Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! Wie frei man athmet! Wie Viel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge” (KGA, Ecce Homo, 256).

So spricht auch Zarathustra, als er oben angelangt ist: „Hier oben darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.” (Z, Das Honig-Opfer, 248). Hier ist Zarathustra am weitesten entfernt von dem, was ein normales menschliches Leben und Denken sein kann. Er steht weit über allem, über dem Menschen. Zarathustra ist der Übermensch. In der Landschaft bzw. auf dem Berg auf dem Zarathustra steht bewahrheitet sich literarisch, was Nietzsche über das Buch Zarathustra sagt: „Die Buch [...] ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Tiefe unter ihm” (KGA, Ecce Homo, 257). Darauf aufbauend stellt Nietzsche sein Buch in dessen Text auch als Antwort auf Fragen der Menschheit dar: „[...] mit beiden Füssen stehe ich sicher auf diesem Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach Wo? Und Woher? Und Wohinaus?” (Z, Das Honig-Opfer, 250).

Von diesem Gipfel der Antworten hinaus kann Zarathustra auch einen Blick in die Zukunft erhaschen: „Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir – welch rosenrothe Stille! Welch entwölktes Schweigen!” (Z, Das Honig-Opfer, 250)

Zarathustras Wälder

Nachdem der Wahrsager ihn auf das Geschehen unterhalb seiner Höhle im Gebirge aufmerksam gemacht hat, wird Zarathustra durch einen „Nothschrei” in seine Wälder gerufen. Wie bereits erwähnt, finden in dieser Landschaft vielfältige Kommunikationen statt. Auch in der Diskussion dieser Kommunikationen und der Landschaften, in denen sie ablaufen, mag das Augenmerk wieder auf den Parallelen zwischen Nietzsche, Zarathustra und dessen Gesprächspartnern liegen. Ich will versuchen, Zarathustras Gesprächspartner als Aspekte des Charakters von Friedrich Nietzsche festzumachen.

Der Gewissenhafte des Geistes

Zarathustra begibt sich auf seiner Suche nach dem Ursprung des „Nothschreies” auch in eine Moorlandschaft („Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und vorbei an moorigen Gründen” (Z, Der Blutegel, 259)). Dort stolpert er buchstäblich über den Gewissenhaften des Geistes. Dieser hatte nämlich „ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.” (ebd., 259). Der Gewissenhafte des Geistes angelt nach Blutegeln, um dessen Hirn zu untersuchen. Warum er das tut, erklärt er selbst: „Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! [...] Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.” (ebd., 261). Damit prangert er genauso wie Nietzsche einen Missstand in der Wissenschaft an. Nietzsche formuliert in seiner Fröhlichen Wissenschaft: „Die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für oder wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben” (KSA 3, 373). So ist der Gewissenhafte des Geistes auf der Suche nach dem „letzten und sichersten Grund”: „Eine Hand breit Grund ist mir genug: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!” (Z, Der Blutegel, 261). Auch meint er: „Hier bin ich heim und in meinem Bereiche” (ebd. 260). Doch auch hier steht Zarathustra über ihm: „Du irrst [...]: hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche” (ebd.). Erinnern wir uns an die Landschaft, in der die Szene spielt: Ein Moor bzw. ein Sumpf bilden die Kulisse. Das Versinken ist hier immer eine Gefahr, weshalb der Gewissenhafte des Geistes wohl (symbolisch) nach Grund und Boden sucht: „eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn.” (ebd., 261). Zarathustra scheint dies nicht nötig zu haben, er kann ohne weiteres das Moor durchqueren. Zarathustra kann dem Gewissenhaften des Geistes die Hand reichen, ohne selbst einzusinken, ist er doch auch der Lehrmeister des Gewissenhaften (Vgl. ebd. 260).

Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt den Aspekt Nietzsches dar, der versucht, Wissenschaftlichkeit zu propagieren. Aufbauend auf oben genanntem Zitat der Fröhlichen Wissenschaft geht Nietzsche seinem eigenen Wissen auf den Grund. Anderem aber nicht, denn „Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich” (ebd., 261) (Vgl. auch Schmidt/Spreckelsen, S.105).

Ausser Dienst

Später trifft Zarathustra auf den letzten Papst. Anhand dieses Beispieles möchte ich erläutern, inwiefern Zarathustras Wälder Orte der Suchenden sind. Zarathustra will zunächst gar nicht mit dem letzten Papst sprechen, er erkennt ihn schon optisch als Priester und will sich an ihm vorbeidrängen. Doch dieser wendet sich Hilfe suchend an ihn: „Wer du auch bist, du Wandersmann, [...] hilf einem Verirrten, einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!” (Z, Ausser Dienst, 270). Zarathustras Wälder sind dem letzten Papst „fremd und fern” (ebd.), er fühlt sich hier nicht sicher. Er hat unten im Tal seinen Gott verloren und sich deshalb auf der Suche nach einem Einsiedler gemacht, der nicht von Gottes Tod erfahren hatte. Da dieser Einsiedler aber auch gestorben war, sucht er „den Frömmsten aller Derer, die nicht an Gott glauben” (ebd., 271), Zarathustra selbst. Dadurch, dass der letzte Papst im Tal etwas verloren hat, ist er endlich auch gewillt, sich Zarathustras Worte anzuhören, im Gegensatz zu den Menschen, die im Tal verblieben. Er erkennt bereitwillig an, dass Zarathustra wahre Dinge ausspricht und bittet ihn „Lass mich deinen Gast sein, oh, Zarathustra, für eine einzige Nacht! Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!” (ebd., 273f.). Verwundert lädt Zarathustra den letzten Papst zu sich ein, denn seine Höhle „ist ein guter Hafen” (ebd., 274). Indem die Höhle als Hafen bezeichnet wird, drängt sich der Vergleich der Wälder mit dem Meer geradezu auf. Wie das Meer sind die Wälder für den letzten Papst eine Welt neuer Entdeckungen, diese ist ihm aber „fremd und fern”, er fürchtet sich. Zarathustra aber hilft ihm einerseits, neue Dinge zu entdecken und ist andererseits sein Retter, denn „am liebsten möchte ich [Zarathustra] jedweden Traurigen wieder auf festes Land und feste Beine stellen.” (ebd.). Einen ähnlichen Vergleich macht Zarathustra schon früher: „Denn wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches reiches Meer” (Z, Das Honig-Opfer, 248).

Der hässlichste Mensch

Zarathustras nächste Station erscheint wie eine alptraumhafte Parodie auf seine Berge und Wälder: Das Tal des hässlichsten Menschen. Nietzsche beschreibt es eindrucksvoll: „Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme [...] nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben.” (Z, Der hässlichste Mensch, 275). Diese Landschaft erscheint bekannt aus dem dritten Satz von Nietzsches Gesetz wider das Christenthum: „Die fluchwürdige Stätte, auf der das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden gleich gemacht werden und als verruchte Stelle der Erde der Schrecken aller Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihr züchten” (KGA, Der Antichrist, 252). Der Mörder Gottes residiert also dort, wo einst das Christentum den größten Einfluss hatte. Dies ist nicht vollkommen abwegig, wenn man sich das Motiv für den Gottesmord anschaut, das Zarathustra errät: „Du ertrugst Den nicht, der dich sah, – der dich immer und durch und durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!” (Z, Der hässlichste Mensch, 276). Ich denke, dass der hässlichste Mensch vor seinem Gottesmord selbst ein Geistlicher war. Für diese Annahme sprechen einige Indizien.

Der hässlichste Mensch spricht von den Menschen: „Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.” (ebd., 277). Dies trifft gewissermaßen auch auf das Bild eines Pfarrers als Hüter einer Schafherde zu. Weiter spricht der hässlichste Mensch über Christus: „Und ‚Wahrheit’ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam [...] welcher von sich zeugte ‚ich – bin die Wahrheit’” (ebd.). Er beschuldigt Christus, das Mitleiden gelehrt zu haben. Dieses Mitleiden aber wurde von Zarathustra in Frage gestellt, was den hässlichsten Menschen überzeugte: „Aber er – musste sterben: [...] Sein Mitleiden kannte keine Scham.” (ebd., 278). Er wandte sich also von der Kirche, der er bis dahin gedient hatte, ab. Auch trifft die Basilisken-Symbolik auf den hässlichsten Menschen zu: Dem Basilisken wird zugerechnet, dass ein direkter Blick auf ihn verletzen oder gar töten kann, deshalb wendet Zarathustra seinen Blick sofort ab und der hässlichste Mensch warnt ihn: „Blicke mich aber nicht an!” (ebd., 276). Nach Nietzsches Antichrist hat aber die Kirche ihre Basiliskeneier selbst ausgebrütet (s.o.), hernach kam der Mörder Gottes wohl aus der Mitte der Kirche.

Einen Hinweis darauf, dass auch hier ein Aspekt Nietzsches verwirklicht wird, mag man im Vergleich mit einem Brief an Franz Overbeck finden. Der hässlichste Mensch ruft Zarathustra zu: „Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel!” (ebd., 275) und weckt damit Assoziationen mit der Sphinx aus der Ödipus-Sage. Nietzsche wiederum schreibt an Overbeck: „Du möchtest gar den Verfasser des Z[arathustra] für übergeschnappt halten. Meine Gefahr ist in der That sehr groß, aber nicht diese Gefahr: wohl aber weiß ich mitunter nicht mehr, ob ich die Sphinx bin, die fragt, oder jener berühmte Oedipus, der gefragt wird” (Briefe 7, 44).

Der Gang, den der hässlichste Mensch hinter sich hat, passt auch auf Nietzsches Lebenslauf: Wird er als Kind eines Pfarrers (auch die Mutter stammt aus einer Pfarrfamilie) noch in das Herz der Kirche geboren und wird im Domgymnasium zu Naumburg umfangreich in Religion gelehrt, so wird er sich doch später als „Antichrist” und Verfechter der These „Gott ist tot” einen Namen machen.

Der freiwillige Bettler

Verlassen wir diesen alptraumhaften Ort und begeben uns in eine Landschaft, die das genaue Gegenteil darstellt: „Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte: da wurde ihm mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.” (Z, Der freiwillige Bettler, 280). Inmitten dieser Idylle trifft Zarathustra ein weiteres Mal auf einen Aspekt seines Vaters Nietzsche: den freiwilligen Bettler. Bevor er aber dessen Bekanntschaft machen kann, geschieht ihm etwas Eigentümliches, das auch Nietzsche schon erlebte: „Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt.” (ebd.). Bei Nietzsche klingt das folgendermaßen: „In einem solchen Zustande [dem Verlust der Defensiv-Kräfte aufgrund der rancune des Großen (s.u.)] empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich…” (KGA, Ecce Homo, 340). Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Verwandtschaft zwischen Zarathustra und Nietzsche. Die Formulierung deutet aber noch mehr daraufhin, dass Zarathustra hier jemandem begegnen wird, der seinem Vater Nietzsche in seinem Einsiedlerleben sehr ähnlich ist.

Zwischen den Kühen findet Zarathustra einen friedfertigen Menschen und Berg-Prediger aus dessen Augen die Güte selber predigt (Vgl. Z, Der freiwillige Bettler, 280). Nietzsche selbst schreibt über sich: „Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen [...] man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin [...] keine Spuren davon entdecken, dass Jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte” (KGA, Ecce Homo, 267). Der freiwillige Bettler hat seine ganzen Reichtümer verschenken wollen, „aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Better, du weißt es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen” (Z, der freiwilliger Bettler, 281). So wie der freiwillige Bettler vor dem Unverstand der Menschen zu den Tieren flieht, möchte Nietzsche selbst das Tier werden: „Oder ich fände die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden?” (KGA, Ecce Homo, 290). Tatsächlich floh Nietzsche in die Einsamkeit ins Engadin, wie weiter oben unter „Zarathustras Berge” erläutert. Der freiwillige Bettler hat von sich aus jedem Besitz entsagt. Auch hier gleicht er Nietzsche, der schreibt: „Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat!” (ebd., 293). Interessanterweise gleicht der freiwillige Bettler auch in seiner Ernährung Nietzsche. Zarathustra erkennt seinen Speiseplan: „Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer. Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold  und liebst den Honig.” (Z, Der freiwillige Bettler, 283). Nietzsche erläutert in einem Brief an seine Schwester seinen eigenen Diätplan: „Ich möchte gern ‚der Einsiedler von St. Jean’ werden. Im Freien leben und arbeiten – das ist meine Aufgabe. Milch, Reis, Fleisch, keine Hotels. Und Honig: – oh wie gut ist er wieder!” (Briefe 7, 73). Nietzsche bestellt des Öfteren Honig bei seiner Mutter oder seiner Schwester nach Nizza.

Der freiwillige Bettler ist die Darstellung des naturnahen Einsiedlers Nietzsche in literarischer Form.

Der Schatten

In seiner letzten Begegnung trifft Zarathustra auf seinen Schatten. In meiner Lesart zeigt auch dieser Gesprächspartner einen Aspekt Nietzsches auf, namentlich die Schattenseite seines Schaffens. Selbstverständlich symbolisiert der Schatten auch die Schattenseite Zarathustras, aber da ich ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Nietzsche und Zarathustra bereits nachgewiesen habe, möchte ich mich darauf konzentrieren, wie der Schatten mit Nietzsches Arbeit zusammenhängt.

Zarathustra hat zunächst keine Lust mit seinem Schatten zu reden, da sich bereits hier ein Negativaspekt seines Schaffens zeigt: „Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in seinen Bergen” (Z, Der Schatten, 284). Genau dies hat auch Nietzsche in seinen Bergen erfahren: „Seltsam! Es wimmelt im Engadin von Menschen, die mich kennen; und wenn ich Zeit hätte, ‚eitel’ zu sein, so könnte ich einen kleinen ‚Hof’ um mich haben [...] Aber ‚der Einsiedler von Sils-Maria’ fängt an, auf seine ‚Würde’ zu halten und immer schwerer zugänglich zu sein.” (Briefe 7, 79f.). Zarathustra scheint auch den Schatten nicht als seinen eigenen anzuerkennen („Und wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.” (Z, Der Schatten, 285)), vielleicht ahnt er, dass es vielmehr Nietzsches Schatten denn sein eigener ist. Auch der Schatten deutet selbst darauf hin: „Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach” (ebd.). Dies weist darauf hin, dass Nietzsche den Zarathustra als sein Hauptwerk ansieht. Des Weiteren: „Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte.” (ebd., 286). Hier charakterisiert Nietzsche sein Werk, vergleichbar mit seiner Selbsteinschätzung aus Ecce Homo: „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheueres anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab [...] an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.” (KGA, Ecce Homo, 363)

Doch mit dem Eifer über das Werk kommt auch die Ernüchterung: „In die kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als rother Krebs da!” (Z, Der Schatten, 286). Es fehlt ihm die Gewissheit, etwas Richtiges publiziert zu haben. Weiter spricht der Schatten: „Habe ich – noch ein Ziel? [...] Was blieb mir noch zurück? [...] Diess Suchen nach meinem Heim: oh Zarathustra, weißt du wohl, diess Suchen war meine Heimsuchung, es frisst mich auf.” (ebd., 286f.). Alle diese Fragen korrespondieren mit dem, was Nietzsche die „rancune des Großen” nennt: „alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach” (KGA, 340). Nietzsche hat sein Werk fast vollendet, nun bekommt er Angst vor dem Danach. Ironischerweise deutet Zarathustra als Antwort schon auf den kommenden Zusammenbruch Nietzsches hin: „Du hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!” (Z, Der Schatten, 287).

Fazit:

Auf seiner Reise trifft Zarathustra auf verschiedene Aspekte seines Schöpfers Friedrich Nietzsche. Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt Nietzsches Wissenschaftsauffassung wider. Der letzte Papst und der hässlichste Mensch korrespondieren mit Nietzsches Verbindung zum Christentum und zu Gott. Hat der letzte Papst noch etwas verloren, wird er von Zarathustras Ideen inspiriert, seinen Glauben zu überdenken. Im hässlichsten Menschen wird Nietzsche selbst zum Gottesmörder und nabelt sich von seiner christlichen Vergangenheit ab, nicht ohne ein paar Hinweise auf dieselbe zu streuen. Der freiwillige Bettler hingegen zeigt Nietzsches Suche nach Seelen- und gesundheitlichem Frieden, den er in der Natur zu erlangen erhofft, während der Schatten einen ersten Grund für diese Suche darstellt: Die „rancune des Großen”, mit der die Flucht vor dem eigenen Werk einhergeht.

Nicht zu vergessen bleibt die schon gleich zu Anfang herausgestellte Verwandtschaft zwischen Nietzsche und seinem Sohn Zarathustra.

Die Landschaften, die Nietzsche benutzt um Zarathustra in ihnen wandern zu lassen entspringen ebenfalls seiner ganz direkten Erfahrung und seinen Vorlieben für die Wälder und Berge des Mittelmeerraumes. Selbst das alptraumhafte Tal des hässlichsten Menschen hat er in seinem Antichrist schon vorher ersonnen.

All diese Faktoren zeichnen den vierten und letzten Teil von Also sprach Zarathustra als ein sehr persönliches Buch aus, was auch Nietzsches Ablehnung einer Publikation desselben verständlich macht. Er lässt den vierten Teil lediglich in kleiner Auflage für Freunde drucken und ermahnt diese in seinen Briefen auch, nicht öffentlich über dieses Buch zu reden (zum Beispiel in einem Brief an Heinrich von Köselitz: „Bitte, schreiben und sprechen sie auch nicht davon, dass es einen 4ten Z[arathustra] giebt.” (Briefe 7, 21).

Dürers graphische Folgen. Ein Katalogeintrag zur “Dornenkrönung”.

Aus einem Proseminar, Sommersemester 2006.

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Die Soldaten des Prokurators brachten Jesus in den Palast und versammelten die ganze Mannschaft um ihn. Sie zogen ihn aus und hängten ihm einen roten Mantel um, flochten eine Krone aus Dornenzweigen und drückten sie ihm auf den Kopf. Sie gaben ihm einen Stock in die Hand, knieten vor ihm nieder und machten sich über ihn lustig. „Der König der Juden, er lebe hoch!” riefen sie. Dann spuckten sie ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihn damit auf den Kopf. Als sie ihn genug verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab, zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an und führte  ihn hinaus, um ihn ans Kreuz zu nageln. Matthäus 27, 27-31

Einführung

Den Großteil seines Lebens, und damit seiner Kunst, hat Albrecht Dürer der Darstellung der christlichen Heilsgeschichte gewidmet. Die Darstellung derselben war für Dürer erstes Ziel der Kunst:

„Es ist awch nit zw verwerffen, daz jch etwas beschreib, das zumm gemell dinstlich ist. Dan durch malen mag angetzeigt werden das leiden Christi vnd würt geprawcht jm dinst der Kirchen.”[1]

So hat uns Dürer allein fünf Passionsfolgen hinterlassen, für deren Darstellung er – mit Ausnahme der so genannten grünen Passion – graphische Techniken anwandte. Diese Entscheidung mag sowohl gestalterische als auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben, die im Verlauf dieses Textes noch erläutert werden sollen.

Das Ziel dieser Arbeit soll eine Art Katalogeintrag bzw. ein analytischer Quervergleich verschiedener Darstellungen desselben Themas aus den unterschiedlichen Passionsfolgen sein. Als Thema wurde hier die Dornenkrönung Christi gewählt.

Der Quervergleich stützt sich nicht nur auf die Passionsfolgen Dürers, sondern stellt diesen die Analyse der Darstellung in Martin Schongauers Passionsschnitten voran, da Schongauers Werke einen großen Einfluss auf Dürer hatten. Anschließend soll die Darstellung der Dornenkrönung in der kleinen Passion als älteste graphische Darstellung als Referenz besprochen werden um im Anschluss die Dornenkrönung im Kupferstich und schließlich die grüne Passion genauer zu beleuchten.

Schongauers Dornenkrönung

Schongauers Dornenkrönung

Schongauers Darstellung der Dornenkrönung folgt der ikonographischen Tradition und stellt Christus frontal sitzend zwischen den Schergen dar[2], gerahmt von einem gotischen Gewölbe, das hier mehr als Zierde für den oberen Bildrand fungiert denn es einen tatsächlichen Handlungsort darstellt.

Christus ist genau in die Bildmitte gesetzt, während sich um ihn herum sechs Schergen versammelt haben. Im linken oberen Bildhintergrund sieht man zwei Hohepriester.

Schongauer stattet seine Schergen mit einer ausdrucksvollen Gestik und Handlungsvielfalt aus, so zeigt der zweite Scherge von links Christus die „Feige”, eine obszöne Geste, indem er den Daumen der rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger steckt. Der erste Scherge links drückt Christus mit verachtendem Gesichtsausdruck einen Stock in die Hand während der Knabe rechts spottend den Mittelfinger an die Lippen legt.

Die Gesichter der Schergen weisen die archetypischen jüdischen Züge auf: Hakennasen und aufgequollene Gesichtszüge geben Christi Peinigern ein hässliches Antlitz und der Scherge rechts oben bekommt durch seine Waffe gar Teufelshörner aufgesetzt. Ähnlich schaut es auch bei dem Schergen links oben aus, der die Dornenkrone mit einem Stock auf Christi Haupt drückt: Die Federn an den Ärmeln seiner Rüstung geben ihm ein wildes, tierhaftes Aussehen.

Christus scheint von all dem nicht berührt zu sein. Wie ein gutmütiger alter König thront er in einem Oval, das dem Blatt durch den runden Vorsprung unten und dem Gewölbe oben eingeschrieben ist. Dieses Oval markiert eine Aura der Sanftmut, die die Schergen kaum zu durchbrechen vermögen: Die Hände, die an Christus gelegt werden, scheinen ihn nicht zu schlagen und wirken, als ob sie alle Wucht verloren hätten. Auch die Dornenkrone auf seinem Haupt wirkt nicht wie ein Folterinstrument, hat sie doch alle ihre Dornen nach oben gestreckt und ähnelt so einer wirklichen Königskrone. Und so wie die Dornen der Krone weisen auch die drei dem Blatt eingeschriebenen Stöcke und Lanzen gen Himmel und geben dem Blatt damit neben all der irdischen Rangelei auch eine aufstrebende Dynamik.

Die Dornenkrönung in Dürers kleiner Holzschnittpassion

Kleine Holzschnittpassion


In der 1509 entstandenen kleinen Holzschnittpassion wählt Dürer eine neue[3] Darstellungsweise der Dornenkrönung: Christus wird am rechten Bildrand im Profil dargestellt. Die Figurendichte ist reduziert, neben Christus sind lediglich drei Schergen und die zwei Hohepriester dargestellt.

Noch wesentlich stärker als Schongauer stattet Dürer die Schergen mit dämonischen Merkmalen aus: So trägt der kniende Scherge einen Spitzbart und die Gesichtszüge des schlagenden Schergen hinter ihm sind aufs äußerste verzerrt. Zudem kann auch die Kopfbedeckung des hintersten Schergen einmal mehr als stilisierte Teufelshörner gelesen werden – ein Eindruck, der durch die Forke in seiner Hand nur verstärkt wird.

Christus selbst erscheint auf dem Blatt weniger als friedfertiger König wie auf Schongauers Stich noch wie ein belehrender Herrscher wie in Dürers späterer Kupferstichpassion. Der Holzschnitt zeigt einen ratlosen, duldsamen Mann, der aber in stillem Widerstand den Dämon vor ihm niederringt. Ganz deutlich erhebt Christus beim Ergreifen des Stabes den Finger und zeigt gen Himmel, was den Teufel vor ihm nicht nur auf die Knie zwingt: Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass der Oberkörper des Schergen nicht mehr parallel zu seinen Beinen verläuft, wie es bei einem normalen Niederknien der Fall wäre, sondern dass der Oberkörper verschoben ist, als wenn ein Druck von oben auf ihm lasten und ihn niederdrücken würde.

Auch die Hohepriester im linken Bildmittelgrund haben einen eher ratlosen denn boshaften Gesichtsausdruck. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die architektonische Gestaltung des Bildhintergrundes, wo sich hinter von Säulen gestützten Rundbögen der Raum in mehrere verschachtelte Gänge öffnet. Dies ließe sich so deuten, dass hier Christi letzte Station im zivilisierten Jerusalem ist, bevor er zur Kreuzigung hinaus in die Welt geht – einen Weg, den er bisher nur erahnen kann, und der sich im Bildhintergrund sozusagen in seinen dunklen Möglichkeiten verzweigt.

Eine bessere und klarere Interpretation der Architektur des Bildraumes ist aber in Anbetracht des Mediums und der Zielsetzung bzw. Kundenorientierung der kleinen Passion zu machen. Das recht breite Format von 12,6 cm : 9,7 cm und die Teilung des Raumes durch die Rundbögen im hinteren Mittelgrund lassen einen bei der Anordnung am ehesten an eine Theaterszene denken, die „Bühnenarchitektur” des Bildraumes ist klar ersichtlich.

Da die kleine Passion sich eher an weniger gebildete Käuferschichten als beispielsweise die Kupferstichpassion wendet, ist diese dem Theater entlehnte Darstellungsweise vollkommen verständlich: abseits von theologischen Deutungen soll das Blatt der kleinen Passion vor allem die reine Handlung der Leidensgeschichte Jesu zeigen und eine Geschichte erzählen, wie sie auf einer Theaterbühne ablaufen könnte.

4. Die Dornenkrönung in Dürers Kupferstichpassion

Kupferstichpassion

Für die auf 1512 datierte Darstellung der Dornenkrone nutzt Dürer erneut die Komposition, die Christus im Profil am rechten Bildrand zeigt. Besonders auffällig ist aber der Wechsel des Formates im Vergleich zur kleinen Holzschnittpassion: Dürer wählt hier das schlanke Format von 11,8 cm : 7,4 cm. Und nicht nur das Format begrenzt den Raum, in dem die Personen agieren: Auch der Bildhintergrund wird durch einen Vorhang und ein Stück Wand ausgefüllt. Man kann zwar die Tiefe des Raumes durch eine fluchtende Säulenreihe in der Mitte des Hintergrundes erahnen, doch der Handlungsort ist auf einen kleinen Bereich begrenzt. Gleichzeitig erhöht Dürer die Anzahl der handelnden Personen von sechs auf neun, so dass im Bildraum wesentlich mehr Bewegung und Spannung erzeugt wird.

Aus der Dornenkrönung ist in der Kupferstichpassion eine echte Marter geworden: Gleich fünf Schergen hauen und stechen mit einer großen Dynamik auf Christus ein und statt Stöcken und Prügeln trägt zumindest einer von ihnen eine echte Waffe. Auch die Dornenkrone erscheint hier wesentlich martialischer.

Der gelockte Knabe in der Bildmitte hinter Christus erinnert äußerst deutlich an den Knaben in Schongauers Dornenkrönung, zeigt er doch dieselbe obszöne Gestik, indem er wie Schongauers Knabe den Mittelfinger an den Mund legt. Es ist gut möglich, dass Dürer ihm als Reminiszenz an Schongauer diese Gestik verliehen hat. Auch der Scherge, der die Dornenkrone von oben auf Christi Haupt herabdrückt könnte von Schongauer entlehnt sein: der ähnliche Harnisch und die auffallend ähnliche rundgesichtige Physiognomie lassen diesen Schluss zu.

Christus erträgt seine Marter ohne Anzeichen der Qual. Wie ein König sitzt er auf seinem Thron und sowohl Körperbau als auch Physiognomie erinnern an das griechische Ideal[4], ähnlich Dürers Adam, den er zwei Jahre zuvor in der Vorhöllendarstellung der großen Holzschnittpassion gestaltete.

Das Schilfrohr, das Christus in der Hand trägt, stellt Dürer wesentlich kürzer dar als die üblichen Stöcke. So wird der Eindruck eines Szepters, einer Insignie, deutlich verstärkt.

Dürer lässt in diesem Blatt also eine sehr dialektische Lesart zu: Einerseits wird Christi Marter auf drastische Weise deutlich gemacht und auch Spott und Hohn seiner Gegner werden durch die Figur des Knaben und des knienden Schergen verbildlicht. Andererseits wird Christus aber nicht als reiner Schmerzensmann dargestellt, sondern er wird tatsächlich gekrönt und mit Herrschaftsinsignien ausgestattet, sein Triumph bereits verdeutlicht und sein Anspruch als Herrscher hernach gefestigt. Diese Idee folgt einer Bibelauslegung, die Dürer durchaus bekannt gewesen sein dürfte[5].

Diese Dialektik der Darstellung festigt die Vermutung, dass Dürer die Kupferstichpassion für eine gänzlich andere Zielgruppe gestaltete als die kleine Holzschnittpassion. Das Blatt ist kein reines Andachts- oder Gebetsbild, sondern für einen anspruchsvollen und vorgebildeten Leser gestaltet[6].

Die Dornenkrönung in Dürers grüner Passion

Grüne Passion

Die grüne Passion aus den Jahren 1503 und 1504 ist eine faszinierende aber schwer lesbare Passionsfolge, die ihren Namen ob des grünen Papiers trägt, auf dem sie mit schwarzer und weißer Tusche gestaltet wurde.

An der Dornenkrönung der grünen Passion fällt zuerst – wie bei den meisten anderen Innenraumdarstellungen innerhalb der grünen Passion – die äußerst exakte Architektur des Raumes auf. Trotz ihrer konzeptionellen Genauigkeit bleibt das Mauerwerk allerdings blass, da eine Struktur des Gemäuers fast nicht auszumachen ist. Was bleibt, erscheint eher wie eine Architekturstudie – der die gesamte obere Hälfte des Blattes gewidmet ist – denn wie ein tatsächlicher Handlungsraum.

In der Komposition erscheint diese Dornenkrönung in alter Tradition zu stehen: Christus sitzt leicht links von der Mitte des Bildraumes, allerdings nicht vollkommen frontal. Er ist von vier Schergen umringt, am rechten Bildrand sehen wir zwei äußerst interessante Figuren: weiter hinten ein bärtiger Mann der vorsichtig um eine Säule in den Raum hineinlugt, im Vordergrund eine Person in einem weiten Gewand, die sich von dem Geschehen abwendet und sich schon zur Hälfte aus dem Bildraum bewegt hat. Diese Figur ist vermutlich Pilatus, denn in Johannes 19, 1-4 heißt es:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde.

Dürer können wir in diesem Fall also als aufmerksamen und genauen Bibelleser erkennen.

Ähnlich wie bei Schongauers Darstellung kommen die Schergen auch hier nicht an Christus heran, sie bedienen sich langer Stöcke, um die Dornenkrone herabzudrücken, vermögen sie doch selbst nicht die Aura Christi zu durchbrechen. Darauf lässt auch die Person hinter der Säule schließen, die sich nicht einmal zum Ort des Geschehens wagt.

Der unterste Scherge scheint Christus geradezu sanft und voller Hingabe das Schilfrohr in die Hand zu drücken. Christus selbst erscheint gebeugt, fast schlafend.

Durch die überkreuzten Stöcke über Christi Haupt wird das Kreuzmotiv schon vorweggenommen, die Deckenarchitektur verdoppelt dies durch den Deckenbalken, der mit dem mittleren Pfeiler unter den Rundbögen ebenfalls ein Kreuz erahnen lässt.

Ein interessantes Detail ist auch die Dornenkrone: Obwohl die Schergen sie mit den verkreuzten Stöcken oder Standen herunterdrücken wollen, schwebt sie doch wie ein Heiligenschein über dem Haupte Christi und auch das Licht, dass den unteren Schergen und das Gewand Pilatus erleuchtet kann genauso gut von der Dornenkrone wie von dem Fenster im Hintergrund ausgehen.

Schlussteil

Die Unterschiede in den Passionsfolgen liegen nunmehr deutlich auf der Hand: Während die kleine Holzstichpassion das körperliche Leiden betont und ihre äußere Handlung quasi auf der Bühne eines „volkstümlichen Mysterienspiels” zur vollen, aktiven Geltung bringt, zeigt uns die Kupferstichpassion ein psychologisches Bild, „das geistige Leiden mehr als die körperliche Marter”[7] und damit auch die innere Handlung ihres Protagonisten; ein weiterer Grund für das kompakte Format, das den Betrachter noch näher an die Szene heranführt.

Literatur

LCI: Engelbert Kirschbaum [Hrsg.]: Lexikon der christlichen Ikonographie, Band I A-Ezechiel. Rom: Verlag Herder 1968

Strieder: Peter Strieder: Dürer. Königstein im Taunus: Verlag Karl Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster KG 1981

Panofsky: Erwin Panofsky: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers. München: Rogner & Bernhard GmbH & Co. Verlags KG 1977

Abbildungen von: Felix Thürlemann, Michael Matschiner, Veronica Peselmann: Dürers Passionsfolgen im Vergleich. CD-ROM. Konstanz: Universität Konstanz 2006


[1] Strieder, 258

[2] Vgl. LCI, 514f.

[3] Vgl. LCI, 516

[4] und unterscheiden sich so auch von anderen Darstellungen Christi in derselben Passionsfolge.

[5] Vgl. LCI, 513

[6] Wie Erwin Panofsky schreibt: „[...] die gestochene Folge war nicht als Erbauungsbuch, sondern vielmehr als ‚Stück für den Sammler’ konzipiert, das von dem Kunstliebhaber genossen, statt von dem Frommen gelesen werden sollte.” (Panofsky, 188)

[7] Vgl. Panofsky, 189

Vergnügungsparks und Kinofilme

Dass die Kinogeschichte ihren Anfang auf dem Jahrmarkt nimmt, ist bekannt.

Dass der Jahrmarkt und vor allem seine Nachfolger, die großen Themenparks, dem Kinofilm viel verdanken und durch den Film gewonnenes Wissen bis heute einsetzen, um ihre Besucher zu amüsieren, zu erstaunen und auch zu kontrollieren, ist weniger oft erwähnt.

Und dass viele Filme noch immer gern auf Vergnügungsorte und Fahrgeschäfte zurückgreifen, um Geschichten zu erzählen und um sich selbst darin vorzustellen oder ihre eigene Betrachtung und Anordnung zu zeigen, wird noch viel seltener erzählt.

Hier finden Sie:

Eine Geschichte des Kinos und des Vergnügungsparks!

Eine Betrachtung mehrerer berühmter Filme von Das Kabinett des Dr. Caligari bis Die fabelhafte Welt der Amelie und ihren Umgang mit Vergnügungsorten und Fahrgeschäften!

Eine längere Analyse von Steven Spielbergs Jurassic Park, dem größten, besten und spektakulärsten Themenparkfilm überhaupt!


Vergnügungspark- und Kinogeschichte

Der weltliche Ursprung der Vergnügungs- und Themenparks liegt im Jahrmarktstreiben des Mittelalters. Der ortsansässige Souverän lobte einen Markttag aus, an dem die Händler von Zoll- und Steuerbelastungen befreit wurden und die sonst oft vogelfreien Gaukler und Spielleute den „Marktfrieden” genossen, der ihnen gefahrlose Auftritte und Darbietungen ermöglichte. Zum Markttreiben kamen Wettkampf- und Schützenspiele hinzu, die vor allem der adligen Bevölkerung Kurzweil versprachen[1].

In der alten Welt wurden diese Spiele mit der Zeit demokratisiert; so gründen sich die zwei größten deutschen Volksfeste – das Oktoberfest in München und der Cannstatter Wasen in Stuttgart – ursprünglich auf adlige Intentionen. Ersteres wurde zum Anlass der Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildenhausen zum ersten Mal 1810 gefeiert, während letzteres von König Wilhelm I. in einer landwirtschaftlichen Notlage zum Wohle des Volkes 1818 als „Landwirtschaftliches Hauptfest zu Kannstadt” veranstaltet wurde[2]. Beide Feste wurden wenig später in die Hände der jeweiligen Stadtverwaltungen gelegt und damit immer zugänglicher für die breite Bevölkerung gemacht.

In den USA entstanden nach dem Vorbild der Weltausstellungen zum Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche „dauerhafte Volksfeste”[3], die man auch als Vergnügungsviertel – ähnlich dem Wiener Prater oder Hamburgs St. Pauli -  bezeichnen kann. Das bekannteste und häufig zitierte Beispiel hierfür ist Coney Island, eine der Stadt New York vorgelagerte Insel, auf der sich die ersten Vergnügungsparks (v.a. Steeplechase Park, 1897, und Lunapark, 1903) ansiedelten[4]. Diese abgeschlossenen Vergnügungsorte waren die Vorstufe zu den heute weit verbreiteten Themenparks, auf die hier gleich eingegangen werden soll.

Doch blicken wir noch einmal zurück auf die Wurzel der Vergnügungswelten und damit auf den Jahrmarkt, der sich in unterschiedlicher Form – beispielsweise als Frühlingsfest oder Rummel – bis heute erhalten hat. Im selben Maße, wie der Jahrmarkt seine Bedeutung als Markt, also als Umschlagsplatz von Waren und Gütern, verliert, so steigt seine Bedeutung als Vergnügungsort und damit die Anzahl an Attraktionen wie Schießbuden, Losbuden, Völkerschauen, Fahrgeschäfte und Kinematographen.

Anne Paechs und Joachim Paechs Buch Menschen im Kino benennt im Inhaltsverzeichnis sein erstes Kapitel mit „Jahrmarktkino und Der erste Kinobesuch”[5]. Dieser Titel hat es nicht in den Haupttext geschafft: Hier wird das erste Kapitel nur mit „Kinematographen” überschrieben. Dennoch beginnt Paechs und Paechs Kinogeschichte mit einer Erzählung über Jacques Tatis Film Jour de Fête (1947), der auf dem Rummelplatz eines französischen Dorfes spielt[6]. Jour de Fête ist ein Film, der eine Filmvorführung auf dem Rummelplatz zeigt und damit seine Herkunft spiegelt: Die Filmgeschichte beginnt (zumindest teilweise) auf dem Rummelplatz.

Die Schausteller nahmen die Attraktion „Cinématographe” begeistert in ihr Programm auf, stellte sie doch eine fantastische Neuerung und Ergänzung zu den so beliebten Schaukästen, Panoptikums und Panoramen dar[7]. Da die Filme damals noch vom Schaubudenbetreiber gekauft werden mussten und nicht durch ein Verleihsystem zirkulierten, „waren die Kinematographen-Veranstalter gezwungen, sich für dieselben Filme immer wieder ein neues Publikum zu suchen”[8] und zogen somit „von einem Jahrmarkt zur nächsten Kirmes”[9] und weiter zum nächsten Vergnügungsort. Uwe Geese hebt in seiner Jahrmarks-Kulturgeschichte hervor, dass der Film von seinem Veranstaltungsort auch sein Thema adaptierte: „Die Produktion dieser Filme war weitgehend bestimmt von der Kuriosität des Kinematographen als technische Neuheit. Daher war der Jahrmarkt nicht nur der Ort des neuen Mediums, sondern auch sein Inhalt.”[10] Oder, wie Geese Hartmut Bitomsky zitiert: „Historisch müsste man sagen: das Kino war anfangs auf dem Jahrmarkt zu Hause und übernahm die Stoffe der Schausteller und deren Darbietungsweise.”[11]

Der Film kopierte also die vorfilmische Realität seines Veranstaltungsortes und ersetzte so die Attraktionen des Jahrmarktes (Akrobatik, Menagerie, Zauberei etc.) „mit seine[] eigene[] technische[] Attraktion”[12].

Diese frühen Filme sind heute zum größten Teil verloren, doch die Faszination des Jahrmarktes ist als Motiv in einigen frühen Spielfilmen zu entdecken. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari (1920), der das Jahrmarkttreiben als verstörend expressionistischen Ausgangspunkt seiner Handlung um Dr. Caligari und seinen Somnambulisten Cesare zeigt.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts werden die Kinos – durch die Einführung des Verleihsystems – sesshaft[13]. Wie oben erwähnt, siedeln sich ungefähr zeitgleich die ersten standorttreuen Vergnügungsorte in den Randbezirken der großen Städte an.

Hier läuft die Verbindung zwischen Vergnügungspark und Kino zunächst ins Leere: Zwar sind in den neuen Vergnügungsorten auch Ladenkinos zu finden, doch die ehemals so bedeutsame Attraktion wurde von Riesenrädern, Karussells und Achterbahnen abgelöst, die hier fest installiert werden können und so bereits wagemutige Konstruktionen ermöglichen. Die Betreiber der Vergnügungsparks orientierten sich hierbei vor allem an den Attraktionen, die regelmäßig auf den Weltausstellungen präsentiert wurden[14]. Die Vergnügungsparks versuchten ihre Besucher durch Inszenierungen und Vorführungen in andere Welten zu locken; so köderte der Lunapark in Coney Island Gäste mit Inszenierungen vom Krieg der Welten und einem Nachbau der Hängenden Gärten der Semiramis[15].

Letztendlich sollte das nicht genügen, um Coney Island (und viele andere frühe Vergnügungsparks) vor dem Untergang zu retten. Als Gegenwelt zum Alltag entwickelten sich in den frühen 1920er Jahren elegante Kinopaläste und Lichtspieltheater, die den schmuddeligen Kintopps und den von Alkoholmissbrauch und Straßenkriminalität gezeichneten Vergnügungsorten eine saubere und schicke Atmosphäre entgegensetzten[16]. Zudem waren die Filmvorführungen in den verbliebenen Ladenkinos eine wesentlich preisgünstigere Alternative zum Rummelplatzbesuch.

Die 50er Jahre versetzten den klassischen Vergnügungsparks letztendlich den Todesstoß: Neben dem Kino müssen die Schausteller nun auch noch mit dem Fernsehen und vor allem dem Auto konkurrieren. Da die klassischen Vergnügungsparks vor allem auf eine Erreichbarkeit per Eisenbahn bedacht waren, verlieren sie ihre Bedeutung gegenüber attraktiven, mit dem Auto zu erreichenden Ausflugszielen[17].

Gerade in dieser Depression besinnt sich ein Filmindustrieller der Vergnügungsparkbesuche seiner Kindheit: Am 17. Juli 1955 wird in Anaheim, Kalifornien, Disneyland eröffnet und läutet so eine neue, über alle Maßen erfolgreiche Art von Vergnügungsorten ein. Der Themenpark ist geboren. Disneyland ist ein komplett durchgeplanter Park, der den Besucher durch seine thematischen Inszenierungen, Bauweisen, Musik etc. in eine vollkommene Illusion lockt. Disney hat viel von seinem filmischen Wissen in den Park einfließen lassen: Die Gebäude entlang der Main Street (der eröffnenden Straße, die in jedem der Disneyländer hinter dem Eingang zuerst zu betreten ist) sind wie Kulissen gebaut, d.h. die unteren Stockwerke entsprechen einem Größenverhältnis von 8:10, die darauf aufbauenden Stockwerke nur noch einem Verhältnis von 6:10[18], selbige „Hauptstraße” ist nach dem Prinzip des long shot auf das Dornröschenschloß hin gebaut[19] und der Blick vom zentralen Hügel, The Hub, scheint wie auf eine CinemaScope-Leinwand projiziert zu sein[20]. Aus der Stummfilmzeit übernahmen Disneys Imagineers[21] die Idee des wienies, einem Konstruktionsprinzip, nach dem der Blick der Besucher im Gelände stets von einem (meist vertikalen) Blickmagneten gefangen werden soll[22]. Die Imagineers gehen beim Erfinden einer neuen Attraktion dabei, wie Disney selbst, von einem zweidimensionalen Storyboard aus, auf dem sich schließlich eine Geschichte entwickelt. Disneyland will nicht, wie beispielsweise Coney Island, nur durch den Thrill der kinetischen Bewegung eines rides[23] oder das Staunen über eine gutgemachte Inszenierung den Besucher faszinieren; Disneyland macht den Parkbesuch zum persönlichen Film des Besuchers, in dem nichts die Illusion stören darf: Alkohol ist in Disneyland verboten und Sexualität wird strengstens ausgeklammert.

Disneyland fand eifrige Nachahmer: Six Flags in Texas, Cedar Point in Ohio, Legoland in Schweden und den Europapark im heimischen Rust, Schwarzwald – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

In den 1960er Jahren nähert sich die Filmindustrie auf ihre eigene Weise an den Themenparkboom an: Die Universal Studios in Hollywood bieten den interessierten Besuchern nun einen ride durch Garderoben, Studioproduktionen und Backstagebereiche an, was sich bald zu einem ausgewachsenen, den Film thematisierenden Vergnügungspark mit Achterbahnen und Spielplätzen entwickelt. Heute hat der Universal Studios Park weltweit ähnlich viele Ableger wie Disneyland.

Disney besinnt sich erst 1989 mit der Eröffnung der Disney-MGM-Studios in Orlando, Florida wieder auf den Film und das Kino als Publikumsmagnet. Dieser neue Park, der angeblich ein funktionierendes Filmstudio darstellt – tatsächlich werden eher alibimäßig Fernsehshows und Seifenopern dort produziert – bringt in einem 30-minütigen ride Film und Themenpark auf einen Nenner: Im The Great Movie Ride kann der Besucher die größten Momente der Filmgeschichte – wie die Abschlussszene zwischen Bogart und Bergman in Casablanca – sozusagen hautnah und in drei Dimensionen als Audioanimatronic[24]-Szenerie miterleben.

Die Ausbeutung „ernsthafter” Filme für Themenpark-rides scheint bereits frühen Kritikern zu missfallen: Der vorgeblich undurchdachte Medienwechsel vom Film zum Animatronic-Puppentheater reduziert den Film auf seine narrative Funktion und – noch wesentlich stärker – auf die memorative Darstellung seiner Stars. Das Vorbeifahren an den beiden Robotern, die Bogart und Bergman nachempfunden sind und sich durch ihre Glasaugen ausdruckslos anstarren, hat nichts mit der intimen Atmosphäre zu tun, die im Film bei der selben Szene durch enge close-up shots hergestellt wird[25]. Steve Nelson konstatiert vielmehr eine Stimmung, die der Besichtigung eines bewegten Wachsfigurenkabinettes gleicht und die eine Szene zur Szenerie umdeutet; ein spezifisch amerikanisches Phänomen, das Umberto Eco als das Bestreben bezeichnet hat, eine Reproduktion zu schaffen, die nicht Lust auf das Original erzeugen, sondern das Original obsolet machen soll[26]. Hier hat der Themenpark den Film vereinnahmt, ihn der meisten seiner Spezifika beraubt und zum kurzen Aufblinken eines bildlich memorierten Momentes (ohne diesen Moment dem Film entsprechend abzubilden) degradiert: die kurze Szenerie aus Casablanca ist nur ein paar Augenblicke zwischen der kurzen Szenerie aus Alien und dem umtanzten Platz aus dem Zauberer von Oz zu sehen.

Andererseits ist das Kino selbst – also nicht nur der Film – im Themenpark heimisch geworden: Kein Park kommt heute noch ohne Flugsimulator (eine Kabine auf deren vordere Wand eine Film – zumeist eine Fahrt oder ein Flug – projiziert wird, dessen kinetische Dimension von Hebe-, Senk- und Rüttelmechanismen an der Kabine spürbar gemacht wird), Actionkino (in dem das Flugsimulatorprinzip auf einen großen Kinosaal ausgedehnt wird) oder 4D-Kino (das die bereits früh bekannte Technik des 3D-Films um Düfte, Wind- und Wassereffekte und sogenannte „Beinkitzler” ergänzt) aus. Des weiteren versuchen viele Parks (vor allem die Parks der Six Flags-Kette) seit den 90er Jahren die Thematisierung ihrer rides mit vorausgehenden Filmvorführungen zu unterstützen: Bevor man etwa im Darkride Bermuda Triangle: Alien Encounter im Bottropschen Movie Park die Boote besteigen darf, wird man in einer Filmvorführung über die thematisch vorhergegangenen Ereignisse aufgeklärt – ganz wie der Abenteurer, dessen Rolle man in dem ride dann einnehmen darf.

Diese Entwicklung des klassischen Kinodispositivs zum vergnügungsparkkonformen, spannungs- und aktionsgeladenen Erlebnisraum dechiffrieren Paech und Paech als den „Wunsch der Zuschauer/innen, so unmittelbar wie möglich am Filmgeschehen beteiligt zu werden, der vielmehr der Wunsch des Kinos nach Zuschauer/innen ist, die dies wünschen”[27]. In diesem Sinne verstehen Paech und Paech auch rides wie das Jurassic Park River Adventure im Universal Studios Park als die Erfüllung dieses Wunsches: Hier wird der Film durch „Dinosaurier zum Anfassen” vermeintlich erlebbar gemacht und ‚live’ nachgeahmt[28]. Es muss allerdings angemerkt werden, dass die Nähe zum Geschehen hier auch nur simuliert wird, denn die Dinosaurier sind weiterhin außerhalb der Reichweite des Betrachters und der Zuschauer bleibt wie im Kino auf seinem Platz sitzen, während die Bilder der Attraktion an ihm vorüberziehen – oder besser: während er an den Bildern vorüberzieht.

Den Flugsimulatoren und Actionkinos bescheinigen Paech und Paech einen seltsamen Anachronismus,

„weil die Filmindustrie auf diese Weise mit dem Kino ihre Zukunft auf hohem technisch-elektronischen Niveau in der Vergangenheit des Jahrmarktes sucht, wo das Karussell und die Achterbahn für die körperlichen Sensationen gesorgt haben, die der Film dann auf die visuelle Wahrnehmung (der Slapstick-Comedies zum Beispiel) reduziert und sublimiert hat. Jetzt hat der Flugsimulator als Modell unserer simulierten Wahrnehmung uns die reale körperliche Sensation zurückgegeben.”[29]

Die Filmindustrie hat mit der Eroberung der Themenparks oftmals in ihre eigene Trickkiste gegriffen, um dem Besucher möglichst ‚filmische’ Erfahrungen zu bieten – wer in Indiana Jones and the Temple of Peril einsteigt, möchte sich wie Indiana Jones fühlen und im Great Movie Ride möchte man live dabei sein, wenn das bösartige Alien die Nostromo überfällt – und gleichzeitig ihre Ideengeber und Vorbilder rücksichtslos geplündert[30]. Andererseits muss man sich fragen, ob ein ride wie Jurassic Park River Adventure überhaupt eine solche Wirkung entfalten könnte, wenn er sich nicht auf ein filmisches Vorbild beziehen kann. Ein Vergleich mit den wesensähnlichen Dinosaurierbahnen Universe of Energy und Universum der Energie in Disneys EPCOT-Center, Florida, respektive im Europapark Rust lässt diesen Schluss zu. Obwohl beide letztgenannten rides durchaus spannend sind und gute Animatronics einsetzen, ruft Jurassic Park River Adventure durch das durchdachte Themeing mit Filmmusik, dem bekannten Logo und dem Eingangsportal starke Erinnerungen an den Film – und dessen eindrucksvolle Action- und Thrillerszenen – auf, wodurch sich ein Mehrwert an Anschlussmöglichkeiten[31] für den Besucher ergibt. Hier sieht er nicht nur Dinosaurier – er sieht die Dinosaurier aus Jurassic Park!

Vergnügungsparks im Film

Der Film wiederum benutzt Rummelplätze, Vergnügungs- und Themenparks allzu häufig als Handlungsorte, sinnstiftende Elemente oder gar als tragendes Konzept des Filmplots, ohne dass dies Beachtung in wissenschaftlichen Analysen gefunden hätte.

Wie bereits oben erwähnt, entspinnt sich die Handlung in Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari vom Schaustellertreiben eines Rummelplatzes aus. Der Film konnte sich durch diesen Handlungsort die Konditionen des Rummelplatzes zu Eigen machen. Ebenso wie die Schaubuden des Rummelplatzes spricht der Film den Gesichtssinn der Besucher an, ähnelt in der Rezeptionssituation also den wohlig-schaurigen „Abnormitätenschauen” des Festplatzes, deren bekannte Atmosphäre er zudem durch die gestalterischen Mittel des expressionistischen Kinos abbildet und überzeichnet.

Der Rummelplatz, auf dem Dr. Caligari seine Schaubude hat, scheint gleichwohl mit dem Film selbst verknüpft zu sein: Die Kamerablende zeigt zunächst nur den eifrig kurbelnden Leierkastenmann und die schwungvoll kreisende Spitze eines Karussells im Hintergrund. Durch die langsame Öffnung der Irisblende wird die Illusion hervorgerufen, der Leierkastenmann treibe gleichfalls das (filmische) Karussell wie den (weltlichen) Filmapparat, der die Szene auf der Leinwand illuminiert, an.

Die Szene in Caligaris Kabinett ist ganz nach dem Schuss-Gegenschuss-Muster montiert. Caligari präsentiert auf der Bühne seinen Somnambulisten, während die Kamera immer wieder die Köpfe der Zuschauer zeigt, die sonst fast im Dunkeln sitzen – eine Situation, wie sie den Zuschauern des Films sehr ähnlich der ihren vorkommen muss. Der Rummelplatz selbst erscheint im Film nicht anders als der Rest der dargestellten Stadt auch. Man sieht eine wirre Architektur mit spitzen Winkeln und krummen Wänden. Verständlich, steht am Ende des Films doch die Auflösung des gesehenen als Vorstellungswelt eines Verrückten. In der Psyche des Irren sind Rummelplatz und Lebenswelt architektonisch kaum voneinander zu unterscheiden – die Kuriositäten und Abnormitäten dieser Gegenwelt haben sich ununterscheidbar vom wirklichen Leben gemacht.

Gerade im Horrorfilmgenre sind Vergnügungsorte ein beliebter Topos: Das unbeschwerte Vergnügen des Rummelplatzes oder Parks funktioniert ja nach dem Prinzip eines gefahrlosen Nervenkitzels. Im Kontext des Vergnügungsortes blicken wir der Gefahr ins Angesicht – sei es den Abnormitäten in den Schaubuden, der atemberaubenden Abfahrt der Achterbahn oder dem Grusel der Geisterbahnen – „jedoch stets im Wissen um die eigene Sicherheit in einem vor allem Ernst geschützten Raum”[32]. Der common sense bestätigt, dass wir gerade auf Unfallmeldungen aus dem „geschützten Raum” des Vergnügungsparks schockierter reagieren als auf ähnliche Meldungen aus unserer Alltagswelt. Der Horrorfilm macht sich diese Konditionierung unserer Wahrnehmung von Vergnügungsorten zunutze und verdreht die Sicherheitssituation: Der ausgestellte Somnambulist in Caligaris Kabinett ist wirklich gefährlich und seine Vorhersagen treten wirklich – d.h. außerhalb des Rummelplatzes in der Alltagslebenswelt – ein, eine Achterbahnfahrt geht furchtbar schief (Final Destination 3, 2006) oder die Animatronics machen plötzlich Jagd auf die Besucher (Westworld, 1973).

Ein schönes Beispiel für das Spiel mit der Konditionierung auf den „gefahrlosen Nervenkitzel” und die Einbindung kinotypischer Apparaturen in den Themenparkkontext bietet die Neuverfilmung von House on Haunted Hill (1999). Steven Price ist ein Vergnügungsparkunternehmer, der zu Beginn der Filmhandlung eine brandneue Achterbahn[33] – mit dem beschreibenden Namen Terror Incognita – der Presse vorstellt. Premierengast ist eine gelangweilte Reporterin, die die Attraktion als „just another generic rollercoaster” abtut. Zusammen betreten sie einen Fahrstuhl mit transparenten Wänden, Decke und Boden, der sie zur Startrampe der Achterbahn bringen soll. Auf halbem Weg beginnt das Metall des Fahrstuhlturms zu ächzen und zu stöhnen und plötzlich stürzt die Kabine 20 Stockwerke dem Boden entgegen. Die Langeweile der Reporterin ist verständlicherweise wie weggeblasen und als die Kabine schließlich auf dem Boden aufprallt erscheint auf dem Kabinenboden ein freundlich grinsender Totenschädel als das Logo der Achterbahn: Der vermeintliche Ausblick aus der Fahrstuhlkabine war nur eine versiert eingesetzte Filmprojektion.

Unterstellt man dem Film ein kleines Maß an Selbstreflexion, bietet sich folgende Lesart der Szene an: Der Film beginnt ganz anders, als es für den Zuschauer zu erwarten gewesen wäre. Man sieht kein Geisterhaus, keine gruselige Musik setzt ein. Stattdessen eröffnet die von hellem Sonnenschein erleuchtete Szenerie eines Vergnügungsparks den Horrorschocker – eine Szenerie, die dem jungen Zielpublikum als Ort des Nervenkitzels wohlbekannt ist. Der Blickpunkt des Publikums wird durch die Reporterin subjektiviert: Schon wieder eine dieser altbekannten Achterbahnen! Sie sollen Recht behalten, denn der wahre Thrill dieses rides geht nicht von einer kinetischen Sensation aus, sondern findet prinzipiell betrachtet in einem Kinosaal durch Filmprojektionen statt. Auch wenn dieser Kinosaal lediglich die Ausmaße eines Fahrstuhls hat. Die Szene bestätigt also das Genre des (Horror-)Films als der Achterbahn überlegen, was das Erzeugen von Thrills angeht.

Dass Vergnügungsparkrides im Film noch wesentlich mehr können, als nur Thrills darzustellen, zeigt Brad Andersons symbolträchtiger Film The Machinist (2004). Christian Bale spielt hier den seit einem Jahr schlaflosen und krankhaft abgemagerten Tervor Reznik, der sich zwanghaft die Hände mit Bleiche wäscht, sich selbst  Post-it-Zettel hinterlässt und zudem von einem mysteriösen Fremden heimgesucht wird, durch dessen Schuld Reznik einen folgenschweren Arbeitsunfall auslöst. Zum Ende des Films offenbart sich, dass der Fremde die Personifikation seines verdrängten Schuldbewusstseins ist, hat Reznik doch vor einem Jahr einen Jungen durch einen Verkehrsunfall getötet und Fahrerflucht begangen. Der Film zeigt Rezniks gestörte Wahrnehmung der Wirklichkeit, in der sich ständig wiederholende Zeichen und Symbole auf das Verdrängte aufmerksam machen wollen. Diese Zeichen kulminieren auf halbem Weg durch den Film in einem Rummelplatzbesuch, wo eine Geisterbahnfahrt zum komplexen Psychogramm des Protagonisten wird. Der Darkride „Route 666″ führt den Maschinisten durch ein grotesk verzerrtes Abbild seines eigenen Lebens, vorbei an den ausgemergelten Körpern in der Wüste Verirrter, an einem Kuchenstand – Kuchen ist seit dem Unfall sein einziges Nahrungsmittel – und an einem Indianer, der einen abgerissenen Arm präsentiert: Eben jenen Arm, den sein Arbeitskollege Miller durch Rezniks Schuld verlor. Die Geisterbahn führt ihn immer tiefer in sein Schuldbewusstsein, zeigt ihm Bilder einer trauernden Frau an einem Kindergrab und einen Erhängten, der dasselbe Arbeiterhemd trägt wie Reznik und dessen Galgen mit einem Schild versehen ist, das deutlich das Wort „Guilty” zeigt. Die Szenerie ändert sich zu einem Rotlichtviertel – eine Erinnerung an die Prostituierte Stevie, Rezniks einzigen Ruhehafen – und er beginnt sich wieder zu entspannen, als plötzlich ein Zusammenstoß des Geisterbahnwagens mit einem spielenden Kind simuliert wird. Dies ist allerdings nur ein kurzer Schock, der Wagen fährt unermüdlich weiter, an der blutigen Leiche eines Unfallopfers vorbei durch eine Tür, hinter der sich eine Weggabelung auftut: rechts in die „Road to Salvation”, links auf den „Highway to Hell”. Unausweichlich rollt der Wagen nach links.

Die Geisterbahnfahrt fasst so die Handlung des Films zusammen und lässt es zu, das Ende bereits zu kennen – wenn man nur die Zeichen richtig deutet. Sacha-Roger Szabo bezeichnet die Geisterbahn als Höllenfahrt, „die sich durch Unkontrollierbarkeit, Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit auszeichnet” und das „Ausgeliefertsein des Individuums in einem vereinnahmenden Diskurs” thematisiert[34]. Auch eine kathartische Wirkung kann der Geisterbahn zugeschrieben werden, konzentriert sie sich doch im klassischen Sinne auf eine Vanitas-Thematik und damit auf die Sterblichkeit des Besuchers[35]. Im Falle von The Machinist führt sie dem Protagonisten erstmals deutlich und buchstäblich sein Verbrechen und seine Schuld vor Augen.

Neben psychogrammatischer und kathartischer Wirkung ist den Darkrides aber vor allem eines eingeschrieben, was die Disneyländer seit jeher zu unterdrücken suchen: eine latent körperliche, sexualisierte Grundstimmung. In der Geisterbahn erfährt der Besucher eine Stresssituation, die durch Lichteffekte, Geräusche und Bewegung motiviert wird. Die Symptome von Schreckmomenten wie Ausrufen und Herzklopfen führen zu einer Aufwertung des Körpergefühls, was mit der „erotischen Grundstimmung”[36] des Rummelplatzes kollidiert und ein Zusammenrücken der Fahrenden begünstigt. Oder, wie es der Attraktionshersteller Franz Mack darlegt: „Wenn die Geister kommen, kann der junge Mann zu seiner Gefährtin, die bei ihm Schutz sucht, rüberlangen.”[37]

In Jean-Pierre Jeunets Film Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (2001) ermöglicht diese Darstellung der Geisterbahn eine erste körperliche Annäherung zwischen der schüchternen Protagonisten Amélie und Nino, in den sie sich verliebt hat. Neben seiner Tätigkeit in einem Pornoladen arbeitet dieser nämlich als Erschrecker in der Geisterbahn, verkleidet als Skelett. Obwohl – oder gerade weil – sein Gesicht unter einer Maske versteckt ist, kommt es in der in freundlichen Grün-, Gelb- und Rottönen gehaltenen Geisterbahn zu einer zärtlichen Begegnung zwischen ihm und Amélie. Wie in The Machinist ermöglicht die Geisterbahn eine Intimität und Vorausschau auf Dinge, die in der Lebenswelt der Besucher so noch nicht gesehen und empfunden werden können.

Disneys dunkle Seite

1993 verfilmt Steven Spielberg Jurassic Park von Michael Crichton. Crichtons zweite Themenpark-Fiktion (nach Westworld) handelt von einem Themenpark auf einer Pazifikinsel, in dem der Milliardär John Hammond echte Dinosaurier – geklont aus Genmaterial, das in Bernstein eingeschlossenen Stechmücken entnommen wird – als Attraktion ausstellen will. Nach dem Tod eines Mitarbeiters fordern Hammonds Investoren eine Überprüfung des Parks durch Spezialisten, die Hammond in Form der Paläontologen Alan Grant, Ellie Sattler und des Chaos-Mathematikers Ian Malcolm rekrutiert. Auch seine Enkelkinder Lex und Tim lädt Hammond zum Probelauf seines Parks ein. Wie von Malcolm prophezeit bricht während der Tour ein Chaos im Park los, ausgelöst durch Manipulationen des Parkmitarbeiters Dennis Nedry, der die Sicherheitssysteme außer Funktion setzt, um Dinosaurier-Embryos zu stehlen. Die Dinosaurier brechen aus ihren Gehegen aus und machen Jagd auf die Besucher, während über der Insel ein Tropensturm tobt.

Michael Crichton sagt in einem Interview zum Film, dass es ihm wichtig war, „the dark side of Disney”[38] zu zeigen. Im Folgenden werde ich den Film auf seinen Umgang mit dem Topos „Themenpark” untersuchen, unter Berücksichtigung eventueller selbstreflexiver Tendenzen. Die Untersuchung gliedert sich unter den Leitoperatoren „Themeing“, „Sexualität” und „Kontrolle/Macht/Realität”.

Themeing

Bereits der Weg in den Jurassic Park trennt ihn sauber von der Alltagswelt der Besucher ab: Die Insel ist nur durch spezielle Luft- oder Wasserfahrzeuge (in diesem Fall ein Helikopter) zu erreichen, wodurch ein Übergangsritus[39] initiiert wird, der die Besucher durch einen ersten ride – denn die Landung ist wegen der Aufwärtswinde etwas holprig – an ihre neue Umgebung anbindet und zeitgleich ihre alltagsweltliche Umwelt verschwinden lässt. Ebenso hält es Walt Disney World, Florida: Die Besucher werden mit einer der typischen Disney-Scenic-Railways (die ja konsequent filmisches Sehen vermittelt[40]) in die Mitte des Parks transportiert, wo die Entdeckungstour vollkommen abgeschirmt von der Außenwelt erst losgehen kann.

Spätestens jetzt – die Eröffnungsszene mit den Park-Mitarbeitern einmal ausgenommen – wird das Jurassic Park-Logo deutlich inszeniert. Mit einer Kameraeinstellung auf die Tür des die Besucher abholenden Jeeps wird das bekannte Logo mit dem Tyrannosaurus-Skelett auf rotem Grund bildfüllend gezeigt, wohlwissend, dass dieses Logo auch auf dem Filmplakat (und auf den unzähligen Merchandise-Produkten) zu sehen sein wird. Später sehen wir eine große Anhäufung an Merchandise im Park-Shop/-Restaurant, darunter neben T-Shirts und Spielzeugdinosauriern auch das Buch „The Making of Jurassic Park” von Don Shay und Jody Duncan, die (auch) in der außerfilmischen Realität ein Buch desselben Namens geschrieben haben. Dieses außerfilmische Buch behandelt allerdings nicht die genetischen Grundlagen des Dinosauriermachens, sondern die Produktion von CGI-Modellen der Dinosaurier und Interviews mit dem Regisseur Spielberg. Jurassic Park durchbricht somit seinen filmischen Rahmen und entlässt sein Themeing in die wirkliche Welt. So kann man sich einerseits nach dem Besuch im Kino ein Andenken kaufen, das den Kinobesuch zum tatsächlichen Parkbesuch hochsimuliert und andererseits vermischen sich außerfilmische und filmische Realität zu einem Spiel, in dem die Selbstreflexion ihre Referenz verliert, wenn die Grenzen unklar werden und sich verschieben[41]. Das Making-of-Buch ist ganz klar dasjenige, das auch in unserer Welt existiert. Aber in diesem Fall müssten die Protagonisten des Films nur darin lesen um zu bemerken, dass sie lediglich vor CGI-Animationen davonlaufen. Man muss allerdings bemerken, dass diese kurze Aufnahme des Buches die einzige Stelle ist, an der ein solcher Bruch zwischen außerfilmischer und filmischer Realität zu finden ist.

Das Themeing des Urzeitparks zeigt sich desweiteren schwer von filmischen Vorbildern inspiriert. Zwischenzeitlich sind Hammonds Gäste im Besucherzentrum des Parks angekommen, dessen Eingangshalle von einem Tyrannosaurus-Skelett dominiert wird über dem ein Banner mit der Aufschrift „When Dinosaurs ruled the Earth” hängt. Eine klare Reminiszenz an den gleichnamigen Film von 1970. Auch der Eingang des ersten und bisher einzigen Parkrides wird durch ein doppelflügeliges, gigantisches Holztor markiert, das demjenigen aus King Kong (1933) ähnelt, das den Riesenaffen verbirgt. So wird auch treffend von Ian Malcolm bemerkt: „What have they got in there, King Kong?”

Jurassic Park ist also vornehmlich ein Filmpark, der sich wie beispielsweise der Universal Studios Park mit Zitaten aus vergangenen Filmen schmückt. Diese Vermutung reicht noch weiter, sieht man sich die Spezifika bzw. die An-Ordnung[42] des rides an. Die Parkbesucher durchfahren den ride in Ford-Geländewagen, die – gleich einer Eisenbahn oder der klassischen Geisterbahn – auf Schienen durch das Gelände gelenkt werden. Dabei können die Gäste lediglich das beobachten, was ihnen durch die Scheiben oder das gläserne Dach vorgeführt wird. Dazu kommt der Ton zum Bild über Lautsprecher in den Wagen. Die Jurassic Park-Besucher werden damit in dieselbe Position wie das Kinopublikum gerückt:

„In der Tat hat die An-Ordnung [des rides] vieles mit der An-Ordnung Kino gemeinsam. So wird der Reisende im Abteil zum Zuschauer (s)einer Bewegung, die er nur getrennt von sich, der bewegungslos ist, visuell wahrnehmen kann, da sie sich nur dem Blick aus dem Abteilfenster mitteilt. Der Zuschauer seiner eigenen Fortbewegung am Abteilfenster findet sich bewegungslos bewegt – und das gleiche gilt für einen Kinozuschauer, der einen Film sieht.”[43]

Sexualität

Ein bekannter Vorwurf, der den Disneyländern immer wieder gemacht wird und in der Literatur prominent vertreten ist, bezieht sich auf die Ausklammerung jeglicher Sexualität aus den Themenparks. Gehört Sexualität auf den Jahrmärkten und Rummelplätzen zur Grundstimmung[44] – man denke nur an den Liebestester, den Stier, den es an den Hörnern zu packen gilt oder an Hau-den-Lukas – wird Erotik und Sexualität in Disneyland auf zwei Arten ausgeschlossen. Einerseits kann die Asexualität seiner Einwohner als Leitbild für den gesamten Parkbetrieb gelten: „Mickey – hairless, sexless and harmless – is a summary: as Disney once put it, ‚Mickey is a clean mouse.’”[45] Dieses saubere Image gilt es unter allen Umständen zu pflegen[46]. Legnaro und Birenheide sprechen von einer „Inszenierung, die jegliche Erotisierung oder gar Sexualisierung strikt vermeidet (in der Werbung, in der Darstellung, im Warenangebot und auch im Angebot an Vergnügungen – nichts findet sich hier, was an die lasziven Doppeldeutigkeiten einer Kirmes oder deren Arrangements, Intimitätsgrenzen aufzubrechen, auch nur von weitem erinnert)”[47]. Andererseits und als Alternative bieten die Disneyparks eine moralisch einwandfreie, kontrollierbare Beziehungsform an: Die Kleinfamilie.

„Die Kleinfamilie ist, wie man oft kritisch angemerkt hat, die Zielgruppe von Disneyland, sie erscheint hier als die primäre Lebensform überhaupt, und jegliche Bedarfs- und Unterhaltungsstruktur stellt sie in den Mittelpunkt. Individualismus findet hier im kleinen Kollektiv statt, [...], das die Vielfalt gesellschaftlicher Lebenskonstellationen reduziert auf ein tradiertes Element sozialer Übersichtlichkeit.”[48]

Jurassic Park bietet uns Lesarten für diese beiden Formen kontrollierter Sexualität an. Betrachten wir zunächst die Attraktionen des Parks, die Dinosaurier. Diese Auswüchse schierer Körperlichkeit (was anderes sind der gigantische T-Rex oder der noch gigantischere Brontosaurus als Körper in ihrer am meisten beeindruckenden Form?) sind nicht Resultat natürlicher sexueller Vorgänge, sondern künstliche Körper, die in Genlabors durch modernste Technik erschaffen werden[49]. Neben dieser passiven Zeugungssexualität wird auch ihre aktive Sexualität von den Wissenschaftlern des Parks kontrolliert: „Actually they can’t breed in the wild. Population control is one of our security precautions. There’s no unauthorized breeding in Jurassic Park. [...] Because all the Animals in Jurassic Park are female. We engineered them that way”, erklärt Dr. Henry den staunenden Besuchern. Einmal mehr ist es Chaos-Theoretiker Malcolm, der eine Kontrolle der Fortpflanzungssexualität ausschließt. Er soll Recht behalten, haben die Park-Wissenschaftler doch die unvollständige Dinosaurier-DNA mit Frosch-Genmaterial aufgefüllt, was dazu führt, dass die Dinos zeitweise ihr Geschlecht ändern können, um sich fortzupflanzen. Die vermeintlich kontrollierte Sexualität nimmt dadurch ein seltsames Zwischenstadium zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit ein: Natürlichkeit, weil es scheint, als hätte die Natur – wie Malcolm es voraussagt – einen Weg gefunden, ihre technisch auferlegten Grenzen zu überwinden und sich fortzupflanzen; Künstlichkeit, weil die Fortpflanzung durch die technologischen Eingriffe von ihrem natürlichen heterosexuellen Kontext gelöst wurde[50].

Die sexuelle Kontrolle im Jurassic Park geht ebenso schief wie die in Disneys künstlichen Welten. Die Dinosaurier lassen sich ihre Sexualität so wenig nehmen, wie die Disney-Charaktere – trotz vordergründiger Versuche – entsexualisiert sind: Pinocchios Nase und Eselsohren wurden von zahlreichen psychoanalytisch geprägten Kritikern als phallische Symbole gedeutet[51], und die Disneyhelden und -heldinnen sind immer attraktiv und finden ihre Erfüllung üblicherweise in einer heterosexuellen Verbindung[52].

Die Voraussetzungen für eine asexuelle bzw. entsexualisierte Welt sind sowohl im Jurassic Park als auch in Disneyland nicht gegeben. Wie steht es mit der oben erwähnten Kleinfamilie als ideale Beziehungsform innerhalb des Themenparks? Zunächst sind die Weichen dafür nicht besonders gut gestellt. Die Erwachsenen, die den Jurassic Park besuchen, scheinen alle in mehr oder weniger großen Beziehungsproblemen zu stecken: Ellie Sattler liebt Kinder, Alan Grant kann Kinder überhaupt nicht leiden. Dass die beiden Wissenschaftler überhaupt in einer Liebesbeziehung leben, wird nur ganz flüchtig erwähnt, als der mehrfach geschiedene Malcolm versucht, mit Dr. Sattler anzubandeln. Die Kinder Lex und Tim kommen aus dem Scheidungsstreit ihrer Eltern heraus auf die Insel, wo sie von ihrem Großvater Hammond in Empfang genommen und gleich darauf wieder zu den Wissenschaftlern abgeschoben werden. Letztlich bleibt es beim Kinderhasser Alan Grant, die zerrütteten Verhältnisse neu zu ordnen, in dem er sich zur Vaterfigur wandelt: Nach dem Angriff des T-Rex findet sich Tim in einem Autowrack auf einem hohen Baum gefangen und wird von Grant aufgefordert, herunter – und damit in Sicherheit – zu klettern. „It’s like climbing down from a treehouse. Didn’t your dad ever build you a treehouse?” Tim verneint und Grant klettert selbst den Baum hinauf, um die traditionelle Aufgabe des Vaters nachzuholen und Tim das Hinabklettern beizubringen. Schließlich wacht Alan Grant auch am Nachtlager über den Schlaf der Kinder, was seine Wandlung vom kinderhassenden Workaholic zur achtsamen Vaterfigur treffend visualisiert.

Diverse hektische Momente später ist die ganze Familie wieder vereint und durch das Ausscheiden von Malcolm, dem Jäger Muldoon, dem Anwalt Gennaro und dem Programmierer Arnold auf das ideale Maß reduziert: Grant und Sattler als Vater und Mutter, Lex und Tim als Kinder und Hammond als Großvater. Nachdem diese kontrollierbare Einheit wiederhergestellt ist, kann die neu gebildete Familie mit vereinten Kräften und nach traditionellen Mustern agierend die Dinosaurier aufhalten: Die Erwachsenen halten mit vereinten Kräften die Tür zwischen ihnen und den Raubtieren zu, während Lex ihr Computerwissen nutzt, um die Türschlösser zu aktivieren. Es ist die Integrität der Kleinfamilie, die Sattler, Grant, Hammond und die Kinder das Abenteuer überleben lässt, während die Dinosaurier, denen diese Form sexueller Identität fehlt, sich schließlich gegenseitig angreifen.[53]

Kontrolle/Macht/Realität

„Kontrolle” ist wiederum eines der Leitthemen der Disney-Kritiker und -Analysten. Jeder Besucher wird durch die perfekt geplanten Themenparks so geführt, dass er dasselbe sieht wie seine Vorgänger und schleichend in eine passive Haltung gedrängt wird, die wesentlich mehr von der Rezeption als von der Reaktion der Gäste lebt:

„Disneyland operates through imaging aimed at controlling controlled imaginations. [...] Ours is but to laugh at the jokes and to marvel at the genuine technical achievements of modelers and engineers. We too are reduced to the ‘ideal’ child-like condition of being acted upon rather than acting. The excitements of reading (or being read to) have truly been doubly translated and betrayed.”[54]

Die Kontrolle über die imaginierte Realität der Disneyländer geht teilweise so weit, dass das medizinische Personal keinen Gast für tot erklären darf, bevor sein Körper nicht die Grenzen des Firmenbesitzes überquert hat – so ist es auch zu erklären, dass laut der Disney Corp. noch niemand in Disneyland gestorben ist[55]. In Disneyland passiert niemals etwas Unvorhergesehenes: „Disneyland Park is the prototypical theme park, where control is the overriding element not only in the design, but in the experiencing of the park. Total control of space, movement, and mood create a succession of visual stereotypes so profound in effect that they quickly achieve the status of national popular images. Everything about the park, including the behavior of the ‘guests’, is engineered to promote a spirit of optimism, a belief in progressive improvement toward perfection.”[56]

Damit sind wir im Kern der Geschichte von Jurassic Park und Jurassic Park angelangt: Der Film übt Ideologiekritik, indem er zeigt, dass der Park nicht kontrolliert werden kann. Der Versuch der Kontrolle und der Verlust über ebenjene ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Bereits zu Beginn des Films werden wir Zeugen eines Betriebsunfalls, der letztlich erst zur tatsächlichen Handlung des Films führt. Hier versagt die Kontroll-Technik bei der Velociraptoren-Verladung, was zum Tod eines Arbeiters führt. Wegen dieses Unfalls erwarten Hammonds Investoren eine Kontrolle des Parks durch unabhängige Wissenschaftler. Hammond bleibt auf dem Standpunkt, selbst die Kontrolle behalten zu wollen, wie man deutlich aus seinem eröffnenden Gespräch mit dem Anwalt Gennaro auf der Insel hören kann. Als die Besucher dann eine Art fahrbares Kino betreten, das ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen hinter Jurassic Park zeigen soll – interessanterweise zunächst durch eine Filmprojektion, dann durch einen Schaukasten, hinter dem echte Wissenschaftler arbeiten – rebellieren die Gäste zum ersten Mal gegen die Kontrollinstanzen des Parks, indem sie die Sicherheitsbügel des rides aushebeln und so die Fahrt unterbrechen. Der folgende Streit geht klar zu Hammonds Ungunsten aus und den Rest der Geschichte kennen wir zur Genüge: Zunächst zeigen sich nicht einmal die Dinosaurier, wie es geplant war (denn der T-Rex lässt sich nicht durch angekettetes Futter kontrollieren, er will jagen) und erst als die Sicherheitssysteme des Parks ausfallen, gibt es ein – nun völlig unkontrolliertes – Treffen mit den Raubtieren. Selbst der Schluss des Films wird geprägt von einer Erfahrung des Kontrollverlustes, diesmal auf der Seite der Dinosaurier: Die Velociraptoren, die sich dank ihres überlegenen Rudeljagdverhaltens ihrer Beute sicher sind, haben nicht mit dem mächtigen T-Rex gerechnet, der ihnen die Mahlzeit gründlich vermiest.

Kontrolle begründet sich letztlich auf Macht, wie Hammond es darlegt: „Creation is an act of sheer will. [...] When we have control…” Seine Macht ist die Wissenschaft, die es ermöglicht, aus einem Tropfen konserviertem Blut ganze Dinosaurier zu schaffen. Ein bisher übersehenes, dabei oft groß und deutlich ins Bild gesetztes Symbol für Hammonds Macht ist sein Gehstock mit dem geschliffenen Bernstein mit Insekteninklusion als Griff: Bernstein gilt seit der Antike als Insigne der Reichen und Mächtigen und ihm werden wundersame Kräfte zugesprochen, die ihre Begründung in seiner Beschaffenheit finden. Bernstein kann verbrennen und setzt dabei Kolophonium frei, das antiseptisch wirkt, was den Bernstein zu einem heiligen Element der Alchimisten (mehr oder weniger Vorgänger der Jurassic Park-Zauberer) machte. Bernstein schloss im Volksglauben zudem das Licht der Sonne in sich ein, was ihn zu einem begehrtem und wertvollen Herrschaftszeichen machte; nicht umsonst nahm sich der Deutschorden im Mittelalter ein „Regalrecht” heraus, das die Gewinnung und Veräußerung von Bernstein unter Hoheitsrecht stellte. Das Einbehalten eines gefunden Bernsteins konnte sogar mit dem Tod bestraft werden. Noch 1712 ließ der preußische König Friedrich I. das Bernsteinzimmer bauen, um damit seine Machtstellung zu legitimieren, zu demonstrieren und zu festigen.[57] Für den Jurassic Park wiederrum bedeutet die Qualität des Bernsteins bzw. seiner Inklusion das Wohl und Wehe seiner Produktion. Nur wenn die eingeschlossenen Mücken genug Blut und damit Dinosaurier-DNA hergeben, können sie auch tatsächliche Dinosaurier produzieren. Nach Nietzsche wird Realität durch das jeweils größte Zentrum der Macht erzeugt[58] und auf ein (symbolisches) Zentrum der Macht stützt sich Hammond durch den ganzen Film: auf seinen Gehstock mit dem Bernstein.

Insofern sind die Dinosaurier selbst als Bilder zu lesen, die Hammond durch seine Machtstellung der Welt aufdrängt; er selbst ist der Geburtshelfer jedes einzelnen Dinosauriers auf der Insel, wie er selbst während der Tour sagt.

1993, also kurz nachdem Francis Fukuyama das Ende der Geschichte in einer „Welt ohne Alternative” ausgerufen hat[59], geht der Jurassic Park einen Weg, den Disney, dessen „Welten von Morgen” immer schon wie „Welten von Gestern” wirken[60] verpasst hat: Der Themenparkwelt stellt er einen Gegenentwurf vor, indem er die Posthistorie in eine Prähistorie verwandelt und das Ausgestorbene, Überholte zur Attraktion erhebt[61]. Jurassic Park schreibt der Welt also eine neue Realität ein, in der das Tote wieder zum Leben erweckt wird und droht, das Lebendige zu übertreffen.

Ähnlich ist es mit Jurassic Park als Film: Die Computerspezialisten von Industrial Light and Magic (ILM) arbeiten wie die Genforscher des Jurassic Parks auf höchstem technologischen Niveau, um bisher ungesehene Spezialeffekte zu schaffen, Dinosaurier, die sich „wie echt” in die Realität des Films einfügen, um dem Ende der Kinogeschichte – denn das Kino ist selbst ein überalterter „Dinosaurier”[62] – noch einmal ein Schnippchen zu schlagen. Hier scheint es geradezu prophetisch, dass die Spezialeffekte und CG-Images sich wie die gefräßigen Raptoren, die sie in Jurassic Park verkörpern, das Kino als ihren Lebensraum erobert haben und die „Vielfalt der Arten”, allen voran den Kunstfilmer (mehr oder weniger also den Paläontologen unter den Filmmachern) massiv bedrohen[63].

Schluss

Vergnügungs-, Freizeit- und Themenparks sowie ihre jeweiligen Attraktionen sind ein beliebter Topos im Spielfilm, der bisher leider allzu wenig Beachtung gefunden hat. Zumeist dient die Darstellung eines Parks oder rides aber der Selbstreflexion des Kinos und des Kinofilms: Sei es das staunende Publikum in der Freakshow, der spannende Nervenkitzel in der Achterbahn, die zarte erotische Stimmung im Dunkel der Geisterbahn oder die An-Ordnung eines anderen rides in der Entsprechung des Kinodispositivs – stets spiegelt sich eine mögliche Position des Kinobesuchers auf der Leinwand wieder. Jurassic Park geht ein Stück weiter und seziert sowohl die Kontrollmechanismen der Disney-Themenparks als auch seine eigene (computergenerierte) Medialität.


[1] Sacha-Roger Szabo: Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Bielefeld: transcript 2006, 27ff.

[2] Ebd., 30

[3] Ebd., 31

[4] Ebd. und f.

[5] Anne Paech/Joachim Paech: Menschen im Kino. Film und Literatur erzählen. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000, V

[6] Ebd., 1

[7] Ebd., 10. Zum Panorama als Vorgänger des Kinos siehe Joachim Paech: Literatur und Film. Stuttgart: Metzler 1988, 76ff.

[8] Paech/Paech 2000, 10

[9] Ebd.

[10] Uwe Geese: Eintritt frei, Kinder die Hälfte. Kulturgeschichtliches vom Jahrmarkt. Marburg: Jonas 1981,  50

[11] Hartmut Bitomsky: Das goldene Zeitalter der Kinematographie. In: Filmkritik 20 Jg., 9. Heft, 237. Heft der Gesamtfolge. September 1976. Zitiert nach Geese 1981, 50

[12] Paech/Paech 2000, 11

[13] Ebd., 27

[14] Szabo 2006, 32

[15] http://de.wikipedia.org/wiki/Coney_Island

[16] Paech/Paech 2000, 29f.

[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Coney_Island

[18] Szabo 2006, 36

[19] Wobei Legnaro/Birenheide darauf hinweisen, dass das Prinzip des long shots bereits vor dem Film bekannt war, beispielsweise in der Gestaltung barocker Alleen oder in Landschaftsgärten des 18. Und 19. Jahrhunderts. Aldo Legnaro/Almut Birenheide: Stätten der späten Moderne. Reiseführer durch Bahnhöfe, shopping malls, Disneyland Paris. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005, 182

[20] Legnaro/Birenheide 2005, 191. Der erste im CinemaScope-Verfahren gedrehte Zeichentrickfilm war übrigens eine Disney-Produktion: Toot, Whistle, Plunk and Boom von 1953.

[21] Wie so viele Themenparkbegriffe eine Schöpfung der Disney Corp.: Die Berufsbezeichnung Imagineer setzt sich aus den Worten Imagine und Engineer zusammen und betitelt die Erfinder der disneyschen Themenlandschaften.

[22] Legnaro/Birenheide 2005, 190

[23] Wieder ein Themenparkfachterminus, der in sich wesentlich mehr Bedeutung trägt als die deutsche Übersetzung „Fahrt”.

[24] Bewegte, elektronisch gesteuerte Puppen. Teilweise auch als Audioanimatronics bekannt, die zudem „sprechen” können.

[25] Steve Nelson: Reel Life Performance. The Disney-MGM Studios. In: The Drama Review, Vol. 34, No. 4. (Winter 1990), 75

[26] Umberto Eco: Travels in Hyperreality. Essays. London: Picador 1987, 19

[27] Paech/Paech 2000, 310

[28] Ebd.

[29] Ebd., 311

[30] Das Ende des Great Movie Rides wird von einer Filmschau markiert, die in wilder Parallelmontage 75 Jahre Filmgeschichte innerhalb weniger Minuten abspult.

[31] Adam Arvidsson: Brands. A critical perspective. in: Journal of Consumer Culture, vol. 5, no. 2 (2005)

[32] Claudia Schirrmeister: Schein-Welten im Alltagsgrau. Über die soziale Konstruktion von Vergnügungswelten. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, 162

[33] Hierbei handelt es sich vorfilmisch um The Incredible Hulk Coaster aus dem Universal Studios Park Islands of Adventure, Florida.

[34] Szabo 2006, 94f.

[35] Ebd., 95f. Die kathartische Wirkung eines gruseligen oder schockierenden Darkrides wird auch gerne eingesetzt um einen Drogenentzug zu visualisieren, beispielsweise im Crossover-Zeichentrickfilm Cartoon All-Stars to the Rescue (1990), in dem der Drogenabhängige Michael von unzähligen Cartoonfiguren wie Alf, Garfield und Bugs Bunny durch den verrückt gewordenen Themenpark seines eigenen Gehirns gejagt wird.

[36] Ebd., 94

[37] Ebd., 93

[38] Jenseits von Jurassic Park. Interviews mit Autor Michael Crichton. (2001)

[39] Schirrmeister 2002, 185 und Legnaro/Birenheide 2005, 179

[40] Joachim Paech: Unbewegt bewegt – Das Kino, die Eisenbahn und die Geschichte des filmischen Sehens. In: Ulfilas Meyer: Kino Express. Die Eisenbahn in der Welt des Films. München: Bucher 1985

[41] Alan Cholodenko: ‚Objects in Mirror are closer than they appear’. The Virtual Reality of Jurassic Park and Jean Baudrillard. In: Nicholas Zurbrugg (Hrsg.): Jean Baudrillard. Art and Artefact. London: Sage 1997, 68

[42] Paech 1985, 41

[43] Ebd., 42

[44] Szabo 2006, 94

[45] Michael Sorkin: See you in Disneyland. In: ders. (Hrsg.): Variations on a theme park. The new American city and the end of public space. New York: Hill and Wang 1997, 223

[46] Szabo 2006,39; Schirrmeister 2002, 182

[47] Legnaro/Birenheide 2005, 228

[48] Ebd.

[49] Bzw. außerfilmisch in Jurassic Parks CGI-Effektcomputern.

[50] Lisa Yaszek: Of Fossils and Androids. (Re)Producing Sexual Identity in “Jurassic Park” and “Blade Runner”. In: The Journal of the Midwest Modern Language Association, Vol. 30, No. 1/2, Borders. (Spring, 1997), 54

[51] Janet Wasko: Understanding Disney. The Manufacture of Fantasy. Malden, MA: Blackwell 2001, 138f.

[52] Ebd., 116

[53] Die letzten beiden Absätze folgen Yaszek 1997, 54-56

[54] Pauline Hunt/Ronald Frankenberg: It’s a small world. Disneyland, the Family and Multiple Re-representations of American Childhood. In: Allison James/Alan Prout (Hrsg.): Constructing and Reconstructing Childhood. Contemporary Issues in the Sociological Study of Childhood. London: Falmer Press 1990, 110f. Zitiert nach Wasko 2001, 167

[55] Wasko 2001, 168

[56] Judith A. Adams: The American Amusement Park Industry. A History of Technology and Thrills. Boston: Twayne 1991, 97. Zitiert nach Legnaro/Birenheide 2005, 224

[57] http://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein und Gisela Reineking von Bock: Bernstein. Das Gold der Ostsee. München: Callwey 1981, 9-43

[58] William MacKintire Salter: Nietzsche on the Problem of Reality. In: Mind. A Quarterly Review of Psychology and Philosophy. New Series, Vol. 24, No. 96 (Oktober 1915), 453. Kurz gefasst sagt Nietzsche, dass wir uns ein vollkommen unbegründetes Bild von der Realität machen, dass lediglich aus Reizen und deren Interpretationen besteht. Die Zentren der Macht, die jedem Wesen zueigen sind, dehnen die Bilder, Kategorien und Interpretationen als Realität aus, bis sie auf ein stärkeres Zentrum der Macht stoßen.

[59] Francis Fukuyama: The End of History? In: The National Interest, Summer 1989

[60] Scott Bukatman: There’s Always Tomorrowland: Disney and the Hypercinematic Experience. In: October, Vol. 57. (Summer, 1991), S. 55-78

[61] Cholodenko 1997, 67

[62] Paech/Paech 2000, 296

[63] Ebd.

DS-Lyrik

Es ist Frühling geworden in dings und della

All the animals, they come out to play

Jetzt muss sich alles, alles wenden

No more winters day.

Enzyklopädische Schreibweise in den Zamonien-Romanen von Walter Moers

„Wenn ein Punkt eine Mauer ist,

dann ist ein Doppelpunkt eine Tür”

Ratschlag der Buchlinge

Zamonien

Der Kontinent Zamonien ist die fiktive Welt, in der Walter Moers phantastische Romane ihren Handlungsort gefunden haben. Bislang sind fünf Romane erschienen, deren Handlungen auf dem Kontinent Zamonien spielen: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär[1], Ensel und Krete[2], Rumo und die Wunder im Dunkeln[3], Die Stadt der träumenden Bücher[4] und Der Schrecksenmeister[5].

Zamonien ist allerdings keine detailliert ausgearbeitete und logisch kohärente Parallelwelt, wie sie in der phantastischen Literatur seit J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe beinahe zwingend verlangt wird[6]. Dies zeigt sich nicht nur an einer überbordenden Zahl kulturschaffender Daseinsformen, die ein Kontinent in der Größe Australiens nicht aufnehmen könnte, sondern auch an absichtlichen Widersprüchen in den Romanen selbst: Rumo, ein Nebencharakter aus dem ersten Roman Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, wird im dritten Roman – Rumo und die Wunder im Dunkeln – als Protagonist etabliert. In Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär wird Rumo in frühester Kindheit von Blaubär vor dem Tod bewahrt, in Rumo und die Wunder im Dunkeln wird er allerdings noch vor dieser Begegnung von Teufelszyklopen entführt, so dass sich die bereits erzählten Geschehnisse nicht wiederholen können und die Kohärenz der erzählten Welt nicht erhalten bleibt.

Auch der Kontinent selbst scheint Veränderungen unterworfen zu sein: Vergleicht man die gezeichneten Landkarten von Zamonien in den eben genannten Büchern, gelangt man zu dem Schluss, dass einige Orte um eine nicht zu übersehende Differenz verschoben wurden.

Moers benutzt diese Welt also nicht als widerspruchsfreien Topos für seine Romane, sondern legt sie deutlich als literarisches Experimentierfeld aus, wie er in einem Interview mit dem Wiener Stadtmagazin Falter sagt: „Bei der Arbeit am ersten Roman kam mir die fixe Idee für eine Buchreihe, bei der eigentlich nicht die Protagonisten, sondern der Ort, an dem die Handlung spielt, der eigentliche Held sein soll. Auf dieser Folie sollen unterschiedliche Genres und Literaturformen ausprobiert werden”[7]

Und so schließt auch jeder der Zamonienromane eine literarische Gattung in sich: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär ist ein barocker fantastischer Roman, Ensel und Krete ein Kunstmärchen oder eine Märchenparodie, Rumo und die Wunder im Dunkeln ist ein Heldenepos und Die Stadt der träumenden Bücher wiederum ein Schauerroman.

Enzyklopädik

Platon lässt seinen Sokrates dem staunenden  Phaidros eine Geschichte aus Ägypten erzählen: Es begab sich, dass einer der alten Götter, Theuth, dem Herrscher der Ägypter Thamus die Künste „der Zahl und des Rechnens, der Geometrie und Astronomie, außerdem des Brett- und Würfelspiels und namentlich auch der Schrift”[8] zum Geschenk machte. Diese Geschenke regten eine lebhafte Diskussion über Nutzen und Unsinn der jeweiligen Kunst an. Als sie zur Schrift kamen, sprach der Gott voll des Lobes: „Dieser Lehrgegenstand, o König, wird die Ägypter weiser und gedächtnisfester machen; denn als Mittel für Gedächtnis und Weisheit ist er erfunden worden.”[9] Thamus war weniger begeistert und erwiderte: „O du Meister der Kunstfertigkeit, Theuth: der eine ist imstande die Künste hervorzubringen, ein anderer zu beurteilen, in welchem Verhältnis Schaden und Nutzen sich verteilen werden für die Leute, die sie brauchen sollen. Auch du hast jetzt, als Vater der Schrift, aus Voreingenommenheit das Gegenteil von dem angegeben, was sie vermag. Denn diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen.”[10]

Das Verhältnis von Gedächtnis und Schrift ist laut Platon also gestört. Die Schrift ist „nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses”[11] und hat dieselben Probleme wie auch die Malerei: „Auch die Werke jener Kunst stehen vor uns als lebten sie, doch fragst du sie etwas, so verharren sie in gar würdevollem Schweigen”[12], sagt Platons Sokrates. Dies hat vor allem mit der platonischen Lehre der vorgeburtlichen Erinnerung (Phaidon) zu tun. Die Inhalte dieser memoria verliert der Mensch bei der Geburt, weil sie in der unveränderlichen Welt der Ideen zurückbleiben. Wenn wir etwas lernen, erinnern wir uns laut Platon nur: Durch Erkenntnis findet die Erinnerung den Weg aus dem ideellen Raum zurück in unser Gedächtnis[13]. Die Schrift kann deshalb auch nicht zur Erkenntnis – und damit zu „echter” oder „wichtiger” Erinnerung – führen, weil sie sich lediglich auf das bezieht, was bereits Gegenstand der Erkenntnis war und aufgezeichnet wurde. Auch wenn diese Interpretation der Erinnerung „für den modernen Interpreten [...] nur als genetische Theorie noch akzeptabel”[14] ist, schwört sie uns auf ein Spannungsfeld ein, das zwischen den Leitoperatoren „Speichern” und „Erkenntniserweiterung” oszilliert. Denis Diderot, Herausgeber der Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers weist im Artikel Enzyklopädie in derselben auf das Ziel des enzyklopädischen Unternehmens:

„Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.”[15]

Die Enzyklopädie hat hernach nicht allein den Wert einer Merkhilfe, die im platonischen Sinn Wissen speichert, sondern zielt ebenso auf Erkenntniserweiterung ab, „damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden”. Es geht um ein Mehr an Erkenntnis, generiert durch ein entsprechendes Ordnungssystem, wie d’Alembert – Diderots Mitherausgeber – in der Vorrede zur Encyclopédie feststellt:

„Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen”[16]

Wenn in dieser Arbeit die Rede von Enzyklopädik oder enzyklopädischer Schreibweise ist, beziehe ich mich auf die Verwaltung von Wissen im Sinne einer memoria, die „in ihrer Doppelgestalt von externem und internem Gedächtnis”[17] tangiert wird, also entweder äußerlich als Text oder innerlich als Erinnerung auftritt. Eine klare Festlegung der Thematik auf textuelle oder kognitiv-zerebrale Wissensräume will ich hier nicht erzwingen: In der phantastischen Welt Zamonien werden wir auf Wörterbücher, Eydeeten mit sieben Gehirnen, Lebensteppiche, Zettelkästen, kombinatorische Metropolen, labyrinthische Bibliotheken und antiquarische Labyrinthe, weinende Geister, wissenschaftliche Riesen, denkende Elemente und unzählige Daseinsformen treffen, die ihrerseits die unterschiedlichsten Formen von Wissensverwaltung nutzen und repräsentieren. Wenn wir nach enzyklopädischer Schreibweise und nach enzyklopädischer Literatur forschen, dann suchen wir nach „einem Literaturbegriff, der [...] sämtliche Formen des Wissens-Schreibens einbezieht”[18] – allerdings nicht ohne eine „sie organisierende Poetik”[19] zu beachten; Enzyklopädik bedeutet stets auch eine nachvollziehbare Ordnung des Wissens. „Ordnung ist die Herstellung einer gesicherten Verfügbarkeit, eine Sicherung des Wissens durch Widerauffindbarkeit”[20], schreibt der Grazer Universitätsbibliothekar Hans Zotter. Diese Ordnung muss allerdings keinesfalls einem arbiträren Muster wie unsere alphabetischen Nachschlagewerke folgen. Ebenso sind ontologische, metaphysische und digressive Ordnungsmuster denkbar. So sind die altindischen Veden (1600-1200 v. Chr.) in vier Pfade (caturvarga) eingeteilt, die in sich passende Wissensgebiete schließen, die altägyptische Enzyklopädie des Amenemope (1250 v. Chr.) ordnet sich in einer objektorientierten Polytomie und Plinius reiht sein Wissen kosmographisch nach Sternen, Erde, Mensch-, Tier- und Pflanzenwelt bis zur Gesteinskunde auf. Viele weitere Ordnungssysteme sind denkbar und nachweislich genutzt worden[21]. Wichtig für die enzyklopädische Poetik ist es also, ein verlässliches Ordnungssystem für die stets disparate memoria zu finden und „für die Darbietung ihres Materials Formen zu ersinnen, die imstande wären, das in Parzellen fragmentierte, zersplitterte, ja disseminierte Wissen auf tragfähige Weise mit einer Systematik zu vermitteln.”[22]

Ebenso wenig wie sich ein allgemeingültiges Ordnungsmuster finden lässt, können wir die enzyklopädische Schreibweise in ein Gattungskorsett schnüren: „Die gattungstheoretisch in Frage stehende Demarkationslinie verläuft nicht zwischen Literatur und Enzyklopädie”[23], sondern ist textimmanent auffindbar. Ausgehend von einer semiotischen Lesart (nach Eco) kann gar jeder Text enzyklopädisch strukturiert sein, da er eine „lokale Repräsentation des enzyklopädischen Wissens” ist, und dies, weil er stets auf „das Wörterbuch natürlicher Sprachen” zurückgreift, „das seinerseits [...] eine Enzyklopädie darstellt”[24].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die enzyklopädische Schreibweise – von der homerschen Schildbeschreibung[25] bis zu James Joyce’ Ulysses[26] – stets ein Versuch der Darstellung einer Totalität ist, sei sie nun kosmologischer, urbanographischer oder phantastischer Art. Da die Totalität eines Beschreibungssystems immer von der Menge des über das System bekannten Wissens abhängig ist, kommt dem Autor die Aufgabe zu, eine Ordnung des Wissens zu generieren, aus der wiederum Erkenntnis entstehen kann. So ist die Enzyklopädik „eher als Experimentalsystem[] zur Generierung von Wissensdarstellungen denn als archivalisch definierte[r] Wissensspeicher zu betrachten”[27].

Diese Arbeit befasst sich mit dem phantastischen Roman. Es seien noch einige kurze Anmerkungen erlaubt, weshalb der Roman sich besonders für eine Untersuchung auf enzyklopädische Schreibweise eignet.

Andreas Kilcher stellt fest, dass es in der jüngeren Literaturtheorieforschung zu enzyklopädischen Formen zwar „Ansätze zu einer Beschreibung des enzyklopädischen Epos und der enzyklopädischen Satire gibt”, aber kaum Arbeiten zum enzyklopädischen Roman[28]. Das ist insofern verwunderlich, als die Literaturhistorik bereits zum Beginn des 18. Jahrhunderts für den Barockroman die Kategorie „enzyklopädischer Roman” einführte. Joseph von Eichendorff erkannte im Gelehrtenroman des Barock eine „poetische, gewissermaßen tollgewordene Realencyklopädie[]“[29] – eine Überlegung, die auf zwei Faktoren fußt: Einerseits kann der barocke Roman im gattungspoetologischen Sinn als enzyklopädisch angesehen werden. Nach dieser Lesart schließt der Barockroman „eine elementarische Confusion aller möglichen und unmöglichen Dichtungsarten, die hier chaotisch nebeneinander liegen und kaum noch den Versuch machen, sich zu einem organischen Ganzen zu gestalten”[30] in sich; Darauf sei am Beispiel von Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär noch eingegangen. Andererseits zeigt der Barockroman sich als eine „Enzyklopädie des Materials”, die unterschiedlichste Bausteine zur Hilfe der inventio liefern konnte: „Er war imstande, alle jene Momente in sich zu vereinigen, die in der weiteren Entwicklung bereits gesondert, als selbstständige Varianten fungieren: problemhafte, abenteuerliche, historische, psychologische, soziale Momente. Für die Folgezeit wurde der Barockroman zu einer Enzyklopädie des Materials: der Romanmotive, Subjektkonstellationen und -situationen”[31]. Und weiter: „Er sucht ebenfalls zur Enzyklopädie aller Kategorien der Hochsprache der Epoche, ja, sogar zur Enzyklopädie aller möglichen (philosophischen, historischen, politischen, geographischen usw.) Erkenntnisse zu werden. Man kann sagen, dass im Barockroman der Grenzwert der [...] Enzyklopädik erreicht ist”[32].

Bischof Pierre Daniel Huet trägt in seinem Traité de l’origine des romans, der als eine der ersten Literaturgeschichten überhaupt gelten kann, einen weiteren Teil dazu bei, den Roman als enzyklopädische Literatur zu etablieren. Er hebt für den Roman eine didaktische Funktion hervor „und damit die Vorrangstellung des Nutzens, des prodesse, gegenüber dem delectare: ‚Den vornehmsten Zweck der Romanen, oder welches zum wenigsten derselbe sein sollte, [...] ist die Unterrichtung in einigen Dingen oder Wissenschaften’”[33]. Dabei hat der Roman einen entscheidenden Vorteil, weil „des Menschen gemüth von Natur eine feindin ist der Unterrichtungen [...], also muss man ihn locken und betriegen durch die vergnügung, die Strengigkeit der unterweisung versüssen”[34]: Im Roman kann „die Unterrichtung in einigen Dingen oder Wissenschaften” durch „die vergnügung” der Handlung didaktisch verbessert werden. Huet „impliziert also eine enzyklopädische Funktionalisierbarkeit des Romans”[35].

Des Weiteren hat der Roman eine kosmographische Funktion. Durch die aristotelisch-ästhetische Kategorie des Ganzen kann im Roman eine kosmographische Verbindung von ästhetischen und naturwissenschaftlichen Diskursen gelesen werden: „Ein ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht”[36], sagt Aristoteles. Die Romantiker wendeten diese These nun – kombiniert mit dem ebenfalls aristotelischen mimesis-Theorem – auf den Roman an. Friedrich von Blanckenburg kommt in seinem Versuch über den Roman zu folgendem Schluss:

„Der Dichter hat in seinem Werke Charaktere und Begebenheiten unter einander zu ordnen und zu verknüpfen. Diese müssen nun, nach den obigen Voraussetzungen, so unter einander verbunden seyn, dass sie gegenseitig Ursach und Wirkung sind, woraus ein Ganzes entsteht, in dem alle einzelnen Theile unter sich, und mit diesem Ganzen in Verbindung stehen, so dass das Ende, das Resultat des Werks eine nothwendige Wirkung alles des vorhergehenden ist. Das Werk des Dichters muss eine kleine Welt ausmachen, die der großen so ähnlich ist, als sie es seyn kann.”[37]

Durch die Verschaltung der Theorie der Naturnachbildung im poetischen Werk[38] mit der Theorie des Werkganzen wird der Roman in seiner „neuen enzyklopädischen Funktion” zum „Abbild bzw. Analogon der Totalität” der Welt[39]. Die Abbildung der Totalität der großen Welt in der kleinen Welt des Kunstwerks schließt eine „didaktische und pädagogische, und damit eine potentiell enzyklopädische Funktion” [40] in sich, da der Roman hilft, das Ganze auf ein überschaubares Maß zu reduzieren, ohne die physikalischen und metaphysischen Gesetze des Weltenlaufs zu brechen. Durch diesen kosmographischen Charakter spricht der Roman einen enzyklopädischen Erkenntnisgewinn an[41]. Die kosmographische Verschiebung der großen Welt in die kleine Welt des Romans befördert auch eine Verdichtung der Informationen und presst gleichsam das disseminierte Wissen in eine enzyklopädisch-praktische Form. Das sei hier anhand eines Auszuges aus dem Kapitel über die europäische Literatur in Dietrich Schwanitz’ Handbuch Bildung anschaulich illustriert:

„Alle anderen Werke, die wir besprochen haben, stellten selbst einen ganzen kulturellen Kosmos dar und sind auf ihre Weise so etwas wir Bildungshandbücher: die Göttliche Komödie, Faust, Ulysses und die Romane des 19. Jahrhunderts. [...] Die großen Romane von Stendhal bis Musil dagegen sind das reinste Vergnügen, und jeder von ihnen bietet eine komplette Bildungsreise. Durch eine Lektüre von Dostojewskij oder Tolstoi erfahre ich mehr über Russland als durch jede Reise, und sie ist erheblich billiger. Auf einer Frankreich-Reise sollte man Stendhal oder Flaubert mitnehmen, aber natürlich sind Balzac, Victor Hugo, Maupassant oder Zola auch sehr gut. [...] In der englischen Literatur haben wir einen jener Romane ausgelassen, der zugleich einen ganzen Kosmos darstellt und die Summe der Bildung seiner Epoche [...] das ist Tristram Shandy [...]“[42]

Im Folgenden werden wir uns auf die Suche nach Operatoren und Systemen des Wissens und der Wissensverwaltung in den phantastischen[43] Zamonienromanen begeben. Da das Romanwerk von Walter Moers in der Wissenschaft bisher unbeachtet blieb, werde ich ebenfalls einige Untersuchungen zu Gattung und Form der jeweiligen Romane voranstellen. Dies ist durchaus sachdienlich: So ist die enzyklopädische Schreibweise in Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär eng mit dem Typus „Barockroman” verknüpft und die Verwaltung des Wissens in Die Stadt der träumenden Bücher weist dezidiert auf romantische Vorbilder hin.

Ein barocker Roman

Die 13 ½ Leben sind die niedergeschriebenen halben Lebenserinnerungen des Ich-Erzählers Blaubär[44]. Jedes dieser Leben stellt ein Kapitel und ein Abenteuer seiner Autobiographie dar, wobei die Leben nicht nach körperlichen oder geistigen Eigenschaften Blaubärs (beispielsweise also den Lebensaltern Kind, Jugendlicher, Erwachsener, Greis) getrennt sind, sondern nach den äußeren Umständen und der Umwelt, die Blaubär während seiner ständigen Reise auffindet. Da gibt es beispielsweise

-          Mein Leben auf der Feinschmeckerinsel

-          Mein Leben im Großen Wald

-          Mein Leben in der Süßen Wüste

-          Mein Leben in Atlantis. [45]

Das Reisen ist der ständige Lebensumstand Blaubärs, der ihn von einem Leben zum nächsten führt. Sind es zunächst stets die Umstände, die ihn zum Reisen und somit in ein neues Leben zwingen – er wird zu groß für die Zwergpiraten[46], die Tratschwellen werden von einer Strömung fortgetrieben[47] oder die Feinschmeckerinsel entpuppt sich als gefräßiges Monster[48] – entscheidet sich Blaubär nach seinem sechsten Leben selbst für ein Ziel und zieht fortan Richtung Atlantis.

Die 13 ½ Leben können – wie Moers auch in genanntem Interview betont – als barocker Roman gelesen werden. Da die zeitgenössische Phantastik sich eher an den Vorbildern der 1950er Jahre (J.R.R. Tolkien, C.S. Lewis, etc.) orientiert, lädt die Möglichkeit einer solchen Lesart der 13 ½ Leben zu einer genaueren Untersuchung ein. Im Folgenden soll der Roman auf seine Ähnlichkeit mit dem barocken Picaroroman verglichen werden.

Laut Hellmuth Petriconi ist der Picaroroman „eine zusammengesetzte Erzählung, deren einzelne Episoden nicht einer durchgehenden, auf ein Ziel gerichteten Handlung untergeordnet sind, sondern zwanglos aneinandergereiht und nur durch die Person des Helden zusammengehalten werden.”[49] Diese Aussage trifft auf die 13 ½ Leben ganz eindeutig zu: Die einzelnen Leben oder Kapitel haben keinerlei zielgerichtete Handlung gemein. Das Ziel eines jeden Lebens ist sein Ende, woraufhin das nächste beginnt ohne etwas vom vorigen weiterzuführen. Erst im zwölften Leben, Mein Leben in Atlantis, zeigt sich eine Verknüpfung zu den vorhergegangenen Episoden: Hier trifft Blaubär einige Charaktere aus den vorangegangenen Kapiteln wieder und erzählt zudem die bisher vergangenen Leben in einem Lügenduell noch einmal  nach[50].

Der Held des Picaroromans ist „unberechenbaren Mächten ausgesetzt, der Macht der Fortuna oder der der Gesellschaft.”[51]. Das trifft auf Blaubär zu. Wie bereits erwähnt, sind es die unvorhergesehenen Änderungen in seiner Umwelt, die Blaubär zu ihrem Spielball machen und ihn stets in ein neues Leben werfen – was größtenteils wörtlich zu nehmen ist: Die Feinschmeckerinsel lässt Blaubär in ihr Maul fallen[52], ein Finsterberggewitter spült ihn aus dem Höhlentunnel[53], er fällt aus dem großen Wald in ein Dimensionsloch[54], aus einem weiteren Dimensionsloch wieder in den großen Wald[55] und wird vom Ewigen Tornado aufgesaugt[56]. Dies sei erwähnt um deutlich zu machen, wie vehement die Natur und Umgebung Blaubärs als treibendes Element in der Handlung des Romans eingesetzt wird.

Meid erklärt in seiner Einführung zum Barockroman weiter: „Der Held des Picaroromans schildert seine Erlebnisse im Rückblick in der Ich-Form [...] Die Wahl der Ich-Form hängt mit dem Wahrheitsanspruch des niederen Romans zusammen, der sich durch die Fiktion der Autobiographie den Anschein der Authentizität zu geben weiß.”[57] Auch hier orientieren sich die 13 ½ Leben ganz deutlich am barocken Vorbild. Auch Blaubär erzählt seine ersten 13 ½ Leben in der Ich-Form. Schon im Vorwort lässt er an der Authentizität seiner Erzählungen keine Zweifel: „Ich müsste lügen (und es ist ja hinlänglich bekannt, dass das nicht meiner Natur entspricht), wenn ich behaupten würde, meine ersten dreizehneinhalb Leben wären ereignislos verlaufen. Ich sage nur: [...]“[58]

Moers entspinnt mit seinem Ich-Erzähler ein interessantes Spiel. So ist Blaubär stets darauf bedacht zu erwähnen, dass er die reine Wahrheit erzählt, gleichzeitig aber ist die Rezeption gestört, kennt doch der Leser Blaubärs „Vorgeschichte” aus der Sendung mit der Maus des Westdeutschen Rundfunks WDR[59]. In deren Kategorie Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn erzählt ein gealterter Blaubär drei kleinen Buntbären Geschichten aus seinem Leben, die von diesen stets als Lügen oder Seemannsgarn abgetan werden. Auch im Roman beginnt seine Karriere als Lügengladiator damit, dass Volzotan Smeik, sein späterer Agent, Blaubärs Lebensgeschichte für eine wunderbare Lügengeschichte hält:

„‚[...]Woher stammst du?’ ‚Nirgendwoher. Ich bin nichtmal geboren worden. Ich wurde in einer Nussschale gefunden.’ ‚Du bist nichtmal geboren worden … das ist auch gut! Sehr gut … eine der dreistesten Lügen, die ich je gehört habe! Und wer hat dich gefunden?’ ‚Zwergpiraten! Niemand weiß, dass es Zwergpiraten gibt, weil sie so klein sind. Ich war damals selber so klein wie sie, wie gesagt, ich passte in eine Nussschale. Aber durch das Plankton bin ich so groß geworden, dass sie mich aussetzen mussten.’ ‚Zwergpiraten!’ röhrte der Dicke. „Das gefällt mir! Du hast Phantasie!”[60]

In sein größtes Duell als Lügengladiator bringt er noch einmal seine Lebensgeschichte ein, reflektiert davor aber vehement ihre Wahrheit: „Meine Lebensgeschichten. [...] Es war nicht ganz fair, denn es waren ja keine Lügengeschichten, aber wer konnte das nachprüfen?”[61]

Dass sein enormer Erfolg in der Arena nicht gerade seine Wahrheitstreue emporhebt, muss Blaubär am Ende des Romans schmerzhaft erfahren:

„Ich erzählte ihnen, dass Smeik mit sämtlichen anderen Bewohnern von Atlantis auf dem Weg zum Planeten der Unsichtbaren Leute war. Ich versuchte, ihnen so eindrücklich wie möglich die fliegende Stadt zu beschreiben.

‚Tolle Geschichte, Blaubär’, applaudierte Zille. ‚Zehn Punkte auf dem Applausmesser. Leider sind wir nicht mehr im Megather.’

Sie glaubten mir nicht. Die Tragik meines Lebens.”[62]

Die Wahl des Protagonisten und Ich-Erzählers auf die bereits existente und vorbelastete Figur Blaubär fallen zu lassen, lässt auf eine deutliche Absicht des Autors schließen. Eine Lesart ermöglicht es, den Roman als Satire oder Parodie auf die gängigen Fantasyromane zu sehen, bei deren Ich-Erzählern üblicherweise keine Prüfung des Wahrheitsanspruches stattfindet, so wie Cervantes Don Quijote die damaligen Schäfer- und Ritterromane parodiert[63]. Diese Lesart stellt auch die – nicht minder barock-schelmisch-cervantische – Frage nach dem Dualismus von Realität und Fiktion oder – in Blaubärs Fall – Lüge und Wahrheit. Moers spielt explizit auch in Interviews mit dieser Frage: So behauptet der Autor, selbst durch ein Dimensionsloch auf den versunkenen Kontinent Zamonien gelangt zu sein, weshalb er die Manuskripte von Hildegunst von Mythenmetz[64] in die deutsche Sprache übersetzen konnte[65]. Walter Moers etabliert Zamonien als ehemals tatsächlich auf der Erde existenten Kontinent, was durch eine gezeichnete Karte[66], die Zamonien zwischen den Kontinenten Amerika und Eurasien zeigt, noch unterstützt wird.

Somit haben die 13 ½ Leben zwar nicht die unmittelbare Verknüpfung mit unserer Lebenswelt, wie sie in der zeitgenössischen Phantastik, beispielsweise in den Harry Potter-Romanen, zu finden ist, aber eine mittelbare Verbindung, die sich im Autor selbst manifestiert. Moers zeigt dem Leser ein Zamonien, das er besucht und gesehen hat, wie er uns erzählt. Hier tritt der genannte Dualismus deutlich zu Tage: Moers erzählt – wie sein Ich-Erzähler Blaubär – Geschichten, die vom jeweiligen Erzähler als wahr präsentiert, vom Publikum aber sofort als Lügengeschichten rezipiert werden. Das Muster des Wahrheitsanspruches scheint gestört, ist textimmanent aber niemals ganz durchbrochen.

Nach diesem Exkurs möchte ich noch eine letzte barocke Eigenschaft der 13 ½ Leben aufführen: Nicht der Protagonist ist hier der tatsächliche Held des Romans, vielmehr dreht sich der Roman um den Kontinent Zamonien, die Welt selbst ist der Held des Romans. Dies teilt er unter anderem mit dem Simplizissimus von Grimmelshausen, über den Ulrike Killer schreibt: „Der Roman ist vielmehr ein Welttheater, ein Abbild der ganzen Welt [...] Im Laufe seines [Simplizius] Lebens [...] durchläuft er Szenen auf einer großen Weltbühne”[67]. Auch Marc Späni stellt fest: „Der narrative Rahmen hat keine Exempelfunktion und ist nicht auf einen moralischen Nutzen des Lesers hin ausgerichtet. Die Figur [...] dient als Strukturierungsmittel, als ‚unterhaltsamer’ Rahmen für eine ‚sachliche’ Reisebeschreibung, die dadurch lebendiger [...] erscheint.”[68]Auf diese Weise sind auch die 13 ½ Leben wesentlich mehr eine Reisebeschreibung, eine Durchschreitung des zamonischen Welttheaters, als dass sie eine merkliche charakterliche Entwicklung Blaubärs nachzeichnen.

Gewiss lassen sich noch mehr Parallelen von den 13 ½ Leben zum pikaresken Roman der Barockzeit aufzeigen, so erwähnt Jürgen Mayer beispielsweise, dass „Vorgeschichten entfallen, da der Erzähler ab ovo beginnt, chronologisch fortfährt und die Erzählperspektive nie einer anderen Romangestalt überlässt. Die Welt des pikaresken Romans entfaltet sich zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebenden Ich”[69]. Die 13 ½ Leben entsprechen dem zur Gänze. Blaubär beginnt seine Erzählung tatsächlich ganz am Anfang:

„Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht [...] Meine erste Erinnerung ist, dass ich in rauer See trieb, nackt und allein in einer Walnussschale, denn ich war ursprünglich sehr, sehr klein.”[70]

Auch wenn fortan kaum eine zielgerichtete Handlung existiert, widerspricht das nicht einem chronologischen Erzählstil, der temporal stringent bleibt. Natürlich entspinnt sich die Handlung zwischen erzählendem und erlebendem Ich, wie es für Autobiographien durchaus üblich ist. Des Öfteren tauchen Formulierungen wie „Wahrscheinlich dachte ich damals”[71], oder „was mir damals sehr seltsam vorkam”[72] auf, und wenn das erlebende Ich in höchster Gefahr schwebt, kann das erzählende Ich noch über die Wahrnehmung von Gefahrensituationen reflektieren: „Es ist erstaunlich, wie genau man die Dinge in einer solchen Situation wahrnimmt”[73].

Auch zur oben angesprochenen gattungspoetologischen Enzyklopädik des barocken Romans, der nach Eichendorff „eine elementarische Confusion aller möglichen und unmöglichen Dichtungsarten, die hier chaotisch nebeneinander liegen und kaum noch den Versuch machen, sich zu einem organischen Ganzen zu gestalten”[74] lassen sich in Die 13 ½ Leben Merkmale finden. So wird in Einschüben die Ballade über „Die Finsterbergmade” von Hildegunst von Mythenmetz zitiert[75], es gibt Biographien in der Autobiographie über die interessantesten Männer im ewigen Tornado[76] und ein philosophischer Disput wird in Dramenform wiedergegeben[77]. Dass Blaubär zudem auch viele Arten romantischer Dispositionen in seine Autobiographie einfließen lässt, macht er bereits im Vorwort klar: „Ich sage nur: [...] Tödliche Gefahren. Ewige Liebe. Rettungen in allerletzter Sekunde …”[78]

Barocke Wissensverwaltung

Somit sei zur Genüge bewiesen, dass es sich bei den 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär um einen barocken Picaroroman handelt. Ich möchte nun in meiner Untersuchung fortschreiten und die 13 ½ Leben auf Formen und Operatoren barocker Wissensverwaltung und hernach auf barocke enzyklopädische Schreibweise hin untersuchen. Dabei soll zunächst auf (para-)textuelle Operatoren eingegangen werden, worauf eine Analyse textimmanenter Wissenssysteme folgen soll.

Nähern wir uns dem Buch von außen, fällt zuerst der komplette Titel ins Auge: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären; mit zahlreichen Illustrationen und unter Benutzung des ‚Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung‘ von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller“. Der Rekurs auf eine (fiktive) Enzyklopädie lässt vorangehend den Schluss zu, dass das Werk den Anspruch hat mehr zu sein als eine reine (wiederum fiktive) Autobiographie – eine didaktische Intention wird hier bereits angedeutet. Im Vorwort wird der Leser vom Erzähler Blaubär dann darauf eingeschworen, dass er durch die Lektüre lernen soll:

„Man fragt mich oft, wie es früher war. Dann antworte ich: Früher gab es von allem viel mehr. Ja, es gab Inseln, geheimnisvolle Königreiche und ganze Kontinente, die heute verschwunden sind – überspült von den Wellen, versunken im ewigen Ozean. [...] Von diesen Inseln und Ländern will ich erzählen, und von den Wesen und Wundern, die mit ihnen versunken sind.”[79]

Wie Denis Diderot[80] geht es Blaubär vor allem um die Erhaltung seines gesammelten Wissens für kommende Generationen: „[...] heute habe ich Wichtigeres zu tun: Meine Lebenserinnerungen müssen der Nachwelt erhalten werden”[81], schreibt er weiter in seinem Vorwort. Durch eine lange Aufzählung von Stichworten aus dem zamonischen Kosmos demonstriert er die disseminierte Wissenslandschaft:

„Ich sage nur: Zwergpiraten. Klabautergeister. Waldspinnenhexen. Tratschwellen. Stollentrolle. Finsterbergmaden. Eine Berghutze. Ein Riese ohne Kopf. Ein Kopf ohne Riese. Wüstengimpel. Eine gefangene Fata Morgana. Schlafwandelnde Yetis. Ein ewiger Tornado. Rikschadämonen. Vampire mit schlechten Absichten. Ein Prinz aus einer anderen Dimension. Ein Professor mit sieben Gehirnen. Eine süße Wüste. Barbaren ohne Umgangsformen. Hundlinge. Ein Regenwaldzwerg mit Nahkampfausbildung. Denkender Sand. Fliegende Maulwürfe [...]“[82]

Diese ausschweifende Vorrede macht den Leser neugierig. Er möchte wissen, was es mit den erwähnten Phänomenen auf sich hat und wie Blaubär es schaffen wird, eine so hohe Datendichte in seiner Erzählung unterzubringen. Es scheint klar: Blaubär wird neben seiner eigenen Lebensgeschichte auch eine Natur- und Phänomengeschichte Zamoniens erzählen. Zu diesem Zweck etabliert er den Kontinent auf den folgenden Seiten durch eine detaillierte Karte des Kontinents selbst und einer Weltkarte, auf der Zamonien und andere verlorene Kontinente wie Nafklathu, Yhôll und Ü in ihrer Lage zu Amerika, Eurasien und Afrika verortet sind. Damit wird einerseits seine Reiseroute nachvollziehbar, andererseits wird der topographische Raum, auf dem das in der folgenden Erzählung enzyklopädisch aufbereitete Wissen verstreut ist, präsentiert.

Nun beginnt der eigentliche Text, hier fängt die Geschichte an. Es fällt auf, dass Die 13 ½ Leben nicht nur durch die Kapitelüberschriften paratextuell organisiert sind, sondern sinnfällig durch ein Seitenregister ergänzt werden. Das gibt dem Text einen Handbuchcharakter, wie eine kurze Aufzählung der ersten Registertitel veranschaulicht:

Der Malmstrom / Zwergpiraten / Jammern, Prahlen und Piratenlieder / Seemannshandwerk / Knoten / Wissenswertes über Wellen / Algen[83]

Die Seitenregistertitel gliedern das im Roman chronologisch-narrativ angeordnete Wissen im Stil eines Nachschlagewerkes und ermöglichen einen schnellen Zugriff im Sinne einer Quellensammlung. Oder anders formuliert: Der Roman wird so „zu einer poetischen Realenzyklopädie. Der Roman wird zum digressiven Aggregatszustand einer enzyklopädischen Datenmenge, die zwischen narrativ-linearer Extension [im Text] und terminologisch-atomistischer Verdichtung im Register oszilliert.”[84]

Ein weiteres Merkmal, das die Handbuch-These stützt, sind die vielen Illustrationen, die das im Text enthaltene Wissen veranschaulichen. Unter dem Abschnitt Wissenswertes über Wellen sind beispielsweise 12 unterschiedliche Wellenarten abgebildet. Auch die Einschübe aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung sind fast immer reich illustriert. Es gibt Bilder von Bollogs[85], Wolpertingerwelpen[86] und Tornadohaltestellen[87] und besonders lehrbuchartigen Charakter hat die Illustration zu den Tratschwellen, die Blaubär Sprechunterricht geben: Die Darstellung der Mund- und Kieferhaltung beim Aussprechen verschiedener Laute könnte einem barocken Anatomiebuch[88] entsprungen sein – wenn es denn keine Tratschwellen wären[89].

Der Roman ist also bereits in seiner Gestaltung durch den selbstgegebenen didaktischen Auftrag, durch Seitenregister und Illustrationen als narrativ strukturierte Enzyklopädie auszumachen. Im Folgenden werde ich auf textimmanente Wissenssysteme und ihre Ähnlichkeit zu barocken Vorbildern eingehen.

Barocke Datenspeicher

Eine herausragende enzyklopädische Schreibweise lässt sich gewiss in dem äußerst umfangreichen Roman Großmüthiger Feldherr Arminius von Daniel Casper von Lohenstein finden, in welchem der Autor auf 3000 Seiten anhebt, um die Geschichte seines Helden herum all das aufzuzeigen, was an politischen, historischen, naturwissenschaftlichen und anderen Kenntnissen in der Zeit – und dem Autor – verfügbar war. Dieser Roman ist ein Beispiel für eine vollkommen heterogene Ansammlung von Wissen und damit idealtypisch für die barocke Verwaltung desselben. Der Leser war angehalten, dieses Wissen zu exzerpieren und nach seiner Façon zu benutzen. In einer – Wie Hans-Walter Schmidt-Hannisa schreibt – „für das Aufschreibesystem des 17. Jahrhunderts exemplarischen Geste schierer Verdoppelung, die das im Roman poetisch arrangierte Wissen wieder in eine nichtpoetische Präsentationsform zurückführt”[90] exzerpiert der Lohenstein-Verehrer Johann Christoph Männling für seinen Arminius enucleatus[91] sämtliches Wissen aus dem Feldherr Arminius, um diesen „eigenartigen Zwerg von 1200 Seiten [...] fortan angehenden wie praktizierenden Literaten als Quelle weiterer Information zur Verfügung”[92] zu stellen. So wird aus der Bibliothek Lohensteins ein Roman aus dem wiederum die Datensammlung Männlings wird, die der geneigte Männling-Leser zu seinem allgemeinen Nutzen konsultieren darf. Beides – sowohl der barocke Wissensroman Feldherr Arminius als auch Männlings Datensammlungen – finden ihre Entsprechungen in den 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, und zwar in Form des Unterrichtes in der Nachtschule bei Prof. Dr. Nachtigaller und dessen Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung.

In den Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein ‘Arminius‘ steht geschrieben:

„Dannenhero schweifft er in seinen Unterredungen aus / bald auf Urprung / Glauben und Gebräuche aller frembder Völcker / bald auf die Geschichte unterschiedener beschriebener Weltweisen / bald auf die Beschreibung aller Tugenden / Laster und Gemüths=Regungen des des Menschn / bald auf wichtige Staats=Händel und die hierüber entstandenen Streit=Fragen / bald auf die größten Wunder der Naturkündiger und neuen Aertzte [...] Gewiß ists / daß gleich der grundgelehrte Lohenstein eine lebendige Bibliothec gewesen[...]“[93]

Auch Joseph von Eichendorff erwähnt in seiner Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, dass der Arminius „endlich Alles, was damals die Gelehrten wussten oder zu wissen sich einbildeten, Geographie, Völker- und Länderkunde, Astrologie und Geschichte unausreißlich fest in einen ungeheueren Zopf zusammengebunden”[94] habe.

Ähnlich umfangreich gestaltet sich auch der Unterricht in der Nachtschule bei dem Universalgelehrten Nachtigaller:

„Er [der Professor] kam von Molekularbiologie auf Gesteinskunde, von Gesteinskunde zur ägyptischen Architektur, von dort zur Lehre von Faulgasen auf anderen Planeten und wieder zurück zur Insektologie mit einem Abstecher zur Darstellung der zamonischen Dreiflügelbiene in der atlantischen Wachsmalerei des 14. Jahrhunderts. Wir erfuhren das Wichtigste über die Käsekalkskulpturen von Florinth, die Karyatidenkultur an Gralsunder Sakralbauten, über die Heilwirkung der peruanischen Ratanhiawurzel, das Balzverhalten der Midgardwürmer, die wichtigsten Vertreter der zamonischen Speläologie (einer davon war Nachtigaller) und die zweihundertfünfzig Grundsätze der Buchtinger Unabhängigkeitserklärung[...]“[95]

Dies kann in Verbindung mit dem Feldherrn Arminius gebracht werden – Blaubär scheint ein gewisses Vorbild zu erahnen: „Allerdings waren diese abrupten Sprünge im Lehrstoff keineswegs willkürlich. Mir ging das viel später auf, es war, als läse man einen sehr umfangreichen, kompliziert verschachtelten Roman.”[96] Nachtigaller ordnet das digressive Wissen des Kontinents also ontologisch statt arbiträr, was Blaubär allerdings erst durch den Akt des Lernens selbst herausfinden muss: „Es gab keinen Unterricht nach herkömmlichen Maßstäben”, es ist, als „sähe [man] jahrelang dabei zu, wie ein riesiges Deckengemälde entstünde”[97]. Die Analogie zum Deckengemälde legt es nahe: Nachtigaller sortiert seine Vorträge nach einem Muster, das schließlich eine synthetische Ganzheit simuliert. Im blanckenburgschen Sinne zeichnet er den Kosmos im Kleinen nach, und ordnet ihn performativ so an, dass ein Mehr an Erkenntnis möglich wird.

Diese Performativität, wie sie auch der Autor Lohenstein nutzt, um sein gesammeltes Wissen im Roman poetisch aufzuarbeiten und in eine Handlung einzubetten, wird deutlich als Kunst bzw. Poetik charakterisiert:

„In diesem Augenblick fiel auch seine Zittrigkeit und seine Hinfälligkeit von ihm ab, leichtfüßig wie eine Ballerina tänzelte er vor der Klasse auf und ab und präsentierte seinen Lehrstoff mit Gebärden, Mimik und einer Stimmakrobatik, die jedem Schauspieler, Tänzer oder Sänger zur Weltkarriere verholfen hätten. [...] Professor Nachtigaller hatte den Beruf der Lehrkraft in den Bereich der Kunst überführt.”[98]

So wird in Lohensteins Arminius und in Nachtigallers Nachtschule geballtes Wissen – zumeist als Realie vorliegend – aus unzähligen Gebieten performativ, künstlerisch und eben poetisch aufbereitet und das Lernen zur Kunstrezeption erhoben.

Doch die Poetik des Wissens erschöpft sich mit dem Verlassen der Nachtschule oder dem Fertiglesen des Arminius. Für beides gibt es eine Lösung, sowohl in der barocken Literaturszene als auch in Zamonien. Wie bereits erwähnt, exzerpiert Männling die Realien aus dem Arminius um daraus Datensammlungen[99] zu schaffen. Ganz ähnlich ist Prof. Dr. Abdul Nachtigallers Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung aufgebaut, das Blaubär auf seinem Weg durch den Kontinent begleitet.

Stefan Rieger schreibt über Männlings Datensammlung im Expediten Redner:

„Die Bibliothek ist die ausgelagerte Form einer disparaten memoria. Wissen und was dafür gehalten wird, ist im Buchraum zerstreut und begegnet sich dort in einer wunderbaren Gleichzeitigkeit.[...] So entstehen umfängliche Realiensammlungen, die von den Begebenheiten neapolitanischer Hofdirnen mit ihren denkwürdigen Papageien berichten oder den Leser unvermittelt auf exotische Inseln entführen, um in aller Umständlichkeit die Eigenarten einer dort befindlichen Tier- und Pflanzenwelt aufzuzählen.”[100]

Und genau das ist auch das Nachtigallersche Lexikon. Blaubär bekommt es bei seinem Auszug aus der Nachtschule durch eine Umarmung mit Nachtigaller (der Intelligenzbakterien wie ansteckende Krankheiten verbreitet) direkt in sein Gehirn implantiert. Fortan ist das Lexikon sein ständiger Begleiter. Wie Männlings Datensammlung ist Nachtigallers Lexikon eine Sammlung von Exzerpten aus dem poetischen Vorbild – Arminius oder Nachtschulunterricht – ohne dabei auf sämtlichen Unterhaltungswert zu verzichten. Schließlich sind Männlings Sammlungen „den Alten zum Vergnügen vorgestellet”, auch wenn er „den Umgang mit puren Fakten zu seiner Sache”[101] macht. Und auch das Lexikon ist zwar eine Faktensammlung, aber niemals um einen etwas lockeren Ton verlegen, in dem es auch Realien aus dem Volksmund in seine Beiträge hineinfabuliert und auch auf kleine persönliche Anmerkungen nicht verzichtet[102]. Auch die „disparate memoria” und das „Wissen und was dafür gehalten wird”[103] finden sich in aller Verquertheit im Lexikon wieder: Man lernt über populäre Irrglauben zum Ursprung der Tratschwellen[104], über „zamonische Daseinsformen mit unsportlichem Lockverhalten”[105] und Theorien über die Hilfsbereitschaft von Pterodaktylen[106]. Allerdings funktioniert das Lexikon genau dann nicht, wenn man auf seine Hilfe dringend angewiesen wäre, beispielsweise während Blaubär im Netz einer riesigen Waldspinnenhexe festhängt:

„Großartig. Was hatte ich von einem Lexikon im Kopf, das mich immer mit den wichtigen Informationen versorgte, wenn es zu spät war?”[107]

Dies zeigt ein Problem barocker Enzyklopädik an, das auch der schweizer Pastor und „Literaturkritiker” Gotthard Heidegger[108] an Männlings Datensammlungen feststellt: „Heidegger moniert eine verschwenderische Fehlbelegung wertvoller Gedächtniskapazitäten, die unwiederbringlich zu einer Benachteiligung anderer kognitiver Leistungen führen muss.”[109] Solcherlei Anmerkungen scheinen gerechtfertigt, wenn Blaubär in seiner eben geschilderten Not zunächst das Lexikon nach Wasser befragt, statt selbst nachzudenken, wo er selbiges bekommen könnte:

„Aha. Wasser. Da war Wasser, ein ganzer Bach voll, aber mindestens zwanzig Meter entfernt. Wie sollte ich da herankommen? Hatte das Lexikon dafür vielleicht auch eine Empfehlung? Hallo? Lexikon?”[110]

Eine solche Herangehensweise erscheint aber vollkommen verständlich vor dem Hintergrund barocker Wissensverwaltung, wo die lexikalische Doppelung der Wissensinhalte eines Romans bereits das komplette Handwerkszeug eines jungen Redners ausmachen darf. Stefan Rieger stellt fest:

„Männlings Quellen sind für einen Schreiber in Inventionsnöten nur bedingt tauglich. Wichtiger als deren bloße Aufzählung wären Anweisungen ihres Gebrauchs.”[111]

Das Lexikon ist aber auch ein notwendiger Schluss aus den Experimentierträumen barocker Enzyklopädisten: Durch die Verschaltung mit Blaubärs Synapsen wird der Traum eines bewegten Buchraumes wahr, und das auf doppelte Weise. Die direkte Beeinflussung durch Blaubärs Gedanken macht im virtuellen Buchraum des Lexikons „Handgreiflichkeiten wie Buchstabenwürfel und Silbentäfelchen”[112] bedeutungslos, und durch die uneingeschränkte Beweglichkeit kann die Enyzklopädie – das Lexikon – direkt überall gebraucht und gegebenenfalls sogar ergänzt werden.

„An den Grenzen der Aufschreibbarkeit und ihrer Statik entstehen so [...] mobile Enzyklopädien, die das Chaos der Lettern und des Wissens auf dem Papier domestizieren und beherrschbar machen. Mit der Bewegung kommt auch der systematische Ort in Fluktuation: Speichermedium und Wissensgenerator kommen endlich zur Deckung, im selben Medium dürfen Denken und Daten übereinstimmen.”[113]

Haben wir soweit den Nachtschulunterricht und das Nachtigallersche Lexikon im Zusammenhang betrachtet, ist noch ein weiterer Schritt möglich: Wenn der Nachtschulunterricht die poetische Übersetzung und nach einem ontologischen System geordnete Zusammenführung einer digressiven memoria ist und das Lexikon die arbiträr organisierte, mobile Exzerptensammlung desselben darstellt, dann muss sie ebenfalls der dichterischen inventio dienlich sein. Hier schließt sich der Kreis des autobiographischen Werkes: Blaubär stellt ein halbes Leben in den Dienst des Lexikons um es abzuschreiben und zum Standardlehrwerk zu erheben[114] und nutzt es – so die Theorie – selbst wieder als Inventionshilfe für seine Autobiographie. So wird das arbiträre Wissen des Lexikons wieder in einen poetisch-performativen Kunsttext eingefügt, ontologisch geordnet und Blaubärs didaktischer Anspruch eo ipso erfüllt[115].

mundus combinatus

Die barocke Lesart der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär wäre nicht komplett ohne einige Anmerkungen zur Kombinatorik im Sinne Raimundus Lullus und seiner barocken Nachfolger. Andreas Kilcher notiert über den barocken Poeten als Nutzer der Kombinatorik:

„Vor der dichterischen Einbildungskraft und der Instanz des Genie, das aus der Phantasie erfindet, schrieb und notierte also der Schriftsteller als Gelehrter, als Ingenieur, der Regel und Verfahrensweisen beherrscht und Elemente aus Katalogen von Topoi zu neuen Konstellationen kombinatorisch zusammenstellt.”[116]

Ein Blick auf die Landkarte von Zamonien lässt eine inventio solcher Art alsbald vermuten. Da sehen wir Orte wie Florinth oder Gralsund, die deutlich auf eine Kombination der Städte Florenz und Korinth sowie eine Verquickung Stralsunds mit dem Wort Gral. Daneben ist Zamonien zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten topoi: Da liegt das sagenhafte Atlantis neben einem Gebiet namens Midgard – in der nordischen Mythologie die Welt der Menschen – und in der Nähe von Wolperting (der Heimat der Wolpertinger) ein Landstrich namens Unbiskant, eine Kombination aus den beschreibenden Worten „unbekannt” und „riskant”.

Ein kurzer Einschub zur Topik: Um mich nicht im „begriffsgeschichtlichen Gestrüpp”[117] der Topikdefinitionen zu verlaufen, möchte ich für dieses Kapitel einen materiellen Topikbegriff voraussetzen, wie er für die Poetik des Barock als typisch angesehen werden kann. In diesem Sinne sind „‚Topoi’, ‚topoi koinoi’ und ‚loci communes’, das englische ‚commonplace’ und die älteren deutschen Begriffe ‚Gemeinort’ und ‚Gemeinplatz’ [...] gleichbedeutend nebeneinander, und zwar im Sinne von ‚Argumenten, die für die verschiedensten Fälle anwendbar sind’, bzw. im Sinne von ‚gedanklichen Themen, [die] zu beliebiger Entwicklung und Anwandlung geeignet [sind]‘”[118]. Nach Lothar Bornscheuer sind loci communes folgend „keine formalen, sondern thematische, bedeutungsreiche Aspekte. Der Begriff bezeichne[t] [...] nicht nur die Stichworte, sondern auch die ganze sprachliche Bearbeitung des durch das Stichwort jeweils angegebenen Komplexes. Das spezifische Kennzeichen von loci communes [...ist] ihre auf allgemeiner, öffentlicher Anerkennung beruhende hohe Bedeutsamkeit”[119]. Die materiellen topoi/loci communes waren im Barock Erfindungshilfen und wurden in Sammlungen im Sinne von „‚Schatzkammern’, die Gesichtspunkte zur Betrachtung eines beliebigen Gegenstandes in verbalisierter Form enthielten [aufgeschrieben]. [...] Im Rahmen einer Poetik, die das Kompilatorische höher schätzte als ‚Originalität’, kam diesen Sammelwerken die wichtige Funktion zu, Wissen und poetische Tradition zu speichern und zu systematisieren, so dass es jederzeit ‚abrufbar’ sein konnte.”[120]. Um noch einmal mit Bornscheuer zu sprechen, ist die topische Kunst „ein schöpferischer Prozess, der auf den ‚allgemeinen gesellschaftlichen Meinungs-, Sprach- und Verhaltensnormen’ beruht und deren Leistung im ‚innovativen Umgang mit dieser Vor-Urteils-Struktur’ besteht”[121].

Verbinden wir diese Vorstellung materieller topoi mit der – im Barock ebenfalls hoch angesehenen – ars combinatoria von Raimundus Lullus und seinem Nachfolger Athanasius Kircher erschließt sich ein neuer Spielraum der Wissensverwertung und -vernetzung:

„Was auch immer sich in Elemente atomisieren lässt, kann gemäß dem kombinatorischen Kalkül zu einem komplexeren Ganzen verbunden werden. Als Entitäten kommen dabei sowohl physikalische oder metaphysische, als auch mathematische oder semiotische Kategorien in Frage: Elemente, Atome, Prinzipien, Zahlen, Noten, Buchstaben etc. Kombinatorik ist folglich zunächst auf der einen Seite ein Ordnungsprinzip der Dinge, ein Mischungsverhältnis der Natur und ihrer Elemente, d.h. die metaphysisch-physikalische Bauweise des mundus combinatus. Auf der anderen Seite ist sie ars combinatoria, eine ‚Kunst’ bzw. ein Verfahren der Beschreibung, d.h. ein Aufschreibesystem, das sowohl Logik, Rhetorik und Poetik als auch Mathematik, Physik und Musik reguliert, eine universale wissenschaftliche Methode, ein enzyklopädisches Prinzip.”[122]

Raimundus Lullus sieht seine Kunst selbst als Mittel zur „Rationalisierung und Beschleunigung des Lernens”[123] an: „jene, die in ihr [dieser Kunst] geübt sind [...] können in kurzer Zeit (in modico tempore) ihr Wissen aus sehr Wenigem in unendlich Großes verwandeln, was mehrere andere nur in langer Zeit (in multo tempore) zu erreichen vermögen. [...] Was durch die anderen Wissenschaften in langwieriger Arbeit (diuturno labore) gelernt werden muss, wird durch diese in kurzer Zeit (brevi tempore) gefunden”[124]. Dieser Ansatz wird von Walter Moers bei der Erschaffung Zamoniens poetisch umgedeutet. Seine phantastische Welt bedient sich in einer beispiellosen inventio der unterschiedlichsten topoi - von der nordischen Mythologie über die Architekturgeschichte der Welt[125] bis zu modernen Mythen[126] – und verknüpft sie kombinatorisch miteinander, so dass eine neue Bedeutung entsteht. Einfach gesagt: Wenn Atlantis und Midgard ebenso als geographische Gegebenheiten wie als topoi – im Sinne aller allgemein angenommenen Daten und Diskurse oder schlicht Vor-Urteile – nebeneinander auf dem Kontinent zu verorten sind und durch den neuen Text mit zusätzlicher Information aufgeladen werden, erschließt sich daraus die Erfindung eines neuen Zusammenhangs und somit auch eines Zuwachses an Bedeutung. Es sind dies „poetische loci communes, Themen- und Sachinventare genauer, aus denen der gelehrte ‚Poet’ beim Vorgang des Schreibens Elemente auswählt und zu neuen Verbindungen rekombiniert.”[127]

Aber nicht nur topoi lassen sich kombinieren: Sieht man sich die Bewohner von Atlantis an, bemerkt man eine Vielzahl zamonischer Rassen, die der Autor in bester kombinatorischer Manier geschaffen hat: Da gibt es Haselhexen, Rikschadämonen, Schilfgnome, Mittagsgespenster, Großfüßige Berten (halb Enten, halb Buschhexen), Zwiezwerge, Witschweine und viele mehr[128]. Alle erscheinen in irgendeiner Weise zusammengesetzt bzw. aus verschiedenen Dingen kombiniert. Dazu segmentiert der Autor irdisch bekannte Vorstellungen und führt sie mit anderen Bildern zu einer neuen Erfindung zusammen: So wird aus einem Vampir und einer gewissen Anzahl an Nasen eine Olfalktille geboren[129] oder aus Schweinen und asiatischen Mönchen die Witschweine[130]. Diese Art der Erfindung geht mit der Selbstauffassung barocker Poeten konform, wie Kilcher im Rekurs auf Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels bemerkt: „[...] und auch Walter Benjamin hat [...] deutlich gemacht, dass die Kombinatorik zum Inbegriff des barocken Schreibens werden konnte, Schreiben nämlich als gelehrter und technischer Umgang mit vorgefundenen Topoi: ‚‚Ars inveniendi’ muss die Dichtung heißen. Die Vorstellung von dem genialen Menschen, dem Meister der artis inveniendi, ist die eines Mannes gewesen, der souverän mit Mustern schalten konnte. [...] Sein Kombinieren darf der Dichter  nicht vertuschen, wenn anders nicht sowohl das bloße Ganze, denn dessen offenbare Konstruktion das Zentrum aller intentionierten Wirkungen war.’”[131]

Für die barocken Poeten war die Kombination von topoi oder anderen Elementen gewiss nicht die einzige Weise, mit der ars combinatoria umzugehen. Ein anderes Verfahren ist die Anagrammatik. Der barocke Buchstabenwechsel, „ist eine [weitere] poetologische Übersetzung bzw. Umsetzung der lullischen Buchstabenkombinatorik”[132] und kommt in den 13 ½ Leben mannigfach zur Ausführung. Die Beschreibung der Stadt Atlantis lässt auf die Signifikanz der Anagrammatik im Roman schließen:

„Atlantis: Haupt- und Regierungsstadt des Kontinents Zamonien, Kategorie Megastadt. Atlantis ist in fünf Regierungsbezirke aufgeteilt, die eigentlich eigene Königreiche repräsentieren: Naltatis, Sitnalta, Titalans, Tatilans und Lisnatat. Diese Stadtteile sind wiederum wie folgt in Unterbezirke aufgeteilt: NALTATIS in die Bezirke Santalit, Tisalant, Satalint, Sitaltan, Tintasal, Tansalit und Anstlati; SITNALTA in die Bezirke Stalinta, Satintal, Stanilat, Talnatis, Nastilat, Titanlas und Tinsalat; TITALANS in die Bezirke Alastint, Lisatant, Aslitant und Santatil; TATILANS in die Bezirke Snatatil, Linstata, Nitsalat, Titsalan und Statinal; LISNATAT, deren Bevölkerung sich gegen eine Unterteilung ausgesprochen hat, lässt lediglich eine geographische Aufteilung in Lisnatat Nord, Lisnatat West, Lisnatat Ost, Lisnatat Süd und Lisnatat Central zu. Alle Unterbezirke sind wiederum in Sub-Unterbezirke aufgeteilt, deren einzelne Nennung den Rahmen dieser Publikation sprengen würde.”[133]

Kein Wunder, schließlich gäbe es 40.320 verschiedene Ortsnamen in Atlantis, wie die Rechnung der Fakultät der acht Buchstaben a, t, l, a, n, t, i und s vermuten lässt.[134] Die Signifikanz der Anagrammatik erschließt sich im Bezug auf Lukrez Lehrgedicht de rerum natura:

„Auch in unseren Versen sogar kommt vieles darauf an,

Wie sie zusammengestellt, wie jedes darinnen gemischt sei.

Eben dieselben Lettern bezeichnen Himmel und Erde

Und die Sonne, das Meer und die Fluss’,

und eben die selben Saaten und Bäum’ und Tier’;

und sind sie nicht alle die gleichen,

Ist’s doch der größere Teil: die Stellung ändert die Sachen.”[135]

Im Dienste einer Naturerschließung wird in der Anagrammatik also, statt mit Dingen oder topoi, mit Worten und ihren atomistischen Einheiten, den Buchstaben, operiert. Die barocken Poeten fanden im Buchstabenwechsel die Generierung eines Wissens, „das zugleich ästhetisch ist”[136]. Die Anagrammatik umfasst eine enzyklopädische Totalität aller Sprachen, inklusive der spezifischen Sprache der Poetik[137].

Aber auch die Anagrammatik von Eigennamen, ein weit verbreitetes Spiel im Barock[138], wie es man zum Beispiel im Simplizissimus beobachten kann[139] führt Walter Moers zum Meisterstück: Tauchen diese in den 13 ½ Leben nur sporadisch auf, wie z.B. „Manu Kantimel, [der] Begründer des Gralsunder Dämonismus”, so machen die anagrammatisch vertauschten Namen realer Dichter und Schriftsteller einen großen Reiz an der Lektüre der Stadt der träumenden Bücher aus. So trifft man in der zamonischen Literatur Dichter wie Ohjann Golgo von Fontheweg, Dölerich Hirnfidler und Sanotthe von Rhüffel-Ostend[140]. Dass sich auch Gofid Letterkerl in diese Runde mischt, dessen Namen erstaunlich dem niederländischen Wort Letterkeer (=Buchstabenwechsel) entspricht, mag nur Zufall sein. Wir werden später auf Die Stadt der träumenden Bücher zurückkommen.

Inwiefern ist die ars combinatoria aber enzyklopädischer Natur? Durch Lullus Kombinatorik erfolgt eine „Beschleunigung des Schreibens, Lernen und Wissens”[141] und soll die unterschiedlichsten Wissenschaften und Wissensgebiete allein aus der Applikation und Anordnung der unterschiedlichen Operatoren miteinander und zueinander gebären. In diesem Sinne muss Enzyklopädik als „operative[s] Verfahren der Verarbeitung und Speicherung von Daten”[142] angesehen werden, als „rationale, arithmetische und semiotische Methode der Findung, Systematisierung und Memorierung von Wissen[143]. Durch die Kombinatorik tritt der Querverweis – das ist die Verknüpfung von Wissen – als Erkenntnisträger auf und führt zu einer „systematisierte[n], mechanisch rationalisierte[n] und beschleunigte[n] Enzyklopädik”[144], ähnlich unserer heutigen Hypertexte, wie sie vor allem in den virtuellen Enzyklopädien (z.B. Wikipedia) vorkommen: „Die Kombinatorik der barocken Enzyklopädik ist, mit anderen Worten, kein Verfahren der Archivierung, sondern der Vernetzung von Daten”[145].

Verlassen wir nun die barocken Datensammlungen der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär und wenden uns anderen Arten der Wissensverwaltung zu. Nach einem kurzen Umweg über das Märchen Ensel und Krete wird eine Untersuchung des postmodernen Schauerromans Die Stadt der Träumenden Bücher diese Arbeit abschließen.

Mythenmetzsche Verzettelung

Ensel und Krete ist ein Märchen aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz, in die deutsche Sprache übersetzt von Walter Moers. Der Text kann als romantisches Kunstmärchen bzw. Märchenparodie gelesen werden. Die verschobene Autorinstanz kann beispielsweise auch in E.T.A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr bemerkt werden und auch die raffinierte Verschachtelung der Erzählebenen zwischen Traum und Wirklichkeit lässt auf romantische Vorbilder wie Ludwig Tiecks Gestiefelter Kater oder Der blonde Eckbert schließen[146].

Die Geschichte spielt sich – nach den Ereignissen, die auf den letzten Seiten der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär geschildert werden – im Großen Wald ab, der inzwischen von den Buntbären in eine Art Freizeitpark unter totalitärem Regime verwandelt wurde. Leichte Anzeichen der barocken Kombinatorik lassen sich hier noch finden, sind doch Orte wie Reblausitz, Akazien, Eichendorf, Tannhausen und der Großwaldstädtersee auf der Karte des Parks auszumachen[147]. Die Handlung wird von den Fhernhachenzwerglein Ensel und Krete getragen, die sich im verbotenen Teil des Waldes verlaufen, allerlei gefährliche Abenteuer erleben und schließlich vom verrückten Geheimbären Boris Boris gerettet werden. Die wahre literarische Bedeutung des Werks liegt aber in der Mythenmetzschen Abschweifung, die der Autor hier zum ersten Mal entwickelt:

„Worum geht es dann? Es geht um Großes, natürlich: Sie, der Leser, dürfen Augenzeuge einer Sternstunde der zamonischen Literatur sein. Sie haben es vielleicht noch nicht bemerkt, aber Sie sind schon mittendrin in einer von mir entwickelten und vollkommen neuartigen schriftstellerischen Technik, die ich die Mythenmetzsche Abschweifung nennen möchte.”[148]

Die Mythenmetzsche Abschweifung feiert die romantische Genieästhetik, und das größte literarische Genie, das je gelebt hat, ist zweifellos Hildegunst von Mythenmetz: „Hildegunst von Mythenmetz ist der bekannteste und meistgelesene Schriftsteller Zamoniens. Sein Werk umfasst jede nur denkbare literarische Gattung, vom Roman über die experimentelle Lyrik bis zum monumentalen Theaterstück in neunhundert Akten.”[149] Die von ihm erfundene und betitelte Abschweifung „ermöglicht es dem Autor, an beliebigen Stellen seines Werkes einzugreifen, um, je nach Laune, zu kommentieren, zu belehren, zu lamentieren, kurzum: abzuschweifen”[150]. Die Abschweifung ist für eine enzyklopädische Schreibweise symptomatisch. Das zuvor Erzählte wird dezidiert als fiktiv dargestellt und der Dichter nutzt die Möglichkeit, über metafiktionale Verfahren zu referieren:

„Nun, bis zu dieser Stelle wird Ihnen diese zamonische Märchen bekannt vorgekommen sein, nicht wahr? Oder zumindest das gleichnamige Kinderlied: Ensel und Krete, die gingen in den Wald … Nur die leicht modernisierte Fassung, die Sache mit dem Buntbärwald, hat Sie bei der Stange gehalten, stimmt’s? Tja, das war ein kleiner professioneller Trick, um Sie dazu zu veranlassen, bis hierhin durchzuhalten – wenn Sie diesen Satz lesen, sind Sie darauf reingefallen.”[151]

Des Weiteren ist es dem Dichter möglich, über jedwedes Thema zu schreiben, weshalb die Abschweifung „als eine heillos unsystematische und unpragmatische Form des enzyklopädischen Schreibens, als Deformation des klassischen literarischen Textes zu einem manieristischen Labyrinth, als übermäßige und ungeordnete Überfrachtung der Literatur mit Wissen und Gelehrtheit”[152] gilt. Nichtsdestotrotz führt Andreas Kilcher aus, wie diese digressive Form der Enzyklopädik im Romanwerk von Jean Paul zu einer neuen Meisterschaft geführt wird[153] – ein Autor, der Mythenmetz erstaunlich ähnelt oder vice versa. Beispielsweise zitiert Kilcher Jean Paul nach dessen Jubelsenior, „‚Aber zurück zur Sache!’ wollt ich jetzt sagen, und sah erst unbeschreiblich-vergnügt, dass ich gar von meiner Sache nicht abkommen kann, ich mag mich verbreiten, worüber ich will”[154], wohingegen Mythenmetz anmerkt, „Herrje, ich schweife ab! Aber macht ja nichts, schließlich ist dies eine Mythenmetzsche Abschweifung. Fahren wir also fort [...]“[155]. Während uns Blaubär also noch in seine Lebensgeschichte eingebettete Fakten der zamonischen Wissenslandschaft präsentierte, hebt sich Mythenmetz vom Kontext seiner Geschichte ab um auf einer extradiegetischen Ebene digressives Wissen zu unterbreiten. So spricht er in seinen Abschweifungen von der philosophischen Position des Hoffnungsfreien Superpessimismus[156], illustriert die Funktionsweise totalitärer Systeme anhand des seitenlangen Gebrauchs des Wortes „Brummli”[157], unterrichtet über seine literarischen Kunstgriffe wie die Mythenmetzsche Ungewißheitsschürung[158] und die mangelnde Qualität bauminger Liedguts[159], beschreibt Laubwölfe im Zoo von Atlantis[160] und versucht die zamonische Mathematik zu erklären (namentlich die zamonische Urmathematik, die auf einem Vierer- und Doppelvierersystem beruht, die Druidenmathematik, die auf der Zahl Olz fußt, die gruselige Schrecksekundenmathematik der Rikschadämonen und die Zuneigungsrechnung der Fhernhachen)[161].

Mit dem Aufkommen der Abschweifung als enzyklopädisches Mittel müssen wir uns von der aristotelischen Idee des Ganzen verabschieden. Das Wissen erscheint in der Abschweifung als disparate Ansammlung scheinbar unzusammenhängender Fakten, die allerdings zu „‚assioziativen’ und ‚witzigen’ Verbindungen”[162] führen können. „Mit ihren innovativen Verbindungen, die je nach Perspektive als poetisch oder ‚groteskkomisch’ gelten mögen, überschreitet diese neue Enzyklopädie die üblichen Ordnungen der alten Enzyklopädien ebenso wie die Digression die Linearität des Erzählens unterbricht. [...] die Poetik der digressiven Konnexion [wird] damit zum universellen Verfahren des Wissens, des Schreibens, des Lesens”[163].

Eine Sonderstelle nimmt die erste Mythenmetzsche Abschweifung ein, in der der Autor sein Arbeitszimmer beschreibt. Das Zimmer ist ein Inventionsraum, wie er vollständiger nicht sein könnte: Jedes Inventarstück dient der mythenmetzschen ars inveniendi. Vom Kerzenleuchter, in den die sieben Grundtugenden des Dichters eingeprägt sind[164] über einen Grimassierspiegel, eine Mondphasentafel, eine Regenbogentabelle, einen Silbenzähler und einen Buchstabenrüttler, ein Sprachmetronom bis zu einem Miniaturtheater in dem Mythenmetz „jegliche Szenerie [...] heraufbeschwören”[165] kann. Unter diesen Inventionshilfen sei vor allem auf Mythenmetz’ Referenzbibliothek hingewiesen, die alle Arten von Enzyklopädien enthält:

„So finden sich meine mir liebsten Lexika und sonstigen Nachschlagewerke nur auf Armeslänge von mir entfernt: zunächst natürlich das Zamonische Wörterbuch von A-Z, die Gralsunder Universitätsausgabe in ihrer aktuellsten Fassung. [...] Manche Bücher wirken schon durch ihre Anwesenheit. Direkt daneben das Zamonische Namensregister. [...] Ebenfalls von unschätzbarem Wert ist Das Buch der Inneren Befindlichkeiten von Dr. med. Zalamander Regenschein. [...] Manchmal brennen meine Ohrläppchen wie Feuer, und meine Zunge schmeckt nach Essig. Dann greife ich zum Buch der Inneren Befindlichkeiten und erfinde Krankheiten von solcher Raffinesse, dass kein Arzt sie diagnostizieren könnte. Weiter: Der Große Ompel – das unentbehrliche zamonische Kartenwerk von Geho van Ompel. [...] In dieser monumentalen Schwarte ist Zamonien bis zum letzten Quadratkilometer vermessen. [...] Als nächstes eine der gedruckten Ausgaben des Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Professor Doktor Abdul Nachtigaller. [...] Die Botanica Zamoniensis, das handgepreßte  Pflanzenwerk von Tulip Knofel, dem grandiosen Botaniker [...] Echte Pflanzen, kunstvoll in 54 Bänden konserviert und in getrocknetes und verleimtes Laub gebunden. [...] Daneben: Die gesammelten Werke von Zoltepp Zaan, dem legendären Alchimisten, Philosophen und Entdecker des Zamomins.”[166]

Die Enzyklopädik wird hier als Modus poetischer Praxis dargestellt und nimmt gleichzeitig die stellvertretende Rolle einer virtuellen Totalität ein: Wenn in dieser poetisch-fiktiven Bibliothek das (fast) komplette Wissen über die (fiktive) Welt in Buchform vorhanden ist, muss das unsichtbare Wissen selbst auch ein Bestandteil der Welt sein. Mythenmetz’ fröhliches Nachsinnen über seine enzyklopädischen Besitztümer steigert diesen Eindruck noch. Andreas Kilcher schreibt erstaunlich passend über Jean Pauls Poetik der Flegeljahre:

„Ihre Poetik orientiert sich nicht mehr an den Realien der Natur, sondern an ihrer enzyklopädischen Repräsentation. Die Enzyklopädik des Romans besteht damit in einer sekundären Symbolisierung: Während die Enzyklopädie das Wissen in Totalität repräsentiert, verdichtet es der enzyklopädische Roman auf ein poetisches Format. Es ist dies ein potenziertes Übersetzungsverfahren, das nicht mehr das Buch der Natur, sondern Bücher über die Natur zum Gegenstand hat, und damit immer schon Schrift.”[167]

Zudem verfügt Mythenmetz über eine Art romantischen Zettelkasten. Diese Exzerpierkästen waren in der Romantik (und vor allem bei Jean Paul) äußerst beliebt als enzyklopädische Ablagesysteme kurzer Wissensexzerpte[168] und als Inventionsgehilfen und werden in Jean Pauls Das Leben des Quintus Fixlein zum poetischen Konzept erhoben[169]. Sie bieten ein „neues Notationsverfahren[...]: ein offenes, nicht hierarchisches, beliebig unterteilbares, kulminativ wachsendes und eigene Sachgruppierungen erzeugendes compendium mundi.”[170] Bei Mythenmetz findet eine Umdeutung des enzyklopädisch gesammelten Weltkatalogs in eine Totalität literarischer Inspirationsträger statt – äußerst passend für einen Vollblutschriftsteller, der das zamonische Wissen griffbereit auf der Fensterbank versammelt hat. Mythenmetz besitzt einen Duft-Zettelschrank, der ihm Inspiration zu allen literarischen Genres eingibt:

„Lassen Sie uns zunächst einen Blick unter den Tisch werfen, denn dort befinden sich meine vielgenutzten Inspirationsschubladen. Ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, woher meine Ideen kommen, aber ich weiß, womit ich sie am besten hervorrufen kann mit Aromen. [...] Zu diesem Zweck habe ich unter meinem Schreibtisch einen alten Apothekerschrank installiert, in dessen zahlreichen Schubladen sich die verschiedensten Geruchserzeuger befinden: Eine Schublade ist gefüllt mit Zimtstangen (Zimtgeruch ruft bei mir Spannungs- und Abenteuerliteratur hervor), eine andere mit getrocknetem Lorbeer (weckt meinen Witz), eine mit Koriander (gut für Tiefschürfendes), eine mit Muskat (Orientalisches, Märchen), eine mit Seetang (natürlich nautische Assoziationen), eine mit grünem Tee (lässt mich unvermittelt Reimen, keine Ahnung wieso), eine mit Rosinen (befördert meinen Sinn für Avantgardistisches), eine mit Schwefel (Schauerliteratur), eine mit Heu (Schäferdichtung), eine mit Asche (Trauriges, Tragik), eine mit Laub und Walderde (Naturbeschreibung, zur Zeit weit herausgezogen) und noch Dutzende mehr.”[171]

Aus dem arbiträr geordneten Exzerptwissen der romantischen Zettelkästen wird hier ein olfaktorisch-literarisches compendium mundi. Die mythenmetzschen Inspirationsschubladen stellen also eine gattungspoetologische Totalität dar, die durch die kombinatorischen Möglichkeiten ebenso wie ein Exzerpierkasten auch zu literarischen Neuschöpfungen befähigt: „Die Kunst dabei ist, die richtige Mischung zu erzeugen, die passenden Schubladen zur rechten Zeit im rechten Maße zu öffnen. Ständig hantiere ich beim Schreiben an den Schubladen wie ein verrückter Organist, der seine Register zieht, denn es kann sein, dass eine neue Geruchskombination mich auf einen sensationellen erzählerischen Einfall bringt.”[172]

Ein weiterer Baustein der mythenmetzschen Erfindungshilfe sei hier angeführt. Im Sinne einer romantischen  Poesieauffassung, findet die inventio durch Sachkenntnis und Naturbeobachtung statt, die das Genie dann in seinem Werk verwerten kann[173]. Hildegunst von Mythenmetz muss sich nicht einmal von seinem Schreibtisch erheben, um unvergleichliche Beobachtungen zu machen:

„Zur Zeit ist es Nacht, und ich sehe nur mein gespenstisches Spiegelbild in der Fensterscheibe, aber bei Tageslicht überblicke ich ein kolossales Panorama. Ich sehe nicht nur meinen Garten, sondern auch einen erheblichen, geradezu exemplarischen Teil der Welt. [...] So kann ich die ganze Welt von meinem Schreibtisch überblicken, ich sehe Natur und Geschöpfe, Baum und Strauch, Weg und Haus, Sonne, Mond und Schicksal.”[174]

Der Autor schildert uns eine Idylle, die in ihrer „wörtlichen Bedeutung als eidyllion, als ‚kleines Bildchen’”[175] stellvertretend für den enzyklopädischen Aggregatszustand des Romans als verkleinerte Darstellung einer physisch und metaphysisch kohärenten Totalität und Realität[176]. Falls auch diese Art der Totalität dem Dichter nicht ausreicht, besitzt Mythenmetz noch etliche optische Instrumente, vom Teleskop bis zum Mikroskop, und so „steht [ihm] fast jeder Bestandteil der zamonischen Natur zur Verfügung, vom Stern bis zum Staubkorn”[177].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die virtuelle Totalität der Enzyklopädie in Ensel und Krete vor allem als Inventionshilfe für den Dichter dargestellt wird. Zudem findet eine Verdichtung der enzyklopädischen Daten statt[178], die sich in virtuellen Enzyklopädietiteln und der Darstellung der Idylle äußert. Die digressive Form der Abschweifung wird hier als Kunstgriff eingeführt, der ebenfalls der Wissensvermittlung dient. Abschließend folgen nun einige Bemerkungen zu einem weiteren großen Werk Hildegunst von Mythenmetz’: Die Stadt der Träumenden Bücher.

Postmoderne Schauerliteratur

Bei Die Stadt der Träumenden Bücher handelt es sich – nach Aussage des Übersetzers Walter Moers – lediglich um ein Fragment: Es sind dies die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz’ autobiographischem Werk Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers, das in seiner Erstausgabe „über zehntausend Seiten, verteilt auf 25 Bände” umfasst.[179]

Die Handlung ist schnell umrissen: Der junge Dichter Mythenmetz bekommt von seinem sterbenden Dichtpaten den „großartigsten Text der gesamten zamonischen Literatur”[180] vererbt, mit dem Auftrag, den Dichter desselben ausfindig zu machen und einen Fehler seines Dichtpaten wieder gut zu machen. Dieser schickte das „junge Genie” in „die Höhle des Löwen”, „nach Buchhaim”[181]. Mythenmetz geht nach Buchhaim und ist fasziniert von der Stadt, in der die Literatur das ganze Leben ausmacht – man mag sie sich wie eine toll- und stadtgewordene gigantische Buchmesse vorstellen. Unvorsichtig stolpert er mit seinem wertvollen Manuskript in eine Intrige des mächtigen Phistomefel Smeik, wird in das gigantische Labyrinth unterhalb der Stadt verschleppt und dort zum Sterben zurückgelassen. Auf seiner verzweifelten Suche nach einem Weg zurück an die Oberfläche trifft er auf gefährliche Monster und Bücherjäger (letztere suchen schwer bewaffnet im Labyrinth nach antiquarischen Schätzen), die Buchlinge (kleine Zyklopen, die sich vom Lesen ernähren und ihr Leben jeweils einem zamonischen Dichter verschrieben haben) und das monströse Geschöpf, das über diese unterirdische Welt voller Bücher und Gefahren herrscht: den Schattenkönig.

Im anzitierten Interview merkt Walter Moers an, dass dieses Buch „die Horror- und Schauerliteratur zur Grundlage haben”[182] werde. Horst Conrad schreibt in seinem Buch über die Schauerromantik, dass diese sich zur Erzeugung des Unheimlichen mehrerer Charakteristika bedient, namentlich der Einheit der Handlung, der Einheit der Zeit und der Einheit des Ortes. Die Einheit der Handlung besagt, dass die Schauergeschichte fast ohne Nebenhandlungen auskommt, und wenn diese doch eingesetzt werden, dann als „fast völlig selbstständige, abgeschlossene Erzählungen”[183]. Mythenmetz erzählt seine Geschichte ohne Abschweifung und die Haupthandlung wird nur unterbrochen um die Herkunftsgeschichte des Schattenkönigs zu erzählen[184] und durch die vorangestellte Rekapitulation der Autobiographie von Colophonius Regenschein, dem größten Helden Buchhaims.  Durch diesen stringenten Handlungsablauf wirkt der Grusel der Geschichte eindrucksvoller auf den Leser und Mythenmetz’ Flucht durch das Labyrinth wird in ihrer physischen Belastung direkter wahrgenommen. „Die Handlung im Schauerroman setzt sich im wesentlichen aus Gefangennahme und Flucht zusammen”[185], bemerkt Conrad. Auch wenn diese einfache Formel  nicht vollkommen auf Die Stadt der Träumenden Bücher zutreffen mag, erscheint uns Mythenmetz’ Schicksal doch zu großen Teilen aus dem „Wechselspiel von ‚escape’ und ‚capture’”[186] zu bestehen: Aus einer Gefahr entronnen, tut sich bereits die nächste vor ihm auf. Ist er den Monstern der unterirdischen Müllkippe Unhaim entwischt, findet er sich in Nachbarschaft einer tödlichen Spinxxxx wieder, entkommt er der Spinxxxx, landet er gleich darauf im Versteck des gefährlichen Bücherjägers Hoggno der Henker[187] usw. Diese spannungsgeladenen Teile der Erzählung werden nur von den Ruhepausen bei den Buchlingen und in Schloss Schattenhall, dem Wohnsitz des Schattenkönigs, unterbrochen und auch hier ist dem Protagonisten kein dauerhafter Frieden gegönnt: „Unvorhergesehene Ereignisse sorgen für immer neue Komplikationen, unabhängig vom Willen der Betroffenen”[188].

Die schauerromantische Verrätselungstechnik ist ein weiteres Merkmal des Werks. Um die Handlung in eine einheitliche Struktur zu bringen, liegen die Gründe und der Sinn ihrer Ereignisketten üblicherweise in der Vergangenheit begraben[189]. Erst als sich der Schattenkönig offenbart, erschließen sich dem Leser – und mit ihm auch Mythenmetz – die Beweggründe der bisherigen Handlung. „Die Protagonisten sind eingespannt in einen undurchschaubaren Ursache-Wirkung-Zusammenhang von der ‚prima causa’ bis zur Katastrophe”[190]: Wobei erstere der Rat von Mythenmetz’ Dichtpaten an das junge Genie ist, sich nach Buchhaim zu begeben und letztere schließlich die Stadt in einer Feuersbrunst untergehen lässt.

Die Einheit der Zeit im Schauerroman ist per se eine simulierte Einheit: Durch einen Mangel an Zeitangaben wird eine Folge einzelner schauriger Zeitpunkte generiert um ein eindeutiges Gegenwartsgefühl zu erzeugen[191]. Mythenmetz bleibt angesichts der unterirdischen Zeitlosigkeit des Labyrinths auch nichts anderes übrig, als seine Zeitrechnung auf das ungefähre Maß seiner Wach- und Schlafphasen zu reduzieren[192] und obwohl seine Biographie im Präteritum abgefasst ist, ergibt sich in den schaurigen Sequenzen seiner Flucht durch das Labyrinth ein Gefühl ständiger Gegenwart.

Die Einheit des Ortes schließlich kann – neben dem kurzen Vorspiel auf der Lindwurmfeste – ganz auf Buchhaim beschränkt gelesen werden. Schon das überirdische Buchhaim ist eine gotische Kulisse aus verwinkelten und engen Gassen und schiefen Holzhäusern: „Die uralten Fachwerkhäuser mit ihren spitzen Dächern standen aneinandergedrängt wie greise Zauberer, die sich gegenseitig stützten und aus schwarzen Fensterhöhlen auf mich herabglotzten.”[193] Buchhaim ist ebenso geheimnisvoll von alten Legenden über Buchimisten durchzogen („In diesen alten Häusern hatte man die bizarren Versuche unternommen, Druckerschwärze in Blut zu verwandeln und Blut in Druckerschwärze”[194]) wie dekadent: Auf dem Friedhof der Vergessenen Dichter hausen heruntergekommene Literaten in Erdlöchern und verfassen auf Geldzuwurf Gedichte für gnadenlose Touristen[195] und in der Giftigen Gasse verkaufen schleimige Literaturkritiker Totalverisse[196]. Beides – Geheimnis und Dekadenz – sind deutliche Kennzeichen für einen Handlungsort der Schauerliteratur. Ein typisches Ende lässt den Ort der Handlung mit dem Untergang der Schurkenfigur ebenfalls zugrunde gehen[197]: In Ann Radcliffes berühmter Gothic Novel The Mysteries of Udolpho zerbröckelt das gleichnamige Schloss, Edgar Allan Poes Titel The Fall of the House of Usher kann doppeldeutig gelesen werden und bezieht sich sowohl auf die Familie als auch auf das Anwesen Usher und Buchhaim geht zusammen mit dem Schurken Smeik in Flammen auf. Das Labyrinth unter Buchhaim schließlich suggeriert mit seinen endlosen Gängen eine permanente Flucht[198], ein weiteres Merkmal der Schauerromantik.

Diverse Anleihen und Anspielungen auf die irdische Schauerliteratur runden diese Lesart des Romans ab. Da gibt es die Anmerkung des schurkischen Claudio Harfenstock, er entspanne sich gern mit Ziegelsteinen und Mörtel beim Mauern[199]; eine deutliche Referenz an das beliebte Motiv Edgar Allan Poes, bei dem die Opfer der Schurken bei lebendigem Leib eingemauert werden[200]. Zudem bemerkt der Leser diverse Anspielungen auf H.P. Lovecraft[201] und die Erschaffung des Schattenkönigs orientiert sich offensichtlich an Mary Shelleys Frankenstein[202].

Auch Anzeichen für eine postmoderne Schreibweise lassen sich in Die Stadt der Träumenden Bücher finden. Das Werk ist nahezu hemmungslos selbstreferentiell und stellt seine Buchhaftigkeit beispielhaft aus. Mythenmetz beginnt seine Erzählung mit einer Vorrede an den Leser: „Hier fängt die Geschichte an. [...] Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuchabteilung zu verkrümeln.”[203] Hier wird der Werk- und Buchcharakter des Gegenstands, den die Leser in den Händen halten, der eigentlichen Erzählung vorangestellt: Die Fiktion, das Eintauchen in eine andere Welt, wird bereits mit dem ersten Satz durchbrochen. Beispiele dieser Art lassen sich in großem Umfang über das ganze Werk verteilt finden.

Die Materialität des Trägermediums wird in Die Stadt der träumenden Bücher kategorisch ausgestellt: So werden nicht nur Auszüge aus dem poetischen Werk des Dichtpaten Danzelot von Silbendrechsler in einer Rotunda-Type gesetzt[204], auch andere referierte Bücher werden durch passende Schrifttypen illustriert, beispielsweise Der Weg des Bücherjägers von Rongkong Coma[205], ein Fallenbuch von Guldenbart dem Tüftler[206] oder das in eine Wimper geschnitzte Vermächtnis von Hagob Saldaldian Smeik[207]. Sogar die entsprechenden Seiten des gefährlichen Buchs, mit dem Mythenmetz vergiftet wird, werden ipsissima verba abgebildet[208] und die Schwärze, die Mythenmetz durch das Gift vor Augen tritt, äußert sich in zwei schwarz gedruckten Seiten[209].

Ihren Höhepunkt findet die Selbstreferentialität in der Umschlaggestaltung. War es bisher bei den Zamonienromanen üblich, den jeweiligen Helden der Erzählung durch eine Art Vorhang auf den Leser blicken zu lassen (Blaubär schaut durch die Barten des Tyrannowalfisch Rex, die Fhernhachenzwerglein durch ein Astloch, Rumo auf Rumo und die Wunder im Dunkeln durch einen roten Vorhang und Echo das Krätzchen auf Der Schrecksenmeister durch ein Loch im Ziegeldach), betrachtet man hier einen Buchling, der hinter einer Wand aus Büchern ein Buch liest. In Anbetracht der Tatsache, dass Hildegunst von Mythenmetz der Held der Erzählung ist, liegt der Gedanke nahe, dass es sich bei dem abgebildeten Buchling um den jungen Zyklopen handelt, der den Namen „Hildegunst von Mythenmetz” trägt[210] und sich damit dem Studium der Werke des wahren Mythenmetz verschrieben hat. Dieser Überlegung folgend ist es gut möglich, dass der Buchling auf der Umschlagillustration eben jenes Buch liest, das wir selbst gerade in den Händen halten: Die Stadt der Träumenden Bücher von Hildegunst von Mythenmetz[211].

Ein ausgeprägter Hang zur Selbstreflexivität ist ebenfalls zu beobachten, häufig wird in der Erzählung über das Dichten und Erzählen selbst gesprochen. Danzelot teilt seinem Schüler im Moment des Todes dichterische Tricks mit („Die letzten Worte eines Sterbenden – und er will dir etwas Sensationelles mitteilen! Merk dir diesen Kunstgriff! Da kann keiner aufhören zu lesen! Keiner!”[212]), Mythenmetz merkt – mitten in seiner Autobiographie – an „Gab es etwas Uninteressanteres als das Leben eines Schriftstellers?”[213], und nach einer mysteriösen Anspielung fragt Mythenmetz den Schattenkönig: „Sind mysteriöse Anspielungen eigentlich ein legitimes literarisches Mittel?”. Dessen Antwort lautet natürlich: „Nein [...] Nur zweitrangige Autoren bedienen sich der mysteriösen Anspielung, um die Aufmerksamkeit ihrer Leser wachzuhalten.”[214] Diese selbstreflexiven Äußerungen im Roman können allerdings auch Anspielungen auf die romantische Ironie sein, wie sie beispielsweise in Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater als Mittel eingesetzt wird, ständig die Werkhaftigkeit des Stückes in mehreren Instanzen zu (unter-)brechen und reflektieren[215]. Ebenso pendelt die häufige (und oft leicht verfremdete) Zitierung von Gedichten[216] zwischen romantischer Universalpoetik und postmoderner Appropriation Art.

Werke postmoderne Schriftsteller scheinen ebenso Pate für Buchhaim gestanden zu haben wie die Vertreter der Schauerromantik: Die endlosen Buchreihen im Labyrinth unterhalb der Stadt erinnern an Borges’ Bibliothek vom Babel[217] und an die labyrinthische Bibliothek in Umberto Ecos Der Name der Rose[218]. Allgemein mag das Labyrinth als topos postmoderner Literatur angesehen werden.

Romantisch-postmoderne Enzyklopädik

Wie das Werk selbst nicht einer Stilrichtung bzw. Literaturform zuzuordnen ist, so verhält es sich auch mit der enzyklopädischen Schreibweise im Roman. Während er einerseits eine romantisch-philologische Enzyklopädik im Sinne Friedrich Schlegels einfordert, kann sich diese Forderung in Anbetracht der postmodernen Dissoziation des Wissens kaum erfüllen. Dies sei im Folgenden erörtert.

Zunächst wendet sich das Werk entschieden von barocken Formen der Poetik und der Wissensverwaltung ab. Dies zeigt sich vor allem an Mythenmetz’ Ablehnung gegenüber dem häufig zitierten Ritter Hempel von Gryphius von Odenhobler. Dass dieser (fiktive) Roman im zamonischen Barock zu verorten ist, lässt sich problemlos zeigen: Einerseits erinnert der Vorname des Autors an den barocken Sonettdichter Andreas Gryphius und seinen Sohn Christian Gryphius, andererseits weist der Titel auf Ferdinand Hempel hin, der im Stil barocker Vorbilder das Allgemeine deutsche Reimlexikon publizierte[219], eine geradezu „überflüssige”[220] Ansammlung an alphabetisch-arbiträr geordneten Real- und Kunstwörtern. Im Ritter Hempel selbst wird dann zunächst auf hundert Seiten nur eine „Anleitung zur Lanzenpflege”[221] ausgeführt; ein klassisches Beispiel barocker Wissensvermittlung, ähnlich Lohensteins Arminius. Danach hebt der Roman zu barock-komischen Sprachexperimenten an:

„‚[...] Erinnern Sie sich an die Stelle, wo dem Ritter die Brille in die Rüstung fällt und er praktisch blind das Lanzenduell ausfechten muss? Oder die, wo ihm der Unterkiefer durch einen Keulenhieb ausgerenkt wird und er sich ein Kapitel lang nur durch Zeichensprache verständigen kann? Was habe ich gelacht! Ein Meisterwerk der Hochkomik! [...] Man muss sich erst mal durch die hundert Seiten Anleitung zur Lanzenpflege gequält haben’, sagte Kibitzer, ‚aber danach geht es richtig zur Sache. Das Kapitel, in dem der Dichter hundertfünfzig Seiten lang ohne den Buchstaben E auskommt – ein Geniestreich der Lipogrammatik!’”[222]

Die Lipogrammatik – ein literarisches Sprachspiel, das auf dem Auslassen von Buchstaben beruht – war vor allem im Barock ein beliebtes Stilmittel von Rednern und Literaten. Mythenmetz kann mit derlei Sprachalchimie nichts anfangen: „Ich lächelte kennerhaft. ‚Ja, ja …’, sagte ich. ‚Ein Geniestreich.’ Nie gelesen, den Quatsch!”[223]

Phistomefel Smeik hat eine Sammlung barocker Wissensoperatoren, die nach dem Prinzip der ars combinatoria arbeiten und Literatur bzw. Wissen erzeugen sollen. Auch hier wendet sich der Text von solcherlei Vorbildern ab:

„Wir blieben vor eine der bizarren Maschinen stehen, einer hölzernen Kugel, einem Globus ähnlich, aber ohne Landkarte, dafür mit eingeschnitzten Buchstaben des Zamonischen Alphabets. Er konnte offensichtlich mit einem Pedal in Rotation versetzt werden.

‚Eine Romanschreibmaschine’, lachte Smeik. ‚Ein antikes Gerät, von dem man tatsächlich einmal glaubte, auf mechanische Weise Literatur herstellen zu können. Ein typischer Schwachsinn der Buchimisten. Die Kugel ist mit bleiernen Silben gefüllt, und wenn man an einem Hebel zieht, dann purzeln sie unten raus und fallen in eine Reihe. Natürlich ergeben sich dadurch immer nur Sätze wie ‚Pilgendon zulfriger fonzo nat tuta halubratz’ oder so ähnlich. [...] Ich habe eine Schwäche für solch unbrauchbaren Krempel. Das da vorne ist eine Buchimistische Inspirationsbatterie. Und das ist ein Ideenkühlschrank.’”[224]

Es lässt sich also sagen, dass Die Stadt der Träumenden Bücher sich von poetischen Verfahren und digressiver Wissensvermittlung, wie sie noch in Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär dominant waren, abwendet. Vielmehr wird hier die Enzyklopädik ganz in den Bereich der Kunst geholt. Nach Friedrich Schlegel ist Enzyklopädie immer schon Philologie: „Insofern die Philosophie, als Geist der Gelehrsamkeit und aller Wissenschaften überhaupt, in Rücksicht der Form alle die Wissenschaften begreift, die sich durch Zeichen ausdrücken, und in derselben Rücksicht die Poesie auch alle Künste umfasst, die durch ein anderes Medium als durch die Sprache wirken [...] – insofern umfasst die Literatur alle Wissenschaften und Künste, ist sie Enzyklopädie.”[225] Dies korrespondiert mit der romantischen „Konzeption eines literarischen Wissens, das alle Wissenschaften und Künste zu integrieren vermag”[226]. Auf diese Weise ist romantische Enzyklopädik „literarische Gelehrtheit, Bücherwissen, und nicht Erfahrungswissen”[227]. Damit ist Hildegunst von Mythenmetz, als belesener Literat gesegnet: Durch sein angelesenes, philologisches Bücherwissen schafft er es, sich durch das Labyrinth zu arbeiten, von Regal zu Regal die zamonischen Literaturepochen (vom Gralsunder Egalismus über Abundanismus, Adynationismus, Antiklimax-Romane, onomatopoetische Starkdichtung bis zu den Graf-von-Elfensenf-Romanen) durchschreitend[228]. Das Erfahrungswissen wird also zugunsten einer literarischen Belesenheit ausgeklammert, was den Berufsstand des Schriftstellers unter neue Vorzeichen zwingt. So gibt auch der Schattenkönig Mythenmetz, dem nach einem aufregenden Abenteuer die Schreibhand streikt, den Rat: „‚Schriftsteller sind dazu da, um zu schreiben, und nicht, um etwas zu erleben. Wenn du etwas erleben willst, dann solltest du Pirat oder Bücherjäger werden. Wenn du schreiben willst, dann solltest du schreiben. Wenn du es nicht aus die selber schöpfen kannst, dann nirgendwoher.’”[229] Das romantische Genie soll nach dem Leitgedanken der progressiven Universalpoesie eine Totalität schaffen, die man enzyklopädisch nennen kann:

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in  Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen[...]“.[230]

Zu diesem Zweck wandelt sich Die Stadt der Träumenden Bücher während Mythenmetz’ Aufenthalt auf Schloss Schattenhall in einen Bildungsroman, und der junge Lindwurm reift zu einem literarisch-philologisch gebildeten Dinosaurier heran. Durch einen Tanz mit den Weinenden Schatten lernt er Wörter, die fortan sein Werk stützen werden, wie plumös, Sprinken, bolmigant, abströn, konfronzabel, mesomorph, leptogam, etcogil etc[231]. Diese Episode ist beispielhaft für die romantische Wissensverwaltung. Einerseits werden durch ein literarisches Genie zwei unterschiedliche Genre (hier Schauerroman und Bildungsroman – die Geister sind gruselig, aber dennoch belehrend) in einer progressiven Universalpoesie miteinander verbunden, um den Leser „mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art” zu bedienen, der selbst noch in der abenteuerlichsten Situation scheinbar nebensächlich Wissen vermittelt[232], andererseits wird die Bedingung dieser Wissensvermittlung aufgezeigt: Die Genieästhetik benötigt ein reichhaltiges Wortinventar um dem Anspruch der Totalität gerecht zu werden, denn „ohne Poesie ist keine Enzyklopädie möglich”[233] – oder, wie es über Buchhaim heißt, „Hier schienen Leben und Literatur identisch zu sein, alles kreiste um das gedruckte Wort.”[234]

Die Stadt wird beherrscht von einem unbändigen Glauben an das gedruckte Wort, an literarisches Wissen und poetische Kunst. Einzelne Werke, die auf der so genannten Goldenen Liste stehen, sind so rar und begehrt, dass sie ihren Finder auf einen Schlag reich machen können[235]. Doch leider führt die Suche nach diesen Büchern nicht zur Erkenntnis, sondern gipfelt in Mord und Totschlag der Bücherjäger untereinander, ähnlich wie in Borges’ Bibliothek von Babel. Durch die erdrückende Anzahl sinnloser oder gar gefährlicher Bücher wird der Buchraum destruktiv vermint und die Freude an der Lektüre bzw. die Suche nach Wissen gerät zu einer riskanten Odyssee[236]. Hier schlägt die Postmoderne in den Roman ein und ordnet die literarischen (Wissens-)Schätze dissoziativ in der Topographie des Labyrinths an. Das Labyrinth unter Buchhaim ist keine phantastische Welt voller wunderbarer Schätze, sondern ein Kerker voller bedrohlicher, lebensgefährlicher Verrücktheiten, der durch die Suche der Bücherjäger nach Wissen[237] in einen ständigen Kriegszustand versetzt wird. In ihrem blinden Eifer auf der Suche nach den paar wenigen Büchern, die ihnen tatsächlich etwas bedeuten, zerstören die Krieger sogar die letzte Instanz, die Ordnung ins Chaos hätte bringen können: Die Büchersortiermaschine der Rostigen Gnome wird nicht als Ordnungsapparat erkannt und demontiert[238].

Schluss

Das unbefangene Zeitalter, in dem mit den unterschiedlichsten Arten poetologischer Wissensvermittlung und Enzyklopädik experimentiert wurde – im Barock beispielsweise mit der ars combinatoria und dem polyhistorisch-feingebildeten Roman, in der Romantik unter anderem mit Zettelkästen und dem Verweis auf virtuelle Enzyklopädien – scheint hier vergangen zu sein. Wissen wird zwar als Ramschware massenweise verkauft („Kaminfegen für Fortgeschrittene von Biserko Gobbel [...] Zwei Dutzend auf den Blanken – Handbuch der Flagellationstechnik von Dottfried Egg [...] Die hundert lustigsten Natifftoffen-Anekdoten[...]Kleine Knotenkunde für Linkshänder. Glasblasen mit Blasebälgen. Alles über chronische Flatulenzen [...] Wie man ein Huhn kämmt [...]“[239]), aber die Suche nach echten literarischen Darstellungen von Welt, enzyklopädischem Wissen im eigentlichen Sinne, ist fast unmöglich und hochgefährlich. Tatsächlich liest Mythenmetz – zumindest bevor er die Bibliothek des Schattenkönigs betritt – nur ein einziges Buch, das ihm nützliches Wissen vermittelt und ihm ein umfassendes Bild der Welt unter Buchhaim enzyklopädisch präsentiert: Die Katakomben von Buchhaim von Colophonius Regenschein[240]. Das ist eine Autobiographie.


[1] Walter Moers: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. München: Goldmann 2001.

[2] Walter Moers: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien. Frankfurt: Eichborn 2000

[3] Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln. München: Piper 2003

[4] Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher. München: Piper 2004

[5] Walter Moers: Der Schrecksenmeister. München: Piper 2007

[6] Vgl. John R.R. Tolkien: On Fairy-Stories. In: John R.R. Tolkien: Tree and Leaf. Boston: Houghton Mifflin 1965

[7] Klaus Nüchtern: Mein Zielpublikum bin ich. Interview mit Walter Moers. In: Falter 17/03.

http://www.falter.at/print/F2003_17_2.php

[8] Platon: Die Kunst der Schrift wird Vergessenheit schaffen. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Die Schatzkammern der Mnemosyne. Ein Lesebuch mit Texten zur Gedächtnistheorie von Platon bis Derrida. Dresden: Verlag der Kunst 1995: 28

[9] ebd.: 30

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] ebd.: 31

[13] Vgl.: Jean-Yves Tadié/Marc Tadié : Im Gedächtnispalast. Eine Kulturgeschichte des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2003: 23ff.

[14] ebd.: 24

[15] Denis Diderot: “encyclopédie“. In : Anette Selg/Rainer Wieland (Hrsg.): Die Welt der Encyclopédie. Frankfurt/Main: Eichborn 2001.: 68. Zitiert nach Jürgen Mittelstraß: Das Ganze und seine Teile. Enzyklopädien, das Alphabet des Denkens und die Einheit des Wissens. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 56f.

[16] Zitiert nach

http://de.wikipedia.org/wiki/Encyclop%C3%A9die_ou_Dictionnaire_raisonn%C3%A9_des_sciences,_des_arts_et_des_m%C3%A9tiers

[17] Stefan Rieger: Speichern/Merken: Die künstlichen Intelligenzen des Barock. München: Fink 1997: 7

[18] Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer: Editorische Notiz. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: vii

[19] ebd.

[20] Hans Zotter: Parallele Modelle von Wissenssicherung und Ordnung. In: Theo Stammen/Wolfgang E.J. Weber (Hrsg.): Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien. Berlin: Akademie Verlag 2004: 25

[21] Vgl. ebd.: 26f.

[22] Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer: Zum Doppelleben der Enzyklopädik. Eine historisch-systematische Skizze. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 4

[23] ebd.: 5

[24] ebd.: 6

[25] vgl. ebd.: 3

[26] Vgl. Eckhard Lobsien: Die enzyklopädische Stadt. Dublin als Ulysses. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 193-213

[27] Wiethölter/Berndt/Kammer 2005: 30

[28] Andreas B. Kilcher: Mathesis und poiesis: Enzyklopädik der Literatur 1600 bis 2000. München: Fink 2003: 65

[29] Joseph von Eichendorff: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands (1875) In: Herrmann Kunisch/Helmut Koopmann (Hrsg.): Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, begr. v. Wilhelm Kosch und August Sauer, 24 Bde., Regensburg 1908-1970, Bd. 9: 111. Zitiert nach Kilcher 2003: 65

[30] Eichendorff (1875) in: Kilcher 2003: 66

[31] Michail M. Bachtin: Das Wort im Roman. In: Michail M. Bachtin: Die Ästhetik des Wortes. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1979. Zitiert nach Kilcher 2003: 66

[32] ebd. und f.

[33] Kircher 2003: 68

[34] ebd.

[35] ebd.

[36] Zitiert nach Kilcher 2003: 89

[37] Christian Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman. Faksimiledruck mit einem Nachwort von Eberhardt Lämmert. Stuttgart: Metzler 1965. Zitiert nach Kilcher 2003: 90f.

[38] Vgl. Aristoteles: Aufgabe des Dichters.

http://www.versalia.de/archiv/Aristoteles/Aufgabe_des_Dichters.249.html

[39] Kilcher 2003: 91

[40] ebd.

[41] Vgl. ebd. und f.

[42] Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt/Main: Eichborn 1999: 256f.

[43] Zum Begriff „Phantastik” siehe Erika Maier: Phantastik und Realismus in Kinder- und Jugendliteratur nach 1945. Magisterarbeit, Universität Konstanz:

http://w3.ub.uni-konstanz.de/v13/volltexte/2007/3216//pdf/Maier_Magisterarbeit.pdf : 4-23

[44] Wie er zu seinem – im Buchtitel festgelegten – Kapitänstitel kommt, wird im Roman nicht klar. Als Tatsache wird allerdings schon auf der ersten Seite des Vorwortes die Feststellung „Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben” etabliert (Blaubär: 6).

Der Name Blaubär stammt von den Tratschwellen, die ihm auch das Sprechen beibringen:

„‚Wir haben noch was für dich’, sagte die andere Welle. ‚Einen Namen!’ ‚Genau’, sagte die eine Welle, ‚wir nennen dich Blaubär.’ Das zeigte, dass es mit der Phantasie den Tratschwellen nicht weit her war, aber immerhin. Einen Namen hatte ich bisher noch nicht gehabt.” (ebd.: 64)

[45] Blaubär: 77, 211, 273 & 445

[46] ebd.: 28

[47] ebd.: 64

[48] ebd.: 89

[49] Hellmuth Petriconi: Zur Chronologie und Verbreitung des spanischen Schelmenromans. In: Helmut Heidenreich (Hrsg.): Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969: 63

[50] Vgl. Blaubär: 588

[51] Volker Meid: Der deutsche Barockroman. Stuttgart: Metzler 1974: 74f.

[52] Blaubär: 93

[53] ebd.: 207

[54] ebd.: 254

[55] ebd.: 270

[56] ebd.: 345

[57] Meid 1974: 75

[58] Blaubär: 6

[59] http://www.wdr.de/tv/blaubaer

[60] Blaubär: 530f.

[61] ebd.: 587

[62] ebd.: 648

[63] Vgl. Meid 1974: 26

[64] Der größte zamonische Schriftsteller. Von ihm stammen die Werke Ensel und Krete und Die Stadt der Träumenden Bücher.

[65] http://www.zamonien.de/enselundkrete/interview.stm

[66] Blaubär: 10f.

[67] Ulrike Killer: Vorwort. In: Christoph von Grimmelshausen: Die Abenteuer des Simplizissimus. Würzburg: Arena 1974: 6

[68] Marc Späni: Poetische Gärtner und phaetonische Himmelsflieger: Formen poetologischer Reflexion im niederen Roman des 17. Jahrhunderts. Bern: Peter Lang 2004: 84

[69] Jürgen Mayer: Mischformen barocker Erzählkunst: Zwischen pikareskem und höfisch-historischem Roman. München: Fink 1970: 11

[70] Blaubär: 15

[71] ebd.

[72] ebd.: 19

[73] ebd.: 93

[74] s. Anmerkung 30

[75] „Heute muss das Eisen schmilzen / Heute wird der Gang gebohrt / Frisch hinweg mit Schimmelpilzen / graben ist das Zauberwort! [...]” (Blaubär: 196)

[76] ebd.: 375ff.

[77] ebd.: 153f.

[78] ebd.: 7

[79] ebd.: 6

[80] s.o.: S. 3

[81] Blaubär: 7

[82] ebd.: 6

[83] ebd.: 15-27

[84] Kilcher 2003: 71

[85] Blaubär: 116f.

[86] ebd.: 119

[87] ebd.: 228

[88] Beispielsweise Andreas Vesalius: Scholae Medicorum Patauinae Professoris, De humani corporis fabrica libri septem (1504-1564). Virtuelles Faksimile:

http://posner.library.cmu.edu/Posner/books/pages.cgi?call=611_V57A&layout=vol0/part0/copy0

[89] Blaubär: 61

[90] Hans-Walter Schmidt-Hanissa: Lesarten. Autorschaft und Leserschaft bei Jean Paul. http://wwwalt.uni-wuerzburg.de/germanistik/neu/jean-paul/jahrbuch/schmidthannisa.pdf

[91] Johann Christoph Männling: Arminius enucleatus. Das ist: Des unvergleichlichen Daniel Caspari von Lohenstein / Herrliche Realia, Köstliche Similia, Vortreffliche Historien / Merkwürdige Sententien, und sonderbare Reden. Als köstliche Perlen und Edelgesteine aus dessen deutschen Taciti oder Arminii, Leipzig 1708

[92] Rieger 1997: 28

[93] Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein ‘Arminius’: Nebenst beygefügtem Register derer in selbigen Werck befindlichen Merckwürdigen Nahmen und Sachen. In: Lohenstein: Großmüthiger Feldherr Arminius, Vor., 4f. Zitiert nach Rieger 1997: 27

[94]Eichendorff (1875) in Kilcher 2003: 65f.

[95] Blaubär: 149

[96] ebd.: 141

[97] ebd.

[98] ebd.: 140f. Hervorhebung von mir.

[99] Von denen es – neben dem Arimius enucleatus – noch weitere gibt, namentlich Lohensteinius sententiosus, Das ist: Des vortrefflichen Daniel Caspari von Lohenstein / Sonderbahre Geschichte / curieuse Sachen / Sinn-reiche Reden / durchdringende Worte / accurate Sententien, Hauptkluge Staats- und Lebens-Regeln / und andere befindliche Merckwürdigkeiten / Aus dessen sowohl Poetischen Schrifften und Tragoedien, als auch Lob-Reden / and andern ihm zustehenden gelehrten Büchern / Wie aus einem verborgenem Schatze zusammen corrigiret / Und der gelehrten Welt zur Vergnügung / der Jugend zum nützlichen Gebrauch Nebst einem vollkommenen Register ans Tage-Licht gestellt, Breßlau 1710, und – nicht allein Lohenstein zugeordnet – Expediter Redner oder deutliche Anweisung zur galanten Deutschen Wohlredenheit Nebst darstellenden deutlichen Praeceptis und Regeln auserlesenen Exempeln und Curieusen Realien Der Jugend zum Gebrauch und den Alten zum Vergnügen vorgestellet, Reprint Kronberg: Scriptor 1974

[100] Rieger 1997: 24

[101] ebd.

[102] So beispielsweise im Artikel über die

Etikette von Ausnahmenaturphänomenen [...] leichtgläubige Gemüter raunen von beseelten Stürmen und denkenden Vulkanen, aber die Wahrheit ist wohl wie immer viel nüchterner und banaler, sie muß nur noch genauestens vermessen, katalogisiert, tabelliert, in zahlreichen Doktorarbeiten behandelt und zum Lehrfach erklärt werden.” (Blaubär: 313)

Blaubär sagt auch:

„Manchmal hatte ich den seltsamen Eindruck, als spräche gar nicht das Lexikon in mir, sondern Professor Nachtigaller persönlich, wie bei einem Telefonanruf.” (ebd.: 410)

[103] s.o.

[104] Blaubär: 58

[105] ebd.: 90

[106] ebd.: 96

[107] ebd.: 229

[108] Gotthard Heidegger: Mythoscopia romantica oder Discours von den sobenanten Romans. Faksimiledruck nach dem Originaldruck von 1698. Bad Homburg v.d.H./Berlin/Zürich: Gehlen 1969

[109] Rieger 1997: 32

[110] Blaubär: 231

[111] Rieger 1997: 42

[112] ebd.: 101

[113] ebd.

[114] „Die nächsten Monate verbrachte ich fast ausschließlich damit, das Lexikon aus meinem Kopf abzuschreiben. Dann ließ ich es wiederum von meinen Schülern abschreiben, so wurde es zur Pflichtlektüre der Buntbärenschule.” (Blaubär: 699)

[115] Ein ähnlicher Beweis lässt sich über Blaubärs Tätigkeit als Lügengladiator führen. Um den Champion Nussram Fahkir zu besiegen, bedient sich Blaubär des Lexikons, um die inventio seiner Lügengeschichte vom Maulwurfsvulkan voranzutreiben. Gleichwohl lässt sich behaupten, dass auch hier das arbiträr geordnete Wissen in einen unterhaltenden Kunsttext überführt wird. Vgl. Blaubär: 560ff.

[116] Kilcher 2003: 372

[117] Josef Kopperschmidt: Formale Topik. Anmerkungen zu ihrer heuristischen Funktionalisierung innerhalb einer Argumentationslyrik. In: Gert Ueding (Hrsg.): Rhetorik zwischen den Wissenschaften. Geschichte, System, Praxis als Probleme des „Historischen Wörterbuchs der Rhetorik”. Tübingen: Niemeyer 1991: 53. Zitiert nach Riccardo Nicolosi: Die Petersburg-Panegyrik. Russische Stadtliteratur im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oford/Wien: Peter Lang 2002: 114

[118] Ralf Boscher: Formale oder materiale Topik? Kontroversen und Perspektiven der neueren literaturwissenschaftlichen Topik-Forschung. Universität Konstanz: Magisterarbeit 1999: 37

[119] Lothar Bornscheuer: Topik. In: Klaus Kanzog/Achim Masser (Hrsg.): Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte. Bd. IV. 2. Auflage. Berlin/New York: de Gruyter 1984: 454-475 Zitiert nach Boscher 1999: 43f.

[120] Riccardo Nicolosi: Die Petersburg-Panegyrik. Russische Stadtliteratur im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien: Peter Lang 2002: 119

[121] ebd.: 122

[122] Kilcher 2003: 357

[123] ebd.: 359

[124] Ramon Lull: Ars generalis ultima. Zitiert nach Kilcher 2003: 359

[125] Vgl. „Atlantisarchitektur”, Blaubär: 467ff.

[126] Yetis, Vampire etc.

[127] Kilcher 2003 : 371

[128] vgl. Blaubär: 451ff.

[129] ebd.: 458f.

[130] ebd:: 463

[131] Kilcher 2003: 372

[132] ebd.: 373

[133] Blaubär: 111

[134] Zur Signifikanz von Fakultätsrechnungen in den Wortspielen und der Poetik des Barock siehe Rieger 1997: 13-22

[135] Titus Lucretius Carus: Von der Natur der Dinge. 2. Buch:

http://www.gottwein.de/Lat/lucr/nat02de.php

[136] Kilcher 2003: 376

[137] ebd.: 378

[138] Über das der Lexikograph Johann Christoph von Adelung wenig positiv berichten wird:

„Adelung unterstellt in einem Spezialfall barocke Buchstabenkombinationen der Integrität des Eigennamens: Im vierten Abschnitt Figuren für den Witz und Scharfsinn werden Personenwortspiele dann „unerträglich[...]“[...]” (Rieger 1997: 53)

[139] „Grimmelshausen veröffentlichte den ST. unter dem Namen German Schleifheim von Sulsfort, was – ebenso wie der Name des Protagonisten Melchior Sternfels von Fuchshaim – ein Anagramm des richtigen Namens des Autors (Christoffel von Grimmelshausen) ist.”

(http://de.wikipedia.org/wiki/Der_abenteuerlich_Simplicissimus)

[140] Eine vollständige Liste findet sich unter http://www.mythenmetz.de/zamonische_dichter.php

[141] Kilcher 2003: 359

[142] ebd.: 361

[143] ebd.

[144] ebd.: 364

[145] ebd.: 370

[146] Vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ensel_und_Krete

[147] Ensel und Krete: 14f. Eichendorf und Tannhausen sind natürlich auch Hinweise auf romantische Vorbilder.

[148] ebd.: 34

[149] Walter Moers: Von der Lindwurmfeste zum Bloxberg. Die halbe Biographie des Hildegunst von Mythenmetz. In: Ensel und Krete:229

[150] Ensel und Krete: 34

[151] Ensel und Krete: 34

[152] Kilcher 2003:  136

[153] Vgl. Kilcher 2003: 136-142

[154] ebd.: 141

[155] Ensel und Krete: 37

[156] ebd.: 48

[157] ebd.: 54ff.

[158] ebd.: 65

[159] ebd.: 68

[160] ebd.: 71f.

[161] ebd.: 82f.

[162] Kilcher 2003: 145

[163] ebd.

[164] Ensel und Krete: 36

[165] ebd.: 41f.

[166] ebd.: 38ff.

[167] Kilcher 2003: 131

[168] Vgl. ebd.: 123ff. und 380ff.

[169] Vgl. ebd.: 123ff.

[170] Christoph Meinel: Enzyklopädie der Welt und Verzettelung des Wissens: Aporien der Empirie bei Joachim Jungius. In: Franz Eybl (Hrsg.): Enzyklopädien der frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung. Tübingen: Niemeyer 1995: 173. Zitiert nach Kilcher 2003: 125

[171] Ensel und Krete: 43

[172] ebd.

[173] Manfred Kienpointer: Inventio. In: Hispanoteca. Portal de lengua y cultura hispanas para países de habla alemana. Lexikon der Linguistik. Universität Insbruck: Institut für Romanistik 1999-2007:

http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/lexikon%20der%20linguistik/i/INVENTIO.htm

[174] Ensel und Krete: 44. Hervorhebung von mir.

[175] Kilcher 2003: 120

[176] Vgl. ebd.

[177] Ensel und Krete: 44

[178] Vgl. Friedrich A. Kittler: Über romantische Datenverarbeitung. In: Ernst Behler/Jochen Hörisch (Hrsg.): Die Aktualität der Frühromantik. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schönigh 1987: 127-140

[179] Walter Moers: Nachwort des Übersetzers. In: Die Stadt der Träumenden Bücher: 459

[180] Die Stadt der Träumenden Bücher: 17

[181] ebd. und f.

[182] Nüchtern 2003

[183] Horst Conrad: Die literarische Angst. Das Schreckliche in Schauerromantik und Detektivgeschichte. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag 1974: 15

[184] Die Stadt der Träumenden Bücher: 337ff.

[185] Conrad 1974: 16

[186] ebd.

[187] Die Stadt der Träumenden Bücher: 175ff.

[188] Conrad 1974: 17

[189] Vgl. ebd.: 16f.

[190] ebd.: 17

[191] Vgl. ebd.: 18

[192] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 362

[193] ebd.: 87

[194] ebd.: 93

[195] ebd.: 84f.

[196] ebd.: 85f.

[197] Vgl. Conrad 1974: 23

[198] Vgl. ebd.: 21

[199] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 75

[200] z.B. in der berühmten Kurzgeschichte Das Fass Amontillado. Edgar Allan Poe: Das Fass Amontillado. In: ders.: Erzählungen. Düsseldorf: Albatros 2000: 481-488

[201] z.B. auf das Schicksal seiner Protagonisten, entweder verrückt zu werden, zu sterben oder beides gleichzeitig (vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 74) oder auf seine Mythoskreaturen wie die Shoggothen (vgl. ebd.: 387) und die Große Rasse vom Yith, deren Angehörigen das Monster unter Schloss Schattenhall erstaunlich ähnelt (vgl. ebd.: 392ff.).

[202] Vgl. ebd.: 343ff.

[203] ebd.: 9

[204] Vgl. ebd.: 14

[205] Vgl. ebd.: 172

[206] Vgl. ebd.: 174f.

[207] Vgl. ebd.: 425f.

[208] Vgl. ebd.: 148f.

[209] Vgl. ebd.: 150f.

[210] Vgl. ebd.: 444f.

[211] Vgl. zu einigen Ideen dieses Absatzes auch

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Stadt_der_Tr%C3%A4umenden_B%C3%BCcher

[212] Die Stadt der Träumenden Bücher: 18

[213] ebd.: 242

[214] ebd.: 421

[215] Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater. Stuttgart: Reclam 2001

[216] Beispielsweise Der Kometenwein von Ali Aria Ekmirrner:

„Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.” (Die Stadt der Träumenden Bücher: 226)

[217] Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel. In: ders.: Fiktionen. Erzählungen. Frankfurt/Main: Fischer 2004: 67-76

[218] Umberto Eco: Der Name der Rose. München: Süddeutsche Zeitung 2004

[219] Vgl. Kilcher 2003: 241ff.

[220] Vgl. ebd.

[221] Die Stadt der Träumenden Bücher: 48

[222] ebd.

[223] ebd.

[224] ebd.: 101

[225] Friedrich Schlegel / Ernst Behler (Hrsg.): Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Paderborn: Schöningh 1958. Bd. 11: 7. Zitiert nach Kilcher 2003: 420

[226] Kilcher 2003: 420

[227] ebd.

[228] Vgl. Stadt der Träumenden Bücher: 169ff.

[229] ebd.: 402

[230] Schlegel 1958, Bd. 2: 182. Zitiert nach Kilcher 2003: 423

[231] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 382ff.

[232] „‚Wusstest du eigentlich, dass Schloss Schattenhall ein Belüftungssystem ist?’ Homunkoloss sah mich lange an. ‚Du hast schon viel gelernt’, sagte er dann. ‚Nein, nein, das hab ich nicht erfunden. Schloss Schattenhall ist ein uraltes Belüftungssystem der Riesen. Sie kanalisieren damit die Luft in die unteren Bereiche. Das ist das ganze Geheimnis.’ ‚Natürlich’, lächelte Homunkoloss. ‚Deine Phantasie möchte ich haben. Bau das morgen unbedingt in deine Geschichte ein. Das ist wirklich gut.’” (Stadt der Träumenden Bücher: 400f.)

[233] Kilcher 2003: 422

[234] Die Stadt der Träumenden Bücher: 41

[235] Vgl. ebd.: 54f.

[236] Vgl. Adelheid Hanke-Schaefer: Jorge Luis Borges zur Einführung. Hamburg: Junius 1999: 65

[237] das auch hier gleichbedeutend ist mit Macht und Reichtum..

[238] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 412

[239] ebd.: 132

[240] Vgl. ebd.: 53ff.

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