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„Zarathustras Landschaften.“ (Meine allererste Hausarbeit.)

Verfasst von: Dennis Janzen in: 9. März 2009

Auf seiner Reise besucht Zarathustra zahlreiche Landschaften, die aber eher im Verborgenen bleiben, nicht detailliert ausgearbeitet werden und so eher leitmotivische Funktion haben. Eine gute Erklärung hierfür ist Nietzsches Augenleiden, dass ihn nah an eine vollkommene Blindheit brachte („[...] ich bin augenleidend, in einem Grade, dass ich fürchte, eines Tages und ganz plötzlich, blind zu sein [...]„, Briefe 7, 26). Dennoch sind die Landschaften, in denen sein Sohn Zarathustra (vgl. Briefe 7, 32) wandert, von hoher Bedeutung für Nietzsche und seine Philosophie. Er hat all diese Landschaften selbst besucht, wenn er sie auch in „Weltgegenden“ umdeutet: „In der That, er [mein vierter Zarathustra] ist schlecht zugänglich, mit seinen entlegenen Zuständen und „Weltgegenden“: welche aber doch existiren und nicht nur arbiträr sind.“ (Briefe 7, 70), schreibt Nietzsche an seinen Freund Heinrich Köselitz.

Das Gebirge

Das Gebirge ist stets Zarathustras Ausgangspunkt, der Ort seines Einsiedlertums. Hier steht er über den Menschen und blickt, quasi aus der Vogelperspektive, auf das Geschehen im Tal und auf das Meer hinab („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe“, Z, Das Honig-Opfer, 247). Somit steht Zarathustra hier auch jenseits der (philosophischen) Zeit: Er überblickt das Meer, das die Zukunft bedeutet (s.u.) und das Tal, in dem der Mensch der Gegenwart residiert.

Nietzsche hat diese Landschaft im Engadin kennen gelernt. Hier wurde er auch zu seinem Zarathustra inspiriert.

Das Meer

Das Meer zeigt in die Zukunft. Es ist der Ort, der zu neuen Ufern und Entdeckungen führt. In der Fröhlichen Wissenschaft sagt Nietzsche: „Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ (KSA 3, 529f.).

Das Meer kennt Nietzsche von seinen Aufenthalten in Nizza, Rapallo und Venedig. Für ihn ist das Meer eine klimatische Notwendigkeit: „Hätte ich mich zur rechten Zeit mit medizinischen, klimatologischen Problemem beschäftigt [...] ich wäre kein halb-zu-Grunde-gerichteter Mensch. – Also: ich habe das Meer nöthig“ (Briefe 7, 22).

Der Wald

Hierhin muss Zarathustra hinabsteigen, um seinen Übermenschen zu finden. Im Wald trifft er auf unterschiedliche Personen, die gewillt sind, seine Worte anzuhören. Auch sie sind im Wald auf der Suche: Sei es, dass sie im Tal etwas verloren haben (der letzte Papst) oder in den Wäldern etwas suchen (die Könige). Somit haben sie das Potential, von Zarathustra unterrichtet zu werden.

Ob die Wälder im Zarathustra eher Fichten-, Föhren- und Lärchenwäldern im Engadin gleichen oder den südfranzösischen Wäldern um Nizza, ist im Text nicht festzumachen.

Die Stadt im Tal

Hier ist der tiefste Punkt in Zarathustras Landschaftsbild erreicht. Hier residiert der Mensch, dem Zarathustra den Übermensch predigen will, aber „als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: ‚Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!’ Und alles Volk lachte über Zarathustra.“ (Z, Zarathustra’s Vorrede, 12). Zarathustra kann hier niemanden überzeugen, denn „ich [Zarathustra] bin nicht der Mund für diese Ohren“(ebd., 14).

Die Stadt gleicht wohl am ehesten den deutschen Städten Naumburg, Schulpforta, Leipzig und dem schweizerischen Basel (Vgl. KGA, Ecce Homo, 281), denn „soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur.“ (KGA, Ecce Homo, 283).

Zarathustra durchwandert sein Reich

Zarathustras Berge

Der vierte Teil von Also sprach Zarathustra beginnt in Zarathustras Einsiedlerhöhle in den Bergen. Von hier hat er einen weiten Blick auf die Welt („Man schaut aber dort auf das Meer hinaus und hinweg über gewundene Abgründe“, Z, Das Honig-Opfer, 247). Wie schon erwähnt, steht Zarathustra hier jenseits von Raum und Zeit und findet sich so, zum Abschluss des gesamten Werkes, wieder dort, wo Nietzsche ihn zuerst ersonnen hat: „Die Grundconception des Werks [...] gehört in den August 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: ‚6000 Fuss jenseits von Mensch und Zeit’.“ (KGA, Ecce Homo, 333). Zarathustra gleicht hier Nietzsche auf eine Weise, in der auch die Landschaft der Umgebung Nietzsches im Engadin gleicht. Nietzsche bezeichnet nach der Entstehung des vierten Teils Zarathustra gerne als seinen Sohn („Glücklicher Weise ist etwas von den höflichen Manieren meines Sohnes Zarathustra auch in seinem verrückten Vater vorhanden.“, Briefe 7, 32 und „[...] um mit meinem Sohne Zarathustra zu reden [...]„, Briefe 7, 40) und erwähnt gegenüber Heinrich von Köselitz auch, dass ihm Sils-Maria als Landschaft verwandt ist (Vgl. Briefe 7, 31). Auch in ihrem Denken gleichen sie sich zu Beginn: „Daß wir uns viel in Gedanken damit beschäftigen, für mich eine bessere und würdigere Existenzform zu schaffen als meine jetzige es ist, und dass ich mich eigentlich fortwährend etwas schäme, so wenig noch auch im äußeren Leben ein Vorbild abzugeben, nach der Art meines Zarathustra, der doch seine Höhle hat und seine zwei Hausthiere“ (Briefe 7, 8) schreibt Nietzsche an seine Mutter. Zarathustra ist genau wie Nietzsche ein Einsiedler-Philosoph, der zwar Großes denkt, aber es nicht schafft, seine Philosophie unter die Menschen zu tragen und deshalb seinen Haustieren predigen muss. Und doch fühlen sie sich in der Einsamkeit wohl, was sich allein an der Dauer ihres Einsiedlertums zeigen lässt. Zarathustra verlässt für Jahre seine Berge nicht („Und wieder liefen Monde und Jahre über Zarathustra’s Seele und er achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss.“ (Z, Das Honig-Opfer, 247)) und Nietzsche ist sich sicher „wie nöthig für mich [Nietzsche] noch eine gute Zeit lang (sagen wir 5 Jahre!) eine vollständige Einsamkeit ist“ (Briefe 7, 14). Dieser Zustand ändert sich, als die Luft sich klärt. Zarathustra erhält seine Inspiration, als er dem Rat seiner Haustiere folgt („Willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.“ (Z, Das Honig-Opfer, 247) und auf den Gipfel des Berges steigt.

Gleichwohl wird Nietzsche von der Luft inspiriert: Bei schlechter Luft und bewölktem Himmel wird er sofort krank und kann kaum schreiben („Ich bin beständig krank [...] Unbeschreiblich, wie ein bewölkter Himmel auf mich wirkt!“, Briefe 7, 6). Er macht keinen Hehl daraus „an was für delikate Bedingungen die Freiheit meines Kopfes und meine ganze Tüchtigkeit gebunden ist.“ (Briefe 7, 43). Die klare Luft in Sils-Maria inspirierte ihn aber letztendlich zu seinem Zarathustra.

Auf dem Berggipfel angekommen, stellt Zarathustra ein bekanntes Zitat aus Nietzsches Ecce Homo dar: „Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! Wie frei man athmet! Wie Viel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge“ (KGA, Ecce Homo, 256).

So spricht auch Zarathustra, als er oben angelangt ist: „Hier oben darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Höhlen und Einsiedler-Hausthieren.“ (Z, Das Honig-Opfer, 248). Hier ist Zarathustra am weitesten entfernt von dem, was ein normales menschliches Leben und Denken sein kann. Er steht weit über allem, über dem Menschen. Zarathustra ist der Übermensch. In der Landschaft bzw. auf dem Berg auf dem Zarathustra steht bewahrheitet sich literarisch, was Nietzsche über das Buch Zarathustra sagt: „Die Buch [...] ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche Höhenluft-Buch – die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Tiefe unter ihm“ (KGA, Ecce Homo, 257). Darauf aufbauend stellt Nietzsche sein Buch in dessen Text auch als Antwort auf Fragen der Menschheit dar: „[...] mit beiden Füssen stehe ich sicher auf diesem Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem höchsten härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach Wo? Und Woher? Und Wohinaus?“ (Z, Das Honig-Opfer, 250).

Von diesem Gipfel der Antworten hinaus kann Zarathustra auch einen Blick in die Zukunft erhaschen: „Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch dämmernde Menschen-Zukünfte! Und über mir – welch rosenrothe Stille! Welch entwölktes Schweigen!“ (Z, Das Honig-Opfer, 250)

Zarathustras Wälder

Nachdem der Wahrsager ihn auf das Geschehen unterhalb seiner Höhle im Gebirge aufmerksam gemacht hat, wird Zarathustra durch einen „Nothschrei“ in seine Wälder gerufen. Wie bereits erwähnt, finden in dieser Landschaft vielfältige Kommunikationen statt. Auch in der Diskussion dieser Kommunikationen und der Landschaften, in denen sie ablaufen, mag das Augenmerk wieder auf den Parallelen zwischen Nietzsche, Zarathustra und dessen Gesprächspartnern liegen. Ich will versuchen, Zarathustras Gesprächspartner als Aspekte des Charakters von Friedrich Nietzsche festzumachen.

Der Gewissenhafte des Geistes

Zarathustra begibt sich auf seiner Suche nach dem Ursprung des „Nothschreies“ auch in eine Moorlandschaft („Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wälder und vorbei an moorigen Gründen“ (Z, Der Blutegel, 259)). Dort stolpert er buchstäblich über den Gewissenhaften des Geistes. Dieser hatte nämlich „ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.“ (ebd., 259). Der Gewissenhafte des Geistes angelt nach Blutegeln, um dessen Hirn zu untersuchen. Warum er das tut, erklärt er selbst: „Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! [...] Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen.“ (ebd., 261). Damit prangert er genauso wie Nietzsche einen Missstand in der Wissenschaft an. Nietzsche formuliert in seiner Fröhlichen Wissenschaft: „Die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für oder wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben“ (KSA 3, 373). So ist der Gewissenhafte des Geistes auf der Suche nach dem „letzten und sichersten Grund“: „Eine Hand breit Grund ist mir genug: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!“ (Z, Der Blutegel, 261). Auch meint er: „Hier bin ich heim und in meinem Bereiche“ (ebd. 260). Doch auch hier steht Zarathustra über ihm: „Du irrst [...]: hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche“ (ebd.). Erinnern wir uns an die Landschaft, in der die Szene spielt: Ein Moor bzw. ein Sumpf bilden die Kulisse. Das Versinken ist hier immer eine Gefahr, weshalb der Gewissenhafte des Geistes wohl (symbolisch) nach Grund und Boden sucht: „eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn.“ (ebd., 261). Zarathustra scheint dies nicht nötig zu haben, er kann ohne weiteres das Moor durchqueren. Zarathustra kann dem Gewissenhaften des Geistes die Hand reichen, ohne selbst einzusinken, ist er doch auch der Lehrmeister des Gewissenhaften (Vgl. ebd. 260).

Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt den Aspekt Nietzsches dar, der versucht, Wissenschaftlichkeit zu propagieren. Aufbauend auf oben genanntem Zitat der Fröhlichen Wissenschaft geht Nietzsche seinem eigenen Wissen auf den Grund. Anderem aber nicht, denn „Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich“ (ebd., 261) (Vgl. auch Schmidt/Spreckelsen, S.105).

Ausser Dienst

Später trifft Zarathustra auf den letzten Papst. Anhand dieses Beispieles möchte ich erläutern, inwiefern Zarathustras Wälder Orte der Suchenden sind. Zarathustra will zunächst gar nicht mit dem letzten Papst sprechen, er erkennt ihn schon optisch als Priester und will sich an ihm vorbeidrängen. Doch dieser wendet sich Hilfe suchend an ihn: „Wer du auch bist, du Wandersmann, [...] hilf einem Verirrten, einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!“ (Z, Ausser Dienst, 270). Zarathustras Wälder sind dem letzten Papst „fremd und fern“ (ebd.), er fühlt sich hier nicht sicher. Er hat unten im Tal seinen Gott verloren und sich deshalb auf der Suche nach einem Einsiedler gemacht, der nicht von Gottes Tod erfahren hatte. Da dieser Einsiedler aber auch gestorben war, sucht er „den Frömmsten aller Derer, die nicht an Gott glauben“ (ebd., 271), Zarathustra selbst. Dadurch, dass der letzte Papst im Tal etwas verloren hat, ist er endlich auch gewillt, sich Zarathustras Worte anzuhören, im Gegensatz zu den Menschen, die im Tal verblieben. Er erkennt bereitwillig an, dass Zarathustra wahre Dinge ausspricht und bittet ihn „Lass mich deinen Gast sein, oh, Zarathustra, für eine einzige Nacht! Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!“ (ebd., 273f.). Verwundert lädt Zarathustra den letzten Papst zu sich ein, denn seine Höhle „ist ein guter Hafen“ (ebd., 274). Indem die Höhle als Hafen bezeichnet wird, drängt sich der Vergleich der Wälder mit dem Meer geradezu auf. Wie das Meer sind die Wälder für den letzten Papst eine Welt neuer Entdeckungen, diese ist ihm aber „fremd und fern“, er fürchtet sich. Zarathustra aber hilft ihm einerseits, neue Dinge zu entdecken und ist andererseits sein Retter, denn „am liebsten möchte ich [Zarathustra] jedweden Traurigen wieder auf festes Land und feste Beine stellen.“ (ebd.). Einen ähnlichen Vergleich macht Zarathustra schon früher: „Denn wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jäger Lustgarten, so dünkt sie mich noch mehr und lieber ein abgründliches reiches Meer“ (Z, Das Honig-Opfer, 248).

Der hässlichste Mensch

Zarathustras nächste Station erscheint wie eine alptraumhafte Parodie auf seine Berge und Wälder: Das Tal des hässlichsten Menschen. Nietzsche beschreibt es eindrucksvoll: „Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, veränderte sich mit Einem Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme [...] nur dass eine Art hässlicher, dicker, grüner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben.“ (Z, Der hässlichste Mensch, 275). Diese Landschaft erscheint bekannt aus dem dritten Satz von Nietzsches Gesetz wider das Christenthum: „Die fluchwürdige Stätte, auf der das Christenthum seine Basilisken-Eier gebrütet hat, soll dem Erdboden gleich gemacht werden und als verruchte Stelle der Erde der Schrecken aller Nachwelt sein. Man soll giftige Schlangen auf ihr züchten“ (KGA, Der Antichrist, 252). Der Mörder Gottes residiert also dort, wo einst das Christentum den größten Einfluss hatte. Dies ist nicht vollkommen abwegig, wenn man sich das Motiv für den Gottesmord anschaut, das Zarathustra errät: „Du ertrugst Den nicht, der dich sah, – der dich immer und durch und durch sah, du hässlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!“ (Z, Der hässlichste Mensch, 276). Ich denke, dass der hässlichste Mensch vor seinem Gottesmord selbst ein Geistlicher war. Für diese Annahme sprechen einige Indizien.

Der hässlichste Mensch spricht von den Menschen: „Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.“ (ebd., 277). Dies trifft gewissermaßen auch auf das Bild eines Pfarrers als Hüter einer Schafherde zu. Weiter spricht der hässlichste Mensch über Christus: „Und ‚Wahrheit’ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam [...] welcher von sich zeugte ‚ich – bin die Wahrheit’“ (ebd.). Er beschuldigt Christus, das Mitleiden gelehrt zu haben. Dieses Mitleiden aber wurde von Zarathustra in Frage gestellt, was den hässlichsten Menschen überzeugte: „Aber er – musste sterben: [...] Sein Mitleiden kannte keine Scham.“ (ebd., 278). Er wandte sich also von der Kirche, der er bis dahin gedient hatte, ab. Auch trifft die Basilisken-Symbolik auf den hässlichsten Menschen zu: Dem Basilisken wird zugerechnet, dass ein direkter Blick auf ihn verletzen oder gar töten kann, deshalb wendet Zarathustra seinen Blick sofort ab und der hässlichste Mensch warnt ihn: „Blicke mich aber nicht an!“ (ebd., 276). Nach Nietzsches Antichrist hat aber die Kirche ihre Basiliskeneier selbst ausgebrütet (s.o.), hernach kam der Mörder Gottes wohl aus der Mitte der Kirche.

Einen Hinweis darauf, dass auch hier ein Aspekt Nietzsches verwirklicht wird, mag man im Vergleich mit einem Brief an Franz Overbeck finden. Der hässlichste Mensch ruft Zarathustra zu: „Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Räthsel!“ (ebd., 275) und weckt damit Assoziationen mit der Sphinx aus der Ödipus-Sage. Nietzsche wiederum schreibt an Overbeck: „Du möchtest gar den Verfasser des Z[arathustra] für übergeschnappt halten. Meine Gefahr ist in der That sehr groß, aber nicht diese Gefahr: wohl aber weiß ich mitunter nicht mehr, ob ich die Sphinx bin, die fragt, oder jener berühmte Oedipus, der gefragt wird“ (Briefe 7, 44).

Der Gang, den der hässlichste Mensch hinter sich hat, passt auch auf Nietzsches Lebenslauf: Wird er als Kind eines Pfarrers (auch die Mutter stammt aus einer Pfarrfamilie) noch in das Herz der Kirche geboren und wird im Domgymnasium zu Naumburg umfangreich in Religion gelehrt, so wird er sich doch später als „Antichrist“ und Verfechter der These „Gott ist tot“ einen Namen machen.

Der freiwillige Bettler

Verlassen wir diesen alptraumhaften Ort und begeben uns in eine Landschaft, die das genaue Gegenteil darstellt: „Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grünen Weiden vorbei, aber auch über wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte: da wurde ihm mit Einem Male wieder wärmer und herzlicher zu Sinne.“ (Z, Der freiwillige Bettler, 280). Inmitten dieser Idylle trifft Zarathustra ein weiteres Mal auf einen Aspekt seines Vaters Nietzsche: den freiwilligen Bettler. Bevor er aber dessen Bekanntschaft machen kann, geschieht ihm etwas Eigentümliches, das auch Nietzsche schon erlebte: „Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt.“ (ebd.). Bei Nietzsche klingt das folgendermaßen: „In einem solchen Zustande [dem Verlust der Defensiv-Kräfte aufgrund der rancune des Großen (s.u.)] empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich…“ (KGA, Ecce Homo, 340). Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Verwandtschaft zwischen Zarathustra und Nietzsche. Die Formulierung deutet aber noch mehr daraufhin, dass Zarathustra hier jemandem begegnen wird, der seinem Vater Nietzsche in seinem Einsiedlerleben sehr ähnlich ist.

Zwischen den Kühen findet Zarathustra einen friedfertigen Menschen und Berg-Prediger aus dessen Augen die Güte selber predigt (Vgl. Z, Der freiwillige Bettler, 280). Nietzsche selbst schreibt über sich: „Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen [...] man mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin [...] keine Spuren davon entdecken, dass Jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte“ (KGA, Ecce Homo, 267). Der freiwillige Bettler hat seine ganzen Reichtümer verschenken wollen, „aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Better, du weißt es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Kühen“ (Z, der freiwilliger Bettler, 281). So wie der freiwillige Bettler vor dem Unverstand der Menschen zu den Tieren flieht, möchte Nietzsche selbst das Tier werden: „Oder ich fände die deutsche Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden?“ (KGA, Ecce Homo, 290). Tatsächlich floh Nietzsche in die Einsamkeit ins Engadin, wie weiter oben unter „Zarathustras Berge“ erläutert. Der freiwillige Bettler hat von sich aus jedem Besitz entsagt. Auch hier gleicht er Nietzsche, der schreibt: „Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um Weiber, um Geld bemüht hat!“ (ebd., 293). Interessanterweise gleicht der freiwillige Bettler auch in seiner Ernährung Nietzsche. Zarathustra erkennt seinen Speiseplan: „Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer. Vielmehr dünkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du Körner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold  und liebst den Honig.“ (Z, Der freiwillige Bettler, 283). Nietzsche erläutert in einem Brief an seine Schwester seinen eigenen Diätplan: „Ich möchte gern ‚der Einsiedler von St. Jean’ werden. Im Freien leben und arbeiten – das ist meine Aufgabe. Milch, Reis, Fleisch, keine Hotels. Und Honig: – oh wie gut ist er wieder!“ (Briefe 7, 73). Nietzsche bestellt des Öfteren Honig bei seiner Mutter oder seiner Schwester nach Nizza.

Der freiwillige Bettler ist die Darstellung des naturnahen Einsiedlers Nietzsche in literarischer Form.

Der Schatten

In seiner letzten Begegnung trifft Zarathustra auf seinen Schatten. In meiner Lesart zeigt auch dieser Gesprächspartner einen Aspekt Nietzsches auf, namentlich die Schattenseite seines Schaffens. Selbstverständlich symbolisiert der Schatten auch die Schattenseite Zarathustras, aber da ich ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen Nietzsche und Zarathustra bereits nachgewiesen habe, möchte ich mich darauf konzentrieren, wie der Schatten mit Nietzsches Arbeit zusammenhängt.

Zarathustra hat zunächst keine Lust mit seinem Schatten zu reden, da sich bereits hier ein Negativaspekt seines Schaffens zeigt: „Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein plötzlicher Verdruss überkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrängs in seinen Bergen“ (Z, Der Schatten, 284). Genau dies hat auch Nietzsche in seinen Bergen erfahren: „Seltsam! Es wimmelt im Engadin von Menschen, die mich kennen; und wenn ich Zeit hätte, ‚eitel’ zu sein, so könnte ich einen kleinen ‚Hof’ um mich haben [...] Aber ‚der Einsiedler von Sils-Maria’ fängt an, auf seine ‚Würde’ zu halten und immer schwerer zugänglich zu sein.“ (Briefe 7, 79f.). Zarathustra scheint auch den Schatten nicht als seinen eigenen anzuerkennen („Und wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefällst mir nicht.“ (Z, Der Schatten, 285)), vielleicht ahnt er, dass es vielmehr Nietzsches Schatten denn sein eigener ist. Auch der Schatten deutet selbst darauf hin: „Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach“ (ebd.). Dies weist darauf hin, dass Nietzsche den Zarathustra als sein Hauptwerk ansieht. Des Weiteren: „Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte.“ (ebd., 286). Hier charakterisiert Nietzsche sein Werk, vergleichbar mit seiner Selbsteinschätzung aus Ecce Homo: „Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheueres anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab [...] an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.“ (KGA, Ecce Homo, 363)

Doch mit dem Eifer über das Werk kommt auch die Ernüchterung: „In die kältesten Wasser stürzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als rother Krebs da!“ (Z, Der Schatten, 286). Es fehlt ihm die Gewissheit, etwas Richtiges publiziert zu haben. Weiter spricht der Schatten: „Habe ich – noch ein Ziel? [...] Was blieb mir noch zurück? [...] Diess Suchen nach meinem Heim: oh Zarathustra, weißt du wohl, diess Suchen war meine Heimsuchung, es frisst mich auf.“ (ebd., 286f.). Alle diese Fragen korrespondieren mit dem, was Nietzsche die „rancune des Großen“ nennt: „alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach“ (KGA, 340). Nietzsche hat sein Werk fast vollendet, nun bekommt er Angst vor dem Danach. Ironischerweise deutet Zarathustra als Antwort schon auf den kommenden Zusammenbruch Nietzsches hin: „Du hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!“ (Z, Der Schatten, 287).

Fazit:

Auf seiner Reise trifft Zarathustra auf verschiedene Aspekte seines Schöpfers Friedrich Nietzsche. Der Gewissenhafte des Geistes spiegelt Nietzsches Wissenschaftsauffassung wider. Der letzte Papst und der hässlichste Mensch korrespondieren mit Nietzsches Verbindung zum Christentum und zu Gott. Hat der letzte Papst noch etwas verloren, wird er von Zarathustras Ideen inspiriert, seinen Glauben zu überdenken. Im hässlichsten Menschen wird Nietzsche selbst zum Gottesmörder und nabelt sich von seiner christlichen Vergangenheit ab, nicht ohne ein paar Hinweise auf dieselbe zu streuen. Der freiwillige Bettler hingegen zeigt Nietzsches Suche nach Seelen- und gesundheitlichem Frieden, den er in der Natur zu erlangen erhofft, während der Schatten einen ersten Grund für diese Suche darstellt: Die „rancune des Großen“, mit der die Flucht vor dem eigenen Werk einhergeht.

Nicht zu vergessen bleibt die schon gleich zu Anfang herausgestellte Verwandtschaft zwischen Nietzsche und seinem Sohn Zarathustra.

Die Landschaften, die Nietzsche benutzt um Zarathustra in ihnen wandern zu lassen entspringen ebenfalls seiner ganz direkten Erfahrung und seinen Vorlieben für die Wälder und Berge des Mittelmeerraumes. Selbst das alptraumhafte Tal des hässlichsten Menschen hat er in seinem Antichrist schon vorher ersonnen.

All diese Faktoren zeichnen den vierten und letzten Teil von Also sprach Zarathustra als ein sehr persönliches Buch aus, was auch Nietzsches Ablehnung einer Publikation desselben verständlich macht. Er lässt den vierten Teil lediglich in kleiner Auflage für Freunde drucken und ermahnt diese in seinen Briefen auch, nicht öffentlich über dieses Buch zu reden (zum Beispiel in einem Brief an Heinrich von Köselitz: „Bitte, schreiben und sprechen sie auch nicht davon, dass es einen 4ten Z[arathustra] giebt.“ (Briefe 7, 21).

1 Antwort zu "„Zarathustras Landschaften.“ (Meine allererste Hausarbeit.)"

hallo, lieber dennis,
heute reicht es nur zun einem herzlichen ostergruß. der text ist mir gerade zu lang, weil ich gleich zu meiner tochter fahre.
(claudia mattheis’ vertreterin)

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  • Meridiana: Hey Dennis, ich finde deine Arbeit richtig klasse. Die 1,0 hast du wirklich verdient. Ich habe vor meine Masterarbeit über Ensel und Krete und Der
  • margaretha lamm-schröder: hallo, lieber dennis, heute reicht es nur zun einem herzlichen ostergruß. der text ist mir gerade zu lang, weil ich gleich zu meiner tochter fahre.
  • Dennis Janzen: Wuuhuuu, mein erster Kommentar! Danke, danke, danke Mooselord. Da hat sich die Arbeit ja gelohnt :) Das Thema....hm... hat sich irgendwie angeboten,

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