Verfasst von: Dennis Janzen in: 26. April 2007
Ein kurzer Text über Roberta Allens „The Sky Was So Blue“.
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Roberta Allen, Schreiberin, Lehrerin, Künstlerin und New Yorkerin schreibt in Ulrich Baers Anthologie 110 Stories über ihre Erlebnisse am 11. September 2001. Oder?
Während man beim ersten Lesen lediglich den Eindruck einer Schilderung des 11. Septembers, wie ihn ein jeder New Yorker hätte erleben können, erlangt, lässt sich bei genauem Hinsehen eine philosophische Tiefe in dem grade mal zwei Seiten kurzen Text festmachen, die unterschwellig vieles vermittelt, was das Realitätsverständnis des postmodernen Menschen ziemlich genau trifft.
„The World is coming to an end!“ so ruft die Freundin der Ich-Erzählerin zu Beginn des Textes aus und weiß in ihrer Angst noch nicht einmal, wie Recht sie damit hat: Eine Welt wird zusammenbrechen in dieser Geschichte – Das ist nicht nur rein prophetisch wie im Mene mene tekel u-pharsin-Gleichnis „Near November“ von L.S. Schwartz im selben Band – sondern philosophisch-wörtlich gemeint. Die Welt, die hier für die Erzählerin zusammenbrechen wird, ist fest um sie herum geschnürt. Wie in einer plötzlichen Befreiung aus Platons antiker und doch wieder postmoderner (vgl. Baudry 1986) Höhle macht sie sich klar: „I don’t want this to be a TV event“. Sie macht sich auf den Weg, die Straße hinunter um das Zusammenbrechen der Türme im rechten Lichte des Höhleneinganges zu betrachten. Jetzt befindet sie sich auf einer Stufe mit den Gefangenen, die im platonischen Gleichnis den Feuerschein und die vorübergetragenen Figuren erkennen: „It folded so gracefully. A movie-ready image. Was it a movie?“. Noch ist die Erzählerin sich im Unklaren darüber, was hier wirklich geschieht, welche Erkenntnis aus den Ereignissen erwächst. Beim Nähertreten offenbart sie sich: „I walked down to Washington Square to see its absence better“ – Wie mag man Abwesenheit sehen können, wenn nicht durch einen bewußten Blick auf die platonische Höhlenwand? Die Erzählerin erkennt nun die Künstlichkeit der Bilder, die ihr die New Yorker Postmoderne vorgespielt hat. Ein Moment des Erwachens und der Einsamkeit – vor allem, wenn wir statt von einem platonischen Idealismus von einem Idealismus um Sinne Bishop Berkeleys ausgehen: „I felt suddenly alone, in a world without God.“ Brutal bricht die Realität der äußeren Dinge in den Idealismus der Erzählerin ein, wenn der Gott, der alles zusammenhält – (wer auch immer er war: Der mediale Zusammenhalt des American way of life oder anderes) – plötzlich verschwindet. Der Moment, in dem die Türme einstürzen gleicht dem Augenblick in dem in Peter Weirs Truman Show (1998) der Scheinwerfer vom Himmel fällt. Die nötige Konsequenz ist der Austritt aus der Höhle, der Blick in den blauen, blauen Himmel. Aber ob die Erzählerin dort wirklich das Gute erkennen kann, ist fraglich: Noch haben sich ihre Augen nicht an die Helligkeit gewöhnt, noch ist sie zu verwundert ob der Herrlichkeit der klaren Erkenntnis. Deshalb verbindet sie ihre Gedanken auch mit einem Sinnspruch des Dominikanermönches Fra Giovanni Giocondo (1435-1515):
The gloom of the world is but a shadow.
Behind it, yet within our reach,
is joy.
Tatsächlich ist es anders: „I had not yet heard from the friend who had seen blood and body parts strewn all over the roof of his high rise.“ Willkommen in Baudrillards Wüste der Realität!
Oder? „Sitting in that café, I did not know my beliefs would be tested over and over again.“
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Roberta Allen: The Sky Was So Blue. In: Baer, Ulrich (ed.). 110 Stories: New York Writers After September 11. New York/London: New York University Press, 2002
Lynne Sharon Schwartz: Near November.In: Baer, Ulrich (ed.). 110 Stories: New York Writers After September 11. New York/London: New York University Press, 2002
Jean-Louis Baudry: The Apparatus. Metapsychological Approaches to the Impression of Reality in Cinema. In: Philip Rosen (ed.). Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. New York, 1986
Platon: Der Staat. Philosophische Bibliothek Bd. 80. Hamburg: Felix Meiner 1979
George Berkeley: Three Dialogues between Hylas and Philonous/Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous. Philosophische Bibliothek Bd. 556. Hamburg: Felix Meiner 2005
Slavoj Zizek: Welcome to the Desert of the Real! In: Hauerwas, Stanley/Lentricchia, Frank (eds.). Dissent From the Homeland: Essays After September 11. Durham/London: Duke University Press, 2003.
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Zum Seminar „American Literature After 9/11“ bei Eva Gruber.