Posted by: Dennis Janzen on: 9. März 2009
Auf seiner Reise besucht Zarathustra zahlreiche Landschaften, die aber eher im Verborgenen bleiben, nicht detailliert ausgearbeitet werden und so eher leitmotivische Funktion haben. Eine gute Erklärung hierfür ist Nietzsches Augenleiden, dass ihn nah an eine vollkommene Blindheit brachte („[...] ich bin augenleidend, in einem Grade, dass ich fürchte, eines Tages und ganz plötzlich, blind zu sein [...]“, Briefe 7, 26). Dennoch sind die Landschaften, in denen sein Sohn Zarathustra (vgl. Briefe 7, 32) wandert, von hoher Bedeutung für Nietzsche und seine Philosophie. Er hat all diese Landschaften selbst besucht, wenn er sie auch in „Weltgegenden” umdeutet: „In der That, er [mein vierter Zarathustra] ist schlecht zugänglich, mit seinen entlegenen Zuständen und „Weltgegenden”: welche aber doch existiren und nicht nur arbiträr sind.” (Briefe 7, 70), schreibt Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz.
Das Gebirge
Das Gebirge ist stets Zarathustras Ausgangspunkt, der Ort seines Einsiedlertums. Hier steht er über den Menschen und blickt, quasi aus der Vogelperspektive, auf das Geschehen im Tal und auf das Meer hinab („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe”, Z, Das Honig-Opfer, 247). Somit steht Zarathustra hier auch jenseits der (philosophischen) Zeit: Er überblickt das Meer, das die Zukunft bedeutet (s.u.) und das Tal, in dem der Mensch der Gegenwart residiert.
Nietzsche hat diese Landschaft im Engadin kennen gelernt. Hier wurde er auch zu seinem Zarathustra inspiriert.
Das Meer
Das Meer zeigt in die Zukunft. Es ist der Ort, der zu neuen Ufern und Entdeckungen führt. In der Fröhlichen Wissenschaft sagt Nietzsche: „Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen!” (KSA 3, 529f.).
Das Meer kennt Nietzsche von seinen Aufenthalten in Nizza, Rapallo und Venedig. Für ihn ist das Meer eine klimatische Notwendigkeit: „Hätte ich mich zur rechten Zeit mit medizinischen, klimatologischen Problemem beschäftigt [...] ich wäre kein halb-zu-Grunde-gerichteter Mensch. – Also: ich habe das Meer nöthig” (Briefe 7, 22).
Der Wald
Hierhin muss Zarathustra hinabsteigen, um seinen Übermenschen zu finden. Im Wald trifft er auf unterschiedliche Personen, die gewillt sind, seine Worte anzuhören. Auch sie sind im Wald auf der Suche: Sei es, dass sie im Tal etwas verloren haben (der letzte Papst) oder in den Wäldern etwas suchen (die Könige). Somit haben sie das Potential, von Zarathustra unterrichtet zu werden.
Ob die Wälder im Zarathustra eher Fichten-, Föhren- und Lärchenwäldern im Engadin gleichen oder den südfranzösischen Wäldern um Nizza, ist im Text nicht festzumachen.
Die Stadt im Tal
Hier ist der tiefste Punkt in Zarathustras Landschaftsbild erreicht. Hier residiert der Mensch, dem Zarathustra den Übermensch predigen will, aber „als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: ‚Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!’ Und alles Volk lachte über Zarathustra.” (Z, Zarathustra’s Vorrede, 12). Zarathustra kann hier niemanden überzeugen, denn „ich [Zarathustra] bin nicht der Mund für diese Ohren”(ebd., 14).
Die Stadt gleicht wohl am ehesten den deutschen Städten Naumburg, Schulpforta, Leipzig und dem schweizerischen Basel (Vgl. KGA, Ecce Homo, 281), denn „soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur.” (KGA, Ecce Homo, 283).
Zarathustra durchwandert sein Reich
Zarathustras Berge
Der vierte Teil von Also sprach Zarathustra beginnt in Zarathustras Einsiedlerhöhle in den Bergen. Von hier hat er einen weiten Blick auf die Welt („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe”, Z, Das Honig-Opfer, 247). Wie schon erwähnt, steht Zarathustra hier jenseits von Raum und Zeit und findet sich so, zum Abschluss des gesamten Werkes, wieder dort, wo Nietzsche ihn zuerst ersonnen hat: „Die Grundconception des Werks [...] gehört in den August 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit’.” (KGA, Ecce Homo, 333). Zarathustra gleicht hier Nietzsche auf eine Weise, in der auch die Landschaft der Umgebung Nietzsches im Engadin gleicht. Nietzsche bezeichnet nach der Entstehung des vierten Teils Zarathustra gerne als seinen Sohn („Glücklicher Weise ist etwas von den höflichen Manieren meines Sohnes Zarathustra auch in seinem verrückten Vater vorhanden.”, Briefe 7, 32 und „[...] um mit meinem Sohne Zarathustra zu reden [...]“, Briefe 7, 40) und erwähnt gegenüber Heinrich von Köselitz auch, dass ihm Sils-Maria als Landschaft verwandt ist (Vgl. Briefe 7, 31). Auch in ihrem Denken gleichen sie sich zu Beginn: „Daß wir uns viel in Gedanken damit beschäftigen, für mich eine bessere und würdigere Existenzform zu schaffen als meine jetzige es ist, und dass ich mich eigentlich fortwährend etwas schäme, so wenig noch auch im äußeren Leben ein Vorbild abzugeben, nach der Art meines Zarathustra, der doch seine Höhle hat und seine zwei Hausthiere” (Briefe 7, 8) schreibt Nietzsche an seine Mutter. Zarathustra ist genau wie Nietzsche ein Einsiedler-Philosoph, der zwar Großes denkt, aber es nicht schafft, seine Philosophie unter die Menschen zu tragen und deshalb seinen Haustieren predigen muss. Und doch fühlen sie sich in der Einsamkeit wohl, was sich allein an der Dauer ihres Einsiedlertums zeigen lässt. Zarathustra verlässt für Jahre seine Berge nicht („Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra’s Seele und er achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss.” (Z, Das Honig-Opfer, 247)) und Nietzsche ist sich sicher „wie nöthig für mich [Nietzsche] noch eine gute Zeit lang (sagen wir 5 Jahre!) eine vollständige Einsamkeit ist” (Briefe 7, 14). Dieser Zustand ändert sich, als die Luft sich klärt. Zarathustra erhält seine Inspiration, als er dem Rat seiner Haustiere folgt („Willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.” (Z, Das Honig-Opfer, 247) und auf den Gipfel des Berges steigt.
Gleichwohl wird Nietzsche von der Luft inspiriert: Bei schlechter Luft und bewölktem Himmel wird er sofort krank und kann kaum schreiben („Ich bin beständig krank [...] Unbeschreiblich, wie ein bewölkter Himmel auf mich wirkt!”, Briefe 7, 6). Er macht keinen Hehl daraus „an was für delikate Bedingungen die Freiheit meines Kopfes und meine ganze Tüchtigkeit gebunden ist.” (Briefe 7, 43). Die klare Luft in Sils-Maria inspirierte ihn aber letztendlich zu seinem Zarathustra.
Auf dem Berggipfel angekommen, stellt Zarathustra ein bekanntes Zitat aus Nietzsches Ecce Homo dar: „Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! Wie frei man athmet! Wie Viel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge” (KGA, Ecce Homo, 256).
So spricht auch Zarathustra, als er oben angelangt ist: „Hier oben darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.” (Z, Das Honig-Opfer, 248). Hier ist Zarathustra am weitesten entfernt von dem, was ein normales menschliches Leben und Denken sein kann. Er steht weit über allem, über dem Menschen. Zarathustra ist der Übermensch. In der Landschaft bzw. auf dem Berg auf dem Zarathustra steht bewahrheitet sich literarisch, was Nietzsche über das Buch Zarathustra sagt: „Die Buch [...] ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Tiefe unter ihm” (KGA, Ecce Homo, 257). Darauf aufbauend stellt Nietzsche sein Buch in dessen Text auch als Antwort auf Fragen der Menschheit dar: „[...] mit beiden Füssen stehe ich sicher auf diesem Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach Wo? Und Woher? Und Wohinaus?” (Z, Das Honig-Opfer, 250).
Von diesem Gipfel der Antworten hinaus kann Zarathustra auch einen Blick in die Zukunft erhaschen: „Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir – welch rosenrothe Stille! Welch entwölktes Schweigen!” (Z, Das Honig-Opfer, 250)
Zarathustras Wälder
Nachdem der Wahrsager ihn auf das Geschehen unterhalb seiner Höhle im Gebirge aufmerksam gemacht hat, wird Zarathustra durch einen „Nothschrei” in seine Wälder gerufen. Wie bereits erwähnt, finden in dieser Landschaft vielfältige Kommunikationen statt. Auch in der Diskussion dieser Kommunikationen und der Landschaften, in denen sie ablaufen, mag das Augenmerk wieder auf den Parallelen zwischen Nietzsche, Zarathustra und dessen Gesprächspartnern liegen. Ich will versuchen, Zarathustras Gesprächspartner als Aspekte des Charakters von Friedrich Nietzsche festzumachen.
Der Gewissenhafte des Geistes
Zarathustra begibt sich auf seiner Suche nach dem Ursprung des „Nothschreies” auch in eine Moorlandschaft („Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und vorbei an moorigen Gründen” (Z, Der Blutegel, 259)). Dort stolpert er buchstäblich über den Gewissenhaften des Geistes. Dieser hatte nämlich „ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.” (ebd., 259). Der Gewissenhafte des Geistes angelt nach Blutegeln, um dessen Hirn zu untersuchen. Warum er das tut, erklärt er selbst: „Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! [...] Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.” (ebd., 261). Damit prangert er genauso wie Nietzsche einen Missstand in der Wissenschaft an. Nietzsche formuliert in seiner Fröhlichen Wissenschaft: „Die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für oder wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben” (KSA 3, 373). So ist der Gewissenhafte des Geistes auf der Suche nach dem „letzten und sichersten Grund”: „Eine Hand breit Grund ist mir genug: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!” (Z, Der Blutegel, 261). Auch meint er: „Hier bin ich heim und in meinem Bereiche” (ebd. 260). Doch auch hier steht Zarathustra über ihm: „Du irrst [...]: hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche” (ebd.). Erinnern wir uns an die Landschaft, in der die Szene spielt: Ein Moor bzw. ein Sumpf bilden die Kulisse. Das Versinken ist hier immer eine Gefahr, weshalb der Gewissenhafte des Geistes wohl (symbolisch) nach Grund und Boden sucht: „eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn.” (ebd., 261). Zarathustra scheint dies nicht nötig zu haben, er kann ohne weiteres das Moor durchqueren. Zarathustra kann dem Gewissenhaften des Geistes die Hand reichen, ohne selbst einzusinken, ist er doch auch der Lehrmeister des Gewissenhaften (Vgl. ebd. 260).
Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt den Aspekt Nietzsches dar, der versucht, Wissenschaftlichkeit zu propagieren. Aufbauend auf oben genanntem Zitat der Fröhlichen Wissenschaft geht Nietzsche seinem eigenen Wissen auf den Grund. Anderem aber nicht, denn „Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich” (ebd., 261) (Vgl. auch Schmidt/Spreckelsen, S.105).
Ausser Dienst
Später trifft Zarathustra auf den letzten Papst. Anhand dieses Beispieles möchte ich erläutern, inwiefern Zarathustras Wälder Orte der Suchenden sind. Zarathustra will zunächst gar nicht mit dem letzten Papst sprechen, er erkennt ihn schon optisch als Priester und will sich an ihm vorbeidrängen. Doch dieser wendet sich Hilfe suchend an ihn: „Wer du auch bist, du Wandersmann, [...] hilf einem Verirrten, einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!” (Z, Ausser Dienst, 270). Zarathustras Wälder sind dem letzten Papst „fremd und fern” (ebd.), er fühlt sich hier nicht sicher. Er hat unten im Tal seinen Gott verloren und sich deshalb auf der Suche nach einem Einsiedler gemacht, der nicht von Gottes Tod erfahren hatte. Da dieser Einsiedler aber auch gestorben war, sucht er „den Frömmsten aller Derer, die nicht an Gott glauben” (ebd., 271), Zarathustra selbst. Dadurch, dass der letzte Papst im Tal etwas verloren hat, ist er endlich auch gewillt, sich Zarathustras Worte anzuhören, im Gegensatz zu den Menschen, die im Tal verblieben. Er erkennt bereitwillig an, dass Zarathustra wahre Dinge ausspricht und bittet ihn „Lass mich deinen Gast sein, oh, Zarathustra, für eine einzige Nacht! Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!” (ebd., 273f.). Verwundert lädt Zarathustra den letzten Papst zu sich ein, denn seine Höhle „ist ein guter Hafen” (ebd., 274). Indem die Höhle als Hafen bezeichnet wird, drängt sich der Vergleich der Wälder mit dem Meer geradezu auf. Wie das Meer sind die Wälder für den letzten Papst eine Welt neuer Entdeckungen, diese ist ihm aber „fremd und fern”, er fürchtet sich. Zarathustra aber hilft ihm einerseits, neue Dinge zu entdecken und ist andererseits sein Retter, denn „am liebsten möchte ich [Zarathustra] jedweden Traurigen wieder auf festes Land und feste Beine stellen.” (ebd.). Einen ähnlichen Vergleich macht Zarathustra schon früher: „Denn wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches reiches Meer” (Z, Das Honig-Opfer, 248).
Der hässlichste Mensch
Zarathustras nächste Station erscheint wie eine alptraumhafte Parodie auf seine Berge und Wälder: Das Tal des hässlichsten Menschen. Nietzsche beschreibt es eindrucksvoll: „Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme [...] nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben.” (Z, Der hässlichste Mensch, 275). Diese Landschaft erscheint bekannt aus dem dritten Satz von Nietzsches Gesetz wider das Christenthum: „Die fluchwürdige Stätte, auf der das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden gleich gemacht werden und als verruchte Stelle der Erde der Schrecken aller Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihr züchten” (KGA, Der Antichrist, 252). Der Mörder Gottes residiert also dort, wo einst das Christentum den größten Einfluss hatte. Dies ist nicht vollkommen abwegig, wenn man sich das Motiv für den Gottesmord anschaut, das Zarathustra errät: „Du ertrugst Den nicht, der dich sah, – der dich immer und durch und durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!” (Z, Der hässlichste Mensch, 276). Ich denke, dass der hässlichste Mensch vor seinem Gottesmord selbst ein Geistlicher war. Für diese Annahme sprechen einige Indizien.
Der hässlichste Mensch spricht von den Menschen: „Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.” (ebd., 277). Dies trifft gewissermaßen auch auf das Bild eines Pfarrers als Hüter einer Schafherde zu. Weiter spricht der hässlichste Mensch über Christus: „Und ‚Wahrheit’ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam [...] welcher von sich zeugte ‚ich – bin die Wahrheit’” (ebd.). Er beschuldigt Christus, das Mitleiden gelehrt zu haben. Dieses Mitleiden aber wurde von Zarathustra in Frage gestellt, was den hässlichsten Menschen überzeugte: „Aber er – musste sterben: [...] Sein Mitleiden kannte keine Scham.” (ebd., 278). Er wandte sich also von der Kirche, der er bis dahin gedient hatte, ab. Auch trifft die Basilisken-Symbolik auf den hässlichsten Menschen zu: Dem Basilisken wird zugerechnet, dass ein direkter Blick auf ihn verletzen oder gar töten kann, deshalb wendet Zarathustra seinen Blick sofort ab und der hässlichste Mensch warnt ihn: „Blicke mich aber nicht an!” (ebd., 276). Nach Nietzsches Antichrist hat aber die Kirche ihre Basiliskeneier selbst ausgebrütet (s.o.), hernach kam der Mörder Gottes wohl aus der Mitte der Kirche.
Einen Hinweis darauf, dass auch hier ein Aspekt Nietzsches verwirklicht wird, mag man im Vergleich mit einem Brief an Franz Overbeck finden. Der hässlichste Mensch ruft Zarathustra zu: „Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel!” (ebd., 275) und weckt damit Assoziationen mit der Sphinx aus der Ödipus-Sage. Nietzsche wiederum schreibt an Overbeck: „Du möchtest gar den Verfasser des Z[arathustra] für übergeschnappt halten. Meine Gefahr ist in der That sehr groß, aber nicht diese Gefahr: wohl aber weiß ich mitunter nicht mehr, ob ich die Sphinx bin, die fragt, oder jener berühmte Oedipus, der gefragt wird” (Briefe 7, 44).
Der Gang, den der hässlichste Mensch hinter sich hat, passt auch auf Nietzsches Lebenslauf: Wird er als Kind eines Pfarrers (auch die Mutter stammt aus einer Pfarrfamilie) noch in das Herz der Kirche geboren und wird im Domgymnasium zu Naumburg umfangreich in Religion gelehrt, so wird er sich doch später als „Antichrist” und Verfechter der These „Gott ist tot” einen Namen machen.
Der freiwillige Bettler
Verlassen wir diesen alptraumhaften Ort und begeben uns in eine Landschaft, die das genaue Gegenteil darstellt: „Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte: da wurde ihm mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.” (Z, Der freiwillige Bettler, 280). Inmitten dieser Idylle trifft Zarathustra ein weiteres Mal auf einen Aspekt seines Vaters Nietzsche: den freiwilligen Bettler. Bevor er aber dessen Bekanntschaft machen kann, geschieht ihm etwas Eigentümliches, das auch Nietzsche schon erlebte: „Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt.” (ebd.). Bei Nietzsche klingt das folgendermaßen: „In einem solchen Zustande [dem Verlust der Defensiv-Kräfte aufgrund der rancune des Großen (s.u.)] empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich…” (KGA, Ecce Homo, 340). Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Verwandtschaft zwischen Zarathustra und Nietzsche. Die Formulierung deutet aber noch mehr daraufhin, dass Zarathustra hier jemandem begegnen wird, der seinem Vater Nietzsche in seinem Einsiedlerleben sehr ähnlich ist.
Zwischen den Kühen findet Zarathustra einen friedfertigen Menschen und Berg-Prediger aus dessen Augen die Güte selber predigt (Vgl. Z, Der freiwillige Bettler, 280). Nietzsche selbst schreibt über sich: „Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen [...] man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin [...] keine Spuren davon entdecken, dass Jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte” (KGA, Ecce Homo, 267). Der freiwillige Bettler hat seine ganzen Reichtümer verschenken wollen, „aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Better, du weißt es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen” (Z, der freiwilliger Bettler, 281). So wie der freiwillige Bettler vor dem Unverstand der Menschen zu den Tieren flieht, möchte Nietzsche selbst das Tier werden: „Oder ich fände die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden?” (KGA, Ecce Homo, 290). Tatsächlich floh Nietzsche in die Einsamkeit ins Engadin, wie weiter oben unter „Zarathustras Berge” erläutert. Der freiwillige Bettler hat von sich aus jedem Besitz entsagt. Auch hier gleicht er Nietzsche, der schreibt: „Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat!” (ebd., 293). Interessanterweise gleicht der freiwillige Bettler auch in seiner Ernährung Nietzsche. Zarathustra erkennt seinen Speiseplan: „Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer. Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den Honig.” (Z, Der freiwillige Bettler, 283). Nietzsche erläutert in einem Brief an seine Schwester seinen eigenen Diätplan: „Ich möchte gern ‚der Einsiedler von St. Jean’ werden. Im Freien leben und arbeiten – das ist meine Aufgabe. Milch, Reis, Fleisch, keine Hotels. Und Honig: – oh wie gut ist er wieder!” (Briefe 7, 73). Nietzsche bestellt des Öfteren Honig bei seiner Mutter oder seiner Schwester nach Nizza.
Der freiwillige Bettler ist die Darstellung des naturnahen Einsiedlers Nietzsche in literarischer Form.
Der Schatten
In seiner letzten Begegnung trifft Zarathustra auf seinen Schatten. In meiner Lesart zeigt auch dieser Gesprächspartner einen Aspekt Nietzsches auf, namentlich die Schattenseite seines Schaffens. Selbstverständlich symbolisiert der Schatten auch die Schattenseite Zarathustras, aber da ich ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Nietzsche und Zarathustra bereits nachgewiesen habe, möchte ich mich darauf konzentrieren, wie der Schatten mit Nietzsches Arbeit zusammenhängt.
Zarathustra hat zunächst keine Lust mit seinem Schatten zu reden, da sich bereits hier ein Negativaspekt seines Schaffens zeigt: „Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in seinen Bergen” (Z, Der Schatten, 284). Genau dies hat auch Nietzsche in seinen Bergen erfahren: „Seltsam! Es wimmelt im Engadin von Menschen, die mich kennen; und wenn ich Zeit hätte, ‚eitel’ zu sein, so könnte ich einen kleinen ‚Hof’ um mich haben [...] Aber ‚der Einsiedler von Sils-Maria’ fängt an, auf seine ‚Würde’ zu halten und immer schwerer zugänglich zu sein.” (Briefe 7, 79f.). Zarathustra scheint auch den Schatten nicht als seinen eigenen anzuerkennen („Und wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.” (Z, Der Schatten, 285)), vielleicht ahnt er, dass es vielmehr Nietzsches Schatten denn sein eigener ist. Auch der Schatten deutet selbst darauf hin: „Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach” (ebd.). Dies weist darauf hin, dass Nietzsche den Zarathustra als sein Hauptwerk ansieht. Des Weiteren: „Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte.” (ebd., 286). Hier charakterisiert Nietzsche sein Werk, vergleichbar mit seiner Selbsteinschätzung aus Ecce Homo: „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheueres anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab [...] an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.” (KGA, Ecce Homo, 363)
Doch mit dem Eifer über das Werk kommt auch die Ernüchterung: „In die kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als rother Krebs da!” (Z, Der Schatten, 286). Es fehlt ihm die Gewissheit, etwas Richtiges publiziert zu haben. Weiter spricht der Schatten: „Habe ich – noch ein Ziel? [...] Was blieb mir noch zurück? [...] Diess Suchen nach meinem Heim: oh Zarathustra, weißt du wohl, diess Suchen war meine Heimsuchung, es frisst mich auf.” (ebd., 286f.). Alle diese Fragen korrespondieren mit dem, was Nietzsche die „rancune des Großen” nennt: „alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach” (KGA, 340). Nietzsche hat sein Werk fast vollendet, nun bekommt er Angst vor dem Danach. Ironischerweise deutet Zarathustra als Antwort schon auf den kommenden Zusammenbruch Nietzsches hin: „Du hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!” (Z, Der Schatten, 287).
Fazit:
Auf seiner Reise trifft Zarathustra auf verschiedene Aspekte seines Schöpfers Friedrich Nietzsche. Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt Nietzsches Wissenschaftsauffassung wider. Der letzte Papst und der hässlichste Mensch korrespondieren mit Nietzsches Verbindung zum Christentum und zu Gott. Hat der letzte Papst noch etwas verloren, wird er von Zarathustras Ideen inspiriert, seinen Glauben zu überdenken. Im hässlichsten Menschen wird Nietzsche selbst zum Gottesmörder und nabelt sich von seiner christlichen Vergangenheit ab, nicht ohne ein paar Hinweise auf dieselbe zu streuen. Der freiwillige Bettler hingegen zeigt Nietzsches Suche nach Seelen- und gesundheitlichem Frieden, den er in der Natur zu erlangen erhofft, während der Schatten einen ersten Grund für diese Suche darstellt: Die „rancune des Großen”, mit der die Flucht vor dem eigenen Werk einhergeht.
Nicht zu vergessen bleibt die schon gleich zu Anfang herausgestellte Verwandtschaft zwischen Nietzsche und seinem Sohn Zarathustra.
Die Landschaften, die Nietzsche benutzt um Zarathustra in ihnen wandern zu lassen entspringen ebenfalls seiner ganz direkten Erfahrung und seinen Vorlieben für die Wälder und Berge des Mittelmeerraumes. Selbst das alptraumhafte Tal des hässlichsten Menschen hat er in seinem Antichrist schon vorher ersonnen.
All diese Faktoren zeichnen den vierten und letzten Teil von Also sprach Zarathustra als ein sehr persönliches Buch aus, was auch Nietzsches Ablehnung einer Publikation desselben verständlich macht. Er lässt den vierten Teil lediglich in kleiner Auflage für Freunde drucken und ermahnt diese in seinen Briefen auch, nicht öffentlich über dieses Buch zu reden (zum Beispiel in einem Brief an Heinrich von Köselitz: „Bitte, schreiben und sprechen sie auch nicht davon, dass es einen 4ten Z[arathustra] giebt.” (Briefe 7, 21).
Posted by: Dennis Janzen on: 9. März 2009
Aus einem Proseminar, Sommersemester 2006.
————————————————————–
Die Soldaten des Prokurators brachten Jesus in den Palast und versammelten die ganze Mannschaft um ihn. Sie zogen ihn aus und hängten ihm einen roten Mantel um, flochten eine Krone aus Dornenzweigen und drückten sie ihm auf den Kopf. Sie gaben ihm einen Stock in die Hand, knieten vor ihm nieder und machten sich über ihn lustig. „Der König der Juden, er lebe hoch!” riefen sie. Dann spuckten sie ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihn damit auf den Kopf. Als sie ihn genug verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab, zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an und führte ihn hinaus, um ihn ans Kreuz zu nageln. Matthäus 27, 27-31
Einführung
Den Großteil seines Lebens, und damit seiner Kunst, hat Albrecht Dürer der Darstellung der christlichen Heilsgeschichte gewidmet. Die Darstellung derselben war für Dürer erstes Ziel der Kunst:
„Es ist awch nit zw verwerffen, daz jch etwas beschreib, das zumm gemell dinstlich ist. Dan durch malen mag angetzeigt werden das leiden Christi vnd würt geprawcht jm dinst der Kirchen.”[1]
So hat uns Dürer allein fünf Passionsfolgen hinterlassen, für deren Darstellung er – mit Ausnahme der so genannten grünen Passion – graphische Techniken anwandte. Diese Entscheidung mag sowohl gestalterische als auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben, die im Verlauf dieses Textes noch erläutert werden sollen.
Das Ziel dieser Arbeit soll eine Art Katalogeintrag bzw. ein analytischer Quervergleich verschiedener Darstellungen desselben Themas aus den unterschiedlichen Passionsfolgen sein. Als Thema wurde hier die Dornenkrönung Christi gewählt.
Der Quervergleich stützt sich nicht nur auf die Passionsfolgen Dürers, sondern stellt diesen die Analyse der Darstellung in Martin Schongauers Passionsschnitten voran, da Schongauers Werke einen großen Einfluss auf Dürer hatten. Anschließend soll die Darstellung der Dornenkrönung in der kleinen Passion als älteste graphische Darstellung als Referenz besprochen werden um im Anschluss die Dornenkrönung im Kupferstich und schließlich die grüne Passion genauer zu beleuchten.
Schongauers Dornenkrönung

Schongauers Darstellung der Dornenkrönung folgt der ikonographischen Tradition und stellt Christus frontal sitzend zwischen den Schergen dar[2], gerahmt von einem gotischen Gewölbe, das hier mehr als Zierde für den oberen Bildrand fungiert denn es einen tatsächlichen Handlungsort darstellt.
Christus ist genau in die Bildmitte gesetzt, während sich um ihn herum sechs Schergen versammelt haben. Im linken oberen Bildhintergrund sieht man zwei Hohepriester.
Schongauer stattet seine Schergen mit einer ausdrucksvollen Gestik und Handlungsvielfalt aus, so zeigt der zweite Scherge von links Christus die „Feige”, eine obszöne Geste, indem er den Daumen der rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger steckt. Der erste Scherge links drückt Christus mit verachtendem Gesichtsausdruck einen Stock in die Hand während der Knabe rechts spottend den Mittelfinger an die Lippen legt.
Die Gesichter der Schergen weisen die archetypischen jüdischen Züge auf: Hakennasen und aufgequollene Gesichtszüge geben Christi Peinigern ein hässliches Antlitz und der Scherge rechts oben bekommt durch seine Waffe gar Teufelshörner aufgesetzt. Ähnlich schaut es auch bei dem Schergen links oben aus, der die Dornenkrone mit einem Stock auf Christi Haupt drückt: Die Federn an den Ärmeln seiner Rüstung geben ihm ein wildes, tierhaftes Aussehen.
Christus scheint von all dem nicht berührt zu sein. Wie ein gutmütiger alter König thront er in einem Oval, das dem Blatt durch den runden Vorsprung unten und dem Gewölbe oben eingeschrieben ist. Dieses Oval markiert eine Aura der Sanftmut, die die Schergen kaum zu durchbrechen vermögen: Die Hände, die an Christus gelegt werden, scheinen ihn nicht zu schlagen und wirken, als ob sie alle Wucht verloren hätten. Auch die Dornenkrone auf seinem Haupt wirkt nicht wie ein Folterinstrument, hat sie doch alle ihre Dornen nach oben gestreckt und ähnelt so einer wirklichen Königskrone. Und so wie die Dornen der Krone weisen auch die drei dem Blatt eingeschriebenen Stöcke und Lanzen gen Himmel und geben dem Blatt damit neben all der irdischen Rangelei auch eine aufstrebende Dynamik.
Die Dornenkrönung in Dürers kleiner Holzschnittpassion

In der 1509 entstandenen kleinen Holzschnittpassion wählt Dürer eine neue[3] Darstellungsweise der Dornenkrönung: Christus wird am rechten Bildrand im Profil dargestellt. Die Figurendichte ist reduziert, neben Christus sind lediglich drei Schergen und die zwei Hohepriester dargestellt.
Noch wesentlich stärker als Schongauer stattet Dürer die Schergen mit dämonischen Merkmalen aus: So trägt der kniende Scherge einen Spitzbart und die Gesichtszüge des schlagenden Schergen hinter ihm sind aufs äußerste verzerrt. Zudem kann auch die Kopfbedeckung des hintersten Schergen einmal mehr als stilisierte Teufelshörner gelesen werden – ein Eindruck, der durch die Forke in seiner Hand nur verstärkt wird.
Christus selbst erscheint auf dem Blatt weniger als friedfertiger König wie auf Schongauers Stich noch wie ein belehrender Herrscher wie in Dürers späterer Kupferstichpassion. Der Holzschnitt zeigt einen ratlosen, duldsamen Mann, der aber in stillem Widerstand den Dämon vor ihm niederringt. Ganz deutlich erhebt Christus beim Ergreifen des Stabes den Finger und zeigt gen Himmel, was den Teufel vor ihm nicht nur auf die Knie zwingt: Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass der Oberkörper des Schergen nicht mehr parallel zu seinen Beinen verläuft, wie es bei einem normalen Niederknien der Fall wäre, sondern dass der Oberkörper verschoben ist, als wenn ein Druck von oben auf ihm lasten und ihn niederdrücken würde.
Auch die Hohepriester im linken Bildmittelgrund haben einen eher ratlosen denn boshaften Gesichtsausdruck. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die architektonische Gestaltung des Bildhintergrundes, wo sich hinter von Säulen gestützten Rundbögen der Raum in mehrere verschachtelte Gänge öffnet. Dies ließe sich so deuten, dass hier Christi letzte Station im zivilisierten Jerusalem ist, bevor er zur Kreuzigung hinaus in die Welt geht – einen Weg, den er bisher nur erahnen kann, und der sich im Bildhintergrund sozusagen in seinen dunklen Möglichkeiten verzweigt.
Eine bessere und klarere Interpretation der Architektur des Bildraumes ist aber in Anbetracht des Mediums und der Zielsetzung bzw. Kundenorientierung der kleinen Passion zu machen. Das recht breite Format von 12,6 cm : 9,7 cm und die Teilung des Raumes durch die Rundbögen im hinteren Mittelgrund lassen einen bei der Anordnung am ehesten an eine Theaterszene denken, die „Bühnenarchitektur” des Bildraumes ist klar ersichtlich.
Da die kleine Passion sich eher an weniger gebildete Käuferschichten als beispielsweise die Kupferstichpassion wendet, ist diese dem Theater entlehnte Darstellungsweise vollkommen verständlich: abseits von theologischen Deutungen soll das Blatt der kleinen Passion vor allem die reine Handlung der Leidensgeschichte Jesu zeigen und eine Geschichte erzählen, wie sie auf einer Theaterbühne ablaufen könnte.
4. Die Dornenkrönung in Dürers Kupferstichpassion

Für die auf 1512 datierte Darstellung der Dornenkrone nutzt Dürer erneut die Komposition, die Christus im Profil am rechten Bildrand zeigt. Besonders auffällig ist aber der Wechsel des Formates im Vergleich zur kleinen Holzschnittpassion: Dürer wählt hier das schlanke Format von 11,8 cm : 7,4 cm. Und nicht nur das Format begrenzt den Raum, in dem die Personen agieren: Auch der Bildhintergrund wird durch einen Vorhang und ein Stück Wand ausgefüllt. Man kann zwar die Tiefe des Raumes durch eine fluchtende Säulenreihe in der Mitte des Hintergrundes erahnen, doch der Handlungsort ist auf einen kleinen Bereich begrenzt. Gleichzeitig erhöht Dürer die Anzahl der handelnden Personen von sechs auf neun, so dass im Bildraum wesentlich mehr Bewegung und Spannung erzeugt wird.
Aus der Dornenkrönung ist in der Kupferstichpassion eine echte Marter geworden: Gleich fünf Schergen hauen und stechen mit einer großen Dynamik auf Christus ein und statt Stöcken und Prügeln trägt zumindest einer von ihnen eine echte Waffe. Auch die Dornenkrone erscheint hier wesentlich martialischer.
Der gelockte Knabe in der Bildmitte hinter Christus erinnert äußerst deutlich an den Knaben in Schongauers Dornenkrönung, zeigt er doch dieselbe obszöne Gestik, indem er wie Schongauers Knabe den Mittelfinger an den Mund legt. Es ist gut möglich, dass Dürer ihm als Reminiszenz an Schongauer diese Gestik verliehen hat. Auch der Scherge, der die Dornenkrone von oben auf Christi Haupt herabdrückt könnte von Schongauer entlehnt sein: der ähnliche Harnisch und die auffallend ähnliche rundgesichtige Physiognomie lassen diesen Schluss zu.
Christus erträgt seine Marter ohne Anzeichen der Qual. Wie ein König sitzt er auf seinem Thron und sowohl Körperbau als auch Physiognomie erinnern an das griechische Ideal[4], ähnlich Dürers Adam, den er zwei Jahre zuvor in der Vorhöllendarstellung der großen Holzschnittpassion gestaltete.
Das Schilfrohr, das Christus in der Hand trägt, stellt Dürer wesentlich kürzer dar als die üblichen Stöcke. So wird der Eindruck eines Szepters, einer Insignie, deutlich verstärkt.
Dürer lässt in diesem Blatt also eine sehr dialektische Lesart zu: Einerseits wird Christi Marter auf drastische Weise deutlich gemacht und auch Spott und Hohn seiner Gegner werden durch die Figur des Knaben und des knienden Schergen verbildlicht. Andererseits wird Christus aber nicht als reiner Schmerzensmann dargestellt, sondern er wird tatsächlich gekrönt und mit Herrschaftsinsignien ausgestattet, sein Triumph bereits verdeutlicht und sein Anspruch als Herrscher hernach gefestigt. Diese Idee folgt einer Bibelauslegung, die Dürer durchaus bekannt gewesen sein dürfte[5].
Diese Dialektik der Darstellung festigt die Vermutung, dass Dürer die Kupferstichpassion für eine gänzlich andere Zielgruppe gestaltete als die kleine Holzschnittpassion. Das Blatt ist kein reines Andachts- oder Gebetsbild, sondern für einen anspruchsvollen und vorgebildeten Leser gestaltet[6].
Die Dornenkrönung in Dürers grüner Passion

Die grüne Passion aus den Jahren 1503 und 1504 ist eine faszinierende aber schwer lesbare Passionsfolge, die ihren Namen ob des grünen Papiers trägt, auf dem sie mit schwarzer und weißer Tusche gestaltet wurde.
An der Dornenkrönung der grünen Passion fällt zuerst – wie bei den meisten anderen Innenraumdarstellungen innerhalb der grünen Passion – die äußerst exakte Architektur des Raumes auf. Trotz ihrer konzeptionellen Genauigkeit bleibt das Mauerwerk allerdings blass, da eine Struktur des Gemäuers fast nicht auszumachen ist. Was bleibt, erscheint eher wie eine Architekturstudie – der die gesamte obere Hälfte des Blattes gewidmet ist – denn wie ein tatsächlicher Handlungsraum.
In der Komposition erscheint diese Dornenkrönung in alter Tradition zu stehen: Christus sitzt leicht links von der Mitte des Bildraumes, allerdings nicht vollkommen frontal. Er ist von vier Schergen umringt, am rechten Bildrand sehen wir zwei äußerst interessante Figuren: weiter hinten ein bärtiger Mann der vorsichtig um eine Säule in den Raum hineinlugt, im Vordergrund eine Person in einem weiten Gewand, die sich von dem Geschehen abwendet und sich schon zur Hälfte aus dem Bildraum bewegt hat. Diese Figur ist vermutlich Pilatus, denn in Johannes 19, 1-4 heißt es:
Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde.
Dürer können wir in diesem Fall also als aufmerksamen und genauen Bibelleser erkennen.
Ähnlich wie bei Schongauers Darstellung kommen die Schergen auch hier nicht an Christus heran, sie bedienen sich langer Stöcke, um die Dornenkrone herabzudrücken, vermögen sie doch selbst nicht die Aura Christi zu durchbrechen. Darauf lässt auch die Person hinter der Säule schließen, die sich nicht einmal zum Ort des Geschehens wagt.
Der unterste Scherge scheint Christus geradezu sanft und voller Hingabe das Schilfrohr in die Hand zu drücken. Christus selbst erscheint gebeugt, fast schlafend.
Durch die überkreuzten Stöcke über Christi Haupt wird das Kreuzmotiv schon vorweggenommen, die Deckenarchitektur verdoppelt dies durch den Deckenbalken, der mit dem mittleren Pfeiler unter den Rundbögen ebenfalls ein Kreuz erahnen lässt.
Ein interessantes Detail ist auch die Dornenkrone: Obwohl die Schergen sie mit den verkreuzten Stöcken oder Standen herunterdrücken wollen, schwebt sie doch wie ein Heiligenschein über dem Haupte Christi und auch das Licht, dass den unteren Schergen und das Gewand Pilatus erleuchtet kann genauso gut von der Dornenkrone wie von dem Fenster im Hintergrund ausgehen.
Schlussteil
Die Unterschiede in den Passionsfolgen liegen nunmehr deutlich auf der Hand: Während die kleine Holzstichpassion das körperliche Leiden betont und ihre äußere Handlung quasi auf der Bühne eines „volkstümlichen Mysterienspiels” zur vollen, aktiven Geltung bringt, zeigt uns die Kupferstichpassion ein psychologisches Bild, „das geistige Leiden mehr als die körperliche Marter”[7] und damit auch die innere Handlung ihres Protagonisten; ein weiterer Grund für das kompakte Format, das den Betrachter noch näher an die Szene heranführt.
Literatur
LCI: Engelbert Kirschbaum [Hrsg.]: Lexikon der christlichen Ikonographie, Band I A-Ezechiel. Rom: Verlag Herder 1968
Strieder: Peter Strieder: Dürer. Königstein im Taunus: Verlag Karl Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster KG 1981
Panofsky: Erwin Panofsky: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers. München: Rogner & Bernhard GmbH & Co. Verlags KG 1977
Abbildungen von: Felix Thürlemann, Michael Matschiner, Veronica Peselmann: Dürers Passionsfolgen im Vergleich. CD-ROM. Konstanz: Universität Konstanz 2006
[2] Vgl. LCI, 514f.
[3] Vgl. LCI, 516
[4] und unterscheiden sich so auch von anderen Darstellungen Christi in derselben Passionsfolge.
[5] Vgl. LCI, 513
[6] Wie Erwin Panofsky schreibt: „[...] die gestochene Folge war nicht als Erbauungsbuch, sondern vielmehr als ‚Stück für den Sammler’ konzipiert, das von dem Kunstliebhaber genossen, statt von dem Frommen gelesen werden sollte.” (Panofsky, 188)
[7] Vgl. Panofsky, 189
Posted by: Dennis Janzen on: 9. März 2009
Dass die Kinogeschichte ihren Anfang auf dem Jahrmarkt nimmt, ist bekannt.
Dass der Jahrmarkt und vor allem seine Nachfolger, die großen Themenparks, dem Kinofilm viel verdanken und durch den Film gewonnenes Wissen bis heute einsetzen, um ihre Besucher zu amüsieren, zu erstaunen und auch zu kontrollieren, ist weniger oft erwähnt.
Und dass viele Filme noch immer gern auf Vergnügungsorte und Fahrgeschäfte zurückgreifen, um Geschichten zu erzählen und um sich selbst darin vorzustellen oder ihre eigene Betrachtung und Anordnung zu zeigen, wird noch viel seltener erzählt.
Hier finden Sie:
Eine Geschichte des Kinos und des Vergnügungsparks!
Eine Betrachtung mehrerer berühmter Filme von Das Kabinett des Dr. Caligari bis Die fabelhafte Welt der Amelie und ihren Umgang mit Vergnügungsorten und Fahrgeschäften!
Eine längere Analyse von Steven Spielbergs Jurassic Park, dem größten, besten und spektakulärsten Themenparkfilm überhaupt!
Vergnügungspark- und Kinogeschichte
Der weltliche Ursprung der Vergnügungs- und Themenparks liegt im Jahrmarktstreiben des Mittelalters. Der ortsansässige Souverän lobte einen Markttag aus, an dem die Händler von Zoll- und Steuerbelastungen befreit wurden und die sonst oft vogelfreien Gaukler und Spielleute den „Marktfrieden” genossen, der ihnen gefahrlose Auftritte und Darbietungen ermöglichte. Zum Markttreiben kamen Wettkampf- und Schützenspiele hinzu, die vor allem der adligen Bevölkerung Kurzweil versprachen[1].
In der alten Welt wurden diese Spiele mit der Zeit demokratisiert; so gründen sich die zwei größten deutschen Volksfeste – das Oktoberfest in München und der Cannstatter Wasen in Stuttgart – ursprünglich auf adlige Intentionen. Ersteres wurde zum Anlass der Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildenhausen zum ersten Mal 1810 gefeiert, während letzteres von König Wilhelm I. in einer landwirtschaftlichen Notlage zum Wohle des Volkes 1818 als „Landwirtschaftliches Hauptfest zu Kannstadt” veranstaltet wurde[2]. Beide Feste wurden wenig später in die Hände der jeweiligen Stadtverwaltungen gelegt und damit immer zugänglicher für die breite Bevölkerung gemacht.
In den USA entstanden nach dem Vorbild der Weltausstellungen zum Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche „dauerhafte Volksfeste”[3], die man auch als Vergnügungsviertel – ähnlich dem Wiener Prater oder Hamburgs St. Pauli - bezeichnen kann. Das bekannteste und häufig zitierte Beispiel hierfür ist Coney Island, eine der Stadt New York vorgelagerte Insel, auf der sich die ersten Vergnügungsparks (v.a. Steeplechase Park, 1897, und Lunapark, 1903) ansiedelten[4]. Diese abgeschlossenen Vergnügungsorte waren die Vorstufe zu den heute weit verbreiteten Themenparks, auf die hier gleich eingegangen werden soll.
Doch blicken wir noch einmal zurück auf die Wurzel der Vergnügungswelten und damit auf den Jahrmarkt, der sich in unterschiedlicher Form – beispielsweise als Frühlingsfest oder Rummel – bis heute erhalten hat. Im selben Maße, wie der Jahrmarkt seine Bedeutung als Markt, also als Umschlagsplatz von Waren und Gütern, verliert, so steigt seine Bedeutung als Vergnügungsort und damit die Anzahl an Attraktionen wie Schießbuden, Losbuden, Völkerschauen, Fahrgeschäfte und Kinematographen.
Anne Paechs und Joachim Paechs Buch Menschen im Kino benennt im Inhaltsverzeichnis sein erstes Kapitel mit „Jahrmarktkino und Der erste Kinobesuch”[5]. Dieser Titel hat es nicht in den Haupttext geschafft: Hier wird das erste Kapitel nur mit „Kinematographen” überschrieben. Dennoch beginnt Paechs und Paechs Kinogeschichte mit einer Erzählung über Jacques Tatis Film Jour de Fête (1947), der auf dem Rummelplatz eines französischen Dorfes spielt[6]. Jour de Fête ist ein Film, der eine Filmvorführung auf dem Rummelplatz zeigt und damit seine Herkunft spiegelt: Die Filmgeschichte beginnt (zumindest teilweise) auf dem Rummelplatz.
Die Schausteller nahmen die Attraktion „Cinématographe” begeistert in ihr Programm auf, stellte sie doch eine fantastische Neuerung und Ergänzung zu den so beliebten Schaukästen, Panoptikums und Panoramen dar[7]. Da die Filme damals noch vom Schaubudenbetreiber gekauft werden mussten und nicht durch ein Verleihsystem zirkulierten, „waren die Kinematographen-Veranstalter gezwungen, sich für dieselben Filme immer wieder ein neues Publikum zu suchen”[8] und zogen somit „von einem Jahrmarkt zur nächsten Kirmes”[9] und weiter zum nächsten Vergnügungsort. Uwe Geese hebt in seiner Jahrmarks-Kulturgeschichte hervor, dass der Film von seinem Veranstaltungsort auch sein Thema adaptierte: „Die Produktion dieser Filme war weitgehend bestimmt von der Kuriosität des Kinematographen als technische Neuheit. Daher war der Jahrmarkt nicht nur der Ort des neuen Mediums, sondern auch sein Inhalt.”[10] Oder, wie Geese Hartmut Bitomsky zitiert: „Historisch müsste man sagen: das Kino war anfangs auf dem Jahrmarkt zu Hause und übernahm die Stoffe der Schausteller und deren Darbietungsweise.”[11]
Der Film kopierte also die vorfilmische Realität seines Veranstaltungsortes und ersetzte so die Attraktionen des Jahrmarktes (Akrobatik, Menagerie, Zauberei etc.) „mit seine[] eigene[] technische[] Attraktion”[12].
Diese frühen Filme sind heute zum größten Teil verloren, doch die Faszination des Jahrmarktes ist als Motiv in einigen frühen Spielfilmen zu entdecken. Das berühmteste Beispiel dafür ist wohl Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari (1920), der das Jahrmarkttreiben als verstörend expressionistischen Ausgangspunkt seiner Handlung um Dr. Caligari und seinen Somnambulisten Cesare zeigt.
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts werden die Kinos – durch die Einführung des Verleihsystems – sesshaft[13]. Wie oben erwähnt, siedeln sich ungefähr zeitgleich die ersten standorttreuen Vergnügungsorte in den Randbezirken der großen Städte an.
Hier läuft die Verbindung zwischen Vergnügungspark und Kino zunächst ins Leere: Zwar sind in den neuen Vergnügungsorten auch Ladenkinos zu finden, doch die ehemals so bedeutsame Attraktion wurde von Riesenrädern, Karussells und Achterbahnen abgelöst, die hier fest installiert werden können und so bereits wagemutige Konstruktionen ermöglichen. Die Betreiber der Vergnügungsparks orientierten sich hierbei vor allem an den Attraktionen, die regelmäßig auf den Weltausstellungen präsentiert wurden[14]. Die Vergnügungsparks versuchten ihre Besucher durch Inszenierungen und Vorführungen in andere Welten zu locken; so köderte der Lunapark in Coney Island Gäste mit Inszenierungen vom Krieg der Welten und einem Nachbau der Hängenden Gärten der Semiramis[15].
Letztendlich sollte das nicht genügen, um Coney Island (und viele andere frühe Vergnügungsparks) vor dem Untergang zu retten. Als Gegenwelt zum Alltag entwickelten sich in den frühen 1920er Jahren elegante Kinopaläste und Lichtspieltheater, die den schmuddeligen Kintopps und den von Alkoholmissbrauch und Straßenkriminalität gezeichneten Vergnügungsorten eine saubere und schicke Atmosphäre entgegensetzten[16]. Zudem waren die Filmvorführungen in den verbliebenen Ladenkinos eine wesentlich preisgünstigere Alternative zum Rummelplatzbesuch.
Die 50er Jahre versetzten den klassischen Vergnügungsparks letztendlich den Todesstoß: Neben dem Kino müssen die Schausteller nun auch noch mit dem Fernsehen und vor allem dem Auto konkurrieren. Da die klassischen Vergnügungsparks vor allem auf eine Erreichbarkeit per Eisenbahn bedacht waren, verlieren sie ihre Bedeutung gegenüber attraktiven, mit dem Auto zu erreichenden Ausflugszielen[17].
Gerade in dieser Depression besinnt sich ein Filmindustrieller der Vergnügungsparkbesuche seiner Kindheit: Am 17. Juli 1955 wird in Anaheim, Kalifornien, Disneyland eröffnet und läutet so eine neue, über alle Maßen erfolgreiche Art von Vergnügungsorten ein. Der Themenpark ist geboren. Disneyland ist ein komplett durchgeplanter Park, der den Besucher durch seine thematischen Inszenierungen, Bauweisen, Musik etc. in eine vollkommene Illusion lockt. Disney hat viel von seinem filmischen Wissen in den Park einfließen lassen: Die Gebäude entlang der Main Street (der eröffnenden Straße, die in jedem der Disneyländer hinter dem Eingang zuerst zu betreten ist) sind wie Kulissen gebaut, d.h. die unteren Stockwerke entsprechen einem Größenverhältnis von 8:10, die darauf aufbauenden Stockwerke nur noch einem Verhältnis von 6:10[18], selbige „Hauptstraße” ist nach dem Prinzip des long shot auf das Dornröschenschloß hin gebaut[19] und der Blick vom zentralen Hügel, The Hub, scheint wie auf eine CinemaScope-Leinwand projiziert zu sein[20]. Aus der Stummfilmzeit übernahmen Disneys Imagineers[21] die Idee des wienies, einem Konstruktionsprinzip, nach dem der Blick der Besucher im Gelände stets von einem (meist vertikalen) Blickmagneten gefangen werden soll[22]. Die Imagineers gehen beim Erfinden einer neuen Attraktion dabei, wie Disney selbst, von einem zweidimensionalen Storyboard aus, auf dem sich schließlich eine Geschichte entwickelt. Disneyland will nicht, wie beispielsweise Coney Island, nur durch den Thrill der kinetischen Bewegung eines rides[23] oder das Staunen über eine gutgemachte Inszenierung den Besucher faszinieren; Disneyland macht den Parkbesuch zum persönlichen Film des Besuchers, in dem nichts die Illusion stören darf: Alkohol ist in Disneyland verboten und Sexualität wird strengstens ausgeklammert.
Disneyland fand eifrige Nachahmer: Six Flags in Texas, Cedar Point in Ohio, Legoland in Schweden und den Europapark im heimischen Rust, Schwarzwald – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
In den 1960er Jahren nähert sich die Filmindustrie auf ihre eigene Weise an den Themenparkboom an: Die Universal Studios in Hollywood bieten den interessierten Besuchern nun einen ride durch Garderoben, Studioproduktionen und Backstagebereiche an, was sich bald zu einem ausgewachsenen, den Film thematisierenden Vergnügungspark mit Achterbahnen und Spielplätzen entwickelt. Heute hat der Universal Studios Park weltweit ähnlich viele Ableger wie Disneyland.
Disney besinnt sich erst 1989 mit der Eröffnung der Disney-MGM-Studios in Orlando, Florida wieder auf den Film und das Kino als Publikumsmagnet. Dieser neue Park, der angeblich ein funktionierendes Filmstudio darstellt – tatsächlich werden eher alibimäßig Fernsehshows und Seifenopern dort produziert – bringt in einem 30-minütigen ride Film und Themenpark auf einen Nenner: Im The Great Movie Ride kann der Besucher die größten Momente der Filmgeschichte – wie die Abschlussszene zwischen Bogart und Bergman in Casablanca – sozusagen hautnah und in drei Dimensionen als Audioanimatronic[24]-Szenerie miterleben.
Die Ausbeutung „ernsthafter” Filme für Themenpark-rides scheint bereits frühen Kritikern zu missfallen: Der vorgeblich undurchdachte Medienwechsel vom Film zum Animatronic-Puppentheater reduziert den Film auf seine narrative Funktion und – noch wesentlich stärker – auf die memorative Darstellung seiner Stars. Das Vorbeifahren an den beiden Robotern, die Bogart und Bergman nachempfunden sind und sich durch ihre Glasaugen ausdruckslos anstarren, hat nichts mit der intimen Atmosphäre zu tun, die im Film bei der selben Szene durch enge close-up shots hergestellt wird[25]. Steve Nelson konstatiert vielmehr eine Stimmung, die der Besichtigung eines bewegten Wachsfigurenkabinettes gleicht und die eine Szene zur Szenerie umdeutet; ein spezifisch amerikanisches Phänomen, das Umberto Eco als das Bestreben bezeichnet hat, eine Reproduktion zu schaffen, die nicht Lust auf das Original erzeugen, sondern das Original obsolet machen soll[26]. Hier hat der Themenpark den Film vereinnahmt, ihn der meisten seiner Spezifika beraubt und zum kurzen Aufblinken eines bildlich memorierten Momentes (ohne diesen Moment dem Film entsprechend abzubilden) degradiert: die kurze Szenerie aus Casablanca ist nur ein paar Augenblicke zwischen der kurzen Szenerie aus Alien und dem umtanzten Platz aus dem Zauberer von Oz zu sehen.
Andererseits ist das Kino selbst – also nicht nur der Film – im Themenpark heimisch geworden: Kein Park kommt heute noch ohne Flugsimulator (eine Kabine auf deren vordere Wand eine Film – zumeist eine Fahrt oder ein Flug – projiziert wird, dessen kinetische Dimension von Hebe-, Senk- und Rüttelmechanismen an der Kabine spürbar gemacht wird), Actionkino (in dem das Flugsimulatorprinzip auf einen großen Kinosaal ausgedehnt wird) oder 4D-Kino (das die bereits früh bekannte Technik des 3D-Films um Düfte, Wind- und Wassereffekte und sogenannte „Beinkitzler” ergänzt) aus. Des weiteren versuchen viele Parks (vor allem die Parks der Six Flags-Kette) seit den 90er Jahren die Thematisierung ihrer rides mit vorausgehenden Filmvorführungen zu unterstützen: Bevor man etwa im Darkride Bermuda Triangle: Alien Encounter im Bottropschen Movie Park die Boote besteigen darf, wird man in einer Filmvorführung über die thematisch vorhergegangenen Ereignisse aufgeklärt – ganz wie der Abenteurer, dessen Rolle man in dem ride dann einnehmen darf.
Diese Entwicklung des klassischen Kinodispositivs zum vergnügungsparkkonformen, spannungs- und aktionsgeladenen Erlebnisraum dechiffrieren Paech und Paech als den „Wunsch der Zuschauer/innen, so unmittelbar wie möglich am Filmgeschehen beteiligt zu werden, der vielmehr der Wunsch des Kinos nach Zuschauer/innen ist, die dies wünschen”[27]. In diesem Sinne verstehen Paech und Paech auch rides wie das Jurassic Park River Adventure im Universal Studios Park als die Erfüllung dieses Wunsches: Hier wird der Film durch „Dinosaurier zum Anfassen” vermeintlich erlebbar gemacht und ‚live’ nachgeahmt[28]. Es muss allerdings angemerkt werden, dass die Nähe zum Geschehen hier auch nur simuliert wird, denn die Dinosaurier sind weiterhin außerhalb der Reichweite des Betrachters und der Zuschauer bleibt wie im Kino auf seinem Platz sitzen, während die Bilder der Attraktion an ihm vorüberziehen – oder besser: während er an den Bildern vorüberzieht.
Den Flugsimulatoren und Actionkinos bescheinigen Paech und Paech einen seltsamen Anachronismus,
„weil die Filmindustrie auf diese Weise mit dem Kino ihre Zukunft auf hohem technisch-elektronischen Niveau in der Vergangenheit des Jahrmarktes sucht, wo das Karussell und die Achterbahn für die körperlichen Sensationen gesorgt haben, die der Film dann auf die visuelle Wahrnehmung (der Slapstick-Comedies zum Beispiel) reduziert und sublimiert hat. Jetzt hat der Flugsimulator als Modell unserer simulierten Wahrnehmung uns die reale körperliche Sensation zurückgegeben.”[29]
Die Filmindustrie hat mit der Eroberung der Themenparks oftmals in ihre eigene Trickkiste gegriffen, um dem Besucher möglichst ‚filmische’ Erfahrungen zu bieten – wer in Indiana Jones and the Temple of Peril einsteigt, möchte sich wie Indiana Jones fühlen und im Great Movie Ride möchte man live dabei sein, wenn das bösartige Alien die Nostromo überfällt – und gleichzeitig ihre Ideengeber und Vorbilder rücksichtslos geplündert[30]. Andererseits muss man sich fragen, ob ein ride wie Jurassic Park River Adventure überhaupt eine solche Wirkung entfalten könnte, wenn er sich nicht auf ein filmisches Vorbild beziehen kann. Ein Vergleich mit den wesensähnlichen Dinosaurierbahnen Universe of Energy und Universum der Energie in Disneys EPCOT-Center, Florida, respektive im Europapark Rust lässt diesen Schluss zu. Obwohl beide letztgenannten rides durchaus spannend sind und gute Animatronics einsetzen, ruft Jurassic Park River Adventure durch das durchdachte Themeing mit Filmmusik, dem bekannten Logo und dem Eingangsportal starke Erinnerungen an den Film – und dessen eindrucksvolle Action- und Thrillerszenen – auf, wodurch sich ein Mehrwert an Anschlussmöglichkeiten[31] für den Besucher ergibt. Hier sieht er nicht nur Dinosaurier – er sieht die Dinosaurier aus Jurassic Park!
Vergnügungsparks im Film
Der Film wiederum benutzt Rummelplätze, Vergnügungs- und Themenparks allzu häufig als Handlungsorte, sinnstiftende Elemente oder gar als tragendes Konzept des Filmplots, ohne dass dies Beachtung in wissenschaftlichen Analysen gefunden hätte.
Wie bereits oben erwähnt, entspinnt sich die Handlung in Robert Wienes Das Kabinett des Dr. Caligari vom Schaustellertreiben eines Rummelplatzes aus. Der Film konnte sich durch diesen Handlungsort die Konditionen des Rummelplatzes zu Eigen machen. Ebenso wie die Schaubuden des Rummelplatzes spricht der Film den Gesichtssinn der Besucher an, ähnelt in der Rezeptionssituation also den wohlig-schaurigen „Abnormitätenschauen” des Festplatzes, deren bekannte Atmosphäre er zudem durch die gestalterischen Mittel des expressionistischen Kinos abbildet und überzeichnet.
Der Rummelplatz, auf dem Dr. Caligari seine Schaubude hat, scheint gleichwohl mit dem Film selbst verknüpft zu sein: Die Kamerablende zeigt zunächst nur den eifrig kurbelnden Leierkastenmann und die schwungvoll kreisende Spitze eines Karussells im Hintergrund. Durch die langsame Öffnung der Irisblende wird die Illusion hervorgerufen, der Leierkastenmann treibe gleichfalls das (filmische) Karussell wie den (weltlichen) Filmapparat, der die Szene auf der Leinwand illuminiert, an.
Die Szene in Caligaris Kabinett ist ganz nach dem Schuss-Gegenschuss-Muster montiert. Caligari präsentiert auf der Bühne seinen Somnambulisten, während die Kamera immer wieder die Köpfe der Zuschauer zeigt, die sonst fast im Dunkeln sitzen – eine Situation, wie sie den Zuschauern des Films sehr ähnlich der ihren vorkommen muss. Der Rummelplatz selbst erscheint im Film nicht anders als der Rest der dargestellten Stadt auch. Man sieht eine wirre Architektur mit spitzen Winkeln und krummen Wänden. Verständlich, steht am Ende des Films doch die Auflösung des gesehenen als Vorstellungswelt eines Verrückten. In der Psyche des Irren sind Rummelplatz und Lebenswelt architektonisch kaum voneinander zu unterscheiden – die Kuriositäten und Abnormitäten dieser Gegenwelt haben sich ununterscheidbar vom wirklichen Leben gemacht.
Gerade im Horrorfilmgenre sind Vergnügungsorte ein beliebter Topos: Das unbeschwerte Vergnügen des Rummelplatzes oder Parks funktioniert ja nach dem Prinzip eines gefahrlosen Nervenkitzels. Im Kontext des Vergnügungsortes blicken wir der Gefahr ins Angesicht – sei es den Abnormitäten in den Schaubuden, der atemberaubenden Abfahrt der Achterbahn oder dem Grusel der Geisterbahnen – „jedoch stets im Wissen um die eigene Sicherheit in einem vor allem Ernst geschützten Raum”[32]. Der common sense bestätigt, dass wir gerade auf Unfallmeldungen aus dem „geschützten Raum” des Vergnügungsparks schockierter reagieren als auf ähnliche Meldungen aus unserer Alltagswelt. Der Horrorfilm macht sich diese Konditionierung unserer Wahrnehmung von Vergnügungsorten zunutze und verdreht die Sicherheitssituation: Der ausgestellte Somnambulist in Caligaris Kabinett ist wirklich gefährlich und seine Vorhersagen treten wirklich – d.h. außerhalb des Rummelplatzes in der Alltagslebenswelt – ein, eine Achterbahnfahrt geht furchtbar schief (Final Destination 3, 2006) oder die Animatronics machen plötzlich Jagd auf die Besucher (Westworld, 1973).
Ein schönes Beispiel für das Spiel mit der Konditionierung auf den „gefahrlosen Nervenkitzel” und die Einbindung kinotypischer Apparaturen in den Themenparkkontext bietet die Neuverfilmung von House on Haunted Hill (1999). Steven Price ist ein Vergnügungsparkunternehmer, der zu Beginn der Filmhandlung eine brandneue Achterbahn[33] – mit dem beschreibenden Namen Terror Incognita – der Presse vorstellt. Premierengast ist eine gelangweilte Reporterin, die die Attraktion als „just another generic rollercoaster” abtut. Zusammen betreten sie einen Fahrstuhl mit transparenten Wänden, Decke und Boden, der sie zur Startrampe der Achterbahn bringen soll. Auf halbem Weg beginnt das Metall des Fahrstuhlturms zu ächzen und zu stöhnen und plötzlich stürzt die Kabine 20 Stockwerke dem Boden entgegen. Die Langeweile der Reporterin ist verständlicherweise wie weggeblasen und als die Kabine schließlich auf dem Boden aufprallt erscheint auf dem Kabinenboden ein freundlich grinsender Totenschädel als das Logo der Achterbahn: Der vermeintliche Ausblick aus der Fahrstuhlkabine war nur eine versiert eingesetzte Filmprojektion.
Unterstellt man dem Film ein kleines Maß an Selbstreflexion, bietet sich folgende Lesart der Szene an: Der Film beginnt ganz anders, als es für den Zuschauer zu erwarten gewesen wäre. Man sieht kein Geisterhaus, keine gruselige Musik setzt ein. Stattdessen eröffnet die von hellem Sonnenschein erleuchtete Szenerie eines Vergnügungsparks den Horrorschocker – eine Szenerie, die dem jungen Zielpublikum als Ort des Nervenkitzels wohlbekannt ist. Der Blickpunkt des Publikums wird durch die Reporterin subjektiviert: Schon wieder eine dieser altbekannten Achterbahnen! Sie sollen Recht behalten, denn der wahre Thrill dieses rides geht nicht von einer kinetischen Sensation aus, sondern findet prinzipiell betrachtet in einem Kinosaal durch Filmprojektionen statt. Auch wenn dieser Kinosaal lediglich die Ausmaße eines Fahrstuhls hat. Die Szene bestätigt also das Genre des (Horror-)Films als der Achterbahn überlegen, was das Erzeugen von Thrills angeht.
Dass Vergnügungsparkrides im Film noch wesentlich mehr können, als nur Thrills darzustellen, zeigt Brad Andersons symbolträchtiger Film The Machinist (2004). Christian Bale spielt hier den seit einem Jahr schlaflosen und krankhaft abgemagerten Tervor Reznik, der sich zwanghaft die Hände mit Bleiche wäscht, sich selbst Post-it-Zettel hinterlässt und zudem von einem mysteriösen Fremden heimgesucht wird, durch dessen Schuld Reznik einen folgenschweren Arbeitsunfall auslöst. Zum Ende des Films offenbart sich, dass der Fremde die Personifikation seines verdrängten Schuldbewusstseins ist, hat Reznik doch vor einem Jahr einen Jungen durch einen Verkehrsunfall getötet und Fahrerflucht begangen. Der Film zeigt Rezniks gestörte Wahrnehmung der Wirklichkeit, in der sich ständig wiederholende Zeichen und Symbole auf das Verdrängte aufmerksam machen wollen. Diese Zeichen kulminieren auf halbem Weg durch den Film in einem Rummelplatzbesuch, wo eine Geisterbahnfahrt zum komplexen Psychogramm des Protagonisten wird. Der Darkride „Route 666″ führt den Maschinisten durch ein grotesk verzerrtes Abbild seines eigenen Lebens, vorbei an den ausgemergelten Körpern in der Wüste Verirrter, an einem Kuchenstand – Kuchen ist seit dem Unfall sein einziges Nahrungsmittel – und an einem Indianer, der einen abgerissenen Arm präsentiert: Eben jenen Arm, den sein Arbeitskollege Miller durch Rezniks Schuld verlor. Die Geisterbahn führt ihn immer tiefer in sein Schuldbewusstsein, zeigt ihm Bilder einer trauernden Frau an einem Kindergrab und einen Erhängten, der dasselbe Arbeiterhemd trägt wie Reznik und dessen Galgen mit einem Schild versehen ist, das deutlich das Wort „Guilty” zeigt. Die Szenerie ändert sich zu einem Rotlichtviertel – eine Erinnerung an die Prostituierte Stevie, Rezniks einzigen Ruhehafen – und er beginnt sich wieder zu entspannen, als plötzlich ein Zusammenstoß des Geisterbahnwagens mit einem spielenden Kind simuliert wird. Dies ist allerdings nur ein kurzer Schock, der Wagen fährt unermüdlich weiter, an der blutigen Leiche eines Unfallopfers vorbei durch eine Tür, hinter der sich eine Weggabelung auftut: rechts in die „Road to Salvation”, links auf den „Highway to Hell”. Unausweichlich rollt der Wagen nach links.
Die Geisterbahnfahrt fasst so die Handlung des Films zusammen und lässt es zu, das Ende bereits zu kennen – wenn man nur die Zeichen richtig deutet. Sacha-Roger Szabo bezeichnet die Geisterbahn als Höllenfahrt, „die sich durch Unkontrollierbarkeit, Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit auszeichnet” und das „Ausgeliefertsein des Individuums in einem vereinnahmenden Diskurs” thematisiert[34]. Auch eine kathartische Wirkung kann der Geisterbahn zugeschrieben werden, konzentriert sie sich doch im klassischen Sinne auf eine Vanitas-Thematik und damit auf die Sterblichkeit des Besuchers[35]. Im Falle von The Machinist führt sie dem Protagonisten erstmals deutlich und buchstäblich sein Verbrechen und seine Schuld vor Augen.
Neben psychogrammatischer und kathartischer Wirkung ist den Darkrides aber vor allem eines eingeschrieben, was die Disneyländer seit jeher zu unterdrücken suchen: eine latent körperliche, sexualisierte Grundstimmung. In der Geisterbahn erfährt der Besucher eine Stresssituation, die durch Lichteffekte, Geräusche und Bewegung motiviert wird. Die Symptome von Schreckmomenten wie Ausrufen und Herzklopfen führen zu einer Aufwertung des Körpergefühls, was mit der „erotischen Grundstimmung”[36] des Rummelplatzes kollidiert und ein Zusammenrücken der Fahrenden begünstigt. Oder, wie es der Attraktionshersteller Franz Mack darlegt: „Wenn die Geister kommen, kann der junge Mann zu seiner Gefährtin, die bei ihm Schutz sucht, rüberlangen.”[37]
In Jean-Pierre Jeunets Film Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (2001) ermöglicht diese Darstellung der Geisterbahn eine erste körperliche Annäherung zwischen der schüchternen Protagonisten Amélie und Nino, in den sie sich verliebt hat. Neben seiner Tätigkeit in einem Pornoladen arbeitet dieser nämlich als Erschrecker in der Geisterbahn, verkleidet als Skelett. Obwohl – oder gerade weil – sein Gesicht unter einer Maske versteckt ist, kommt es in der in freundlichen Grün-, Gelb- und Rottönen gehaltenen Geisterbahn zu einer zärtlichen Begegnung zwischen ihm und Amélie. Wie in The Machinist ermöglicht die Geisterbahn eine Intimität und Vorausschau auf Dinge, die in der Lebenswelt der Besucher so noch nicht gesehen und empfunden werden können.
Disneys dunkle Seite
1993 verfilmt Steven Spielberg Jurassic Park von Michael Crichton. Crichtons zweite Themenpark-Fiktion (nach Westworld) handelt von einem Themenpark auf einer Pazifikinsel, in dem der Milliardär John Hammond echte Dinosaurier – geklont aus Genmaterial, das in Bernstein eingeschlossenen Stechmücken entnommen wird – als Attraktion ausstellen will. Nach dem Tod eines Mitarbeiters fordern Hammonds Investoren eine Überprüfung des Parks durch Spezialisten, die Hammond in Form der Paläontologen Alan Grant, Ellie Sattler und des Chaos-Mathematikers Ian Malcolm rekrutiert. Auch seine Enkelkinder Lex und Tim lädt Hammond zum Probelauf seines Parks ein. Wie von Malcolm prophezeit bricht während der Tour ein Chaos im Park los, ausgelöst durch Manipulationen des Parkmitarbeiters Dennis Nedry, der die Sicherheitssysteme außer Funktion setzt, um Dinosaurier-Embryos zu stehlen. Die Dinosaurier brechen aus ihren Gehegen aus und machen Jagd auf die Besucher, während über der Insel ein Tropensturm tobt.
Michael Crichton sagt in einem Interview zum Film, dass es ihm wichtig war, „the dark side of Disney”[38] zu zeigen. Im Folgenden werde ich den Film auf seinen Umgang mit dem Topos „Themenpark” untersuchen, unter Berücksichtigung eventueller selbstreflexiver Tendenzen. Die Untersuchung gliedert sich unter den Leitoperatoren „Themeing“, „Sexualität” und „Kontrolle/Macht/Realität”.
Themeing
Bereits der Weg in den Jurassic Park trennt ihn sauber von der Alltagswelt der Besucher ab: Die Insel ist nur durch spezielle Luft- oder Wasserfahrzeuge (in diesem Fall ein Helikopter) zu erreichen, wodurch ein Übergangsritus[39] initiiert wird, der die Besucher durch einen ersten ride – denn die Landung ist wegen der Aufwärtswinde etwas holprig – an ihre neue Umgebung anbindet und zeitgleich ihre alltagsweltliche Umwelt verschwinden lässt. Ebenso hält es Walt Disney World, Florida: Die Besucher werden mit einer der typischen Disney-Scenic-Railways (die ja konsequent filmisches Sehen vermittelt[40]) in die Mitte des Parks transportiert, wo die Entdeckungstour vollkommen abgeschirmt von der Außenwelt erst losgehen kann.
Spätestens jetzt – die Eröffnungsszene mit den Park-Mitarbeitern einmal ausgenommen – wird das Jurassic Park-Logo deutlich inszeniert. Mit einer Kameraeinstellung auf die Tür des die Besucher abholenden Jeeps wird das bekannte Logo mit dem Tyrannosaurus-Skelett auf rotem Grund bildfüllend gezeigt, wohlwissend, dass dieses Logo auch auf dem Filmplakat (und auf den unzähligen Merchandise-Produkten) zu sehen sein wird. Später sehen wir eine große Anhäufung an Merchandise im Park-Shop/-Restaurant, darunter neben T-Shirts und Spielzeugdinosauriern auch das Buch „The Making of Jurassic Park” von Don Shay und Jody Duncan, die (auch) in der außerfilmischen Realität ein Buch desselben Namens geschrieben haben. Dieses außerfilmische Buch behandelt allerdings nicht die genetischen Grundlagen des Dinosauriermachens, sondern die Produktion von CGI-Modellen der Dinosaurier und Interviews mit dem Regisseur Spielberg. Jurassic Park durchbricht somit seinen filmischen Rahmen und entlässt sein Themeing in die wirkliche Welt. So kann man sich einerseits nach dem Besuch im Kino ein Andenken kaufen, das den Kinobesuch zum tatsächlichen Parkbesuch hochsimuliert und andererseits vermischen sich außerfilmische und filmische Realität zu einem Spiel, in dem die Selbstreflexion ihre Referenz verliert, wenn die Grenzen unklar werden und sich verschieben[41]. Das Making-of-Buch ist ganz klar dasjenige, das auch in unserer Welt existiert. Aber in diesem Fall müssten die Protagonisten des Films nur darin lesen um zu bemerken, dass sie lediglich vor CGI-Animationen davonlaufen. Man muss allerdings bemerken, dass diese kurze Aufnahme des Buches die einzige Stelle ist, an der ein solcher Bruch zwischen außerfilmischer und filmischer Realität zu finden ist.
Das Themeing des Urzeitparks zeigt sich desweiteren schwer von filmischen Vorbildern inspiriert. Zwischenzeitlich sind Hammonds Gäste im Besucherzentrum des Parks angekommen, dessen Eingangshalle von einem Tyrannosaurus-Skelett dominiert wird über dem ein Banner mit der Aufschrift „When Dinosaurs ruled the Earth” hängt. Eine klare Reminiszenz an den gleichnamigen Film von 1970. Auch der Eingang des ersten und bisher einzigen Parkrides wird durch ein doppelflügeliges, gigantisches Holztor markiert, das demjenigen aus King Kong (1933) ähnelt, das den Riesenaffen verbirgt. So wird auch treffend von Ian Malcolm bemerkt: „What have they got in there, King Kong?”
Jurassic Park ist also vornehmlich ein Filmpark, der sich wie beispielsweise der Universal Studios Park mit Zitaten aus vergangenen Filmen schmückt. Diese Vermutung reicht noch weiter, sieht man sich die Spezifika bzw. die An-Ordnung[42] des rides an. Die Parkbesucher durchfahren den ride in Ford-Geländewagen, die – gleich einer Eisenbahn oder der klassischen Geisterbahn – auf Schienen durch das Gelände gelenkt werden. Dabei können die Gäste lediglich das beobachten, was ihnen durch die Scheiben oder das gläserne Dach vorgeführt wird. Dazu kommt der Ton zum Bild über Lautsprecher in den Wagen. Die Jurassic Park-Besucher werden damit in dieselbe Position wie das Kinopublikum gerückt:
„In der Tat hat die An-Ordnung [des rides] vieles mit der An-Ordnung Kino gemeinsam. So wird der Reisende im Abteil zum Zuschauer (s)einer Bewegung, die er nur getrennt von sich, der bewegungslos ist, visuell wahrnehmen kann, da sie sich nur dem Blick aus dem Abteilfenster mitteilt. Der Zuschauer seiner eigenen Fortbewegung am Abteilfenster findet sich bewegungslos bewegt – und das gleiche gilt für einen Kinozuschauer, der einen Film sieht.”[43]
Sexualität
Ein bekannter Vorwurf, der den Disneyländern immer wieder gemacht wird und in der Literatur prominent vertreten ist, bezieht sich auf die Ausklammerung jeglicher Sexualität aus den Themenparks. Gehört Sexualität auf den Jahrmärkten und Rummelplätzen zur Grundstimmung[44] – man denke nur an den Liebestester, den Stier, den es an den Hörnern zu packen gilt oder an Hau-den-Lukas – wird Erotik und Sexualität in Disneyland auf zwei Arten ausgeschlossen. Einerseits kann die Asexualität seiner Einwohner als Leitbild für den gesamten Parkbetrieb gelten: „Mickey – hairless, sexless and harmless – is a summary: as Disney once put it, ‚Mickey is a clean mouse.’”[45] Dieses saubere Image gilt es unter allen Umständen zu pflegen[46]. Legnaro und Birenheide sprechen von einer „Inszenierung, die jegliche Erotisierung oder gar Sexualisierung strikt vermeidet (in der Werbung, in der Darstellung, im Warenangebot und auch im Angebot an Vergnügungen – nichts findet sich hier, was an die lasziven Doppeldeutigkeiten einer Kirmes oder deren Arrangements, Intimitätsgrenzen aufzubrechen, auch nur von weitem erinnert)”[47]. Andererseits und als Alternative bieten die Disneyparks eine moralisch einwandfreie, kontrollierbare Beziehungsform an: Die Kleinfamilie.
„Die Kleinfamilie ist, wie man oft kritisch angemerkt hat, die Zielgruppe von Disneyland, sie erscheint hier als die primäre Lebensform überhaupt, und jegliche Bedarfs- und Unterhaltungsstruktur stellt sie in den Mittelpunkt. Individualismus findet hier im kleinen Kollektiv statt, [...], das die Vielfalt gesellschaftlicher Lebenskonstellationen reduziert auf ein tradiertes Element sozialer Übersichtlichkeit.”[48]
Jurassic Park bietet uns Lesarten für diese beiden Formen kontrollierter Sexualität an. Betrachten wir zunächst die Attraktionen des Parks, die Dinosaurier. Diese Auswüchse schierer Körperlichkeit (was anderes sind der gigantische T-Rex oder der noch gigantischere Brontosaurus als Körper in ihrer am meisten beeindruckenden Form?) sind nicht Resultat natürlicher sexueller Vorgänge, sondern künstliche Körper, die in Genlabors durch modernste Technik erschaffen werden[49]. Neben dieser passiven Zeugungssexualität wird auch ihre aktive Sexualität von den Wissenschaftlern des Parks kontrolliert: „Actually they can’t breed in the wild. Population control is one of our security precautions. There’s no unauthorized breeding in Jurassic Park. [...] Because all the Animals in Jurassic Park are female. We engineered them that way”, erklärt Dr. Henry den staunenden Besuchern. Einmal mehr ist es Chaos-Theoretiker Malcolm, der eine Kontrolle der Fortpflanzungssexualität ausschließt. Er soll Recht behalten, haben die Park-Wissenschaftler doch die unvollständige Dinosaurier-DNA mit Frosch-Genmaterial aufgefüllt, was dazu führt, dass die Dinos zeitweise ihr Geschlecht ändern können, um sich fortzupflanzen. Die vermeintlich kontrollierte Sexualität nimmt dadurch ein seltsames Zwischenstadium zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit ein: Natürlichkeit, weil es scheint, als hätte die Natur – wie Malcolm es voraussagt – einen Weg gefunden, ihre technisch auferlegten Grenzen zu überwinden und sich fortzupflanzen; Künstlichkeit, weil die Fortpflanzung durch die technologischen Eingriffe von ihrem natürlichen heterosexuellen Kontext gelöst wurde[50].
Die sexuelle Kontrolle im Jurassic Park geht ebenso schief wie die in Disneys künstlichen Welten. Die Dinosaurier lassen sich ihre Sexualität so wenig nehmen, wie die Disney-Charaktere – trotz vordergründiger Versuche – entsexualisiert sind: Pinocchios Nase und Eselsohren wurden von zahlreichen psychoanalytisch geprägten Kritikern als phallische Symbole gedeutet[51], und die Disneyhelden und -heldinnen sind immer attraktiv und finden ihre Erfüllung üblicherweise in einer heterosexuellen Verbindung[52].
Die Voraussetzungen für eine asexuelle bzw. entsexualisierte Welt sind sowohl im Jurassic Park als auch in Disneyland nicht gegeben. Wie steht es mit der oben erwähnten Kleinfamilie als ideale Beziehungsform innerhalb des Themenparks? Zunächst sind die Weichen dafür nicht besonders gut gestellt. Die Erwachsenen, die den Jurassic Park besuchen, scheinen alle in mehr oder weniger großen Beziehungsproblemen zu stecken: Ellie Sattler liebt Kinder, Alan Grant kann Kinder überhaupt nicht leiden. Dass die beiden Wissenschaftler überhaupt in einer Liebesbeziehung leben, wird nur ganz flüchtig erwähnt, als der mehrfach geschiedene Malcolm versucht, mit Dr. Sattler anzubandeln. Die Kinder Lex und Tim kommen aus dem Scheidungsstreit ihrer Eltern heraus auf die Insel, wo sie von ihrem Großvater Hammond in Empfang genommen und gleich darauf wieder zu den Wissenschaftlern abgeschoben werden. Letztlich bleibt es beim Kinderhasser Alan Grant, die zerrütteten Verhältnisse neu zu ordnen, in dem er sich zur Vaterfigur wandelt: Nach dem Angriff des T-Rex findet sich Tim in einem Autowrack auf einem hohen Baum gefangen und wird von Grant aufgefordert, herunter – und damit in Sicherheit – zu klettern. „It’s like climbing down from a treehouse. Didn’t your dad ever build you a treehouse?” Tim verneint und Grant klettert selbst den Baum hinauf, um die traditionelle Aufgabe des Vaters nachzuholen und Tim das Hinabklettern beizubringen. Schließlich wacht Alan Grant auch am Nachtlager über den Schlaf der Kinder, was seine Wandlung vom kinderhassenden Workaholic zur achtsamen Vaterfigur treffend visualisiert.
Diverse hektische Momente später ist die ganze Familie wieder vereint und durch das Ausscheiden von Malcolm, dem Jäger Muldoon, dem Anwalt Gennaro und dem Programmierer Arnold auf das ideale Maß reduziert: Grant und Sattler als Vater und Mutter, Lex und Tim als Kinder und Hammond als Großvater. Nachdem diese kontrollierbare Einheit wiederhergestellt ist, kann die neu gebildete Familie mit vereinten Kräften und nach traditionellen Mustern agierend die Dinosaurier aufhalten: Die Erwachsenen halten mit vereinten Kräften die Tür zwischen ihnen und den Raubtieren zu, während Lex ihr Computerwissen nutzt, um die Türschlösser zu aktivieren. Es ist die Integrität der Kleinfamilie, die Sattler, Grant, Hammond und die Kinder das Abenteuer überleben lässt, während die Dinosaurier, denen diese Form sexueller Identität fehlt, sich schließlich gegenseitig angreifen.[53]
Kontrolle/Macht/Realität
„Kontrolle” ist wiederum eines der Leitthemen der Disney-Kritiker und -Analysten. Jeder Besucher wird durch die perfekt geplanten Themenparks so geführt, dass er dasselbe sieht wie seine Vorgänger und schleichend in eine passive Haltung gedrängt wird, die wesentlich mehr von der Rezeption als von der Reaktion der Gäste lebt:
„Disneyland operates through imaging aimed at controlling controlled imaginations. [...] Ours is but to laugh at the jokes and to marvel at the genuine technical achievements of modelers and engineers. We too are reduced to the ‘ideal’ child-like condition of being acted upon rather than acting. The excitements of reading (or being read to) have truly been doubly translated and betrayed.”[54]
Die Kontrolle über die imaginierte Realität der Disneyländer geht teilweise so weit, dass das medizinische Personal keinen Gast für tot erklären darf, bevor sein Körper nicht die Grenzen des Firmenbesitzes überquert hat – so ist es auch zu erklären, dass laut der Disney Corp. noch niemand in Disneyland gestorben ist[55]. In Disneyland passiert niemals etwas Unvorhergesehenes: „Disneyland Park is the prototypical theme park, where control is the overriding element not only in the design, but in the experiencing of the park. Total control of space, movement, and mood create a succession of visual stereotypes so profound in effect that they quickly achieve the status of national popular images. Everything about the park, including the behavior of the ‘guests’, is engineered to promote a spirit of optimism, a belief in progressive improvement toward perfection.”[56]
Damit sind wir im Kern der Geschichte von Jurassic Park und Jurassic Park angelangt: Der Film übt Ideologiekritik, indem er zeigt, dass der Park nicht kontrolliert werden kann. Der Versuch der Kontrolle und der Verlust über ebenjene ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Bereits zu Beginn des Films werden wir Zeugen eines Betriebsunfalls, der letztlich erst zur tatsächlichen Handlung des Films führt. Hier versagt die Kontroll-Technik bei der Velociraptoren-Verladung, was zum Tod eines Arbeiters führt. Wegen dieses Unfalls erwarten Hammonds Investoren eine Kontrolle des Parks durch unabhängige Wissenschaftler. Hammond bleibt auf dem Standpunkt, selbst die Kontrolle behalten zu wollen, wie man deutlich aus seinem eröffnenden Gespräch mit dem Anwalt Gennaro auf der Insel hören kann. Als die Besucher dann eine Art fahrbares Kino betreten, das ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen hinter Jurassic Park zeigen soll – interessanterweise zunächst durch eine Filmprojektion, dann durch einen Schaukasten, hinter dem echte Wissenschaftler arbeiten – rebellieren die Gäste zum ersten Mal gegen die Kontrollinstanzen des Parks, indem sie die Sicherheitsbügel des rides aushebeln und so die Fahrt unterbrechen. Der folgende Streit geht klar zu Hammonds Ungunsten aus und den Rest der Geschichte kennen wir zur Genüge: Zunächst zeigen sich nicht einmal die Dinosaurier, wie es geplant war (denn der T-Rex lässt sich nicht durch angekettetes Futter kontrollieren, er will jagen) und erst als die Sicherheitssysteme des Parks ausfallen, gibt es ein – nun völlig unkontrolliertes – Treffen mit den Raubtieren. Selbst der Schluss des Films wird geprägt von einer Erfahrung des Kontrollverlustes, diesmal auf der Seite der Dinosaurier: Die Velociraptoren, die sich dank ihres überlegenen Rudeljagdverhaltens ihrer Beute sicher sind, haben nicht mit dem mächtigen T-Rex gerechnet, der ihnen die Mahlzeit gründlich vermiest.
Kontrolle begründet sich letztlich auf Macht, wie Hammond es darlegt: „Creation is an act of sheer will. [...] When we have control…” Seine Macht ist die Wissenschaft, die es ermöglicht, aus einem Tropfen konserviertem Blut ganze Dinosaurier zu schaffen. Ein bisher übersehenes, dabei oft groß und deutlich ins Bild gesetztes Symbol für Hammonds Macht ist sein Gehstock mit dem geschliffenen Bernstein mit Insekteninklusion als Griff: Bernstein gilt seit der Antike als Insigne der Reichen und Mächtigen und ihm werden wundersame Kräfte zugesprochen, die ihre Begründung in seiner Beschaffenheit finden. Bernstein kann verbrennen und setzt dabei Kolophonium frei, das antiseptisch wirkt, was den Bernstein zu einem heiligen Element der Alchimisten (mehr oder weniger Vorgänger der Jurassic Park-Zauberer) machte. Bernstein schloss im Volksglauben zudem das Licht der Sonne in sich ein, was ihn zu einem begehrtem und wertvollen Herrschaftszeichen machte; nicht umsonst nahm sich der Deutschorden im Mittelalter ein „Regalrecht” heraus, das die Gewinnung und Veräußerung von Bernstein unter Hoheitsrecht stellte. Das Einbehalten eines gefunden Bernsteins konnte sogar mit dem Tod bestraft werden. Noch 1712 ließ der preußische König Friedrich I. das Bernsteinzimmer bauen, um damit seine Machtstellung zu legitimieren, zu demonstrieren und zu festigen.[57] Für den Jurassic Park wiederrum bedeutet die Qualität des Bernsteins bzw. seiner Inklusion das Wohl und Wehe seiner Produktion. Nur wenn die eingeschlossenen Mücken genug Blut und damit Dinosaurier-DNA hergeben, können sie auch tatsächliche Dinosaurier produzieren. Nach Nietzsche wird Realität durch das jeweils größte Zentrum der Macht erzeugt[58] und auf ein (symbolisches) Zentrum der Macht stützt sich Hammond durch den ganzen Film: auf seinen Gehstock mit dem Bernstein.
Insofern sind die Dinosaurier selbst als Bilder zu lesen, die Hammond durch seine Machtstellung der Welt aufdrängt; er selbst ist der Geburtshelfer jedes einzelnen Dinosauriers auf der Insel, wie er selbst während der Tour sagt.
1993, also kurz nachdem Francis Fukuyama das Ende der Geschichte in einer „Welt ohne Alternative” ausgerufen hat[59], geht der Jurassic Park einen Weg, den Disney, dessen „Welten von Morgen” immer schon wie „Welten von Gestern” wirken[60] verpasst hat: Der Themenparkwelt stellt er einen Gegenentwurf vor, indem er die Posthistorie in eine Prähistorie verwandelt und das Ausgestorbene, Überholte zur Attraktion erhebt[61]. Jurassic Park schreibt der Welt also eine neue Realität ein, in der das Tote wieder zum Leben erweckt wird und droht, das Lebendige zu übertreffen.
Ähnlich ist es mit Jurassic Park als Film: Die Computerspezialisten von Industrial Light and Magic (ILM) arbeiten wie die Genforscher des Jurassic Parks auf höchstem technologischen Niveau, um bisher ungesehene Spezialeffekte zu schaffen, Dinosaurier, die sich „wie echt” in die Realität des Films einfügen, um dem Ende der Kinogeschichte – denn das Kino ist selbst ein überalterter „Dinosaurier”[62] – noch einmal ein Schnippchen zu schlagen. Hier scheint es geradezu prophetisch, dass die Spezialeffekte und CG-Images sich wie die gefräßigen Raptoren, die sie in Jurassic Park verkörpern, das Kino als ihren Lebensraum erobert haben und die „Vielfalt der Arten”, allen voran den Kunstfilmer (mehr oder weniger also den Paläontologen unter den Filmmachern) massiv bedrohen[63].
Schluss
Vergnügungs-, Freizeit- und Themenparks sowie ihre jeweiligen Attraktionen sind ein beliebter Topos im Spielfilm, der bisher leider allzu wenig Beachtung gefunden hat. Zumeist dient die Darstellung eines Parks oder rides aber der Selbstreflexion des Kinos und des Kinofilms: Sei es das staunende Publikum in der Freakshow, der spannende Nervenkitzel in der Achterbahn, die zarte erotische Stimmung im Dunkel der Geisterbahn oder die An-Ordnung eines anderen rides in der Entsprechung des Kinodispositivs – stets spiegelt sich eine mögliche Position des Kinobesuchers auf der Leinwand wieder. Jurassic Park geht ein Stück weiter und seziert sowohl die Kontrollmechanismen der Disney-Themenparks als auch seine eigene (computergenerierte) Medialität.
[2] Ebd., 30
[3] Ebd., 31
[4] Ebd. und f.
[5] Anne Paech/Joachim Paech: Menschen im Kino. Film und Literatur erzählen. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000, V
[6] Ebd., 1
[7] Ebd., 10. Zum Panorama als Vorgänger des Kinos siehe Joachim Paech: Literatur und Film. Stuttgart: Metzler 1988, 76ff.
[8] Paech/Paech 2000, 10
[9] Ebd.
[10] Uwe Geese: Eintritt frei, Kinder die Hälfte. Kulturgeschichtliches vom Jahrmarkt. Marburg: Jonas 1981, 50
[11] Hartmut Bitomsky: Das goldene Zeitalter der Kinematographie. In: Filmkritik 20 Jg., 9. Heft, 237. Heft der Gesamtfolge. September 1976. Zitiert nach Geese 1981, 50
[12] Paech/Paech 2000, 11
[13] Ebd., 27
[14] Szabo 2006, 32
[15] http://de.wikipedia.org/wiki/Coney_Island
[16] Paech/Paech 2000, 29f.
[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Coney_Island
[18] Szabo 2006, 36
[19] Wobei Legnaro/Birenheide darauf hinweisen, dass das Prinzip des long shots bereits vor dem Film bekannt war, beispielsweise in der Gestaltung barocker Alleen oder in Landschaftsgärten des 18. Und 19. Jahrhunderts. Aldo Legnaro/Almut Birenheide: Stätten der späten Moderne. Reiseführer durch Bahnhöfe, shopping malls, Disneyland Paris. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005, 182
[20] Legnaro/Birenheide 2005, 191. Der erste im CinemaScope-Verfahren gedrehte Zeichentrickfilm war übrigens eine Disney-Produktion: Toot, Whistle, Plunk and Boom von 1953.
[21] Wie so viele Themenparkbegriffe eine Schöpfung der Disney Corp.: Die Berufsbezeichnung Imagineer setzt sich aus den Worten Imagine und Engineer zusammen und betitelt die Erfinder der disneyschen Themenlandschaften.
[22] Legnaro/Birenheide 2005, 190
[23] Wieder ein Themenparkfachterminus, der in sich wesentlich mehr Bedeutung trägt als die deutsche Übersetzung „Fahrt”.
[24] Bewegte, elektronisch gesteuerte Puppen. Teilweise auch als Audioanimatronics bekannt, die zudem „sprechen” können.
[25] Steve Nelson: Reel Life Performance. The Disney-MGM Studios. In: The Drama Review, Vol. 34, No. 4. (Winter 1990), 75
[26] Umberto Eco: Travels in Hyperreality. Essays. London: Picador 1987, 19
[27] Paech/Paech 2000, 310
[28] Ebd.
[29] Ebd., 311
[30] Das Ende des Great Movie Rides wird von einer Filmschau markiert, die in wilder Parallelmontage 75 Jahre Filmgeschichte innerhalb weniger Minuten abspult.
[31] Adam Arvidsson: Brands. A critical perspective. in: Journal of Consumer Culture, vol. 5, no. 2 (2005)
[32] Claudia Schirrmeister: Schein-Welten im Alltagsgrau. Über die soziale Konstruktion von Vergnügungswelten. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002, 162
[33] Hierbei handelt es sich vorfilmisch um The Incredible Hulk Coaster aus dem Universal Studios Park Islands of Adventure, Florida.
[34] Szabo 2006, 94f.
[35] Ebd., 95f. Die kathartische Wirkung eines gruseligen oder schockierenden Darkrides wird auch gerne eingesetzt um einen Drogenentzug zu visualisieren, beispielsweise im Crossover-Zeichentrickfilm Cartoon All-Stars to the Rescue (1990), in dem der Drogenabhängige Michael von unzähligen Cartoonfiguren wie Alf, Garfield und Bugs Bunny durch den verrückt gewordenen Themenpark seines eigenen Gehirns gejagt wird.
[36] Ebd., 94
[37] Ebd., 93
[38] Jenseits von Jurassic Park. Interviews mit Autor Michael Crichton. (2001)
[39] Schirrmeister 2002, 185 und Legnaro/Birenheide 2005, 179
[40] Joachim Paech: Unbewegt bewegt – Das Kino, die Eisenbahn und die Geschichte des filmischen Sehens. In: Ulfilas Meyer: Kino Express. Die Eisenbahn in der Welt des Films. München: Bucher 1985
[41] Alan Cholodenko: ‚Objects in Mirror are closer than they appear’. The Virtual Reality of Jurassic Park and Jean Baudrillard. In: Nicholas Zurbrugg (Hrsg.): Jean Baudrillard. Art and Artefact. London: Sage 1997, 68
[42] Paech 1985, 41
[43] Ebd., 42
[44] Szabo 2006, 94
[45] Michael Sorkin: See you in Disneyland. In: ders. (Hrsg.): Variations on a theme park. The new American city and the end of public space. New York: Hill and Wang 1997, 223
[46] Szabo 2006,39; Schirrmeister 2002, 182
[47] Legnaro/Birenheide 2005, 228
[48] Ebd.
[49] Bzw. außerfilmisch in Jurassic Parks CGI-Effektcomputern.
[50] Lisa Yaszek: Of Fossils and Androids. (Re)Producing Sexual Identity in “Jurassic Park” and “Blade Runner”. In: The Journal of the Midwest Modern Language Association, Vol. 30, No. 1/2, Borders. (Spring, 1997), 54
[51] Janet Wasko: Understanding Disney. The Manufacture of Fantasy. Malden, MA: Blackwell 2001, 138f.
[52] Ebd., 116
[53] Die letzten beiden Absätze folgen Yaszek 1997, 54-56
[54] Pauline Hunt/Ronald Frankenberg: It’s a small world. Disneyland, the Family and Multiple Re-representations of American Childhood. In: Allison James/Alan Prout (Hrsg.): Constructing and Reconstructing Childhood. Contemporary Issues in the Sociological Study of Childhood. London: Falmer Press 1990, 110f. Zitiert nach Wasko 2001, 167
[55] Wasko 2001, 168
[56] Judith A. Adams: The American Amusement Park Industry. A History of Technology and Thrills. Boston: Twayne 1991, 97. Zitiert nach Legnaro/Birenheide 2005, 224
[57] http://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein und Gisela Reineking von Bock: Bernstein. Das Gold der Ostsee. München: Callwey 1981, 9-43
[58] William MacKintire Salter: Nietzsche on the Problem of Reality. In: Mind. A Quarterly Review of Psychology and Philosophy. New Series, Vol. 24, No. 96 (Oktober 1915), 453. Kurz gefasst sagt Nietzsche, dass wir uns ein vollkommen unbegründetes Bild von der Realität machen, dass lediglich aus Reizen und deren Interpretationen besteht. Die Zentren der Macht, die jedem Wesen zueigen sind, dehnen die Bilder, Kategorien und Interpretationen als Realität aus, bis sie auf ein stärkeres Zentrum der Macht stoßen.
[59] Francis Fukuyama: The End of History? In: The National Interest, Summer 1989
[60] Scott Bukatman: There’s Always Tomorrowland: Disney and the Hypercinematic Experience. In: October, Vol. 57. (Summer, 1991), S. 55-78
[61] Cholodenko 1997, 67
[62] Paech/Paech 2000, 296
[63] Ebd.
Posted by: Dennis Janzen on: 26. Februar 2009
Mit bestem Dank an meinen Kommilitonen Gerrit, hier ein Schafskäse eines bekannten Discounters.

Posted by: Dennis Janzen on: 26. Februar 2009
Es ist Frühling geworden in dings und della
All the animals, they come out to play
Jetzt muss sich alles, alles wenden
No more winters day.
Posted by: Dennis Janzen on: 19. Dezember 2008
Posted by: Dennis Janzen on: 5. Dezember 2008
Posted by: Dennis Janzen on: 5. Dezember 2008
Posted by: Dennis Janzen on: 1. September 2008
„Wenn ein Punkt eine Mauer ist,
dann ist ein Doppelpunkt eine Tür”
Ratschlag der Buchlinge
Zamonien
Der Kontinent Zamonien ist die fiktive Welt, in der Walter Moers phantastische Romane ihren Handlungsort gefunden haben. Bislang sind fünf Romane erschienen, deren Handlungen auf dem Kontinent Zamonien spielen: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär[1], Ensel und Krete[2], Rumo und die Wunder im Dunkeln[3], Die Stadt der träumenden Bücher[4] und Der Schrecksenmeister[5].
Zamonien ist allerdings keine detailliert ausgearbeitete und logisch kohärente Parallelwelt, wie sie in der phantastischen Literatur seit J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe beinahe zwingend verlangt wird[6]. Dies zeigt sich nicht nur an einer überbordenden Zahl kulturschaffender Daseinsformen, die ein Kontinent in der Größe Australiens nicht aufnehmen könnte, sondern auch an absichtlichen Widersprüchen in den Romanen selbst: Rumo, ein Nebencharakter aus dem ersten Roman Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, wird im dritten Roman – Rumo und die Wunder im Dunkeln – als Protagonist etabliert. In Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär wird Rumo in frühester Kindheit von Blaubär vor dem Tod bewahrt, in Rumo und die Wunder im Dunkeln wird er allerdings noch vor dieser Begegnung von Teufelszyklopen entführt, so dass sich die bereits erzählten Geschehnisse nicht wiederholen können und die Kohärenz der erzählten Welt nicht erhalten bleibt.
Auch der Kontinent selbst scheint Veränderungen unterworfen zu sein: Vergleicht man die gezeichneten Landkarten von Zamonien in den eben genannten Büchern, gelangt man zu dem Schluss, dass einige Orte um eine nicht zu übersehende Differenz verschoben wurden.
Moers benutzt diese Welt also nicht als widerspruchsfreien Topos für seine Romane, sondern legt sie deutlich als literarisches Experimentierfeld aus, wie er in einem Interview mit dem Wiener Stadtmagazin Falter sagt: „Bei der Arbeit am ersten Roman kam mir die fixe Idee für eine Buchreihe, bei der eigentlich nicht die Protagonisten, sondern der Ort, an dem die Handlung spielt, der eigentliche Held sein soll. Auf dieser Folie sollen unterschiedliche Genres und Literaturformen ausprobiert werden”[7]
Und so schließt auch jeder der Zamonienromane eine literarische Gattung in sich: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär ist ein barocker fantastischer Roman, Ensel und Krete ein Kunstmärchen oder eine Märchenparodie, Rumo und die Wunder im Dunkeln ist ein Heldenepos und Die Stadt der träumenden Bücher wiederum ein Schauerroman.
Enzyklopädik
Platon lässt seinen Sokrates dem staunenden Phaidros eine Geschichte aus Ägypten erzählen: Es begab sich, dass einer der alten Götter, Theuth, dem Herrscher der Ägypter Thamus die Künste „der Zahl und des Rechnens, der Geometrie und Astronomie, außerdem des Brett- und Würfelspiels und namentlich auch der Schrift”[8] zum Geschenk machte. Diese Geschenke regten eine lebhafte Diskussion über Nutzen und Unsinn der jeweiligen Kunst an. Als sie zur Schrift kamen, sprach der Gott voll des Lobes: „Dieser Lehrgegenstand, o König, wird die Ägypter weiser und gedächtnisfester machen; denn als Mittel für Gedächtnis und Weisheit ist er erfunden worden.”[9] Thamus war weniger begeistert und erwiderte: „O du Meister der Kunstfertigkeit, Theuth: der eine ist imstande die Künste hervorzubringen, ein anderer zu beurteilen, in welchem Verhältnis Schaden und Nutzen sich verteilen werden für die Leute, die sie brauchen sollen. Auch du hast jetzt, als Vater der Schrift, aus Voreingenommenheit das Gegenteil von dem angegeben, was sie vermag. Denn diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen.”[10]
Das Verhältnis von Gedächtnis und Schrift ist laut Platon also gestört. Die Schrift ist „nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses”[11] und hat dieselben Probleme wie auch die Malerei: „Auch die Werke jener Kunst stehen vor uns als lebten sie, doch fragst du sie etwas, so verharren sie in gar würdevollem Schweigen”[12], sagt Platons Sokrates. Dies hat vor allem mit der platonischen Lehre der vorgeburtlichen Erinnerung (Phaidon) zu tun. Die Inhalte dieser memoria verliert der Mensch bei der Geburt, weil sie in der unveränderlichen Welt der Ideen zurückbleiben. Wenn wir etwas lernen, erinnern wir uns laut Platon nur: Durch Erkenntnis findet die Erinnerung den Weg aus dem ideellen Raum zurück in unser Gedächtnis[13]. Die Schrift kann deshalb auch nicht zur Erkenntnis – und damit zu „echter” oder „wichtiger” Erinnerung – führen, weil sie sich lediglich auf das bezieht, was bereits Gegenstand der Erkenntnis war und aufgezeichnet wurde. Auch wenn diese Interpretation der Erinnerung „für den modernen Interpreten [...] nur als genetische Theorie noch akzeptabel”[14] ist, schwört sie uns auf ein Spannungsfeld ein, das zwischen den Leitoperatoren „Speichern” und „Erkenntniserweiterung” oszilliert. Denis Diderot, Herausgeber der Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers weist im Artikel Enzyklopädie in derselben auf das Ziel des enzyklopädischen Unternehmens:
„Tatsächlich zielt eine Enzyklopädie darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, das allgemeine System dieser Kenntnisse den Menschen darzulegen, mit denen wir zusammenleben, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei; damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.”[15]
Die Enzyklopädie hat hernach nicht allein den Wert einer Merkhilfe, die im platonischen Sinn Wissen speichert, sondern zielt ebenso auf Erkenntniserweiterung ab, „damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden”. Es geht um ein Mehr an Erkenntnis, generiert durch ein entsprechendes Ordnungssystem, wie d’Alembert – Diderots Mitherausgeber – in der Vorrede zur Encyclopédie feststellt:
„Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen”[16]
Wenn in dieser Arbeit die Rede von Enzyklopädik oder enzyklopädischer Schreibweise ist, beziehe ich mich auf die Verwaltung von Wissen im Sinne einer memoria, die „in ihrer Doppelgestalt von externem und internem Gedächtnis”[17] tangiert wird, also entweder äußerlich als Text oder innerlich als Erinnerung auftritt. Eine klare Festlegung der Thematik auf textuelle oder kognitiv-zerebrale Wissensräume will ich hier nicht erzwingen: In der phantastischen Welt Zamonien werden wir auf Wörterbücher, Eydeeten mit sieben Gehirnen, Lebensteppiche, Zettelkästen, kombinatorische Metropolen, labyrinthische Bibliotheken und antiquarische Labyrinthe, weinende Geister, wissenschaftliche Riesen, denkende Elemente und unzählige Daseinsformen treffen, die ihrerseits die unterschiedlichsten Formen von Wissensverwaltung nutzen und repräsentieren. Wenn wir nach enzyklopädischer Schreibweise und nach enzyklopädischer Literatur forschen, dann suchen wir nach „einem Literaturbegriff, der [...] sämtliche Formen des Wissens-Schreibens einbezieht”[18] – allerdings nicht ohne eine „sie organisierende Poetik”[19] zu beachten; Enzyklopädik bedeutet stets auch eine nachvollziehbare Ordnung des Wissens. „Ordnung ist die Herstellung einer gesicherten Verfügbarkeit, eine Sicherung des Wissens durch Widerauffindbarkeit”[20], schreibt der Grazer Universitätsbibliothekar Hans Zotter. Diese Ordnung muss allerdings keinesfalls einem arbiträren Muster wie unsere alphabetischen Nachschlagewerke folgen. Ebenso sind ontologische, metaphysische und digressive Ordnungsmuster denkbar. So sind die altindischen Veden (1600-1200 v. Chr.) in vier Pfade (caturvarga) eingeteilt, die in sich passende Wissensgebiete schließen, die altägyptische Enzyklopädie des Amenemope (1250 v. Chr.) ordnet sich in einer objektorientierten Polytomie und Plinius reiht sein Wissen kosmographisch nach Sternen, Erde, Mensch-, Tier- und Pflanzenwelt bis zur Gesteinskunde auf. Viele weitere Ordnungssysteme sind denkbar und nachweislich genutzt worden[21]. Wichtig für die enzyklopädische Poetik ist es also, ein verlässliches Ordnungssystem für die stets disparate memoria zu finden und „für die Darbietung ihres Materials Formen zu ersinnen, die imstande wären, das in Parzellen fragmentierte, zersplitterte, ja disseminierte Wissen auf tragfähige Weise mit einer Systematik zu vermitteln.”[22]
Ebenso wenig wie sich ein allgemeingültiges Ordnungsmuster finden lässt, können wir die enzyklopädische Schreibweise in ein Gattungskorsett schnüren: „Die gattungstheoretisch in Frage stehende Demarkationslinie verläuft nicht zwischen Literatur und Enzyklopädie”[23], sondern ist textimmanent auffindbar. Ausgehend von einer semiotischen Lesart (nach Eco) kann gar jeder Text enzyklopädisch strukturiert sein, da er eine „lokale Repräsentation des enzyklopädischen Wissens” ist, und dies, weil er stets auf „das Wörterbuch natürlicher Sprachen” zurückgreift, „das seinerseits [...] eine Enzyklopädie darstellt”[24].
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die enzyklopädische Schreibweise – von der homerschen Schildbeschreibung[25] bis zu James Joyce’ Ulysses[26] – stets ein Versuch der Darstellung einer Totalität ist, sei sie nun kosmologischer, urbanographischer oder phantastischer Art. Da die Totalität eines Beschreibungssystems immer von der Menge des über das System bekannten Wissens abhängig ist, kommt dem Autor die Aufgabe zu, eine Ordnung des Wissens zu generieren, aus der wiederum Erkenntnis entstehen kann. So ist die Enzyklopädik „eher als Experimentalsystem[] zur Generierung von Wissensdarstellungen denn als archivalisch definierte[r] Wissensspeicher zu betrachten”[27].
Diese Arbeit befasst sich mit dem phantastischen Roman. Es seien noch einige kurze Anmerkungen erlaubt, weshalb der Roman sich besonders für eine Untersuchung auf enzyklopädische Schreibweise eignet.
Andreas Kilcher stellt fest, dass es in der jüngeren Literaturtheorieforschung zu enzyklopädischen Formen zwar „Ansätze zu einer Beschreibung des enzyklopädischen Epos und der enzyklopädischen Satire gibt”, aber kaum Arbeiten zum enzyklopädischen Roman[28]. Das ist insofern verwunderlich, als die Literaturhistorik bereits zum Beginn des 18. Jahrhunderts für den Barockroman die Kategorie „enzyklopädischer Roman” einführte. Joseph von Eichendorff erkannte im Gelehrtenroman des Barock eine „poetische, gewissermaßen tollgewordene Realencyklopädie[]“[29] – eine Überlegung, die auf zwei Faktoren fußt: Einerseits kann der barocke Roman im gattungspoetologischen Sinn als enzyklopädisch angesehen werden. Nach dieser Lesart schließt der Barockroman „eine elementarische Confusion aller möglichen und unmöglichen Dichtungsarten, die hier chaotisch nebeneinander liegen und kaum noch den Versuch machen, sich zu einem organischen Ganzen zu gestalten”[30] in sich; Darauf sei am Beispiel von Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär noch eingegangen. Andererseits zeigt der Barockroman sich als eine „Enzyklopädie des Materials”, die unterschiedlichste Bausteine zur Hilfe der inventio liefern konnte: „Er war imstande, alle jene Momente in sich zu vereinigen, die in der weiteren Entwicklung bereits gesondert, als selbstständige Varianten fungieren: problemhafte, abenteuerliche, historische, psychologische, soziale Momente. Für die Folgezeit wurde der Barockroman zu einer Enzyklopädie des Materials: der Romanmotive, Subjektkonstellationen und -situationen”[31]. Und weiter: „Er sucht ebenfalls zur Enzyklopädie aller Kategorien der Hochsprache der Epoche, ja, sogar zur Enzyklopädie aller möglichen (philosophischen, historischen, politischen, geographischen usw.) Erkenntnisse zu werden. Man kann sagen, dass im Barockroman der Grenzwert der [...] Enzyklopädik erreicht ist”[32].
Bischof Pierre Daniel Huet trägt in seinem Traité de l’origine des romans, der als eine der ersten Literaturgeschichten überhaupt gelten kann, einen weiteren Teil dazu bei, den Roman als enzyklopädische Literatur zu etablieren. Er hebt für den Roman eine didaktische Funktion hervor „und damit die Vorrangstellung des Nutzens, des prodesse, gegenüber dem delectare: ‚Den vornehmsten Zweck der Romanen, oder welches zum wenigsten derselbe sein sollte, [...] ist die Unterrichtung in einigen Dingen oder Wissenschaften’”[33]. Dabei hat der Roman einen entscheidenden Vorteil, weil „des Menschen gemüth von Natur eine feindin ist der Unterrichtungen [...], also muss man ihn locken und betriegen durch die vergnügung, die Strengigkeit der unterweisung versüssen”[34]: Im Roman kann „die Unterrichtung in einigen Dingen oder Wissenschaften” durch „die vergnügung” der Handlung didaktisch verbessert werden. Huet „impliziert also eine enzyklopädische Funktionalisierbarkeit des Romans”[35].
Des Weiteren hat der Roman eine kosmographische Funktion. Durch die aristotelisch-ästhetische Kategorie des Ganzen kann im Roman eine kosmographische Verbindung von ästhetischen und naturwissenschaftlichen Diskursen gelesen werden: „Ein ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt. Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht”[36], sagt Aristoteles. Die Romantiker wendeten diese These nun – kombiniert mit dem ebenfalls aristotelischen mimesis-Theorem – auf den Roman an. Friedrich von Blanckenburg kommt in seinem Versuch über den Roman zu folgendem Schluss:
„Der Dichter hat in seinem Werke Charaktere und Begebenheiten unter einander zu ordnen und zu verknüpfen. Diese müssen nun, nach den obigen Voraussetzungen, so unter einander verbunden seyn, dass sie gegenseitig Ursach und Wirkung sind, woraus ein Ganzes entsteht, in dem alle einzelnen Theile unter sich, und mit diesem Ganzen in Verbindung stehen, so dass das Ende, das Resultat des Werks eine nothwendige Wirkung alles des vorhergehenden ist. Das Werk des Dichters muss eine kleine Welt ausmachen, die der großen so ähnlich ist, als sie es seyn kann.”[37]
Durch die Verschaltung der Theorie der Naturnachbildung im poetischen Werk[38] mit der Theorie des Werkganzen wird der Roman in seiner „neuen enzyklopädischen Funktion” zum „Abbild bzw. Analogon der Totalität” der Welt[39]. Die Abbildung der Totalität der großen Welt in der kleinen Welt des Kunstwerks schließt eine „didaktische und pädagogische, und damit eine potentiell enzyklopädische Funktion” [40] in sich, da der Roman hilft, das Ganze auf ein überschaubares Maß zu reduzieren, ohne die physikalischen und metaphysischen Gesetze des Weltenlaufs zu brechen. Durch diesen kosmographischen Charakter spricht der Roman einen enzyklopädischen Erkenntnisgewinn an[41]. Die kosmographische Verschiebung der großen Welt in die kleine Welt des Romans befördert auch eine Verdichtung der Informationen und presst gleichsam das disseminierte Wissen in eine enzyklopädisch-praktische Form. Das sei hier anhand eines Auszuges aus dem Kapitel über die europäische Literatur in Dietrich Schwanitz’ Handbuch Bildung anschaulich illustriert:
„Alle anderen Werke, die wir besprochen haben, stellten selbst einen ganzen kulturellen Kosmos dar und sind auf ihre Weise so etwas wir Bildungshandbücher: die Göttliche Komödie, Faust, Ulysses und die Romane des 19. Jahrhunderts. [...] Die großen Romane von Stendhal bis Musil dagegen sind das reinste Vergnügen, und jeder von ihnen bietet eine komplette Bildungsreise. Durch eine Lektüre von Dostojewskij oder Tolstoi erfahre ich mehr über Russland als durch jede Reise, und sie ist erheblich billiger. Auf einer Frankreich-Reise sollte man Stendhal oder Flaubert mitnehmen, aber natürlich sind Balzac, Victor Hugo, Maupassant oder Zola auch sehr gut. [...] In der englischen Literatur haben wir einen jener Romane ausgelassen, der zugleich einen ganzen Kosmos darstellt und die Summe der Bildung seiner Epoche [...] das ist Tristram Shandy [...]“[42]
Im Folgenden werden wir uns auf die Suche nach Operatoren und Systemen des Wissens und der Wissensverwaltung in den phantastischen[43] Zamonienromanen begeben. Da das Romanwerk von Walter Moers in der Wissenschaft bisher unbeachtet blieb, werde ich ebenfalls einige Untersuchungen zu Gattung und Form der jeweiligen Romane voranstellen. Dies ist durchaus sachdienlich: So ist die enzyklopädische Schreibweise in Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär eng mit dem Typus „Barockroman” verknüpft und die Verwaltung des Wissens in Die Stadt der träumenden Bücher weist dezidiert auf romantische Vorbilder hin.
Ein barocker Roman
Die 13 ½ Leben sind die niedergeschriebenen halben Lebenserinnerungen des Ich-Erzählers Blaubär[44]. Jedes dieser Leben stellt ein Kapitel und ein Abenteuer seiner Autobiographie dar, wobei die Leben nicht nach körperlichen oder geistigen Eigenschaften Blaubärs (beispielsweise also den Lebensaltern Kind, Jugendlicher, Erwachsener, Greis) getrennt sind, sondern nach den äußeren Umständen und der Umwelt, die Blaubär während seiner ständigen Reise auffindet. Da gibt es beispielsweise
- Mein Leben auf der Feinschmeckerinsel
- Mein Leben im Großen Wald
- Mein Leben in der Süßen Wüste
- Mein Leben in Atlantis. [45]
Das Reisen ist der ständige Lebensumstand Blaubärs, der ihn von einem Leben zum nächsten führt. Sind es zunächst stets die Umstände, die ihn zum Reisen und somit in ein neues Leben zwingen – er wird zu groß für die Zwergpiraten[46], die Tratschwellen werden von einer Strömung fortgetrieben[47] oder die Feinschmeckerinsel entpuppt sich als gefräßiges Monster[48] – entscheidet sich Blaubär nach seinem sechsten Leben selbst für ein Ziel und zieht fortan Richtung Atlantis.
Die 13 ½ Leben können – wie Moers auch in genanntem Interview betont – als barocker Roman gelesen werden. Da die zeitgenössische Phantastik sich eher an den Vorbildern der 1950er Jahre (J.R.R. Tolkien, C.S. Lewis, etc.) orientiert, lädt die Möglichkeit einer solchen Lesart der 13 ½ Leben zu einer genaueren Untersuchung ein. Im Folgenden soll der Roman auf seine Ähnlichkeit mit dem barocken Picaroroman verglichen werden.
Laut Hellmuth Petriconi ist der Picaroroman „eine zusammengesetzte Erzählung, deren einzelne Episoden nicht einer durchgehenden, auf ein Ziel gerichteten Handlung untergeordnet sind, sondern zwanglos aneinandergereiht und nur durch die Person des Helden zusammengehalten werden.”[49] Diese Aussage trifft auf die 13 ½ Leben ganz eindeutig zu: Die einzelnen Leben oder Kapitel haben keinerlei zielgerichtete Handlung gemein. Das Ziel eines jeden Lebens ist sein Ende, woraufhin das nächste beginnt ohne etwas vom vorigen weiterzuführen. Erst im zwölften Leben, Mein Leben in Atlantis, zeigt sich eine Verknüpfung zu den vorhergegangenen Episoden: Hier trifft Blaubär einige Charaktere aus den vorangegangenen Kapiteln wieder und erzählt zudem die bisher vergangenen Leben in einem Lügenduell noch einmal nach[50].
Der Held des Picaroromans ist „unberechenbaren Mächten ausgesetzt, der Macht der Fortuna oder der der Gesellschaft.”[51]. Das trifft auf Blaubär zu. Wie bereits erwähnt, sind es die unvorhergesehenen Änderungen in seiner Umwelt, die Blaubär zu ihrem Spielball machen und ihn stets in ein neues Leben werfen – was größtenteils wörtlich zu nehmen ist: Die Feinschmeckerinsel lässt Blaubär in ihr Maul fallen[52], ein Finsterberggewitter spült ihn aus dem Höhlentunnel[53], er fällt aus dem großen Wald in ein Dimensionsloch[54], aus einem weiteren Dimensionsloch wieder in den großen Wald[55] und wird vom Ewigen Tornado aufgesaugt[56]. Dies sei erwähnt um deutlich zu machen, wie vehement die Natur und Umgebung Blaubärs als treibendes Element in der Handlung des Romans eingesetzt wird.
Meid erklärt in seiner Einführung zum Barockroman weiter: „Der Held des Picaroromans schildert seine Erlebnisse im Rückblick in der Ich-Form [...] Die Wahl der Ich-Form hängt mit dem Wahrheitsanspruch des niederen Romans zusammen, der sich durch die Fiktion der Autobiographie den Anschein der Authentizität zu geben weiß.”[57] Auch hier orientieren sich die 13 ½ Leben ganz deutlich am barocken Vorbild. Auch Blaubär erzählt seine ersten 13 ½ Leben in der Ich-Form. Schon im Vorwort lässt er an der Authentizität seiner Erzählungen keine Zweifel: „Ich müsste lügen (und es ist ja hinlänglich bekannt, dass das nicht meiner Natur entspricht), wenn ich behaupten würde, meine ersten dreizehneinhalb Leben wären ereignislos verlaufen. Ich sage nur: [...]“[58]
Moers entspinnt mit seinem Ich-Erzähler ein interessantes Spiel. So ist Blaubär stets darauf bedacht zu erwähnen, dass er die reine Wahrheit erzählt, gleichzeitig aber ist die Rezeption gestört, kennt doch der Leser Blaubärs „Vorgeschichte” aus der Sendung mit der Maus des Westdeutschen Rundfunks WDR[59]. In deren Kategorie Käpt’n Blaubärs Seemannsgarn erzählt ein gealterter Blaubär drei kleinen Buntbären Geschichten aus seinem Leben, die von diesen stets als Lügen oder Seemannsgarn abgetan werden. Auch im Roman beginnt seine Karriere als Lügengladiator damit, dass Volzotan Smeik, sein späterer Agent, Blaubärs Lebensgeschichte für eine wunderbare Lügengeschichte hält:
„‚[...]Woher stammst du?’ ‚Nirgendwoher. Ich bin nichtmal geboren worden. Ich wurde in einer Nussschale gefunden.’ ‚Du bist nichtmal geboren worden … das ist auch gut! Sehr gut … eine der dreistesten Lügen, die ich je gehört habe! Und wer hat dich gefunden?’ ‚Zwergpiraten! Niemand weiß, dass es Zwergpiraten gibt, weil sie so klein sind. Ich war damals selber so klein wie sie, wie gesagt, ich passte in eine Nussschale. Aber durch das Plankton bin ich so groß geworden, dass sie mich aussetzen mussten.’ ‚Zwergpiraten!’ röhrte der Dicke. „Das gefällt mir! Du hast Phantasie!”[60]
In sein größtes Duell als Lügengladiator bringt er noch einmal seine Lebensgeschichte ein, reflektiert davor aber vehement ihre Wahrheit: „Meine Lebensgeschichten. [...] Es war nicht ganz fair, denn es waren ja keine Lügengeschichten, aber wer konnte das nachprüfen?”[61]
Dass sein enormer Erfolg in der Arena nicht gerade seine Wahrheitstreue emporhebt, muss Blaubär am Ende des Romans schmerzhaft erfahren:
„Ich erzählte ihnen, dass Smeik mit sämtlichen anderen Bewohnern von Atlantis auf dem Weg zum Planeten der Unsichtbaren Leute war. Ich versuchte, ihnen so eindrücklich wie möglich die fliegende Stadt zu beschreiben.
‚Tolle Geschichte, Blaubär’, applaudierte Zille. ‚Zehn Punkte auf dem Applausmesser. Leider sind wir nicht mehr im Megather.’
Sie glaubten mir nicht. Die Tragik meines Lebens.”[62]
Die Wahl des Protagonisten und Ich-Erzählers auf die bereits existente und vorbelastete Figur Blaubär fallen zu lassen, lässt auf eine deutliche Absicht des Autors schließen. Eine Lesart ermöglicht es, den Roman als Satire oder Parodie auf die gängigen Fantasyromane zu sehen, bei deren Ich-Erzählern üblicherweise keine Prüfung des Wahrheitsanspruches stattfindet, so wie Cervantes Don Quijote die damaligen Schäfer- und Ritterromane parodiert[63]. Diese Lesart stellt auch die – nicht minder barock-schelmisch-cervantische – Frage nach dem Dualismus von Realität und Fiktion oder – in Blaubärs Fall – Lüge und Wahrheit. Moers spielt explizit auch in Interviews mit dieser Frage: So behauptet der Autor, selbst durch ein Dimensionsloch auf den versunkenen Kontinent Zamonien gelangt zu sein, weshalb er die Manuskripte von Hildegunst von Mythenmetz[64] in die deutsche Sprache übersetzen konnte[65]. Walter Moers etabliert Zamonien als ehemals tatsächlich auf der Erde existenten Kontinent, was durch eine gezeichnete Karte[66], die Zamonien zwischen den Kontinenten Amerika und Eurasien zeigt, noch unterstützt wird.
Somit haben die 13 ½ Leben zwar nicht die unmittelbare Verknüpfung mit unserer Lebenswelt, wie sie in der zeitgenössischen Phantastik, beispielsweise in den Harry Potter-Romanen, zu finden ist, aber eine mittelbare Verbindung, die sich im Autor selbst manifestiert. Moers zeigt dem Leser ein Zamonien, das er besucht und gesehen hat, wie er uns erzählt. Hier tritt der genannte Dualismus deutlich zu Tage: Moers erzählt – wie sein Ich-Erzähler Blaubär – Geschichten, die vom jeweiligen Erzähler als wahr präsentiert, vom Publikum aber sofort als Lügengeschichten rezipiert werden. Das Muster des Wahrheitsanspruches scheint gestört, ist textimmanent aber niemals ganz durchbrochen.
Nach diesem Exkurs möchte ich noch eine letzte barocke Eigenschaft der 13 ½ Leben aufführen: Nicht der Protagonist ist hier der tatsächliche Held des Romans, vielmehr dreht sich der Roman um den Kontinent Zamonien, die Welt selbst ist der Held des Romans. Dies teilt er unter anderem mit dem Simplizissimus von Grimmelshausen, über den Ulrike Killer schreibt: „Der Roman ist vielmehr ein Welttheater, ein Abbild der ganzen Welt [...] Im Laufe seines [Simplizius] Lebens [...] durchläuft er Szenen auf einer großen Weltbühne”[67]. Auch Marc Späni stellt fest: „Der narrative Rahmen hat keine Exempelfunktion und ist nicht auf einen moralischen Nutzen des Lesers hin ausgerichtet. Die Figur [...] dient als Strukturierungsmittel, als ‚unterhaltsamer’ Rahmen für eine ‚sachliche’ Reisebeschreibung, die dadurch lebendiger [...] erscheint.”[68]Auf diese Weise sind auch die 13 ½ Leben wesentlich mehr eine Reisebeschreibung, eine Durchschreitung des zamonischen Welttheaters, als dass sie eine merkliche charakterliche Entwicklung Blaubärs nachzeichnen.
Gewiss lassen sich noch mehr Parallelen von den 13 ½ Leben zum pikaresken Roman der Barockzeit aufzeigen, so erwähnt Jürgen Mayer beispielsweise, dass „Vorgeschichten entfallen, da der Erzähler ab ovo beginnt, chronologisch fortfährt und die Erzählperspektive nie einer anderen Romangestalt überlässt. Die Welt des pikaresken Romans entfaltet sich zwischen dem erzählenden Ich und dem erlebenden Ich”[69]. Die 13 ½ Leben entsprechen dem zur Gänze. Blaubär beginnt seine Erzählung tatsächlich ganz am Anfang:
„Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht [...] Meine erste Erinnerung ist, dass ich in rauer See trieb, nackt und allein in einer Walnussschale, denn ich war ursprünglich sehr, sehr klein.”[70]
Auch wenn fortan kaum eine zielgerichtete Handlung existiert, widerspricht das nicht einem chronologischen Erzählstil, der temporal stringent bleibt. Natürlich entspinnt sich die Handlung zwischen erzählendem und erlebendem Ich, wie es für Autobiographien durchaus üblich ist. Des Öfteren tauchen Formulierungen wie „Wahrscheinlich dachte ich damals”[71], oder „was mir damals sehr seltsam vorkam”[72] auf, und wenn das erlebende Ich in höchster Gefahr schwebt, kann das erzählende Ich noch über die Wahrnehmung von Gefahrensituationen reflektieren: „Es ist erstaunlich, wie genau man die Dinge in einer solchen Situation wahrnimmt”[73].
Auch zur oben angesprochenen gattungspoetologischen Enzyklopädik des barocken Romans, der nach Eichendorff „eine elementarische Confusion aller möglichen und unmöglichen Dichtungsarten, die hier chaotisch nebeneinander liegen und kaum noch den Versuch machen, sich zu einem organischen Ganzen zu gestalten”[74] lassen sich in Die 13 ½ Leben Merkmale finden. So wird in Einschüben die Ballade über „Die Finsterbergmade” von Hildegunst von Mythenmetz zitiert[75], es gibt Biographien in der Autobiographie über die interessantesten Männer im ewigen Tornado[76] und ein philosophischer Disput wird in Dramenform wiedergegeben[77]. Dass Blaubär zudem auch viele Arten romantischer Dispositionen in seine Autobiographie einfließen lässt, macht er bereits im Vorwort klar: „Ich sage nur: [...] Tödliche Gefahren. Ewige Liebe. Rettungen in allerletzter Sekunde …”[78]
Barocke Wissensverwaltung
Somit sei zur Genüge bewiesen, dass es sich bei den 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär um einen barocken Picaroroman handelt. Ich möchte nun in meiner Untersuchung fortschreiten und die 13 ½ Leben auf Formen und Operatoren barocker Wissensverwaltung und hernach auf barocke enzyklopädische Schreibweise hin untersuchen. Dabei soll zunächst auf (para-)textuelle Operatoren eingegangen werden, worauf eine Analyse textimmanenter Wissenssysteme folgen soll.
Nähern wir uns dem Buch von außen, fällt zuerst der komplette Titel ins Auge: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären; mit zahlreichen Illustrationen und unter Benutzung des ‚Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung‘ von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller“. Der Rekurs auf eine (fiktive) Enzyklopädie lässt vorangehend den Schluss zu, dass das Werk den Anspruch hat mehr zu sein als eine reine (wiederum fiktive) Autobiographie – eine didaktische Intention wird hier bereits angedeutet. Im Vorwort wird der Leser vom Erzähler Blaubär dann darauf eingeschworen, dass er durch die Lektüre lernen soll:
„Man fragt mich oft, wie es früher war. Dann antworte ich: Früher gab es von allem viel mehr. Ja, es gab Inseln, geheimnisvolle Königreiche und ganze Kontinente, die heute verschwunden sind – überspült von den Wellen, versunken im ewigen Ozean. [...] Von diesen Inseln und Ländern will ich erzählen, und von den Wesen und Wundern, die mit ihnen versunken sind.”[79]
Wie Denis Diderot[80] geht es Blaubär vor allem um die Erhaltung seines gesammelten Wissens für kommende Generationen: „[...] heute habe ich Wichtigeres zu tun: Meine Lebenserinnerungen müssen der Nachwelt erhalten werden”[81], schreibt er weiter in seinem Vorwort. Durch eine lange Aufzählung von Stichworten aus dem zamonischen Kosmos demonstriert er die disseminierte Wissenslandschaft:
„Ich sage nur: Zwergpiraten. Klabautergeister. Waldspinnenhexen. Tratschwellen. Stollentrolle. Finsterbergmaden. Eine Berghutze. Ein Riese ohne Kopf. Ein Kopf ohne Riese. Wüstengimpel. Eine gefangene Fata Morgana. Schlafwandelnde Yetis. Ein ewiger Tornado. Rikschadämonen. Vampire mit schlechten Absichten. Ein Prinz aus einer anderen Dimension. Ein Professor mit sieben Gehirnen. Eine süße Wüste. Barbaren ohne Umgangsformen. Hundlinge. Ein Regenwaldzwerg mit Nahkampfausbildung. Denkender Sand. Fliegende Maulwürfe [...]“[82]
Diese ausschweifende Vorrede macht den Leser neugierig. Er möchte wissen, was es mit den erwähnten Phänomenen auf sich hat und wie Blaubär es schaffen wird, eine so hohe Datendichte in seiner Erzählung unterzubringen. Es scheint klar: Blaubär wird neben seiner eigenen Lebensgeschichte auch eine Natur- und Phänomengeschichte Zamoniens erzählen. Zu diesem Zweck etabliert er den Kontinent auf den folgenden Seiten durch eine detaillierte Karte des Kontinents selbst und einer Weltkarte, auf der Zamonien und andere verlorene Kontinente wie Nafklathu, Yhôll und Ü in ihrer Lage zu Amerika, Eurasien und Afrika verortet sind. Damit wird einerseits seine Reiseroute nachvollziehbar, andererseits wird der topographische Raum, auf dem das in der folgenden Erzählung enzyklopädisch aufbereitete Wissen verstreut ist, präsentiert.
Nun beginnt der eigentliche Text, hier fängt die Geschichte an. Es fällt auf, dass Die 13 ½ Leben nicht nur durch die Kapitelüberschriften paratextuell organisiert sind, sondern sinnfällig durch ein Seitenregister ergänzt werden. Das gibt dem Text einen Handbuchcharakter, wie eine kurze Aufzählung der ersten Registertitel veranschaulicht:
Der Malmstrom / Zwergpiraten / Jammern, Prahlen und Piratenlieder / Seemannshandwerk / Knoten / Wissenswertes über Wellen / Algen[83]
Die Seitenregistertitel gliedern das im Roman chronologisch-narrativ angeordnete Wissen im Stil eines Nachschlagewerkes und ermöglichen einen schnellen Zugriff im Sinne einer Quellensammlung. Oder anders formuliert: Der Roman wird so „zu einer poetischen Realenzyklopädie. Der Roman wird zum digressiven Aggregatszustand einer enzyklopädischen Datenmenge, die zwischen narrativ-linearer Extension [im Text] und terminologisch-atomistischer Verdichtung im Register oszilliert.”[84]
Ein weiteres Merkmal, das die Handbuch-These stützt, sind die vielen Illustrationen, die das im Text enthaltene Wissen veranschaulichen. Unter dem Abschnitt Wissenswertes über Wellen sind beispielsweise 12 unterschiedliche Wellenarten abgebildet. Auch die Einschübe aus dem Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung sind fast immer reich illustriert. Es gibt Bilder von Bollogs[85], Wolpertingerwelpen[86] und Tornadohaltestellen[87] und besonders lehrbuchartigen Charakter hat die Illustration zu den Tratschwellen, die Blaubär Sprechunterricht geben: Die Darstellung der Mund- und Kieferhaltung beim Aussprechen verschiedener Laute könnte einem barocken Anatomiebuch[88] entsprungen sein – wenn es denn keine Tratschwellen wären[89].
Der Roman ist also bereits in seiner Gestaltung durch den selbstgegebenen didaktischen Auftrag, durch Seitenregister und Illustrationen als narrativ strukturierte Enzyklopädie auszumachen. Im Folgenden werde ich auf textimmanente Wissenssysteme und ihre Ähnlichkeit zu barocken Vorbildern eingehen.
Barocke Datenspeicher
Eine herausragende enzyklopädische Schreibweise lässt sich gewiss in dem äußerst umfangreichen Roman Großmüthiger Feldherr Arminius von Daniel Casper von Lohenstein finden, in welchem der Autor auf 3000 Seiten anhebt, um die Geschichte seines Helden herum all das aufzuzeigen, was an politischen, historischen, naturwissenschaftlichen und anderen Kenntnissen in der Zeit – und dem Autor – verfügbar war. Dieser Roman ist ein Beispiel für eine vollkommen heterogene Ansammlung von Wissen und damit idealtypisch für die barocke Verwaltung desselben. Der Leser war angehalten, dieses Wissen zu exzerpieren und nach seiner Façon zu benutzen. In einer – Wie Hans-Walter Schmidt-Hannisa schreibt – „für das Aufschreibesystem des 17. Jahrhunderts exemplarischen Geste schierer Verdoppelung, die das im Roman poetisch arrangierte Wissen wieder in eine nichtpoetische Präsentationsform zurückführt”[90] exzerpiert der Lohenstein-Verehrer Johann Christoph Männling für seinen Arminius enucleatus[91] sämtliches Wissen aus dem Feldherr Arminius, um diesen „eigenartigen Zwerg von 1200 Seiten [...] fortan angehenden wie praktizierenden Literaten als Quelle weiterer Information zur Verfügung”[92] zu stellen. So wird aus der Bibliothek Lohensteins ein Roman aus dem wiederum die Datensammlung Männlings wird, die der geneigte Männling-Leser zu seinem allgemeinen Nutzen konsultieren darf. Beides – sowohl der barocke Wissensroman Feldherr Arminius als auch Männlings Datensammlungen – finden ihre Entsprechungen in den 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, und zwar in Form des Unterrichtes in der Nachtschule bei Prof. Dr. Nachtigaller und dessen Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung.
In den Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein ‘Arminius‘ steht geschrieben:
„Dannenhero schweifft er in seinen Unterredungen aus / bald auf Urprung / Glauben und Gebräuche aller frembder Völcker / bald auf die Geschichte unterschiedener beschriebener Weltweisen / bald auf die Beschreibung aller Tugenden / Laster und Gemüths=Regungen des des Menschn / bald auf wichtige Staats=Händel und die hierüber entstandenen Streit=Fragen / bald auf die größten Wunder der Naturkündiger und neuen Aertzte [...] Gewiß ists / daß gleich der grundgelehrte Lohenstein eine lebendige Bibliothec gewesen[...]“[93]
Auch Joseph von Eichendorff erwähnt in seiner Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, dass der Arminius „endlich Alles, was damals die Gelehrten wussten oder zu wissen sich einbildeten, Geographie, Völker- und Länderkunde, Astrologie und Geschichte unausreißlich fest in einen ungeheueren Zopf zusammengebunden”[94] habe.
Ähnlich umfangreich gestaltet sich auch der Unterricht in der Nachtschule bei dem Universalgelehrten Nachtigaller:
„Er [der Professor] kam von Molekularbiologie auf Gesteinskunde, von Gesteinskunde zur ägyptischen Architektur, von dort zur Lehre von Faulgasen auf anderen Planeten und wieder zurück zur Insektologie mit einem Abstecher zur Darstellung der zamonischen Dreiflügelbiene in der atlantischen Wachsmalerei des 14. Jahrhunderts. Wir erfuhren das Wichtigste über die Käsekalkskulpturen von Florinth, die Karyatidenkultur an Gralsunder Sakralbauten, über die Heilwirkung der peruanischen Ratanhiawurzel, das Balzverhalten der Midgardwürmer, die wichtigsten Vertreter der zamonischen Speläologie (einer davon war Nachtigaller) und die zweihundertfünfzig Grundsätze der Buchtinger Unabhängigkeitserklärung[...]“[95]
Dies kann in Verbindung mit dem Feldherrn Arminius gebracht werden – Blaubär scheint ein gewisses Vorbild zu erahnen: „Allerdings waren diese abrupten Sprünge im Lehrstoff keineswegs willkürlich. Mir ging das viel später auf, es war, als läse man einen sehr umfangreichen, kompliziert verschachtelten Roman.”[96] Nachtigaller ordnet das digressive Wissen des Kontinents also ontologisch statt arbiträr, was Blaubär allerdings erst durch den Akt des Lernens selbst herausfinden muss: „Es gab keinen Unterricht nach herkömmlichen Maßstäben”, es ist, als „sähe [man] jahrelang dabei zu, wie ein riesiges Deckengemälde entstünde”[97]. Die Analogie zum Deckengemälde legt es nahe: Nachtigaller sortiert seine Vorträge nach einem Muster, das schließlich eine synthetische Ganzheit simuliert. Im blanckenburgschen Sinne zeichnet er den Kosmos im Kleinen nach, und ordnet ihn performativ so an, dass ein Mehr an Erkenntnis möglich wird.
Diese Performativität, wie sie auch der Autor Lohenstein nutzt, um sein gesammeltes Wissen im Roman poetisch aufzuarbeiten und in eine Handlung einzubetten, wird deutlich als Kunst bzw. Poetik charakterisiert:
„In diesem Augenblick fiel auch seine Zittrigkeit und seine Hinfälligkeit von ihm ab, leichtfüßig wie eine Ballerina tänzelte er vor der Klasse auf und ab und präsentierte seinen Lehrstoff mit Gebärden, Mimik und einer Stimmakrobatik, die jedem Schauspieler, Tänzer oder Sänger zur Weltkarriere verholfen hätten. [...] Professor Nachtigaller hatte den Beruf der Lehrkraft in den Bereich der Kunst überführt.”[98]
So wird in Lohensteins Arminius und in Nachtigallers Nachtschule geballtes Wissen – zumeist als Realie vorliegend – aus unzähligen Gebieten performativ, künstlerisch und eben poetisch aufbereitet und das Lernen zur Kunstrezeption erhoben.
Doch die Poetik des Wissens erschöpft sich mit dem Verlassen der Nachtschule oder dem Fertiglesen des Arminius. Für beides gibt es eine Lösung, sowohl in der barocken Literaturszene als auch in Zamonien. Wie bereits erwähnt, exzerpiert Männling die Realien aus dem Arminius um daraus Datensammlungen[99] zu schaffen. Ganz ähnlich ist Prof. Dr. Abdul Nachtigallers Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung aufgebaut, das Blaubär auf seinem Weg durch den Kontinent begleitet.
Stefan Rieger schreibt über Männlings Datensammlung im Expediten Redner:
„Die Bibliothek ist die ausgelagerte Form einer disparaten memoria. Wissen und was dafür gehalten wird, ist im Buchraum zerstreut und begegnet sich dort in einer wunderbaren Gleichzeitigkeit.[...] So entstehen umfängliche Realiensammlungen, die von den Begebenheiten neapolitanischer Hofdirnen mit ihren denkwürdigen Papageien berichten oder den Leser unvermittelt auf exotische Inseln entführen, um in aller Umständlichkeit die Eigenarten einer dort befindlichen Tier- und Pflanzenwelt aufzuzählen.”[100]
Und genau das ist auch das Nachtigallersche Lexikon. Blaubär bekommt es bei seinem Auszug aus der Nachtschule durch eine Umarmung mit Nachtigaller (der Intelligenzbakterien wie ansteckende Krankheiten verbreitet) direkt in sein Gehirn implantiert. Fortan ist das Lexikon sein ständiger Begleiter. Wie Männlings Datensammlung ist Nachtigallers Lexikon eine Sammlung von Exzerpten aus dem poetischen Vorbild – Arminius oder Nachtschulunterricht – ohne dabei auf sämtlichen Unterhaltungswert zu verzichten. Schließlich sind Männlings Sammlungen „den Alten zum Vergnügen vorgestellet”, auch wenn er „den Umgang mit puren Fakten zu seiner Sache”[101] macht. Und auch das Lexikon ist zwar eine Faktensammlung, aber niemals um einen etwas lockeren Ton verlegen, in dem es auch Realien aus dem Volksmund in seine Beiträge hineinfabuliert und auch auf kleine persönliche Anmerkungen nicht verzichtet[102]. Auch die „disparate memoria” und das „Wissen und was dafür gehalten wird”[103] finden sich in aller Verquertheit im Lexikon wieder: Man lernt über populäre Irrglauben zum Ursprung der Tratschwellen[104], über „zamonische Daseinsformen mit unsportlichem Lockverhalten”[105] und Theorien über die Hilfsbereitschaft von Pterodaktylen[106]. Allerdings funktioniert das Lexikon genau dann nicht, wenn man auf seine Hilfe dringend angewiesen wäre, beispielsweise während Blaubär im Netz einer riesigen Waldspinnenhexe festhängt:
„Großartig. Was hatte ich von einem Lexikon im Kopf, das mich immer mit den wichtigen Informationen versorgte, wenn es zu spät war?”[107]
Dies zeigt ein Problem barocker Enzyklopädik an, das auch der schweizer Pastor und „Literaturkritiker” Gotthard Heidegger[108] an Männlings Datensammlungen feststellt: „Heidegger moniert eine verschwenderische Fehlbelegung wertvoller Gedächtniskapazitäten, die unwiederbringlich zu einer Benachteiligung anderer kognitiver Leistungen führen muss.”[109] Solcherlei Anmerkungen scheinen gerechtfertigt, wenn Blaubär in seiner eben geschilderten Not zunächst das Lexikon nach Wasser befragt, statt selbst nachzudenken, wo er selbiges bekommen könnte:
„Aha. Wasser. Da war Wasser, ein ganzer Bach voll, aber mindestens zwanzig Meter entfernt. Wie sollte ich da herankommen? Hatte das Lexikon dafür vielleicht auch eine Empfehlung? Hallo? Lexikon?”[110]
Eine solche Herangehensweise erscheint aber vollkommen verständlich vor dem Hintergrund barocker Wissensverwaltung, wo die lexikalische Doppelung der Wissensinhalte eines Romans bereits das komplette Handwerkszeug eines jungen Redners ausmachen darf. Stefan Rieger stellt fest:
„Männlings Quellen sind für einen Schreiber in Inventionsnöten nur bedingt tauglich. Wichtiger als deren bloße Aufzählung wären Anweisungen ihres Gebrauchs.”[111]
Das Lexikon ist aber auch ein notwendiger Schluss aus den Experimentierträumen barocker Enzyklopädisten: Durch die Verschaltung mit Blaubärs Synapsen wird der Traum eines bewegten Buchraumes wahr, und das auf doppelte Weise. Die direkte Beeinflussung durch Blaubärs Gedanken macht im virtuellen Buchraum des Lexikons „Handgreiflichkeiten wie Buchstabenwürfel und Silbentäfelchen”[112] bedeutungslos, und durch die uneingeschränkte Beweglichkeit kann die Enyzklopädie – das Lexikon – direkt überall gebraucht und gegebenenfalls sogar ergänzt werden.
„An den Grenzen der Aufschreibbarkeit und ihrer Statik entstehen so [...] mobile Enzyklopädien, die das Chaos der Lettern und des Wissens auf dem Papier domestizieren und beherrschbar machen. Mit der Bewegung kommt auch der systematische Ort in Fluktuation: Speichermedium und Wissensgenerator kommen endlich zur Deckung, im selben Medium dürfen Denken und Daten übereinstimmen.”[113]
Haben wir soweit den Nachtschulunterricht und das Nachtigallersche Lexikon im Zusammenhang betrachtet, ist noch ein weiterer Schritt möglich: Wenn der Nachtschulunterricht die poetische Übersetzung und nach einem ontologischen System geordnete Zusammenführung einer digressiven memoria ist und das Lexikon die arbiträr organisierte, mobile Exzerptensammlung desselben darstellt, dann muss sie ebenfalls der dichterischen inventio dienlich sein. Hier schließt sich der Kreis des autobiographischen Werkes: Blaubär stellt ein halbes Leben in den Dienst des Lexikons um es abzuschreiben und zum Standardlehrwerk zu erheben[114] und nutzt es – so die Theorie – selbst wieder als Inventionshilfe für seine Autobiographie. So wird das arbiträre Wissen des Lexikons wieder in einen poetisch-performativen Kunsttext eingefügt, ontologisch geordnet und Blaubärs didaktischer Anspruch eo ipso erfüllt[115].
mundus combinatus
Die barocke Lesart der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär wäre nicht komplett ohne einige Anmerkungen zur Kombinatorik im Sinne Raimundus Lullus und seiner barocken Nachfolger. Andreas Kilcher notiert über den barocken Poeten als Nutzer der Kombinatorik:
„Vor der dichterischen Einbildungskraft und der Instanz des Genie, das aus der Phantasie erfindet, schrieb und notierte also der Schriftsteller als Gelehrter, als Ingenieur, der Regel und Verfahrensweisen beherrscht und Elemente aus Katalogen von Topoi zu neuen Konstellationen kombinatorisch zusammenstellt.”[116]
Ein Blick auf die Landkarte von Zamonien lässt eine inventio solcher Art alsbald vermuten. Da sehen wir Orte wie Florinth oder Gralsund, die deutlich auf eine Kombination der Städte Florenz und Korinth sowie eine Verquickung Stralsunds mit dem Wort Gral. Daneben ist Zamonien zusammengesetzt aus den unterschiedlichsten topoi: Da liegt das sagenhafte Atlantis neben einem Gebiet namens Midgard – in der nordischen Mythologie die Welt der Menschen – und in der Nähe von Wolperting (der Heimat der Wolpertinger) ein Landstrich namens Unbiskant, eine Kombination aus den beschreibenden Worten „unbekannt” und „riskant”.
Ein kurzer Einschub zur Topik: Um mich nicht im „begriffsgeschichtlichen Gestrüpp”[117] der Topikdefinitionen zu verlaufen, möchte ich für dieses Kapitel einen materiellen Topikbegriff voraussetzen, wie er für die Poetik des Barock als typisch angesehen werden kann. In diesem Sinne sind „‚Topoi’, ‚topoi koinoi’ und ‚loci communes’, das englische ‚commonplace’ und die älteren deutschen Begriffe ‚Gemeinort’ und ‚Gemeinplatz’ [...] gleichbedeutend nebeneinander, und zwar im Sinne von ‚Argumenten, die für die verschiedensten Fälle anwendbar sind’, bzw. im Sinne von ‚gedanklichen Themen, [die] zu beliebiger Entwicklung und Anwandlung geeignet [sind]‘”[118]. Nach Lothar Bornscheuer sind loci communes folgend „keine formalen, sondern thematische, bedeutungsreiche Aspekte. Der Begriff bezeichne[t] [...] nicht nur die Stichworte, sondern auch die ganze sprachliche Bearbeitung des durch das Stichwort jeweils angegebenen Komplexes. Das spezifische Kennzeichen von loci communes [...ist] ihre auf allgemeiner, öffentlicher Anerkennung beruhende hohe Bedeutsamkeit”[119]. Die materiellen topoi/loci communes waren im Barock Erfindungshilfen und wurden in Sammlungen im Sinne von „‚Schatzkammern’, die Gesichtspunkte zur Betrachtung eines beliebigen Gegenstandes in verbalisierter Form enthielten [aufgeschrieben]. [...] Im Rahmen einer Poetik, die das Kompilatorische höher schätzte als ‚Originalität’, kam diesen Sammelwerken die wichtige Funktion zu, Wissen und poetische Tradition zu speichern und zu systematisieren, so dass es jederzeit ‚abrufbar’ sein konnte.”[120]. Um noch einmal mit Bornscheuer zu sprechen, ist die topische Kunst „ein schöpferischer Prozess, der auf den ‚allgemeinen gesellschaftlichen Meinungs-, Sprach- und Verhaltensnormen’ beruht und deren Leistung im ‚innovativen Umgang mit dieser Vor-Urteils-Struktur’ besteht”[121].
Verbinden wir diese Vorstellung materieller topoi mit der – im Barock ebenfalls hoch angesehenen – ars combinatoria von Raimundus Lullus und seinem Nachfolger Athanasius Kircher erschließt sich ein neuer Spielraum der Wissensverwertung und -vernetzung:
„Was auch immer sich in Elemente atomisieren lässt, kann gemäß dem kombinatorischen Kalkül zu einem komplexeren Ganzen verbunden werden. Als Entitäten kommen dabei sowohl physikalische oder metaphysische, als auch mathematische oder semiotische Kategorien in Frage: Elemente, Atome, Prinzipien, Zahlen, Noten, Buchstaben etc. Kombinatorik ist folglich zunächst auf der einen Seite ein Ordnungsprinzip der Dinge, ein Mischungsverhältnis der Natur und ihrer Elemente, d.h. die metaphysisch-physikalische Bauweise des mundus combinatus. Auf der anderen Seite ist sie ars combinatoria, eine ‚Kunst’ bzw. ein Verfahren der Beschreibung, d.h. ein Aufschreibesystem, das sowohl Logik, Rhetorik und Poetik als auch Mathematik, Physik und Musik reguliert, eine universale wissenschaftliche Methode, ein enzyklopädisches Prinzip.”[122]
Raimundus Lullus sieht seine Kunst selbst als Mittel zur „Rationalisierung und Beschleunigung des Lernens”[123] an: „jene, die in ihr [dieser Kunst] geübt sind [...] können in kurzer Zeit (in modico tempore) ihr Wissen aus sehr Wenigem in unendlich Großes verwandeln, was mehrere andere nur in langer Zeit (in multo tempore) zu erreichen vermögen. [...] Was durch die anderen Wissenschaften in langwieriger Arbeit (diuturno labore) gelernt werden muss, wird durch diese in kurzer Zeit (brevi tempore) gefunden”[124]. Dieser Ansatz wird von Walter Moers bei der Erschaffung Zamoniens poetisch umgedeutet. Seine phantastische Welt bedient sich in einer beispiellosen inventio der unterschiedlichsten topoi - von der nordischen Mythologie über die Architekturgeschichte der Welt[125] bis zu modernen Mythen[126] – und verknüpft sie kombinatorisch miteinander, so dass eine neue Bedeutung entsteht. Einfach gesagt: Wenn Atlantis und Midgard ebenso als geographische Gegebenheiten wie als topoi – im Sinne aller allgemein angenommenen Daten und Diskurse oder schlicht Vor-Urteile – nebeneinander auf dem Kontinent zu verorten sind und durch den neuen Text mit zusätzlicher Information aufgeladen werden, erschließt sich daraus die Erfindung eines neuen Zusammenhangs und somit auch eines Zuwachses an Bedeutung. Es sind dies „poetische loci communes, Themen- und Sachinventare genauer, aus denen der gelehrte ‚Poet’ beim Vorgang des Schreibens Elemente auswählt und zu neuen Verbindungen rekombiniert.”[127]
Aber nicht nur topoi lassen sich kombinieren: Sieht man sich die Bewohner von Atlantis an, bemerkt man eine Vielzahl zamonischer Rassen, die der Autor in bester kombinatorischer Manier geschaffen hat: Da gibt es Haselhexen, Rikschadämonen, Schilfgnome, Mittagsgespenster, Großfüßige Berten (halb Enten, halb Buschhexen), Zwiezwerge, Witschweine und viele mehr[128]. Alle erscheinen in irgendeiner Weise zusammengesetzt bzw. aus verschiedenen Dingen kombiniert. Dazu segmentiert der Autor irdisch bekannte Vorstellungen und führt sie mit anderen Bildern zu einer neuen Erfindung zusammen: So wird aus einem Vampir und einer gewissen Anzahl an Nasen eine Olfalktille geboren[129] oder aus Schweinen und asiatischen Mönchen die Witschweine[130]. Diese Art der Erfindung geht mit der Selbstauffassung barocker Poeten konform, wie Kilcher im Rekurs auf Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels bemerkt: „[...] und auch Walter Benjamin hat [...] deutlich gemacht, dass die Kombinatorik zum Inbegriff des barocken Schreibens werden konnte, Schreiben nämlich als gelehrter und technischer Umgang mit vorgefundenen Topoi: ‚‚Ars inveniendi’ muss die Dichtung heißen. Die Vorstellung von dem genialen Menschen, dem Meister der artis inveniendi, ist die eines Mannes gewesen, der souverän mit Mustern schalten konnte. [...] Sein Kombinieren darf der Dichter nicht vertuschen, wenn anders nicht sowohl das bloße Ganze, denn dessen offenbare Konstruktion das Zentrum aller intentionierten Wirkungen war.’”[131]
Für die barocken Poeten war die Kombination von topoi oder anderen Elementen gewiss nicht die einzige Weise, mit der ars combinatoria umzugehen. Ein anderes Verfahren ist die Anagrammatik. Der barocke Buchstabenwechsel, „ist eine [weitere] poetologische Übersetzung bzw. Umsetzung der lullischen Buchstabenkombinatorik”[132] und kommt in den 13 ½ Leben mannigfach zur Ausführung. Die Beschreibung der Stadt Atlantis lässt auf die Signifikanz der Anagrammatik im Roman schließen:
„Atlantis: Haupt- und Regierungsstadt des Kontinents Zamonien, Kategorie Megastadt. Atlantis ist in fünf Regierungsbezirke aufgeteilt, die eigentlich eigene Königreiche repräsentieren: Naltatis, Sitnalta, Titalans, Tatilans und Lisnatat. Diese Stadtteile sind wiederum wie folgt in Unterbezirke aufgeteilt: NALTATIS in die Bezirke Santalit, Tisalant, Satalint, Sitaltan, Tintasal, Tansalit und Anstlati; SITNALTA in die Bezirke Stalinta, Satintal, Stanilat, Talnatis, Nastilat, Titanlas und Tinsalat; TITALANS in die Bezirke Alastint, Lisatant, Aslitant und Santatil; TATILANS in die Bezirke Snatatil, Linstata, Nitsalat, Titsalan und Statinal; LISNATAT, deren Bevölkerung sich gegen eine Unterteilung ausgesprochen hat, lässt lediglich eine geographische Aufteilung in Lisnatat Nord, Lisnatat West, Lisnatat Ost, Lisnatat Süd und Lisnatat Central zu. Alle Unterbezirke sind wiederum in Sub-Unterbezirke aufgeteilt, deren einzelne Nennung den Rahmen dieser Publikation sprengen würde.”[133]
Kein Wunder, schließlich gäbe es 40.320 verschiedene Ortsnamen in Atlantis, wie die Rechnung der Fakultät der acht Buchstaben a, t, l, a, n, t, i und s vermuten lässt.[134] Die Signifikanz der Anagrammatik erschließt sich im Bezug auf Lukrez Lehrgedicht de rerum natura:
„Auch in unseren Versen sogar kommt vieles darauf an,
Wie sie zusammengestellt, wie jedes darinnen gemischt sei.
Eben dieselben Lettern bezeichnen Himmel und Erde
Und die Sonne, das Meer und die Fluss’,
und eben die selben Saaten und Bäum’ und Tier’;
und sind sie nicht alle die gleichen,
Ist’s doch der größere Teil: die Stellung ändert die Sachen.”[135]
Im Dienste einer Naturerschließung wird in der Anagrammatik also, statt mit Dingen oder topoi, mit Worten und ihren atomistischen Einheiten, den Buchstaben, operiert. Die barocken Poeten fanden im Buchstabenwechsel die Generierung eines Wissens, „das zugleich ästhetisch ist”[136]. Die Anagrammatik umfasst eine enzyklopädische Totalität aller Sprachen, inklusive der spezifischen Sprache der Poetik[137].
Aber auch die Anagrammatik von Eigennamen, ein weit verbreitetes Spiel im Barock[138], wie es man zum Beispiel im Simplizissimus beobachten kann[139] führt Walter Moers zum Meisterstück: Tauchen diese in den 13 ½ Leben nur sporadisch auf, wie z.B. „Manu Kantimel, [der] Begründer des Gralsunder Dämonismus”, so machen die anagrammatisch vertauschten Namen realer Dichter und Schriftsteller einen großen Reiz an der Lektüre der Stadt der träumenden Bücher aus. So trifft man in der zamonischen Literatur Dichter wie Ohjann Golgo von Fontheweg, Dölerich Hirnfidler und Sanotthe von Rhüffel-Ostend[140]. Dass sich auch Gofid Letterkerl in diese Runde mischt, dessen Namen erstaunlich dem niederländischen Wort Letterkeer (=Buchstabenwechsel) entspricht, mag nur Zufall sein. Wir werden später auf Die Stadt der träumenden Bücher zurückkommen.
Inwiefern ist die ars combinatoria aber enzyklopädischer Natur? Durch Lullus Kombinatorik erfolgt eine „Beschleunigung des Schreibens, Lernen und Wissens”[141] und soll die unterschiedlichsten Wissenschaften und Wissensgebiete allein aus der Applikation und Anordnung der unterschiedlichen Operatoren miteinander und zueinander gebären. In diesem Sinne muss Enzyklopädik als „operative[s] Verfahren der Verarbeitung und Speicherung von Daten”[142] angesehen werden, als „rationale, arithmetische und semiotische Methode der Findung, Systematisierung und Memorierung von Wissen[143]. Durch die Kombinatorik tritt der Querverweis – das ist die Verknüpfung von Wissen – als Erkenntnisträger auf und führt zu einer „systematisierte[n], mechanisch rationalisierte[n] und beschleunigte[n] Enzyklopädik”[144], ähnlich unserer heutigen Hypertexte, wie sie vor allem in den virtuellen Enzyklopädien (z.B. Wikipedia) vorkommen: „Die Kombinatorik der barocken Enzyklopädik ist, mit anderen Worten, kein Verfahren der Archivierung, sondern der Vernetzung von Daten”[145].
Verlassen wir nun die barocken Datensammlungen der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär und wenden uns anderen Arten der Wissensverwaltung zu. Nach einem kurzen Umweg über das Märchen Ensel und Krete wird eine Untersuchung des postmodernen Schauerromans Die Stadt der Träumenden Bücher diese Arbeit abschließen.
Mythenmetzsche Verzettelung
Ensel und Krete ist ein Märchen aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz, in die deutsche Sprache übersetzt von Walter Moers. Der Text kann als romantisches Kunstmärchen bzw. Märchenparodie gelesen werden. Die verschobene Autorinstanz kann beispielsweise auch in E.T.A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr bemerkt werden und auch die raffinierte Verschachtelung der Erzählebenen zwischen Traum und Wirklichkeit lässt auf romantische Vorbilder wie Ludwig Tiecks Gestiefelter Kater oder Der blonde Eckbert schließen[146].
Die Geschichte spielt sich – nach den Ereignissen, die auf den letzten Seiten der 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär geschildert werden – im Großen Wald ab, der inzwischen von den Buntbären in eine Art Freizeitpark unter totalitärem Regime verwandelt wurde. Leichte Anzeichen der barocken Kombinatorik lassen sich hier noch finden, sind doch Orte wie Reblausitz, Akazien, Eichendorf, Tannhausen und der Großwaldstädtersee auf der Karte des Parks auszumachen[147]. Die Handlung wird von den Fhernhachenzwerglein Ensel und Krete getragen, die sich im verbotenen Teil des Waldes verlaufen, allerlei gefährliche Abenteuer erleben und schließlich vom verrückten Geheimbären Boris Boris gerettet werden. Die wahre literarische Bedeutung des Werks liegt aber in der Mythenmetzschen Abschweifung, die der Autor hier zum ersten Mal entwickelt:
„Worum geht es dann? Es geht um Großes, natürlich: Sie, der Leser, dürfen Augenzeuge einer Sternstunde der zamonischen Literatur sein. Sie haben es vielleicht noch nicht bemerkt, aber Sie sind schon mittendrin in einer von mir entwickelten und vollkommen neuartigen schriftstellerischen Technik, die ich die Mythenmetzsche Abschweifung nennen möchte.”[148]
Die Mythenmetzsche Abschweifung feiert die romantische Genieästhetik, und das größte literarische Genie, das je gelebt hat, ist zweifellos Hildegunst von Mythenmetz: „Hildegunst von Mythenmetz ist der bekannteste und meistgelesene Schriftsteller Zamoniens. Sein Werk umfasst jede nur denkbare literarische Gattung, vom Roman über die experimentelle Lyrik bis zum monumentalen Theaterstück in neunhundert Akten.”[149] Die von ihm erfundene und betitelte Abschweifung „ermöglicht es dem Autor, an beliebigen Stellen seines Werkes einzugreifen, um, je nach Laune, zu kommentieren, zu belehren, zu lamentieren, kurzum: abzuschweifen”[150]. Die Abschweifung ist für eine enzyklopädische Schreibweise symptomatisch. Das zuvor Erzählte wird dezidiert als fiktiv dargestellt und der Dichter nutzt die Möglichkeit, über metafiktionale Verfahren zu referieren:
„Nun, bis zu dieser Stelle wird Ihnen diese zamonische Märchen bekannt vorgekommen sein, nicht wahr? Oder zumindest das gleichnamige Kinderlied: Ensel und Krete, die gingen in den Wald … Nur die leicht modernisierte Fassung, die Sache mit dem Buntbärwald, hat Sie bei der Stange gehalten, stimmt’s? Tja, das war ein kleiner professioneller Trick, um Sie dazu zu veranlassen, bis hierhin durchzuhalten – wenn Sie diesen Satz lesen, sind Sie darauf reingefallen.”[151]
Des Weiteren ist es dem Dichter möglich, über jedwedes Thema zu schreiben, weshalb die Abschweifung „als eine heillos unsystematische und unpragmatische Form des enzyklopädischen Schreibens, als Deformation des klassischen literarischen Textes zu einem manieristischen Labyrinth, als übermäßige und ungeordnete Überfrachtung der Literatur mit Wissen und Gelehrtheit”[152] gilt. Nichtsdestotrotz führt Andreas Kilcher aus, wie diese digressive Form der Enzyklopädik im Romanwerk von Jean Paul zu einer neuen Meisterschaft geführt wird[153] – ein Autor, der Mythenmetz erstaunlich ähnelt oder vice versa. Beispielsweise zitiert Kilcher Jean Paul nach dessen Jubelsenior, „‚Aber zurück zur Sache!’ wollt ich jetzt sagen, und sah erst unbeschreiblich-vergnügt, dass ich gar von meiner Sache nicht abkommen kann, ich mag mich verbreiten, worüber ich will”[154], wohingegen Mythenmetz anmerkt, „Herrje, ich schweife ab! Aber macht ja nichts, schließlich ist dies eine Mythenmetzsche Abschweifung. Fahren wir also fort [...]“[155]. Während uns Blaubär also noch in seine Lebensgeschichte eingebettete Fakten der zamonischen Wissenslandschaft präsentierte, hebt sich Mythenmetz vom Kontext seiner Geschichte ab um auf einer extradiegetischen Ebene digressives Wissen zu unterbreiten. So spricht er in seinen Abschweifungen von der philosophischen Position des Hoffnungsfreien Superpessimismus[156], illustriert die Funktionsweise totalitärer Systeme anhand des seitenlangen Gebrauchs des Wortes „Brummli”[157], unterrichtet über seine literarischen Kunstgriffe wie die Mythenmetzsche Ungewißheitsschürung[158] und die mangelnde Qualität bauminger Liedguts[159], beschreibt Laubwölfe im Zoo von Atlantis[160] und versucht die zamonische Mathematik zu erklären (namentlich die zamonische Urmathematik, die auf einem Vierer- und Doppelvierersystem beruht, die Druidenmathematik, die auf der Zahl Olz fußt, die gruselige Schrecksekundenmathematik der Rikschadämonen und die Zuneigungsrechnung der Fhernhachen)[161].
Mit dem Aufkommen der Abschweifung als enzyklopädisches Mittel müssen wir uns von der aristotelischen Idee des Ganzen verabschieden. Das Wissen erscheint in der Abschweifung als disparate Ansammlung scheinbar unzusammenhängender Fakten, die allerdings zu „‚assioziativen’ und ‚witzigen’ Verbindungen”[162] führen können. „Mit ihren innovativen Verbindungen, die je nach Perspektive als poetisch oder ‚groteskkomisch’ gelten mögen, überschreitet diese neue Enzyklopädie die üblichen Ordnungen der alten Enzyklopädien ebenso wie die Digression die Linearität des Erzählens unterbricht. [...] die Poetik der digressiven Konnexion [wird] damit zum universellen Verfahren des Wissens, des Schreibens, des Lesens”[163].
Eine Sonderstelle nimmt die erste Mythenmetzsche Abschweifung ein, in der der Autor sein Arbeitszimmer beschreibt. Das Zimmer ist ein Inventionsraum, wie er vollständiger nicht sein könnte: Jedes Inventarstück dient der mythenmetzschen ars inveniendi. Vom Kerzenleuchter, in den die sieben Grundtugenden des Dichters eingeprägt sind[164] über einen Grimassierspiegel, eine Mondphasentafel, eine Regenbogentabelle, einen Silbenzähler und einen Buchstabenrüttler, ein Sprachmetronom bis zu einem Miniaturtheater in dem Mythenmetz „jegliche Szenerie [...] heraufbeschwören”[165] kann. Unter diesen Inventionshilfen sei vor allem auf Mythenmetz’ Referenzbibliothek hingewiesen, die alle Arten von Enzyklopädien enthält:
„So finden sich meine mir liebsten Lexika und sonstigen Nachschlagewerke nur auf Armeslänge von mir entfernt: zunächst natürlich das Zamonische Wörterbuch von A-Z, die Gralsunder Universitätsausgabe in ihrer aktuellsten Fassung. [...] Manche Bücher wirken schon durch ihre Anwesenheit. Direkt daneben das Zamonische Namensregister. [...] Ebenfalls von unschätzbarem Wert ist Das Buch der Inneren Befindlichkeiten von Dr. med. Zalamander Regenschein. [...] Manchmal brennen meine Ohrläppchen wie Feuer, und meine Zunge schmeckt nach Essig. Dann greife ich zum Buch der Inneren Befindlichkeiten und erfinde Krankheiten von solcher Raffinesse, dass kein Arzt sie diagnostizieren könnte. Weiter: Der Große Ompel – das unentbehrliche zamonische Kartenwerk von Geho van Ompel. [...] In dieser monumentalen Schwarte ist Zamonien bis zum letzten Quadratkilometer vermessen. [...] Als nächstes eine der gedruckten Ausgaben des Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung von Professor Doktor Abdul Nachtigaller. [...] Die Botanica Zamoniensis, das handgepreßte Pflanzenwerk von Tulip Knofel, dem grandiosen Botaniker [...] Echte Pflanzen, kunstvoll in 54 Bänden konserviert und in getrocknetes und verleimtes Laub gebunden. [...] Daneben: Die gesammelten Werke von Zoltepp Zaan, dem legendären Alchimisten, Philosophen und Entdecker des Zamomins.”[166]
Die Enzyklopädik wird hier als Modus poetischer Praxis dargestellt und nimmt gleichzeitig die stellvertretende Rolle einer virtuellen Totalität ein: Wenn in dieser poetisch-fiktiven Bibliothek das (fast) komplette Wissen über die (fiktive) Welt in Buchform vorhanden ist, muss das unsichtbare Wissen selbst auch ein Bestandteil der Welt sein. Mythenmetz’ fröhliches Nachsinnen über seine enzyklopädischen Besitztümer steigert diesen Eindruck noch. Andreas Kilcher schreibt erstaunlich passend über Jean Pauls Poetik der Flegeljahre:
„Ihre Poetik orientiert sich nicht mehr an den Realien der Natur, sondern an ihrer enzyklopädischen Repräsentation. Die Enzyklopädik des Romans besteht damit in einer sekundären Symbolisierung: Während die Enzyklopädie das Wissen in Totalität repräsentiert, verdichtet es der enzyklopädische Roman auf ein poetisches Format. Es ist dies ein potenziertes Übersetzungsverfahren, das nicht mehr das Buch der Natur, sondern Bücher über die Natur zum Gegenstand hat, und damit immer schon Schrift.”[167]
Zudem verfügt Mythenmetz über eine Art romantischen Zettelkasten. Diese Exzerpierkästen waren in der Romantik (und vor allem bei Jean Paul) äußerst beliebt als enzyklopädische Ablagesysteme kurzer Wissensexzerpte[168] und als Inventionsgehilfen und werden in Jean Pauls Das Leben des Quintus Fixlein zum poetischen Konzept erhoben[169]. Sie bieten ein „neues Notationsverfahren[...]: ein offenes, nicht hierarchisches, beliebig unterteilbares, kulminativ wachsendes und eigene Sachgruppierungen erzeugendes compendium mundi.”[170] Bei Mythenmetz findet eine Umdeutung des enzyklopädisch gesammelten Weltkatalogs in eine Totalität literarischer Inspirationsträger statt – äußerst passend für einen Vollblutschriftsteller, der das zamonische Wissen griffbereit auf der Fensterbank versammelt hat. Mythenmetz besitzt einen Duft-Zettelschrank, der ihm Inspiration zu allen literarischen Genres eingibt:
„Lassen Sie uns zunächst einen Blick unter den Tisch werfen, denn dort befinden sich meine vielgenutzten Inspirationsschubladen. Ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, woher meine Ideen kommen, aber ich weiß, womit ich sie am besten hervorrufen kann mit Aromen. [...] Zu diesem Zweck habe ich unter meinem Schreibtisch einen alten Apothekerschrank installiert, in dessen zahlreichen Schubladen sich die verschiedensten Geruchserzeuger befinden: Eine Schublade ist gefüllt mit Zimtstangen (Zimtgeruch ruft bei mir Spannungs- und Abenteuerliteratur hervor), eine andere mit getrocknetem Lorbeer (weckt meinen Witz), eine mit Koriander (gut für Tiefschürfendes), eine mit Muskat (Orientalisches, Märchen), eine mit Seetang (natürlich nautische Assoziationen), eine mit grünem Tee (lässt mich unvermittelt Reimen, keine Ahnung wieso), eine mit Rosinen (befördert meinen Sinn für Avantgardistisches), eine mit Schwefel (Schauerliteratur), eine mit Heu (Schäferdichtung), eine mit Asche (Trauriges, Tragik), eine mit Laub und Walderde (Naturbeschreibung, zur Zeit weit herausgezogen) und noch Dutzende mehr.”[171]
Aus dem arbiträr geordneten Exzerptwissen der romantischen Zettelkästen wird hier ein olfaktorisch-literarisches compendium mundi. Die mythenmetzschen Inspirationsschubladen stellen also eine gattungspoetologische Totalität dar, die durch die kombinatorischen Möglichkeiten ebenso wie ein Exzerpierkasten auch zu literarischen Neuschöpfungen befähigt: „Die Kunst dabei ist, die richtige Mischung zu erzeugen, die passenden Schubladen zur rechten Zeit im rechten Maße zu öffnen. Ständig hantiere ich beim Schreiben an den Schubladen wie ein verrückter Organist, der seine Register zieht, denn es kann sein, dass eine neue Geruchskombination mich auf einen sensationellen erzählerischen Einfall bringt.”[172]
Ein weiterer Baustein der mythenmetzschen Erfindungshilfe sei hier angeführt. Im Sinne einer romantischen Poesieauffassung, findet die inventio durch Sachkenntnis und Naturbeobachtung statt, die das Genie dann in seinem Werk verwerten kann[173]. Hildegunst von Mythenmetz muss sich nicht einmal von seinem Schreibtisch erheben, um unvergleichliche Beobachtungen zu machen:
„Zur Zeit ist es Nacht, und ich sehe nur mein gespenstisches Spiegelbild in der Fensterscheibe, aber bei Tageslicht überblicke ich ein kolossales Panorama. Ich sehe nicht nur meinen Garten, sondern auch einen erheblichen, geradezu exemplarischen Teil der Welt. [...] So kann ich die ganze Welt von meinem Schreibtisch überblicken, ich sehe Natur und Geschöpfe, Baum und Strauch, Weg und Haus, Sonne, Mond und Schicksal.”[174]
Der Autor schildert uns eine Idylle, die in ihrer „wörtlichen Bedeutung als eidyllion, als ‚kleines Bildchen’”[175] stellvertretend für den enzyklopädischen Aggregatszustand des Romans als verkleinerte Darstellung einer physisch und metaphysisch kohärenten Totalität und Realität[176]. Falls auch diese Art der Totalität dem Dichter nicht ausreicht, besitzt Mythenmetz noch etliche optische Instrumente, vom Teleskop bis zum Mikroskop, und so „steht [ihm] fast jeder Bestandteil der zamonischen Natur zur Verfügung, vom Stern bis zum Staubkorn”[177].
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die virtuelle Totalität der Enzyklopädie in Ensel und Krete vor allem als Inventionshilfe für den Dichter dargestellt wird. Zudem findet eine Verdichtung der enzyklopädischen Daten statt[178], die sich in virtuellen Enzyklopädietiteln und der Darstellung der Idylle äußert. Die digressive Form der Abschweifung wird hier als Kunstgriff eingeführt, der ebenfalls der Wissensvermittlung dient. Abschließend folgen nun einige Bemerkungen zu einem weiteren großen Werk Hildegunst von Mythenmetz’: Die Stadt der Träumenden Bücher.
Postmoderne Schauerliteratur
Bei Die Stadt der Träumenden Bücher handelt es sich – nach Aussage des Übersetzers Walter Moers – lediglich um ein Fragment: Es sind dies die ersten beiden Kapitel von Mythenmetz’ autobiographischem Werk Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers, das in seiner Erstausgabe „über zehntausend Seiten, verteilt auf 25 Bände” umfasst.[179]
Die Handlung ist schnell umrissen: Der junge Dichter Mythenmetz bekommt von seinem sterbenden Dichtpaten den „großartigsten Text der gesamten zamonischen Literatur”[180] vererbt, mit dem Auftrag, den Dichter desselben ausfindig zu machen und einen Fehler seines Dichtpaten wieder gut zu machen. Dieser schickte das „junge Genie” in „die Höhle des Löwen”, „nach Buchhaim”[181]. Mythenmetz geht nach Buchhaim und ist fasziniert von der Stadt, in der die Literatur das ganze Leben ausmacht – man mag sie sich wie eine toll- und stadtgewordene gigantische Buchmesse vorstellen. Unvorsichtig stolpert er mit seinem wertvollen Manuskript in eine Intrige des mächtigen Phistomefel Smeik, wird in das gigantische Labyrinth unterhalb der Stadt verschleppt und dort zum Sterben zurückgelassen. Auf seiner verzweifelten Suche nach einem Weg zurück an die Oberfläche trifft er auf gefährliche Monster und Bücherjäger (letztere suchen schwer bewaffnet im Labyrinth nach antiquarischen Schätzen), die Buchlinge (kleine Zyklopen, die sich vom Lesen ernähren und ihr Leben jeweils einem zamonischen Dichter verschrieben haben) und das monströse Geschöpf, das über diese unterirdische Welt voller Bücher und Gefahren herrscht: den Schattenkönig.
Im anzitierten Interview merkt Walter Moers an, dass dieses Buch „die Horror- und Schauerliteratur zur Grundlage haben”[182] werde. Horst Conrad schreibt in seinem Buch über die Schauerromantik, dass diese sich zur Erzeugung des Unheimlichen mehrerer Charakteristika bedient, namentlich der Einheit der Handlung, der Einheit der Zeit und der Einheit des Ortes. Die Einheit der Handlung besagt, dass die Schauergeschichte fast ohne Nebenhandlungen auskommt, und wenn diese doch eingesetzt werden, dann als „fast völlig selbstständige, abgeschlossene Erzählungen”[183]. Mythenmetz erzählt seine Geschichte ohne Abschweifung und die Haupthandlung wird nur unterbrochen um die Herkunftsgeschichte des Schattenkönigs zu erzählen[184] und durch die vorangestellte Rekapitulation der Autobiographie von Colophonius Regenschein, dem größten Helden Buchhaims. Durch diesen stringenten Handlungsablauf wirkt der Grusel der Geschichte eindrucksvoller auf den Leser und Mythenmetz’ Flucht durch das Labyrinth wird in ihrer physischen Belastung direkter wahrgenommen. „Die Handlung im Schauerroman setzt sich im wesentlichen aus Gefangennahme und Flucht zusammen”[185], bemerkt Conrad. Auch wenn diese einfache Formel nicht vollkommen auf Die Stadt der Träumenden Bücher zutreffen mag, erscheint uns Mythenmetz’ Schicksal doch zu großen Teilen aus dem „Wechselspiel von ‚escape’ und ‚capture’”[186] zu bestehen: Aus einer Gefahr entronnen, tut sich bereits die nächste vor ihm auf. Ist er den Monstern der unterirdischen Müllkippe Unhaim entwischt, findet er sich in Nachbarschaft einer tödlichen Spinxxxx wieder, entkommt er der Spinxxxx, landet er gleich darauf im Versteck des gefährlichen Bücherjägers Hoggno der Henker[187] usw. Diese spannungsgeladenen Teile der Erzählung werden nur von den Ruhepausen bei den Buchlingen und in Schloss Schattenhall, dem Wohnsitz des Schattenkönigs, unterbrochen und auch hier ist dem Protagonisten kein dauerhafter Frieden gegönnt: „Unvorhergesehene Ereignisse sorgen für immer neue Komplikationen, unabhängig vom Willen der Betroffenen”[188].
Die schauerromantische Verrätselungstechnik ist ein weiteres Merkmal des Werks. Um die Handlung in eine einheitliche Struktur zu bringen, liegen die Gründe und der Sinn ihrer Ereignisketten üblicherweise in der Vergangenheit begraben[189]. Erst als sich der Schattenkönig offenbart, erschließen sich dem Leser – und mit ihm auch Mythenmetz – die Beweggründe der bisherigen Handlung. „Die Protagonisten sind eingespannt in einen undurchschaubaren Ursache-Wirkung-Zusammenhang von der ‚prima causa’ bis zur Katastrophe”[190]: Wobei erstere der Rat von Mythenmetz’ Dichtpaten an das junge Genie ist, sich nach Buchhaim zu begeben und letztere schließlich die Stadt in einer Feuersbrunst untergehen lässt.
Die Einheit der Zeit im Schauerroman ist per se eine simulierte Einheit: Durch einen Mangel an Zeitangaben wird eine Folge einzelner schauriger Zeitpunkte generiert um ein eindeutiges Gegenwartsgefühl zu erzeugen[191]. Mythenmetz bleibt angesichts der unterirdischen Zeitlosigkeit des Labyrinths auch nichts anderes übrig, als seine Zeitrechnung auf das ungefähre Maß seiner Wach- und Schlafphasen zu reduzieren[192] und obwohl seine Biographie im Präteritum abgefasst ist, ergibt sich in den schaurigen Sequenzen seiner Flucht durch das Labyrinth ein Gefühl ständiger Gegenwart.
Die Einheit des Ortes schließlich kann – neben dem kurzen Vorspiel auf der Lindwurmfeste – ganz auf Buchhaim beschränkt gelesen werden. Schon das überirdische Buchhaim ist eine gotische Kulisse aus verwinkelten und engen Gassen und schiefen Holzhäusern: „Die uralten Fachwerkhäuser mit ihren spitzen Dächern standen aneinandergedrängt wie greise Zauberer, die sich gegenseitig stützten und aus schwarzen Fensterhöhlen auf mich herabglotzten.”[193] Buchhaim ist ebenso geheimnisvoll von alten Legenden über Buchimisten durchzogen („In diesen alten Häusern hatte man die bizarren Versuche unternommen, Druckerschwärze in Blut zu verwandeln und Blut in Druckerschwärze”[194]) wie dekadent: Auf dem Friedhof der Vergessenen Dichter hausen heruntergekommene Literaten in Erdlöchern und verfassen auf Geldzuwurf Gedichte für gnadenlose Touristen[195] und in der Giftigen Gasse verkaufen schleimige Literaturkritiker Totalverisse[196]. Beides – Geheimnis und Dekadenz – sind deutliche Kennzeichen für einen Handlungsort der Schauerliteratur. Ein typisches Ende lässt den Ort der Handlung mit dem Untergang der Schurkenfigur ebenfalls zugrunde gehen[197]: In Ann Radcliffes berühmter Gothic Novel The Mysteries of Udolpho zerbröckelt das gleichnamige Schloss, Edgar Allan Poes Titel The Fall of the House of Usher kann doppeldeutig gelesen werden und bezieht sich sowohl auf die Familie als auch auf das Anwesen Usher und Buchhaim geht zusammen mit dem Schurken Smeik in Flammen auf. Das Labyrinth unter Buchhaim schließlich suggeriert mit seinen endlosen Gängen eine permanente Flucht[198], ein weiteres Merkmal der Schauerromantik.
Diverse Anleihen und Anspielungen auf die irdische Schauerliteratur runden diese Lesart des Romans ab. Da gibt es die Anmerkung des schurkischen Claudio Harfenstock, er entspanne sich gern mit Ziegelsteinen und Mörtel beim Mauern[199]; eine deutliche Referenz an das beliebte Motiv Edgar Allan Poes, bei dem die Opfer der Schurken bei lebendigem Leib eingemauert werden[200]. Zudem bemerkt der Leser diverse Anspielungen auf H.P. Lovecraft[201] und die Erschaffung des Schattenkönigs orientiert sich offensichtlich an Mary Shelleys Frankenstein[202].
Auch Anzeichen für eine postmoderne Schreibweise lassen sich in Die Stadt der Träumenden Bücher finden. Das Werk ist nahezu hemmungslos selbstreferentiell und stellt seine Buchhaftigkeit beispielhaft aus. Mythenmetz beginnt seine Erzählung mit einer Vorrede an den Leser: „Hier fängt die Geschichte an. [...] Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuchabteilung zu verkrümeln.”[203] Hier wird der Werk- und Buchcharakter des Gegenstands, den die Leser in den Händen halten, der eigentlichen Erzählung vorangestellt: Die Fiktion, das Eintauchen in eine andere Welt, wird bereits mit dem ersten Satz durchbrochen. Beispiele dieser Art lassen sich in großem Umfang über das ganze Werk verteilt finden.
Die Materialität des Trägermediums wird in Die Stadt der träumenden Bücher kategorisch ausgestellt: So werden nicht nur Auszüge aus dem poetischen Werk des Dichtpaten Danzelot von Silbendrechsler in einer Rotunda-Type gesetzt[204], auch andere referierte Bücher werden durch passende Schrifttypen illustriert, beispielsweise Der Weg des Bücherjägers von Rongkong Coma[205], ein Fallenbuch von Guldenbart dem Tüftler[206] oder das in eine Wimper geschnitzte Vermächtnis von Hagob Saldaldian Smeik[207]. Sogar die entsprechenden Seiten des gefährlichen Buchs, mit dem Mythenmetz vergiftet wird, werden ipsissima verba abgebildet[208] und die Schwärze, die Mythenmetz durch das Gift vor Augen tritt, äußert sich in zwei schwarz gedruckten Seiten[209].
Ihren Höhepunkt findet die Selbstreferentialität in der Umschlaggestaltung. War es bisher bei den Zamonienromanen üblich, den jeweiligen Helden der Erzählung durch eine Art Vorhang auf den Leser blicken zu lassen (Blaubär schaut durch die Barten des Tyrannowalfisch Rex, die Fhernhachenzwerglein durch ein Astloch, Rumo auf Rumo und die Wunder im Dunkeln durch einen roten Vorhang und Echo das Krätzchen auf Der Schrecksenmeister durch ein Loch im Ziegeldach), betrachtet man hier einen Buchling, der hinter einer Wand aus Büchern ein Buch liest. In Anbetracht der Tatsache, dass Hildegunst von Mythenmetz der Held der Erzählung ist, liegt der Gedanke nahe, dass es sich bei dem abgebildeten Buchling um den jungen Zyklopen handelt, der den Namen „Hildegunst von Mythenmetz” trägt[210] und sich damit dem Studium der Werke des wahren Mythenmetz verschrieben hat. Dieser Überlegung folgend ist es gut möglich, dass der Buchling auf der Umschlagillustration eben jenes Buch liest, das wir selbst gerade in den Händen halten: Die Stadt der Träumenden Bücher von Hildegunst von Mythenmetz[211].
Ein ausgeprägter Hang zur Selbstreflexivität ist ebenfalls zu beobachten, häufig wird in der Erzählung über das Dichten und Erzählen selbst gesprochen. Danzelot teilt seinem Schüler im Moment des Todes dichterische Tricks mit („Die letzten Worte eines Sterbenden – und er will dir etwas Sensationelles mitteilen! Merk dir diesen Kunstgriff! Da kann keiner aufhören zu lesen! Keiner!”[212]), Mythenmetz merkt – mitten in seiner Autobiographie – an „Gab es etwas Uninteressanteres als das Leben eines Schriftstellers?”[213], und nach einer mysteriösen Anspielung fragt Mythenmetz den Schattenkönig: „Sind mysteriöse Anspielungen eigentlich ein legitimes literarisches Mittel?”. Dessen Antwort lautet natürlich: „Nein [...] Nur zweitrangige Autoren bedienen sich der mysteriösen Anspielung, um die Aufmerksamkeit ihrer Leser wachzuhalten.”[214] Diese selbstreflexiven Äußerungen im Roman können allerdings auch Anspielungen auf die romantische Ironie sein, wie sie beispielsweise in Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater als Mittel eingesetzt wird, ständig die Werkhaftigkeit des Stückes in mehreren Instanzen zu (unter-)brechen und reflektieren[215]. Ebenso pendelt die häufige (und oft leicht verfremdete) Zitierung von Gedichten[216] zwischen romantischer Universalpoetik und postmoderner Appropriation Art.
Werke postmoderne Schriftsteller scheinen ebenso Pate für Buchhaim gestanden zu haben wie die Vertreter der Schauerromantik: Die endlosen Buchreihen im Labyrinth unterhalb der Stadt erinnern an Borges’ Bibliothek vom Babel[217] und an die labyrinthische Bibliothek in Umberto Ecos Der Name der Rose[218]. Allgemein mag das Labyrinth als topos postmoderner Literatur angesehen werden.
Romantisch-postmoderne Enzyklopädik
Wie das Werk selbst nicht einer Stilrichtung bzw. Literaturform zuzuordnen ist, so verhält es sich auch mit der enzyklopädischen Schreibweise im Roman. Während er einerseits eine romantisch-philologische Enzyklopädik im Sinne Friedrich Schlegels einfordert, kann sich diese Forderung in Anbetracht der postmodernen Dissoziation des Wissens kaum erfüllen. Dies sei im Folgenden erörtert.
Zunächst wendet sich das Werk entschieden von barocken Formen der Poetik und der Wissensverwaltung ab. Dies zeigt sich vor allem an Mythenmetz’ Ablehnung gegenüber dem häufig zitierten Ritter Hempel von Gryphius von Odenhobler. Dass dieser (fiktive) Roman im zamonischen Barock zu verorten ist, lässt sich problemlos zeigen: Einerseits erinnert der Vorname des Autors an den barocken Sonettdichter Andreas Gryphius und seinen Sohn Christian Gryphius, andererseits weist der Titel auf Ferdinand Hempel hin, der im Stil barocker Vorbilder das Allgemeine deutsche Reimlexikon publizierte[219], eine geradezu „überflüssige”[220] Ansammlung an alphabetisch-arbiträr geordneten Real- und Kunstwörtern. Im Ritter Hempel selbst wird dann zunächst auf hundert Seiten nur eine „Anleitung zur Lanzenpflege”[221] ausgeführt; ein klassisches Beispiel barocker Wissensvermittlung, ähnlich Lohensteins Arminius. Danach hebt der Roman zu barock-komischen Sprachexperimenten an:
„‚[...] Erinnern Sie sich an die Stelle, wo dem Ritter die Brille in die Rüstung fällt und er praktisch blind das Lanzenduell ausfechten muss? Oder die, wo ihm der Unterkiefer durch einen Keulenhieb ausgerenkt wird und er sich ein Kapitel lang nur durch Zeichensprache verständigen kann? Was habe ich gelacht! Ein Meisterwerk der Hochkomik! [...] Man muss sich erst mal durch die hundert Seiten Anleitung zur Lanzenpflege gequält haben’, sagte Kibitzer, ‚aber danach geht es richtig zur Sache. Das Kapitel, in dem der Dichter hundertfünfzig Seiten lang ohne den Buchstaben E auskommt – ein Geniestreich der Lipogrammatik!’”[222]
Die Lipogrammatik – ein literarisches Sprachspiel, das auf dem Auslassen von Buchstaben beruht – war vor allem im Barock ein beliebtes Stilmittel von Rednern und Literaten. Mythenmetz kann mit derlei Sprachalchimie nichts anfangen: „Ich lächelte kennerhaft. ‚Ja, ja …’, sagte ich. ‚Ein Geniestreich.’ Nie gelesen, den Quatsch!”[223]
Phistomefel Smeik hat eine Sammlung barocker Wissensoperatoren, die nach dem Prinzip der ars combinatoria arbeiten und Literatur bzw. Wissen erzeugen sollen. Auch hier wendet sich der Text von solcherlei Vorbildern ab:
„Wir blieben vor eine der bizarren Maschinen stehen, einer hölzernen Kugel, einem Globus ähnlich, aber ohne Landkarte, dafür mit eingeschnitzten Buchstaben des Zamonischen Alphabets. Er konnte offensichtlich mit einem Pedal in Rotation versetzt werden.
‚Eine Romanschreibmaschine’, lachte Smeik. ‚Ein antikes Gerät, von dem man tatsächlich einmal glaubte, auf mechanische Weise Literatur herstellen zu können. Ein typischer Schwachsinn der Buchimisten. Die Kugel ist mit bleiernen Silben gefüllt, und wenn man an einem Hebel zieht, dann purzeln sie unten raus und fallen in eine Reihe. Natürlich ergeben sich dadurch immer nur Sätze wie ‚Pilgendon zulfriger fonzo nat tuta halubratz’ oder so ähnlich. [...] Ich habe eine Schwäche für solch unbrauchbaren Krempel. Das da vorne ist eine Buchimistische Inspirationsbatterie. Und das ist ein Ideenkühlschrank.’”[224]
Es lässt sich also sagen, dass Die Stadt der Träumenden Bücher sich von poetischen Verfahren und digressiver Wissensvermittlung, wie sie noch in Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär dominant waren, abwendet. Vielmehr wird hier die Enzyklopädik ganz in den Bereich der Kunst geholt. Nach Friedrich Schlegel ist Enzyklopädie immer schon Philologie: „Insofern die Philosophie, als Geist der Gelehrsamkeit und aller Wissenschaften überhaupt, in Rücksicht der Form alle die Wissenschaften begreift, die sich durch Zeichen ausdrücken, und in derselben Rücksicht die Poesie auch alle Künste umfasst, die durch ein anderes Medium als durch die Sprache wirken [...] – insofern umfasst die Literatur alle Wissenschaften und Künste, ist sie Enzyklopädie.”[225] Dies korrespondiert mit der romantischen „Konzeption eines literarischen Wissens, das alle Wissenschaften und Künste zu integrieren vermag”[226]. Auf diese Weise ist romantische Enzyklopädik „literarische Gelehrtheit, Bücherwissen, und nicht Erfahrungswissen”[227]. Damit ist Hildegunst von Mythenmetz, als belesener Literat gesegnet: Durch sein angelesenes, philologisches Bücherwissen schafft er es, sich durch das Labyrinth zu arbeiten, von Regal zu Regal die zamonischen Literaturepochen (vom Gralsunder Egalismus über Abundanismus, Adynationismus, Antiklimax-Romane, onomatopoetische Starkdichtung bis zu den Graf-von-Elfensenf-Romanen) durchschreitend[228]. Das Erfahrungswissen wird also zugunsten einer literarischen Belesenheit ausgeklammert, was den Berufsstand des Schriftstellers unter neue Vorzeichen zwingt. So gibt auch der Schattenkönig Mythenmetz, dem nach einem aufregenden Abenteuer die Schreibhand streikt, den Rat: „‚Schriftsteller sind dazu da, um zu schreiben, und nicht, um etwas zu erleben. Wenn du etwas erleben willst, dann solltest du Pirat oder Bücherjäger werden. Wenn du schreiben willst, dann solltest du schreiben. Wenn du es nicht aus die selber schöpfen kannst, dann nirgendwoher.’”[229] Das romantische Genie soll nach dem Leitgedanken der progressiven Universalpoesie eine Totalität schaffen, die man enzyklopädisch nennen kann:
„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen[...]“.[230]
Zu diesem Zweck wandelt sich Die Stadt der Träumenden Bücher während Mythenmetz’ Aufenthalt auf Schloss Schattenhall in einen Bildungsroman, und der junge Lindwurm reift zu einem literarisch-philologisch gebildeten Dinosaurier heran. Durch einen Tanz mit den Weinenden Schatten lernt er Wörter, die fortan sein Werk stützen werden, wie plumös, Sprinken, bolmigant, abströn, konfronzabel, mesomorph, leptogam, etcogil etc[231]. Diese Episode ist beispielhaft für die romantische Wissensverwaltung. Einerseits werden durch ein literarisches Genie zwei unterschiedliche Genre (hier Schauerroman und Bildungsroman – die Geister sind gruselig, aber dennoch belehrend) in einer progressiven Universalpoesie miteinander verbunden, um den Leser „mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art” zu bedienen, der selbst noch in der abenteuerlichsten Situation scheinbar nebensächlich Wissen vermittelt[232], andererseits wird die Bedingung dieser Wissensvermittlung aufgezeigt: Die Genieästhetik benötigt ein reichhaltiges Wortinventar um dem Anspruch der Totalität gerecht zu werden, denn „ohne Poesie ist keine Enzyklopädie möglich”[233] – oder, wie es über Buchhaim heißt, „Hier schienen Leben und Literatur identisch zu sein, alles kreiste um das gedruckte Wort.”[234]
Die Stadt wird beherrscht von einem unbändigen Glauben an das gedruckte Wort, an literarisches Wissen und poetische Kunst. Einzelne Werke, die auf der so genannten Goldenen Liste stehen, sind so rar und begehrt, dass sie ihren Finder auf einen Schlag reich machen können[235]. Doch leider führt die Suche nach diesen Büchern nicht zur Erkenntnis, sondern gipfelt in Mord und Totschlag der Bücherjäger untereinander, ähnlich wie in Borges’ Bibliothek von Babel. Durch die erdrückende Anzahl sinnloser oder gar gefährlicher Bücher wird der Buchraum destruktiv vermint und die Freude an der Lektüre bzw. die Suche nach Wissen gerät zu einer riskanten Odyssee[236]. Hier schlägt die Postmoderne in den Roman ein und ordnet die literarischen (Wissens-)Schätze dissoziativ in der Topographie des Labyrinths an. Das Labyrinth unter Buchhaim ist keine phantastische Welt voller wunderbarer Schätze, sondern ein Kerker voller bedrohlicher, lebensgefährlicher Verrücktheiten, der durch die Suche der Bücherjäger nach Wissen[237] in einen ständigen Kriegszustand versetzt wird. In ihrem blinden Eifer auf der Suche nach den paar wenigen Büchern, die ihnen tatsächlich etwas bedeuten, zerstören die Krieger sogar die letzte Instanz, die Ordnung ins Chaos hätte bringen können: Die Büchersortiermaschine der Rostigen Gnome wird nicht als Ordnungsapparat erkannt und demontiert[238].
Schluss
Das unbefangene Zeitalter, in dem mit den unterschiedlichsten Arten poetologischer Wissensvermittlung und Enzyklopädik experimentiert wurde – im Barock beispielsweise mit der ars combinatoria und dem polyhistorisch-feingebildeten Roman, in der Romantik unter anderem mit Zettelkästen und dem Verweis auf virtuelle Enzyklopädien – scheint hier vergangen zu sein. Wissen wird zwar als Ramschware massenweise verkauft („Kaminfegen für Fortgeschrittene von Biserko Gobbel [...] Zwei Dutzend auf den Blanken – Handbuch der Flagellationstechnik von Dottfried Egg [...] Die hundert lustigsten Natifftoffen-Anekdoten[...]Kleine Knotenkunde für Linkshänder. Glasblasen mit Blasebälgen. Alles über chronische Flatulenzen [...] Wie man ein Huhn kämmt [...]“[239]), aber die Suche nach echten literarischen Darstellungen von Welt, enzyklopädischem Wissen im eigentlichen Sinne, ist fast unmöglich und hochgefährlich. Tatsächlich liest Mythenmetz – zumindest bevor er die Bibliothek des Schattenkönigs betritt – nur ein einziges Buch, das ihm nützliches Wissen vermittelt und ihm ein umfassendes Bild der Welt unter Buchhaim enzyklopädisch präsentiert: Die Katakomben von Buchhaim von Colophonius Regenschein[240]. Das ist eine Autobiographie.
[1] Walter Moers: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. München: Goldmann 2001.
[2] Walter Moers: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien. Frankfurt: Eichborn 2000
[3] Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln. München: Piper 2003
[4] Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher. München: Piper 2004
[5] Walter Moers: Der Schrecksenmeister. München: Piper 2007
[6] Vgl. John R.R. Tolkien: On Fairy-Stories. In: John R.R. Tolkien: Tree and Leaf. Boston: Houghton Mifflin 1965
[7] Klaus Nüchtern: Mein Zielpublikum bin ich. Interview mit Walter Moers. In: Falter 17/03.
http://www.falter.at/print/F2003_17_2.php
[8] Platon: Die Kunst der Schrift wird Vergessenheit schaffen. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Die Schatzkammern der Mnemosyne. Ein Lesebuch mit Texten zur Gedächtnistheorie von Platon bis Derrida. Dresden: Verlag der Kunst 1995: 28
[9] ebd.: 30
[10] ebd.
[11] ebd.
[12] ebd.: 31
[13] Vgl.: Jean-Yves Tadié/Marc Tadié : Im Gedächtnispalast. Eine Kulturgeschichte des Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta 2003: 23ff.
[14] ebd.: 24
[15] Denis Diderot: “encyclopédie“. In : Anette Selg/Rainer Wieland (Hrsg.): Die Welt der Encyclopédie. Frankfurt/Main: Eichborn 2001.: 68. Zitiert nach Jürgen Mittelstraß: Das Ganze und seine Teile. Enzyklopädien, das Alphabet des Denkens und die Einheit des Wissens. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 56f.
[16] Zitiert nach
http://de.wikipedia.org/wiki/Encyclop%C3%A9die_ou_Dictionnaire_raisonn%C3%A9_des_sciences,_des_arts_et_des_m%C3%A9tiers
[17] Stefan Rieger: Speichern/Merken: Die künstlichen Intelligenzen des Barock. München: Fink 1997: 7
[18] Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer: Editorische Notiz. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: vii
[19] ebd.
[20] Hans Zotter: Parallele Modelle von Wissenssicherung und Ordnung. In: Theo Stammen/Wolfgang E.J. Weber (Hrsg.): Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien. Berlin: Akademie Verlag 2004: 25
[21] Vgl. ebd.: 26f.
[22] Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer: Zum Doppelleben der Enzyklopädik. Eine historisch-systematische Skizze. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 4
[23] ebd.: 5
[24] ebd.: 6
[25] vgl. ebd.: 3
[26] Vgl. Eckhard Lobsien: Die enzyklopädische Stadt. Dublin als Ulysses. In: Waltraud Wiethölter/Frauke Berndt/Stephan Kammer (Hrsg.) Vom Weltbuch bis zum World Wide Web. Enzyklopädische Literaturen. Heidelberg: Winter 2005: 193-213
[27] Wiethölter/Berndt/Kammer 2005: 30
[28] Andreas B. Kilcher: Mathesis und poiesis: Enzyklopädik der Literatur 1600 bis 2000. München: Fink 2003: 65
[29] Joseph von Eichendorff: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands (1875) In: Herrmann Kunisch/Helmut Koopmann (Hrsg.): Sämtliche Werke, historisch-kritische Ausgabe, begr. v. Wilhelm Kosch und August Sauer, 24 Bde., Regensburg 1908-1970, Bd. 9: 111. Zitiert nach Kilcher 2003: 65
[30] Eichendorff (1875) in: Kilcher 2003: 66
[31] Michail M. Bachtin: Das Wort im Roman. In: Michail M. Bachtin: Die Ästhetik des Wortes. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1979. Zitiert nach Kilcher 2003: 66
[32] ebd. und f.
[33] Kircher 2003: 68
[34] ebd.
[35] ebd.
[36] Zitiert nach Kilcher 2003: 89
[37] Christian Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman. Faksimiledruck mit einem Nachwort von Eberhardt Lämmert. Stuttgart: Metzler 1965. Zitiert nach Kilcher 2003: 90f.
[38] Vgl. Aristoteles: Aufgabe des Dichters.
http://www.versalia.de/archiv/Aristoteles/Aufgabe_des_Dichters.249.html
[39] Kilcher 2003: 91
[40] ebd.
[41] Vgl. ebd. und f.
[42] Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt/Main: Eichborn 1999: 256f.
[43] Zum Begriff „Phantastik” siehe Erika Maier: Phantastik und Realismus in Kinder- und Jugendliteratur nach 1945. Magisterarbeit, Universität Konstanz:
http://w3.ub.uni-konstanz.de/v13/volltexte/2007/3216//pdf/Maier_Magisterarbeit.pdf : 4-23
[44] Wie er zu seinem – im Buchtitel festgelegten – Kapitänstitel kommt, wird im Roman nicht klar. Als Tatsache wird allerdings schon auf der ersten Seite des Vorwortes die Feststellung „Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben” etabliert (Blaubär: 6).
Der Name Blaubär stammt von den Tratschwellen, die ihm auch das Sprechen beibringen:
„‚Wir haben noch was für dich’, sagte die andere Welle. ‚Einen Namen!’ ‚Genau’, sagte die eine Welle, ‚wir nennen dich Blaubär.’ Das zeigte, dass es mit der Phantasie den Tratschwellen nicht weit her war, aber immerhin. Einen Namen hatte ich bisher noch nicht gehabt.” (ebd.: 64)
[45] Blaubär: 77, 211, 273 & 445
[46] ebd.: 28
[47] ebd.: 64
[48] ebd.: 89
[49] Hellmuth Petriconi: Zur Chronologie und Verbreitung des spanischen Schelmenromans. In: Helmut Heidenreich (Hrsg.): Pikarische Welt. Schriften zum europäischen Schelmenroman. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969: 63
[50] Vgl. Blaubär: 588
[51] Volker Meid: Der deutsche Barockroman. Stuttgart: Metzler 1974: 74f.
[52] Blaubär: 93
[53] ebd.: 207
[54] ebd.: 254
[55] ebd.: 270
[56] ebd.: 345
[57] Meid 1974: 75
[58] Blaubär: 6
[59] http://www.wdr.de/tv/blaubaer
[60] Blaubär: 530f.
[61] ebd.: 587
[62] ebd.: 648
[63] Vgl. Meid 1974: 26
[64] Der größte zamonische Schriftsteller. Von ihm stammen die Werke Ensel und Krete und Die Stadt der Träumenden Bücher.
[65] http://www.zamonien.de/enselundkrete/interview.stm
[66] Blaubär: 10f.
[67] Ulrike Killer: Vorwort. In: Christoph von Grimmelshausen: Die Abenteuer des Simplizissimus. Würzburg: Arena 1974: 6
[68] Marc Späni: Poetische Gärtner und phaetonische Himmelsflieger: Formen poetologischer Reflexion im niederen Roman des 17. Jahrhunderts. Bern: Peter Lang 2004: 84
[69] Jürgen Mayer: Mischformen barocker Erzählkunst: Zwischen pikareskem und höfisch-historischem Roman. München: Fink 1970: 11
[70] Blaubär: 15
[71] ebd.
[72] ebd.: 19
[73] ebd.: 93
[74] s. Anmerkung 30
[75] „Heute muss das Eisen schmilzen / Heute wird der Gang gebohrt / Frisch hinweg mit Schimmelpilzen / graben ist das Zauberwort! [...]” (Blaubär: 196)
[76] ebd.: 375ff.
[77] ebd.: 153f.
[78] ebd.: 7
[79] ebd.: 6
[80] s.o.: S. 3
[81] Blaubär: 7
[82] ebd.: 6
[83] ebd.: 15-27
[84] Kilcher 2003: 71
[85] Blaubär: 116f.
[86] ebd.: 119
[87] ebd.: 228
[88] Beispielsweise Andreas Vesalius: Scholae Medicorum Patauinae Professoris, De humani corporis fabrica libri septem (1504-1564). Virtuelles Faksimile:
http://posner.library.cmu.edu/Posner/books/pages.cgi?call=611_V57A&layout=vol0/part0/copy0
[89] Blaubär: 61
[90] Hans-Walter Schmidt-Hanissa: Lesarten. Autorschaft und Leserschaft bei Jean Paul. http://wwwalt.uni-wuerzburg.de/germanistik/neu/jean-paul/jahrbuch/schmidthannisa.pdf
[91] Johann Christoph Männling: Arminius enucleatus. Das ist: Des unvergleichlichen Daniel Caspari von Lohenstein / Herrliche Realia, Köstliche Similia, Vortreffliche Historien / Merkwürdige Sententien, und sonderbare Reden. Als köstliche Perlen und Edelgesteine aus dessen deutschen Taciti oder Arminii, Leipzig 1708
[92] Rieger 1997: 28
[93] Anmerckungen über Herrn Daniel Caspers von Lohenstein ‘Arminius’: Nebenst beygefügtem Register derer in selbigen Werck befindlichen Merckwürdigen Nahmen und Sachen. In: Lohenstein: Großmüthiger Feldherr Arminius, Vor., 4f. Zitiert nach Rieger 1997: 27
[94]Eichendorff (1875) in Kilcher 2003: 65f.
[95] Blaubär: 149
[96] ebd.: 141
[97] ebd.
[98] ebd.: 140f. Hervorhebung von mir.
[99] Von denen es – neben dem Arimius enucleatus – noch weitere gibt, namentlich Lohensteinius sententiosus, Das ist: Des vortrefflichen Daniel Caspari von Lohenstein / Sonderbahre Geschichte / curieuse Sachen / Sinn-reiche Reden / durchdringende Worte / accurate Sententien, Hauptkluge Staats- und Lebens-Regeln / und andere befindliche Merckwürdigkeiten / Aus dessen sowohl Poetischen Schrifften und Tragoedien, als auch Lob-Reden / and andern ihm zustehenden gelehrten Büchern / Wie aus einem verborgenem Schatze zusammen corrigiret / Und der gelehrten Welt zur Vergnügung / der Jugend zum nützlichen Gebrauch Nebst einem vollkommenen Register ans Tage-Licht gestellt, Breßlau 1710, und – nicht allein Lohenstein zugeordnet – Expediter Redner oder deutliche Anweisung zur galanten Deutschen Wohlredenheit Nebst darstellenden deutlichen Praeceptis und Regeln auserlesenen Exempeln und Curieusen Realien Der Jugend zum Gebrauch und den Alten zum Vergnügen vorgestellet, Reprint Kronberg: Scriptor 1974
[100] Rieger 1997: 24
[101] ebd.
[102] So beispielsweise im Artikel über die
„Etikette von Ausnahmenaturphänomenen [...] leichtgläubige Gemüter raunen von beseelten Stürmen und denkenden Vulkanen, aber die Wahrheit ist wohl wie immer viel nüchterner und banaler, sie muß nur noch genauestens vermessen, katalogisiert, tabelliert, in zahlreichen Doktorarbeiten behandelt und zum Lehrfach erklärt werden.” (Blaubär: 313)
Blaubär sagt auch:
„Manchmal hatte ich den seltsamen Eindruck, als spräche gar nicht das Lexikon in mir, sondern Professor Nachtigaller persönlich, wie bei einem Telefonanruf.” (ebd.: 410)
[103] s.o.
[104] Blaubär: 58
[105] ebd.: 90
[106] ebd.: 96
[107] ebd.: 229
[108] Gotthard Heidegger: Mythoscopia romantica oder Discours von den sobenanten Romans. Faksimiledruck nach dem Originaldruck von 1698. Bad Homburg v.d.H./Berlin/Zürich: Gehlen 1969
[109] Rieger 1997: 32
[110] Blaubär: 231
[111] Rieger 1997: 42
[112] ebd.: 101
[113] ebd.
[114] „Die nächsten Monate verbrachte ich fast ausschließlich damit, das Lexikon aus meinem Kopf abzuschreiben. Dann ließ ich es wiederum von meinen Schülern abschreiben, so wurde es zur Pflichtlektüre der Buntbärenschule.” (Blaubär: 699)
[115] Ein ähnlicher Beweis lässt sich über Blaubärs Tätigkeit als Lügengladiator führen. Um den Champion Nussram Fahkir zu besiegen, bedient sich Blaubär des Lexikons, um die inventio seiner Lügengeschichte vom Maulwurfsvulkan voranzutreiben. Gleichwohl lässt sich behaupten, dass auch hier das arbiträr geordnete Wissen in einen unterhaltenden Kunsttext überführt wird. Vgl. Blaubär: 560ff.
[116] Kilcher 2003: 372
[117] Josef Kopperschmidt: Formale Topik. Anmerkungen zu ihrer heuristischen Funktionalisierung innerhalb einer Argumentationslyrik. In: Gert Ueding (Hrsg.): Rhetorik zwischen den Wissenschaften. Geschichte, System, Praxis als Probleme des „Historischen Wörterbuchs der Rhetorik”. Tübingen: Niemeyer 1991: 53. Zitiert nach Riccardo Nicolosi: Die Petersburg-Panegyrik. Russische Stadtliteratur im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oford/Wien: Peter Lang 2002: 114
[118] Ralf Boscher: Formale oder materiale Topik? Kontroversen und Perspektiven der neueren literaturwissenschaftlichen Topik-Forschung. Universität Konstanz: Magisterarbeit 1999: 37
[119] Lothar Bornscheuer: Topik. In: Klaus Kanzog/Achim Masser (Hrsg.): Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte. Bd. IV. 2. Auflage. Berlin/New York: de Gruyter 1984: 454-475 Zitiert nach Boscher 1999: 43f.
[120] Riccardo Nicolosi: Die Petersburg-Panegyrik. Russische Stadtliteratur im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien: Peter Lang 2002: 119
[121] ebd.: 122
[122] Kilcher 2003: 357
[123] ebd.: 359
[124] Ramon Lull: Ars generalis ultima. Zitiert nach Kilcher 2003: 359
[125] Vgl. „Atlantisarchitektur”, Blaubär: 467ff.
[126] Yetis, Vampire etc.
[127] Kilcher 2003 : 371
[128] vgl. Blaubär: 451ff.
[129] ebd.: 458f.
[130] ebd:: 463
[131] Kilcher 2003: 372
[132] ebd.: 373
[133] Blaubär: 111
[134] Zur Signifikanz von Fakultätsrechnungen in den Wortspielen und der Poetik des Barock siehe Rieger 1997: 13-22
[135] Titus Lucretius Carus: Von der Natur der Dinge. 2. Buch:
http://www.gottwein.de/Lat/lucr/nat02de.php
[136] Kilcher 2003: 376
[137] ebd.: 378
[138] Über das der Lexikograph Johann Christoph von Adelung wenig positiv berichten wird:
„Adelung unterstellt in einem Spezialfall barocke Buchstabenkombinationen der Integrität des Eigennamens: Im vierten Abschnitt Figuren für den Witz und Scharfsinn werden Personenwortspiele dann „unerträglich[...]“[...]” (Rieger 1997: 53)
[139] „Grimmelshausen veröffentlichte den ST. unter dem Namen German Schleifheim von Sulsfort, was – ebenso wie der Name des Protagonisten Melchior Sternfels von Fuchshaim – ein Anagramm des richtigen Namens des Autors (Christoffel von Grimmelshausen) ist.”
(http://de.wikipedia.org/wiki/Der_abenteuerlich_Simplicissimus)
[140] Eine vollständige Liste findet sich unter http://www.mythenmetz.de/zamonische_dichter.php
[141] Kilcher 2003: 359
[142] ebd.: 361
[143] ebd.
[144] ebd.: 364
[145] ebd.: 370
[146] Vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ensel_und_Krete
[147] Ensel und Krete: 14f. Eichendorf und Tannhausen sind natürlich auch Hinweise auf romantische Vorbilder.
[148] ebd.: 34
[149] Walter Moers: Von der Lindwurmfeste zum Bloxberg. Die halbe Biographie des Hildegunst von Mythenmetz. In: Ensel und Krete:229
[150] Ensel und Krete: 34
[151] Ensel und Krete: 34
[152] Kilcher 2003: 136
[153] Vgl. Kilcher 2003: 136-142
[154] ebd.: 141
[155] Ensel und Krete: 37
[156] ebd.: 48
[157] ebd.: 54ff.
[158] ebd.: 65
[159] ebd.: 68
[160] ebd.: 71f.
[161] ebd.: 82f.
[162] Kilcher 2003: 145
[163] ebd.
[164] Ensel und Krete: 36
[165] ebd.: 41f.
[166] ebd.: 38ff.
[167] Kilcher 2003: 131
[168] Vgl. ebd.: 123ff. und 380ff.
[169] Vgl. ebd.: 123ff.
[170] Christoph Meinel: Enzyklopädie der Welt und Verzettelung des Wissens: Aporien der Empirie bei Joachim Jungius. In: Franz Eybl (Hrsg.): Enzyklopädien der frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung. Tübingen: Niemeyer 1995: 173. Zitiert nach Kilcher 2003: 125
[171] Ensel und Krete: 43
[172] ebd.
[173] Manfred Kienpointer: Inventio. In: Hispanoteca. Portal de lengua y cultura hispanas para países de habla alemana. Lexikon der Linguistik. Universität Insbruck: Institut für Romanistik 1999-2007:
http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/lexikon%20der%20linguistik/i/INVENTIO.htm
[174] Ensel und Krete: 44. Hervorhebung von mir.
[175] Kilcher 2003: 120
[176] Vgl. ebd.
[177] Ensel und Krete: 44
[178] Vgl. Friedrich A. Kittler: Über romantische Datenverarbeitung. In: Ernst Behler/Jochen Hörisch (Hrsg.): Die Aktualität der Frühromantik. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schönigh 1987: 127-140
[179] Walter Moers: Nachwort des Übersetzers. In: Die Stadt der Träumenden Bücher: 459
[180] Die Stadt der Träumenden Bücher: 17
[181] ebd. und f.
[182] Nüchtern 2003
[183] Horst Conrad: Die literarische Angst. Das Schreckliche in Schauerromantik und Detektivgeschichte. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag 1974: 15
[184] Die Stadt der Träumenden Bücher: 337ff.
[185] Conrad 1974: 16
[186] ebd.
[187] Die Stadt der Träumenden Bücher: 175ff.
[188] Conrad 1974: 17
[189] Vgl. ebd.: 16f.
[190] ebd.: 17
[191] Vgl. ebd.: 18
[192] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 362
[193] ebd.: 87
[194] ebd.: 93
[195] ebd.: 84f.
[196] ebd.: 85f.
[197] Vgl. Conrad 1974: 23
[198] Vgl. ebd.: 21
[199] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 75
[200] z.B. in der berühmten Kurzgeschichte Das Fass Amontillado. Edgar Allan Poe: Das Fass Amontillado. In: ders.: Erzählungen. Düsseldorf: Albatros 2000: 481-488
[201] z.B. auf das Schicksal seiner Protagonisten, entweder verrückt zu werden, zu sterben oder beides gleichzeitig (vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 74) oder auf seine Mythoskreaturen wie die Shoggothen (vgl. ebd.: 387) und die Große Rasse vom Yith, deren Angehörigen das Monster unter Schloss Schattenhall erstaunlich ähnelt (vgl. ebd.: 392ff.).
[202] Vgl. ebd.: 343ff.
[203] ebd.: 9
[204] Vgl. ebd.: 14
[205] Vgl. ebd.: 172
[206] Vgl. ebd.: 174f.
[207] Vgl. ebd.: 425f.
[208] Vgl. ebd.: 148f.
[209] Vgl. ebd.: 150f.
[210] Vgl. ebd.: 444f.
[211] Vgl. zu einigen Ideen dieses Absatzes auch
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Stadt_der_Tr%C3%A4umenden_B%C3%BCcher
[212] Die Stadt der Träumenden Bücher: 18
[213] ebd.: 242
[214] ebd.: 421
[215] Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater. Stuttgart: Reclam 2001
[216] Beispielsweise Der Kometenwein von Ali Aria Ekmirrner:
„Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.” (Die Stadt der Träumenden Bücher: 226)
[217] Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel. In: ders.: Fiktionen. Erzählungen. Frankfurt/Main: Fischer 2004: 67-76
[218] Umberto Eco: Der Name der Rose. München: Süddeutsche Zeitung 2004
[219] Vgl. Kilcher 2003: 241ff.
[220] Vgl. ebd.
[221] Die Stadt der Träumenden Bücher: 48
[222] ebd.
[223] ebd.
[224] ebd.: 101
[225] Friedrich Schlegel / Ernst Behler (Hrsg.): Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Paderborn: Schöningh 1958. Bd. 11: 7. Zitiert nach Kilcher 2003: 420
[226] Kilcher 2003: 420
[227] ebd.
[228] Vgl. Stadt der Träumenden Bücher: 169ff.
[229] ebd.: 402
[230] Schlegel 1958, Bd. 2: 182. Zitiert nach Kilcher 2003: 423
[231] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 382ff.
[232] „‚Wusstest du eigentlich, dass Schloss Schattenhall ein Belüftungssystem ist?’ Homunkoloss sah mich lange an. ‚Du hast schon viel gelernt’, sagte er dann. ‚Nein, nein, das hab ich nicht erfunden. Schloss Schattenhall ist ein uraltes Belüftungssystem der Riesen. Sie kanalisieren damit die Luft in die unteren Bereiche. Das ist das ganze Geheimnis.’ ‚Natürlich’, lächelte Homunkoloss. ‚Deine Phantasie möchte ich haben. Bau das morgen unbedingt in deine Geschichte ein. Das ist wirklich gut.’” (Stadt der Träumenden Bücher: 400f.)
[233] Kilcher 2003: 422
[234] Die Stadt der Träumenden Bücher: 41
[235] Vgl. ebd.: 54f.
[236] Vgl. Adelheid Hanke-Schaefer: Jorge Luis Borges zur Einführung. Hamburg: Junius 1999: 65
[237] das auch hier gleichbedeutend ist mit Macht und Reichtum..
[238] Vgl. Die Stadt der Träumenden Bücher: 412
[239] ebd.: 132
[240] Vgl. ebd.: 53ff.
Posted by: Dennis Janzen on: 25. Juni 2008
Jahrhunderte lang scheiterte die bildende Kunst an einer adäquaten Darstellung des platonischen Höhlengleichnisses. Es gibt erstaunlich wenige Quellen aus den Bereichen der Malerei und Graphik, die versuchen, das Höhlengleichnis mit ihren Mitteln darzustellen – dies ist deshalb verwunderlich, da die Themen der klassischen Antike der bildenden Kunst nach biblisch-christlichen Motiven für lange Zeit am nächsten waren. Ein Beispiel sei hier mit einem Kupferstich von Jan Saenedram von 1604 nach einem Gemälde von Cornelius von Haarlem gegeben[1]:
Zur Kritik an dieser Graphik lassen wir keinen Kunstwissenschaftler, sondern einen Philosophen sprechen – hier die Anmerkung von Peter Kauder von der Universität Dortmund zu Saenedrams Stich:
„Ich stelle mir die Höhle und die Geschehnisse innerhalb und außerhalb der Höhle so nicht vor. Zwei Momente irritieren mich dabei besonders: Erstens die Darstellung des Höhlenausgangs, der hier mehr eine Art Gang durch einen Tunnel und überdies leicht zu überschauen ist (von beschwerlichem und steilem Anstieg kann hier nicht die Rede sein); zum anderen irritiert mich, dass das Gleichnis als eine hollywoodartige Massenszene dargestellt wird, bei der nicht mehr deutlich wird, dass ein Einzelner befreit wird.”[2]
Den Ansatz einer Erklärung für die mangelnde künstlerische Auseinandersetzung mit der platonischen Höhle liefert gewiss die Erkenntnis, dass es sich beim Höhlengleichnis um ein äußerst dynamisches Bild handelt, das mit seinem stufenhaften Aufbau die malerische Darstellung seiner selbst erschwert. Julia Annas bemerkt in ihrem Aufsatz Understanding and the Good:
„It has often been pointed out, that the Cave is a ‘dynamic’ image whereas the other two are ‘static’, and no doubt this is why we have had to wait for the availability of movie techniques for Plato’s image to be successfully interpreted in other than philosophical terms.”[3]
Diese Arbeit soll nun Verbindungen zwischen Kino, Höhle und Platons Höhlengleichnis aufzeigen. Ich werde das technische und mediale Dispositiv des Kinos mit der Höhle vergleichen und Verbindungen zum Gleichnis ziehen. Ein Grundstein soll gelegt werden, der uns zeigen soll, wie ein interdisziplinärer Vergleich dieser Art helfen kann, das Höhlengleichnis zu verstehen und zu interpretieren.
Die Höhle und das Kino
Der Konstanzer Medienwissenschaftler Joachim Paech stellt dem Kapitel Kulturgeschichte als Vorgeschichte des Kinos in seinem Buch Literatur und Film folgendes Motto voran:
„‚Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so dass sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt.’ (Platon, Politeia, 7. Buch, 1. Kap.)”[4]
Erspart mir dieses Motto – zumindest zunächst – die übliche einleitende Zusammenfassung des Gleichnisses, so ist auch die Intention des Autors unübersehbar, das technische Dispositiv des Kinos (das in Buchtitel und Kapitelüberschrift impliziert ist) mit dem platonischen Gleichnis gleichzusetzen. Wenn ich über das technische Dispositiv des Kinos schreibe, darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass hier auf die so genannte Apparatus-Theorie zurückverwiesen wird. Diese besagt, dass der Film als „technischer Imaginationsapparat zu verstehen” ist, „der dem Zuschauer im Moment des Zuschauens verborgen bleibt”[5]. Im soeben zitierten Werk wird auch auf die verblüffende situative Ähnlichkeit in der Position von Kinobesuchern und platonische Höhlenbewohnern verwiesen: „Die Anordnung und räumliche Situation erinnern deutlich an unseren heutigen Kinosaal.”[6] Und:
„Die filmische Apparatur betrifft und figuriert vielmehr die Modalitäten der Imagination und Illusion, die mit dem Ansehen des Films überhaupt einhergehen. [...] Der Zuschauer sieht die Spiegel anderer Bilder, die er nicht kennt.”[7]
Der zitierte Text geht folgend eine Wendung ein, um den Filmapparatus und das Medium Film mythisch und psychoanalytisch zu konnotieren, was für unsere Zwecke allerdings nicht von Belang sein soll[8]. Als wichtig ist festzuhalten: Ganz wie in Platons Höhle werden im Kino Bilder von einem Apparat hinter den Zuschauern auf eine Fläche vor den Zuschauern projiziert. Der Blick auf die Herkunft dieser Projektionen bleibt dem Zuschauer in beiden Fällen verborgen. Selbst wenn sich die Kinobesucher also umwenden – eine Möglichkeit, die den Bewohnern von Platons Höhle ob ihrer Gefesseltheit entgeht – blicken Sie lediglich auf einen hellen Punkt, der vom Projektionsapparat ausgeht. Thomas Alexander Szlezák führt in einem Aufsatz über das Höhlengleichnis unter Auffällige Einzelheiten auf:
„(1) Im Rücken der Gefesselten verläuft ein Weg, gesäumt von einer Mauer; den Weg entlang tragen Menschen allerlei Figuren vorbei. Die Schatten dieser Figuren sind das einzige, was die Gefesselten auf der Rückwand der Höhle erblicken (515c1-2) – offenbar können sie nicht die Träger ausmachen (dies vermutlich wegen der Mauer). Das bedeutet: Wer in der Täuschung lebt, ahnt nicht, wer die Täuschung hervorruft. Im Text kommen die Hersteller der Statuen – im Gegensatz zu den Trägern – nicht einmal vor, die Identität der Träger wird nicht angedeutet, ebenso wenig die Bedeutung der Figuren.”[9]
Die äußerst liebevoll gestaltete Philosophiehomepage des Görres-Gymnasiums Koblenz greift diese Idee ebenfalls auf, wenn sie in einem Webcomic das Höhlengleichnis zu erklären versucht[10]:
Hier haben wir zwar statt einem Filmprojektor noch eine Lichtquelle, die den Schatten einer Vase auf eine Leinwand projiziert, das technische Dispositiv des Kinosaales ist aber bereits auszumachen. Interessanterweise hat der hintere Gefangene ein wirkliches Gefäß neben sich stehen, ist aber wegen seiner Fesseln – die hier als „engstirniges Weltverständnis” gedeutet werden[11] – nicht in der Lage, dieses Gefäß wahrzunehmen.
Folgendes Zitat des französischen Philosophen Paul Valéry rückt die platonische Höhle näher an die Vorstellung des Kinos heran:
„Was ist die berühmte Höhle Platons anderes als eine Dunkelkammer und zwar die größte, die, glaube ich, jemals verwirklicht wurde.”[12]
Tatsächlich geht die sogenannte pré-cinéma-Forschung, die sich in den 1950er und 1960er Jahren vor allem in Frankreich etablierte, so weit, buchstäbliche Höhlenbilder als Vorläufer der Kinos zu betrachten, allen voran Gerald Noxon, der in den Höhlenmalereien von Lascaux Darstellungen fand, die für ihn, durch die im Bild implizierte Bewegung, deutlich mehr mit Kino zu tun haben als irgendeine Gemäldeausstellung[13]:
„After the initial overwhelming impression of realism, there comes almost immediately another surge of amazement at the extraordinary illusion of movement achieved by the artists in almost all their works [...] The invention of cinematography in itself, although a technical development of obvious importance, is in kind nothing more than another long step forward in man’s eternal need to create the illusion in pictorial art as a prime factor in the creation of realism, the particular nature of which has of course been subject to continual change throughout the ages and remains today in a state of flux”[14]
Joachim Paech hat dieser Idee des pré-cinéma deutlich widersprochen[15], genauso wie der marxistisch geprägte Armand Mattelart[16] oder der „Populärarchäologe” C. W. Ceram[17]. Dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen und auf das Dispositiv der Höhle aufmerksam machen und einige Überlegungen anstellen, die zu Gunsten der pré-cinéma-Fraktion erfolgen. Wolfgang Pircher macht in seinen Höhlenansichten[18] – in Referenz auf Hans Blumenbergs Höhlenausgänge[19] – einige interessante Bemerkungen zur Kulturgeschichte der Höhle. „Für den frühen Menschen bedeutete der Schutzraum der Höhle zunächst einen Ort des mehr oder weniger ungestörten Schlafes”[20], oder – wie Blumenberg es ausdrückt – „wurde der Mensch, beim Durchgang durch die Höhle, das träumende Tier”[21]. Die Höhle war also der Raum der müßigen Entspannung, entfernt von der täglichen Welt der Jäger mit ihren Gefahren und dem αγων des Überlebens. Um überschüssige Spannungen abzubauen, die die Höhlengemeinschaft gefährdet hätten, entstanden in der Höhle die ersten Intellektuellen, die Erzähler, Sänger und Bewahrer der memoria[22].
„Was in der Höhle die Aura des Intellektuellen begünstigte, war, dem Gedächtnis – das doch alle haben – in diesem Raum der Dunkelheit die Farbe der Phantasie, der Imagination zu verleihen und dies zum Ausdruck zu bringen, also in das Gedächtnis der anderen sich einzuprägen. Dies war ein spezifischer Produktionsakt, eine spezifische Weise, besondere Ereignisse hervorzubringen, die nunmehr mit denen der Außenwelt in Konkurrenz treten konnten”[23]
Die Höhle erscheint somit als „Ort der lügenhaften Erzählung [...] als Ort des Vergnügens und der Täuschung in einem”[24], denn
„In dem Maße, wie die Höhle zum Ort der Erzählung, der Phantasie, des Gedächtnisses wird, lässt sie sich nicht mehr auf den einfachen Bezug zur Außenwelt begrenzen, als bloße zeitweilig genutzte Abschirmung, sie wird zur eigenen Welt, und die Wände der Höhle werden zu den Projektionsflächen dieser Produktionen. [...] Weit davon entfernt, nur als Schatten an der Wand ein graues Dasein zu fristen, entwarfen sich in diesem Imaginationsraum Bilder, die die realen in gewisser Hinsicht überbieten konnten.”[25]
Es entsteht also ein Ort medialer Repräsentation und Präsentation, der unserem Kinosaal gar nicht so unähnlich ist. Wolfgang Pircher findet hierzu erstaunlich starke Worte:
„Die Höhle als medialer Raum, als Kunstraum, als Ort einer relativen Gefahrlosigkeit, Ort des Schlafes und der Träume, Ort der Erzählung, Ort der erinnerten, wiederholten und phantasierten Überbietung von Realität, also auch Ort der Lüge, Ort der Nicht-Realität, die Höhle wird so Raum einer symbolisch vermittelten Einheit, in der die Bewohner sich zu einer wie immer gefügten ersten Sozietät zusammenfinden, welche die unmittelbaren familialen Bande zu übersteigen vermag.”[26]
Hier können wir also eine Linie ziehen, von den akustisch gefesselten Zuhörern des Magiers oder Sängers in den Höhlen der Vorzeit über die körperlich gefesselten Gefangenen der platonischen Höhle bis zu den visuell-multimedial gefesselten Kinobesuchern der Neuzeit, über die Siegfried J. Schmidt eher medienpessimistisch formuliert:
„Nach dieser Interpretation [von Rudolf Maresch: In der Höhle der Endlosschleife[27], dj] sitzen die Menschen von Geburt an in einer Höhle, starren auf den Bildschirm und verfolgen fasziniert die dort flimmernden Filmwelten, d.h. Simulakra, Trug- und Ab(zieh)bilder gespiegelter Ur-Bilder einen höheren, wirklicheren Realität. Aber die „Geschäftsgrundlage” in der „Höhle der Endlosschleife” (Maresch) hat sich gegenüber Platons Höhle drastisch verändert: Die Menschen ketten sich heute selber lustvoll in der Höhle an, um durch Scheinwelten zu reisen. Und es gibt keine gesetzgebenden Philosophen mehr, die die Medienkonsumenten aus der Höhle zu führen in der Lage wären.”[28]
Dass die Höhle einen solchen Ort medialer Präsentation und Repräsentation darstellt, kann den antiken Griechen nicht vollkommen fremd gewesen sein. Bemerkenswert ist etwa, dass der griechische Götterbote Hermes – ein, wie Wolfgang Pircher erwähnt, „ziemlich medialer Gott”[29] – der Sage nach in einer Höhle auf der Kyllene geboren wurde[30]. Somit ist es durchaus als kohärent anzusehen, dass Platon das Bild der Höhle als bewusste und gelungene Metapher für sein Gleichnis gewählt hat.
[2] Kauder, Peter: Der Gedanke der Bildung in Platons Höhlengleichnis. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2001
[3] Annas, Julia: Understanding and the Good: Sun, Line and Cave. In: Richard Kraut, ed., Plato’s Republic: Critical Essays. Critical Essays on the Classics. Lanham, Md: Rowman & Littlefield, 1997
[4] Paech, Joachim: Literatur und Film. Stuttgart: Metzler 1988, S. 64
[5] Karpenstein-Eßbach, Christa: Einführung in die Kulturwissenschaft der Medien. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2004, S. 123
[6] ebd., S. 124
[7] ebd., S. 125f.
[8] Weiterführend zur Apparatus-Theorie sei vor allem Baudry, Jean-Louis: The Apparatus. Metapsychological Approaches to the Impression of Reality in Cinema. In: Philip Rosen (Hg.), Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. New York: Columbia University Press 1986 anempfohlen.
[9] Szelák, Thomas Alexander: Das Höhlengleichnis. In: Otfried Höffe (Hrsg.): Platon, Politeia. Berlin: Akademie Verlag 1997, S. 50 (Hervorhebung von mir)
[10] Trotz ggf. mangelnder Wissenschaftlichkeit wollte ich auf diese nette Darstellung nicht verzichten: Abbildung 2 von http://www.phil-o-sophie.de/waswiss/stufe1.html, eingesehen am 13.04.2007
[11] ebd.
[12] Valéry, Paul: Tout le reste est littérature. In : L’Arc 1963, No. 21, S. 64
[13] Vgl. Noxon, Gerald: Pictorial Origins of Cinema Narrative: The Illusion of Movement and the Birth of the Scene in the Palaeolithic Cave Wall Paintings of Lascaux. In: The Journal of the Society of Cinematologists, Vol. 4, 1964 – 1965, S. 26
[14] ebd., S. 20ff.
[15] Paech, 1988, S. 67
[16] Mattelart, Armand: Introduction. In: Mattelart, Armand/Siegelaub, Seth (Hrsg.): Communication and Class Struggle. Vol. 1 – Capitalism, Imperialism. New York: International General 1979
[17] Ceram, C. W.: Eine Archäologie des Kinos. Hamburg: Rowohlt 1965
[18] Pircher, Wolfgang: Höhlenansichten. Bedingungen und Folgen von Platons Höhlengleichnis. In: Fehr, Michael/Krümmel, Clemens/Müller, Markus (Hrsg.): Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien. Köln: Wienand Verlag 1995
[19] Blumenberg, Hans: Höhlenausgänge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996
[20] Pircher, 1995, S. 25
[21] Blumenberg, 1996, S. 29
[22] Vgl. ebd, S. 35 und Pircher, 1995, S. 26
[23] Pircher, 1995, S. 26
[24] ebd.
[25] ebd. und f.
[26] ebd., S. 27
[27] Maresch, Rudolf: In der Höhle der Endlosschleife. In: Maresch, Rudolf (Hrsg.): Zukunft oder Ende, Standpunke – Analysen – Entwürfe. München: Boer Verlag 1993
[28] Schmidt, Siegfried J.: Platons Höhle – ein philosophischer „Betriebsunfall”. In: Fehr, Michael/Krümmel, Clemens/Müller, Markus (Hrsg.): Platons Höhle. Das Museum und die elektronischen Medien. Köln: Wienand Verlag 1995, S. 49
[29] Pircher, 1995, S. 27
[30] http://de.wikipedia.org/wiki/Kyllene, eingesehen am 29.04.2007